Katyń - gestern und heute

Die Veränderungen der offiziellen Einstellungen der sowjetischen/russischen Elite zum Thema Katyń im Laufe der politischen Wandlungen in der Sowjetunion/Russland


Bachelorarbeit, 2013
46 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aktualität des Themas
1.2 Problemstellung
1.3 Hypothesen
1.4 Methoden
1.5 Gliederung und Vorgehensweise der Arbeit
1.6 Die in der Arbeit gebrauchte Quellen

2 Die Geburt der Katynlüge und die Rolle des Massakers von Katyn' im polnischen Bewusstsein

3 Das Thema Katyn' in der UdSSR
3.1 Die ersten Versuche der sowjetischen Parteiführung unter Chruščev, die Wahrheit über Katyn' zu erzählen, und die Ursachen ihren Scheiterns
3.2 Das Verfahren von Katyn' in der Stagnationsepoche
3.3 Die Katyn'-Problematik während der Perestrojka und die offizielle Anerkennung der Verantwortung von Katyn' von sowjetischer Seite

4 Das Thema Katyn' in Russland
4.1 Die Katyn' - Frage unter El'zin
4.2 Die offizielle Position der Russischen Föderation zur Erschiessung in Katynʹ heute und ihre scheinbaren Wiedersprüche
4.2.1 Katyn' und die russische Gesellschaft
4.2.1.1 Die internationale Menschenrechtsorganisation „Memorial“
4.2.1.2 Die Vertreter der kommunistischen Ideologie und rechtsextreme Kräfte
4.2.1.3 Die offiziellen Massenmedien in Russland

5 Die Reaktionen auf Katyn' in Polen. Mögliche Auswege aus der „Sackgasse Katyn'“ und Lösungsperspektiven der Katyn'-Problematik für die russische Regierung
5.1 Die Kritik der polnischen Seite an der Politik des Kreml in der Katyn'-Problematik
5.2 Mögliche Auswege aus der „Sackgasse Katyn'“ und Lösungsperspektiven der Katyn'- Problematik für die russische Regierung

6 Fazit

7 Quellenverzeichnis
7.1 Bibliographie
7.2 Zeitschriftenartikel
7.3 Internetquellen

1 Einleitung

1.1 Aktualität des Themas

Der Titel der vorliegenden Arbeit lautet: „Die Veränderungen der offiziellen Einstellungen der sowjetischen/russischen Elite zum Thema Katyn' im Laufe der politischen Wandlungen in der Sowjetunion/Russland“. Das Thema Katyn' gehört heute noch zu einem der schwierigsten und schmerzhaftesten Kapitel in der Geschichte der polnisch-russischen Beziehungen. Viele Probleme, die mit Katyn' eng verbunden sind, wie die Weigerung der Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, die in Katyn' ermordeten Offiziere zu rehabilitieren, trotz der offiziellen Anerkennung des Verbrechens von Katyn' seitens der sowjetischen Regierung im April 1990, kritische Äußerungen (die nicht selten beleidigenden Charakter tragen) einiger russischer Politiker (Viktor Uljuchin, Andrej Savel'jev) und politischer Parteien (KPRF) gegenüber den vom NKWD im Jahr 1940 erschossenen polnischen Offizieren, ausbleibende Entschädigungen für die Verwandten der ermordeten polnischen Bürger und viele andere sind ungelöste Herausforderungen, was die historische Versöhnung zwischen beiden Völkern wesentlich erschwert und ein bleibendes Misstrauen zwischen Polen und Russen zu verfestigen droht.

Darüberhinaus wird auch die weitere Entwicklung Russlands entscheidend von der Klärung jener Probleme, die sich jahrzehntelang in Zusammenhang mit dem Verbrechen von Katyn' angehäuft haben, abhängen: Wird Russland den Weg der Demokratie gehen, indem es das Verbrechen von Katyn' juristisch anerkennt und sich damit zur Überwindung des Stalinismus in Politik und Gesellschaft bekennt? Oder wird es - in Ablehnung einer demokratischen Wegrichtung - in alten sowjetischen Mythen und Dogmen gefangen bleiben?

