Psychodynamik bei Familien mit einem behinderten Kind


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Was ist „geistige Behinderung“?
2.1 Versuche der Definition
2.2 Mögliche Ursachen

3 Eltern- und Umweltreaktionen auf die Geburt eines behinderten Kindes
3.1 5 Phasen der Intensität
3.1.1 Zeit der Ratlosigkeit und des Schocks
3.1.2 Leugnung
3.1.3 Trauer und Zorn
3.1.4 Adaption
3.1.5 Reorganisation
3.2 Unterstützungssysteme
3.3 Enttäuschte Erwartungen
3.4 Spaltungsfamilien

4 Geschwister von Kindern mit Behinderung

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Ich bin gelernte Erzieherin und habe mich während meiner damaligen Ausbildung konsequent zuerst an Kindergärten gehalten und etwas später an Jugendhilfeeinrichtungen.

Danach kam mein Anerkennungsjahr und ich bekam das Angebot in einem Heim für behinderte Kinder zu arbeiten. Zu erst war ich skeptisch, da ich mich damit noch nie befasst hatte und dieser Aspekt in meiner Ausbildung auch erheblich zu kurz kam. Also erklärte ich mich zu einem Hospitationstag bereit, der mir etwas Aufschluss liefern sollte. Dieser Tag verlief ganz angenehm und ich fand die Mitarbeiter nett, also sprang ich ins kalte Wasser.

In den ersten Wochen überlegte ich noch, ob ich einen Fehler gemacht hätte und stellte meine gesamte Ausbildungswahl in Frage, da auf mich hier etwas völlig Neues einstürmte. Es war sehr familiär und die Kinder absolut direkt. Im einen Moment war man der liebste Mensch auf Erden und im nächsten der am meisten gehasste. Und all das direkt, sofort, ohne Umschweife und am Besten noch in der körperlichen Auseinandersetzung. Ich war schockiert!

Dann allerdings sprang ich über meinen Schatten und lernte die originellsten, einmaligsten und stärksten Kinder kennen. Ich machte eine Erfahrung, die ich nie missen möchte und die mich ein ganzes Stück offener, durchsetzungsfähiger und einfühlsamer gemacht hat.

Hinzu kamen die Eltern dieser Kinder. Anfangs kam ich nur ab und an mit ihnen in Kontakt, meist am Telefon, da Ferienzeit war. Dann begann die Zeit, in der einige Kinder auch jedes zweite Wochenende von ihren Eltern abgeholt wurden oder Feste statt fanden, wie zum Beispiel Konfirmationen, bei denen auch die Eltern zugegen waren.

Ich interessierte mich sehr für ihre Situation. Wie ist es, ein behindertes Kind zu bekommen? Wie fühlen sich die Geschwister dabei? Mit welchen Vorurteilen wird man konfrontiert, wenn man mit einem solchen Kind durch die Stadt läuft? Was muss passieren, dass man sich selbst zugestehen kann, das Kind in ein Heim zu geben und wie sieht die Situation aus, wenn das Kind älter wird?

All diese Fragen stellte ich mir und Ihnen und lernte dabei einige sehr offene Menschen kennen, die gerne bereit waren mir Antworten zu geben.

Dieses Thema, mit all seinen Empfindungen und seiner Gefühlsstärke, interessierte mich so sehr, dass ich es jetzt zu meinem Hausarbeitsthema machen wollte, um tiefer in die Materie, auch aus theoretischer Sicht eintauchen zu können und um mich auch mit der Sichtweise anderer Eltern von behinderten Kindern auseinandersetzen zu können.

2 Was ist „geistige Behinderung“?

2.1 Versuche der Definition

Der Begriff der geistigen Behinderung bezeichnet oft einen andauernden Zustand deutlich unterdurchschnittlicher kognitiver Fähigkeiten eines Menschen, sowie damit verbundene Einschränkungen seines affektiven Verhaltens. In medizinischen Kreisen wird dieser Zustand oft auch als mentale Retardierung bezeichnet.

