Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Publish your texts - enjoy our full service for authors
Go to shop › Cultural Studies - Empiric Cultural Studies

Zum Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsanspruch und sinnlicher Wahrnehmung der Röntgenfotografie

Title: Zum Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsanspruch und sinnlicher Wahrnehmung der Röntgenfotografie

Term Paper , 2012 , 21 Pages

Autor:in: Marika Baur (Author)

Cultural Studies - Empiric Cultural Studies
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

„Bilder entstehen im Auge des Betrachters.“ Dieser Aussage des chilenischen Biologen und Philosophen Humberto Romesín Maturana folgend bedeutet es, dass Bilder nicht einfach existieren. Sie werden vielmehr erst durch den Rezeptionsprozess im Kopf des Betrachters konstruiert. Jedoch scheint häufig ein Konsens mehrerer Menschen darüber zu bestehen, was ein Bild zeigt. Es kann also nicht nur Produkt eines autonomen kreativen Akts sein. Der Prozess des Betrachtens setzt sich, so meine These, vielmehr aus einer Kombination von erlerntem Sehen einerseits und sinnlicher Wahrnehmung andererseits zusammen. Unter dem Aspekt erlerntes Sehen fasse ich die kulturelle Prägung und somit die Vorstellung von Objektivitätsproduktion, sowie die ästhetischen Sehgewohnheiten des Betrachters zusammen. Zugunsten einer einheitlichen Terminologie verwende ich für den Prozess der sinnlichen Wahrnehmung eines Bildes den Begriff subjektives Sehen. Anhand eines alltäglichen Beispiels möchte ich das Zusammenspiel beider Sehweisen verdeutlichen:
Der Arm ist gebrochen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen! , berichtet ein Mädchen ihrer Mutter, als sie aus dem Behandlungszimmer kommt. Das Kind war beim Reiten vom Pferd gefallen und infolge starker Schmerzen im Unterarm ins Krankenhaus gefahren, um geröntgt zu werden. Zwar hatte die Mutter schon vor der Röntgenaufnahme vermutet, dass der Arm gebrochen sein könnte, kann sich dessen aber nun vollkommen sicher sein, nachdem ihr der Arzt den Bruch auf dem Röntgenbild gezeigt hat. Das Mädchen bekommt einen Gips und gewöhnt sich an den Gedanken, ihren Arm einige Wochen lang nicht mehr normal bewegen zu können.
So oder so ähnlich ergeht es tagtäglich Patienten, die sich infolge des Verdachts auf eine innere Verletzung röntgen lassen. Keiner dieser Patienten käme auf die Idee, die Diagnose des Arztes auf der Grundlage des Röntgenbildes in Frage zu stellen. Wer schon einmal ein Röntgenbild gesehen hat, wird dennoch bestätigen, dass es für einen Laien äußerst schwierig ist, die abgebildeten Elemente zu benennen und zu analysieren. Statt Erkenntnis empfinden wir bei der Betrachtung von Röntgenfotografien oftmals ein Gefühl der Faszination und Befremdung. Wie kann es also sein, dass wir Bildern, die etwas anderes zeigen, als die uns bekannte Wirklichkeit, Glauben schenken, ohne ihre Beweiskraft in Frage zu stellen?

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung der Röntgenbilder in die Geschichte der Fotografie

3. Der ‚Traum vom gläsernen Menschen‘: Objekt und Objektivität als Konstrukt

4. Das Subjekt hinter dem Objekt: Sinnliche Wahrnehmung von Röntgenbildern

5. Fazit

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem wissenschaftlichen Anspruch auf Objektivität bei Röntgenaufnahmen und der individuellen, sinnlichen Wahrnehmung des Betrachters. Das zentrale Ziel ist es, zu ergründen, wie Röntgenbilder trotz ihrer Konstruiertheit und ihrer Fremdartigkeit als Beweismittel einer „wahren“ Wirklichkeit akzeptiert werden und welche Rolle dabei erlernte Sehgewohnheiten spielen.

  • Die historische Einordnung der Röntgenfotografie in den Kontext der Fotografiegeschichte
  • Die theoretische Analyse von Objektivität als wissenschaftliches Konstrukt und Strategie der Distanzierung
  • Die Untersuchung der sinnlichen Wahrnehmung und ästhetischen Rezeption von Röntgenbildern
  • Die kritische Reflexion des „Bildakts“ und der Wechselbeziehung zwischen Bild und Betrachter

Auszug aus dem Buch

4. Das Subjekt hinter dem Objekt: Sinnliche Wahrnehmung von Röntgenbildern

Wer schon einmal ein Röntgenbild von einem Teil seines Körpers zu sehen bekommen hat, weiß vermutlich, welche Faszination so ein Bild auf seinen Betrachter ausüben kann. Dass dieses merkwürdige Interesse für das Röntgenbild nicht allein von dessen pathologischen Erkenntnisgewinn herrührt, lässt sich erahnen. Aber wie kommt es, dass ein einfaches Bild eine solche Anziehungskraft auf uns ausüben kann? Diese Frage möchte ich in diesem letzten Kapitel beantworten.