1.2 Problemstellung

Als Kernproblem der Arbeit ist zu untersuchen, wie sich die offizielle Position zum Thema Katyn' der zuerst sowjetischen und später russischen Regierung im Laufe der Zeit veränderte, und unter Einfluss welcher Faktoren diese Veränderungen möglich waren. Außerdem ist von Bedeutung herauszufinden, wie die heutige Politik Russlands gegenüber Katyn' vom Kreml' konstruiert wird: Wie sehen die Grundpostulate dieser Politik aus, welche Ziele werden dabei verfolgt?

1.3 Hypothesen

Das Verfahren von Katyn' wurde von den sowjetischen Machthabern lange Zeit in den Archiven streng geheim gehalten, aufgrund der Tatsache, dass einerseits zusätzliche Fakten über das Verbrechen des Stalinismus der sowjetisch-polnischen Beziehungen, der Autorität der Partei und dem internationalen Prestige der Sowjetunion wesentlichen Schaden hätte zufügen können und andererseits, weil viele Initiatoren dieses Verbrechens (Lazar' Kaganovič, Vjačeslav Molotov, Anastas Mikojan und andere) und direkte Vollzieher (Dmitrij Tokarev, Pjotr Soprunenko und andere) noch am Leben waren.

- Das Thema Katyn' wurde in der Regel zum Objekt der verstärkten Aufmerksamkeit der Partei und Staatsführung in Zeiten politischen Tauwetters, zuerst unter Chruščev, dann unter Gorbačev und schließlich unter El'zin, in den Zeiten also, als der Wunsch, sich vom Stalinismus zu distanzieren, besonders groß war.
- Die derzeitige politische Elite in Russland hat aufgrund der für sie dominierenden stalinistischen Denkweise, aufgrund ihrer imperialistischen Ambitionen und aufgrund des Angst, ihre Machtpositionen zu verlieren, kein Interesse, die wahre Geschichte von Katyn' vollständig zu akzeptieren und infolge der obenerwähnten Gründe ist sie nicht in der Lage, eine entsprechende Versöhnungspolitik gegenüber dem polnischen Staat und der polnischen Gesellschaft zu verfolgen.

1.4 Methoden

Eine kritische Analyse der Fachliteratur, entsprechender Dokumente, Zeitungsartikel, Internetpublikationen und der darin beinhalteten Problemstellungen, sowie eine eigene Stellungnahme dazu soll den ersten Schritt in der Bearbeitung des Themas darstellen. Als nächster Schritt sollen die ausgewählten Quellen verglichen werden und schließlich anhand einer vergleichenden Analyse festgestellt werden, ob die am Anfang gestellte Thesen bestätigt werden können.

1.5 Gliederung und Vorgehensweise der Arbeit

Die vorliegende Bachelorarbeit ist insgesamt in sieben Hauptkapitel untergliedert. Im ersten Kapitel soll an das Thema dieser wissenschaftlichen Arbeit herangeführt, die Aktualität des ausgewählten Themas erläutert, die Problemstellung eingegrenzt, die Methoden der Forschung genannt und die Hypothesen formuliert werden.

Im zweiten Kapitel soll dargestellt werden, ab wann und wie sich innerhalb der sowjetischen Elite die „Katyn'-Lüge“ herausbildete und welchen Platz das Verbrechen im polnischen Kollektivbewusstsein einnahm. Zudem soll eine Antwort auf die Frage gegeben werden, warum das Reden über die Tragödie von Katyn' auch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht zum Schweigen kam.