Allerdings ist eine allgemein akzeptierte und eindeutige Definition schwierig.

Medizinisch gesehen wird oft von einer Minderung oder Herabsetzung der maximal erreichbaren Intelligenz gesprochen. Ab einem IQ von unter 70 spricht man von geistiger Behinderung die in vier unterschiedliche Schweregrade (leicht: IQ 69 - 50, mittel: IQ 49 - 35, schwer: IQ 34 - 20 und schwerst: IQ ab 19) unterteilt wird. Die geistige Behinderung wäre somit quasi als Steigerung bzw. Erweiterung der Lernbehinderung zu verstehen und wird mit Hilfe von standardisierten Intelligenztests ermittelt.

In anderen Definitionen allerdings rückt statt der Intelligenz eher die Interaktion des betroffenen Menschen mit seiner Umwelt in den Fokus, da die Zuschreibung einer geistigen Behinderung anhand einer Intelligenzmessung sehr umstritten ist.

Mittlerweile sind diese Definitionen einer individuellen Einzelfallbeschreibung im Rahmen einer systemischen Analyse des Verhältnisses des Menschen zu seinem Umfeld gewichen. Intelligenztests werden dabei immer noch regelmäßig durchgeführt, aber nicht als alleiniger Wert interpretiert.

Am auffälligsten sind oft die Lernschwierigkeiten in der Schule, die Verzögerung der kognitiv- intellektuellen Entwicklung schon im Kindesalter und das herabgesetzte Abstraktionsvermögen.

Nicht nur die durchschnittlich maximal erreichbare Intelligenz, sondern teilweise auch das Anpassungsvermögen und die soziale und emotionale Reife können beeinträchtigt sein.

Eine geistige Behinderung kann häufig auch mit anderen Besonderheiten verbunden sein, wie zum Beispiel Autismus, Fehlbildungen des Gehirns, Lernstörungen, Beeinträchtigungen der Motorik oder auch der Sprache. Sie beeinträchtigt nicht unbedingt die Fähigkeit Gefühle zu empfinden, wie zum Beispiel Wut, Trauer, Freude oder Schmerz. Allerdings kann es zum Teil zur Beeinträchtigung der Fähigkeit mit diesen Gefühlen umzugehen und sie (lautsprachlich) zu kommunizieren, kommen.

Hinze definiert den Begriff der geistigen Behinderung folgendermaßen: „<<Geistige Behinderung>> ist ein Sammelbegriff, dem all diejenigen organisch- genetischen bzw. anderweitigen Schädigungen zugeordnet werden, die Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene in ihrer psychischen Gesamtentwicklung und Lernfähigkeit so sehr beeinträchtigen, das sie vorrausichtlich lebenslang auf besondere soziale und psychologisch- pädagogische Hilfen angewiesen sind. Je nach fachlicher Orientierung wird <<geistige Behinderung>> als organischer Defektzustand, als Mangel an Anpassungsvermögen oder als gesellschaftlicher Beziehungsmangel angesehen.“ (Hinze 1991, S. 16)

2.2 Mögliche Ursachen

Ende 2001 lebten circa 6,7 Millionen Menschen in Deutschland, die zu 50 Prozent oder mehr behindert waren (vgl. IG Eltern geistig Behinderter e.V., Internet).

85 Prozent der Behinderungen sind durch eine Krankheit verursacht worden und 4,7 Prozent waren angeboren (vgl. IG Eltern geistig Behinderter e.V., Internet).