Eine naheliegende Erklärung für das Interesse am Röntgenbild ist der darin gespiegelte eigene schöpferische Akt. Indem der Patient das Abbild seines Körpers auf der Fotografie sieht, vereinen sich Subjekt und Objekt in seiner Person. Der Patient ist somit in den kreativen Prozess der Bildproduktion eingeschlossen und fühlt sich betroffen. Doch diese Erklärung ist unzulänglich, denn allein der Aspekt der Betroffenheit würde ein Röntgenbild mit jeder beliebigen Fotografie, auf der sich der Patient wiedererkennt gleichsetzen. Zudem erfahren wir das Gefühl der Anziehungskraft nicht nur bei Röntgenbildern unseres eigenen Körpers, sondern, in etwas abgeschwächter Form, auch bei Röntgenaufnahmen fremder Körper oder gar Gegenstände. Es muss also noch etwas anderes an Röntgenbildern geben, das unser Interesse auf sie lenkt. Zugunsten der Nachvollziehbarkeit meiner folgenden Überlegungen, möchte ich den Wahrnehmungsvorgang anhand einer bespielhaften Röntgenfotografie erläutern (Abb. 6).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung legt die theoretische Basis durch die Unterscheidung von erlerntem Sehen und subjektiver Wahrnehmung und führt in die Fragestellung ein, wie Röntgenbilder als Beweismittel wirken.

2. Einordnung der Röntgenbilder in die Geschichte der Fotografie: Dieses Kapitel verortet die Röntgenfotografie technisch und historisch und beleuchtet die Faszination, die das neue Medium bereits bei seiner Einführung auslöste.

3. Der ‚Traum vom gläsernen Menschen‘: Objekt und Objektivität als Konstrukt: Hier werden die wissenschaftlichen Strategien zur Produktion von Objektivität analysiert, insbesondere Distanzierung, Fragmentierung und die Hierarchisierung der Sinne.

4. Das Subjekt hinter dem Objekt: Sinnliche Wahrnehmung von Röntgenbildern: Das Kapitel widmet sich der ästhetischen und emotionalen Wirkung von Röntgenbildern auf den Betrachter und hinterfragt die vermeintliche Eindeutigkeit des Bildes.

5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und schlägt eine Korrektur der Forschungsfrage vor, indem der Fokus vom „Was will das Bild“ hin zum aktiven „Was wollen wir von ihm“ verschoben wird.

Schlüsselwörter

Röntgenfotografie, Objektivität, Subjektivität, Bildakt, visuelle Wahrnehmung, Medizingeschichte, Bildlogik, Erkenntnisgewinn, gläserner Mensch, erlerntes Sehen, Beweiskraft, Bildinterpretation, Fotografiegeschichte, Ästhetik, Konstruktivismus.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen dem wissenschaftlichen Anspruch, dass Röntgenbilder objektive Beweise der Realität liefern, und der Tatsache, dass ihre Wahrnehmung stark von subjektiven kulturellen Prägungen beeinflusst wird.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Arbeit verknüpft Ansätze aus der Medizingeschichte, der Philosophie, der Kunstgeschichte und der visuellen Anthropologie, um die Wirkung und Bedeutung von technischen medizinischen Bildern zu analysieren.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, zu verstehen, warum Röntgenbilder trotz ihrer oft schwer verständlichen Ästhetik eine so hohe Autorität als Wahrheitsbeweis genießen, und wie diese mit der persönlichen Wahrnehmung des Betrachters korrespondiert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin nutzt eine kulturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Konzepte (wie den „Bildakt“) mit historischen Einordnungen und der Reflexion über bildgebende Verfahren in der Medizin kombiniert.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert, wie durch technologische Mittel Distanz zwischen Arzt und Patient geschaffen wird, wie Röntgenbilder das menschliche Auge als „rationales Organ“ adressieren und wie der Betrachter durch eigene Interpretation zum Akteur wird.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den zentralen Begriffen gehören Objektivität, subjektives Sehen, Röntgenfotografie, Bildakt und die historische Konstruktion des „gläsernen Menschen“.

Warum wird der Begriff des „gläsernen Menschen“ so stark betont?

Dieser Begriff dient als Metapher für den medizinischen Wunsch, ohne chirurgischen Eingriff in das Körperinnere zu blicken, was die medientechnische Entwicklung der Röntgenfotografie maßgeblich vorangetrieben hat.

Wie verändert sich die Perspektive des Betrachters durch die Lektüre?

Die Arbeit regt dazu an, ein Röntgenbild nicht mehr nur als „totes Dokument“ oder reines Beweisstück zu sehen, sondern als ein aktives Bild, das durch die Interpretation des Betrachters erst seine volle Bedeutung erhält.

Excerpt out of 21 pages  - scroll top

Details

Title
Zum Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsanspruch und sinnlicher Wahrnehmung der Röntgenfotografie
College
University of Tubingen  (Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft)
Course
Visuelle Anthropologie
Author
Marika Baur (Author)
Publication Year
2012
Pages
21
Catalog Number
V215116
ISBN (eBook)
9783656431596
ISBN (Book)
9783656432869
Language
German
Tags
Objektivität Röntgen Wahrnehmung Fotografie Kulturwissenschaft Bredekamp Bildakt
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Marika Baur (Author), 2012, Zum Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsanspruch und sinnlicher Wahrnehmung der Röntgenfotografie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215116
Look inside the ebook
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
Excerpt from  21  pages
Grin logo
  • Grin.com
  • Shipping
  • Contact
  • Privacy
  • Terms
  • Imprint