Im dritten Kapitel wird die offizielle Position der UdSSR zu Katyn' in den Jahren unter Chruščev, Brežnev und Gorbačev beleuchtet. Dabei sollen folgende Fragen behandelt werden:

Warum entschied sich die sowjetische Führung unter Nikita Chruščev nicht zur Anerkennung des Verbrechens von Katyn'? Mit welchen Mitteln reagierte sie in der Katyn'-Frage während der Regierungszeit Leonid Brežnev auf sogenannte „гнусные измышления“ 1 und „идеологические диверсии“ 2 von Seiten westlicher Staaten? Der letzte Teil des Kapitels wird der Zeit unter Gorbačev gewidmet sein und den Problemen, die für die sowjetische Führung mit der Anerkennung des Verbrechens von Katyn' und dem Fall „Berija, Merkulov und ihre Handlanger“3 verbunden waren. Die zentrale Frage wird dabei sein, was der entscheidende Faktor war, der Michail Gorbačev letztendlich dazu bewegte, die sowjetische Schuld an Katyn' offiziell anzuerkennen.

Das umfangreichste vierte Kapitel schließlich beschäftigt sich mit dem postsowjetischen Russland und der Einstellung der gesellschaftlichen und politischen Eliten zum Thema Katyn'. Dabei soll zunächst dargestellt werden, wie während der Regierungszeit Boris El'zins mit der Katyn'Problematik umgegangen wurde und was von russischer Seite unternommen wurde, um eine Aussöhnung zwischen Polen und Russland zu ermöglichen.

Besondere Aufmerksamkeit im vierten Kapitel gilt - aufgrund der anhaltenden Aktualität des Themas - der Einordnung der komplexen und in vieler Hinsicht widersprüchlichen Position der heutigen russischen Regierung im Bezug auf die Katyn'-Problematik. Dabei soll auch die Reaktion verschiedener gesellschaftlicher und politischer Akteure in Russland auf den offiziell vertretenen Standpunkt der Regierung betrachtet werden. Von großer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang populärwissenschaftliche bis populistische Thesen, die hauptsächlich von, in Wissenschaftskreisen marginalisierten, „Pseudohistorikern“ vom Schlage eines Jurij Muchin oder Altstalinisten, wie dem Oppositionspolitiker Viktor Iljuchin, vertreten werden. Ihnen zufolge wurde die Hinrichtung der polnischen Kriegsgefangenen nicht 1940 vom NKVD, sondern 1941 von den Deutschen durchgeführt, was der Version entspricht, die bereits 1943 von der BurdenkoKomission vorgelegt worden war.4 Diese Darstellung hatte in der UdSSR in den folgenden Jahrzehnten offiziellen Status und ist bis heute innerhalb der russischen Gesellschaft einflussreich geblieben, nicht zuletzt durch ihre anhaltende Verbreitung in Internet5 und Fernsehen6. In diesen

Zusammenhang fallen auch die Ambitionen einiger gesellschaftlicher Akteure und Politiker in Russland, von Polen die Aufarbeitung „геноцида“ русского народа во время польско-русской войны“7 einzufordern.

Folgende konkrete Fragen sollen im letzten Teil der Arbeit gestellt werden: Wie hat sich die offizielle Position Russlands seit der ersten Präsidentschaft Vladimir Putins verändert und wodurch sind diese Veränderungen begründet? Wie verhält sich Putin selbst zum Thema Katyn'? Weshalb wurde der Fall Katyn' 2004 von der Militärstaatsanwaltschaft (GVP) geschlossen und zur Geheimsache erklärt? Warum sträubt sich die russische Regierung, den Fall Katyn' zu einem offiziellen Ende zu führen, beispielsweise durch der juristischen Rehabilitierung der erschossenen polnischen Offiziere?

In einem zusammenfassenden Schlussteil schließlich sollen, in Rückgriff auch auf die offizielle polnische Position, mögliche Lösungswege angedacht werden, über die die russische Regierung eine nachhaltige Lösung der Katyn'-Problematik anstreben könnte.

Die russischen Namen sowie Fachtermini erscheinen in der Regel in der wissenschaftlichen Transliteration.