Als Ursachen kann man also einerseits endogene Faktoren zählen, die meist eine erbliche Grundlage (Erbkrankheiten) oder Chromosomen- Besonderheiten aufweisen. Ein Beispiel dafür ist Trisomie 21, welches auch als Down-Syndrom bezeichnet wird. Unter den exogenen Faktoren werden erworbene zerebrale Schädigungen zusammengefasst. Beispiele dafür wären Sauerstoffmangel während der Geburt, Unfälle, Strahlung oder Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft. Diese endogenen und exogenen Faktoren beziehen sich auf die pränatalen Schädigungen oder die Schädigungen während der Geburt, so genannte perinatale Risikobelastungen. Allerdings besteht auch das Risiko der so genannten postnatalen Schädigungen, wie zum Beispiel die Schädigungen durch eine Hirnhautentzündung, eine Kopfverletzungen oder ähnliches. (vgl. Hinze 1991, S. 17)

Eindeutige Ursachenzuschreibungen sind aber oft schwierig, sogar mitunter unmöglich, da die meisten Fälle von Menschen mit Behinderung mehrere Formen verschiedener Behinderungen aufweisen.

„In der Mehrzahl aller Fälle von geistiger Behinderung ist unklar, welche organischen Bedingungen für die Behinderung verantwortlich gemacht werden können.“ (Niedecken 1989, S: 33) meint Niedecken dazu.

Hinze beschreibt auch, dass geistige Behinderungen „multifaktoriell verursacht“ (Hinze 1991, S. 17) sind und dass bei über 50% die Ursachen für die geistige Behinderung ungeklärt bleiben. (vgl. ebd. S. 17)

Eine geistige Behinderung wird in unserer Gesellschaft negativer bewertet als andere Behinderungsformen, was unter anderem darin begründet sein kann, dass in unserer Leistungsgesellschaft der Intelligenz des Menschen ein besonders hoher Stellenwert zugemessen wird, vor allem als Vorrausetzung für Anerkennung und Erfolg. (vgl. ebd. S.17)

3 Eltern- und Umweltreaktionen auf die Geburt eines behinderten Kindes

„Eltern eines behinderten Kindes zu sein ist anormal und generell unerwünscht. Ein behindertes Kind erfüllt die persönlichen Wünsche der Eltern nicht. Es entspricht nicht den Vorstellungen der sozialen Umgebung. Es steht den normativen Erwartungen der Gesellschaft entgegen.“ (Hinze 1991, S. 13)

So definiert Hinze die Situation der Eltern eines behinderten Kindes. Man ist in einer besonderen Situation und entspricht nicht der Norm, zumal man noch an der normalen Erziehung des Kindes gehindert wird, da dieses ja anormal ist. Dieses Anderssein des Kindes leistet erstmal allen negativen Vorurteilen und Einstellungen einen Vorschub, wodurch die Familie in einen Randgruppen- Status geraten kann. Gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung muss hart erkämpft werden und ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Da die Behinderung des Kindes dauerhaft ist, stehen die Eltern vor einem unlösbaren Problem. Diese Andersartigkeit und die speziellen Probleme des behinderten Kindes erfordern eigentlich Spezialeltern, die die Eltern aber nun mal nicht sind. (vgl. Hinze 1991, S. 14 f).

Nicht jedes Elternpaar erlebt die Geburt eines behinderten Kindes und die Zeit danach gleich, aber die meisten Eltern erleben ähnliche Zustände und Gefühle in einem ähnlichen zeitlichen Ablauf.

Es lassen sich dabei verschiedene Phasen unterscheiden, die aber nicht immer in der gleichen Abfolge verlaufen müssen.

Die Intensität der einzelnen Phasen ist durchaus auch davon abhängig welche Unterstützung die Eltern erhalten und welche Behinderung das Kind hat.

„Die Geburt eines behinderten Kindes ist für die Eltern ein überaus belastendes Ereignis: mit anderen Worten es erzeugt psychischen und physischen Stress.“ (Kniel 1986, S.41).

Es gibt 5 Phasen die durchlaufen werden können und die ich in den folgenden Abschnitten erläutern werde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Psychodynamik bei Familien mit einem behinderten Kind
Hochschule
Hochschule Darmstadt  (Fachbereich für Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Zur Psychodynamik bei Familien mit einem behinderten Kind
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V215201
ISBN (eBook)
9783668123076
ISBN (Buch)
9783668123083
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychodynamik, familien, kind
Arbeit zitieren
Lena Raubach (Autor), 2009, Psychodynamik bei Familien mit einem behinderten Kind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215201

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