1.6 Die in der Arbeit gebrauchte Quellen

Für die vorliegende Arbeit wurden sowohl Primär-, als auch Sekundärquellen ausgewertet. Unter den ausgewählten Primärquellen ist zunächst die 1992 von Ewa Wosik herausgegebene Quellensammlung „Katyn': Dokumenty ludobójstwa“ zu nennen. In diesem Sammelband finden sich verschiedene Dokumente aus dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation (Schriften des ZK der KPdSU, Beschlüsse des ZK-Präsidiums, Korrespondenz zwischen ZK und KGB, Dokumente der sowjetischen Staatsanwaltschaft u.a.).8 Die veröffentlichten Materialien unterlagen zum größten Teil strengster Geheimhaltung und machen nachvollziehbar, wie und mit welchen Methoden die Parteiführung, zusammen mit den Organen der Staatssicherheit, über fünfzig Jahre das Verbrechen von Katyn' unter Verschluss hielt. Über den Vergleich der in Wosiks Sammelband veröffentlichten Dokumente werden die Strategien der Akteure aus Partei und KGB deutlich, die zunächst auf die totale Geheimhaltung des Verbrechens abzielten und erst in den Perestrojka-Jahren durchbrochen wurden, als in einigen Parteikreisen das Bedürfnis aufkam, so schnell wie möglich die Wahrheit über Katyn' zu erzählen und damit dem Aufkommen größerer Probleme in den zwischenstaatlichen Beziehungen mit Polen zuvorzukommen. Die anhaltende Aktualität und Tragweite der bis heute ungelösten Katyn'-Problematik lässt sich anhand der Korrespondenz zwischen der internationalen Organisation „Memorial“ und Hauptmilitärstaatsanwaltschaft (GVP) der Russischen Föderation9 sowie der im Internet verfügbaren Dokumente des polnischen Sejm nachvollziehen.10

Aus den Primärquellen ist ein umfangreicher Fundus an Videomaterial herauszuheben, über den Reden polnischer und russischer Politiker zum Thema Katyn' nachverfolgt werden können. Der Interpretation einiger dieser Reden ist ein nennenswerter Teil der vorliegenden Arbeit gewidmet.

Zum Thema Katyn' ist eine Vielzahl von wissenschaftlichen und publizistischen Veröffentlichungen und Dokumentarfilmen erschienen, von denen viele für diese Arbeit berücksichtigt wurden, in der Hauptsache Quellen in deutscher, polnischer und russischer Sprache.

Für den deutschsprachigen Raum sind zu nennen: Gerd Kaiser „Katyn: das Staatsverbrechen das Staatsgeheimnis“,11 Martin Schaubs „Streitfall Katyn“,12 Franz Kadell „Katyn: Das zweifache Trauma der Polen“ 13, Franz Kadell „Katyn-Lüge. Geschichte einer Manipulation. Fakten, Dokumente und Zeugen“.14

Für den russischsprachigen Raum: Jažborovskaja, Inessa „Katynskij sindrom v sovetskopolʹskich i rossijsko-polʹskich otnošenijach“,15 Lebedeva, Natalʹja „Katyn’: prestuplenie protiv čelovečestva“,16 Semirjaga, Michail „Tajny stalinskoj diplomatii 1939-1941“.17

Für den polnischsprachigen Raum: Mackiewicz, Józef „Katyń. Zbrodnia bez sądu i kary“,18 Anders, Władislaw „Bez ostatniego rozdziału”.19

Darüberhinaus wurden eine Reihe von deutschen, russischen und polnischen Zeitungen ausgewertet, darunter „Moskauer News”, „Gazeta Wyborcza”, „Rzeczpospolita”, „wPolitice”, „Nasz Dziennik”, „Polska”, „Moskovskije novosti” u.a.

Der Löwenanteil der verwendeten Quellen sind im Internet verfügbar, darunter wissenschaftliche und Zeitungsartikel, Dokumente, Videomaterial, Memoiren und Monografien.

2 Die Geburt der Katynlüge und die Rolle des Massakers von

Katyn' im polnischen Bewusstsein „Katyn'“ deckt als Begriff ein sehr weites Feld ab, denn der Name steht nicht nur für die Erschießung polnischer Kriegsgefangener durch den NKVD im Wald von Katyn', sondern bezieht sich auch auf ähnliche Aktionen, die zur selben Zeit in benachbarten sowjetischen Gebieten und Republiken stattfanden. So wurden Massengräber nicht nur im Smolensker Gebiet gefunden, sondern auch nahe dem Dorf Mednoje im Kalininer Gebiet (heute Gebiet Tver') sowie unweit von Char'kov in einem Waldpark im Bezirk Pjatichatki.

Die Frage über das Verschwinden polnischer Offiziere wurde bereits 1941, nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion, ernsthaft gestellt. Während eines Treffens Stalins mit dem Vorsitzenden der polnischen Exilregierung, Sikorski, und dem polnischen General Anders am 3 Dezember 1941 fragten die Vertreter der polnischen Seite offiziell nach dem Verbleiben der vermissten Offiziere, worauf aber weder Stalin, noch Molotov eine klare Antwort gaben. In seinen Memoiren beschreibt Władisław Anders, dass Sikorski Stalin eine Liste mit den Namen etwa 4000 vermisster Offiziere übergab. Auf die Frage nach ihrem Schicksal gab Stalin die ausweichende Antwort, die Offiziere seien geflohen, vermutlich in die Mandschurei.20

Die Öffentlichkeit erfuhr von dem Verbrechen in Katyn' erst im Winter 1943, als deutsche Polizeikräfte im Wald von Katyn', unweit von Smolensk, Massengräber mit den Leichen der hingerichteten Kriegsgefangenen entdeckten. Nicht zuletzt mit dem propagandistischen Ziel, die UdSSR in den Augen ihrer Alliierten und der weltweiten Öffentlichkeit zu diskreditieren, wurde daraufhin eine großangelegte Untersuchung unter Einbindung einer internationalen Kommission eingeleitet, an der Ärzte aus den zu dieser Zeit von Deutschland kontrollierten Ländern sowie aus der neutralen Schweiz teilnahmen. An den Exhumierungen im Jahr 1943 nahmen zudem auch Polen aus der technischen Kommission des Polnischen Roten Kreuzes teil. Die Kommission stellte fest, dass der Tod der polnischen Offiziere im Jahr 1940 eingetreten sei, das heißt noch vor dem Überfall Deutschlands auf die UdSSR, was auf eine unmittelbare Verantwortlichkeit der Sowjetunion für das Verbrechen schließen ließ.

Die sowjetische Führung wurde von diesen Neuigkeiten kalt erwischt. Besonders erbost zeigte sie sich von dem Bestreben Sikorskis, die Wahrheit darüber zu erfahren, was mit den Offizieren der polnischen Streitkräfte tatsächlich geschehen war, und besonders über seine direkte Anfrage an das Internationale Rote Kreuz um die Durchführung einer unabhängigen Untersuchung. Am 20. April 1943 erhielt Sikorski eine Antwort durch die „Pravda“, in der stand, die Polen seien während des Rückzugs der Roten Armee in die Hände der Deutschen gefallen und von ihnen erschossen worden. Nicht einmal eine Woche später, am 26. April 1943, fror die Sowjetunion sämtliche Beziehungen mit der polnischen Exilregierung ein.21 Sikorski selbst kam im Juli 1943 unter merkwürdigen Umständen ums Leben.

Die nervöse Reaktion der sowjetischen Führung auf die Fragen, die in Zusammenhang mit den Vorfällen in Katyn' aufkamen, der geheimnisvolle Tod Władislaw Sikorskis, der plötzliche Abbruch diplomatischer Beziehungen mit der polnischen Exilregierung, die kategorische Weigerung, sich an der Exhumierung der Leichen zu beteiligen - all das waren schwerwiegende Indizien für die Täterschaft der Sowjetunion.

Nach der Befreiung Smolensks von der deutschen Besatzung im Januar 1944 wurde unter Leitung des Wissenschaftlers N. Burdenko eine sowjetische Kommission gebildet, die zu jedem Preis Beweise dafür präsentieren sollte, dass tatsächlich die Deutschen das Verbrechen von Karyn' verübt hatten. Im Laufe der Kommissionsarbeit wurden Daten gefälscht, falsche Zeugen ausgewählt, echte Augenzeugen der Erschießungen von 1940 eingeschüchtert und einige von ihnen liquidiert.22 Obwohl die Schlussfolgerungen der Kommission in der weltweiten Öffentlichkeit auf großes Mißtrauen stießen, sollten sie in den folgenden Jahrzehnten sowohl von Staatsvertretern, als auch von Historikern in der Sowjetunion als die einzig gültigen anerkannt werden.

Die brutale Ermordung der polnischen Offiziere hinterließ allerdings auf sehr verschiedenen Ebenen ihre Spuren. Wie eingangs schon angedeutet, sollte der Name „Katyn'“ bald für einen sehr weitreichenden Komplex stehen. Katyn' stand nicht nur für eine tiefe Wunde, die tausende polnischer Familien zu erleiden hatten, deren Angehörige 1940 auf dem Territorium der UdSSR ermordet worden waren, sondern wuchs bald zu etwas viel Größerem: In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde Katyn' in Polen zum Sinnbild für eine nationale Tragödie, die sich dauerhaft in das kollektive Gedächtnis der Polen eingebrannt hat. In dieser Wahrnehmung spielen mehrere Faktoren eine Rolle:

Erstens wurde Katyn' nicht nur Symbol für erlittenes Leid, sondern auch für eine langjährige Lüge, die den Polen und der Weltöffentlichkeit bis 1990 auf plumpe Art und Weise von der sowjetischen Führung aufgebunden wurde. Sehr treffend drückte es der polnische Präsident Donald Tusk auf einer Trauerfeier anlässlich des siebzigsten Jahrestages des Erschießung der polnischen Offiziere aus: „Катынь - это слово-боль, годами призываемое из молчания и лжи“. 23

Zweitens konnte jegliches Erinnern an die Täterschaft der Sowjetunion bei der Erschießung von Katyn' sowie Bemühungen der Hinterbliebenen, die offizielle sowjetische Darstellung zu widerlegen und die ganze Wahrheit über Katyn' zu erfahren, in der Volksrepublik Polen eindeutige Konsequenzen haben: Studenten wurden exmatrikuliert, Leute verloren ihre Arbeit. In seinem Buch über Katyn' nennt Franz Kader eine Reihe derartiger Maßnahmen, wie sie im sozialistischen Polen alltäglich waren:

Vor allem Angehörige der Opfer müssen mit Nachteilen rechnen. Viele werden zum Arbeitsdienst in Kohle- und Uranbergwerke geschickt. Als Helena Krahelska 1949 Witwenrente beantragt und sich dabei herausstellt, dass ihr Mann unter den Opfern von Katyn ist, raten die Beamten der Frau unter Drohungen, so schnell wie möglich aus dem Büro zu verschwinden. Wer es wagt, in der Öffentlichkeit über Katyn zu sprechen, riskiert Stellung oder Wohnung. Die Studentin Eva Solski, Tochter des in Katyn erschossenen Majors Solski, soll an der Universität Warschau ein Formular ausfüllen. Darin wird auch nach ih- rem Vater gefragt. Sie trägt „Bei Katyn ermordet“ ein. Prompt wird sie von der Universität verwiesen […].24

Die Behörden des Staatssicherheitsdienstes PRL25 überwachten aufmerksam alle Individuen, die an der offiziellen sowjetischen Version Zweifel äußerten oder es gar wagten, offen Protest zu äußern, indem sie beispielsweise antisowjetische Losungen an Häuserfassaden malten.26

Drittens verfestigte sich die Erinnerung an Katyn' im polnischen Kollektivbewusstsein, so dass das Thema sehr schnell politisch aufgeladen wurde. Schon Göbbels versuchte 1943, sich die Tragödie zunutze zu machen, um Zwietracht unter den Alliierten zu säen. Obwohl Roosevelt und Churchill über vielerlei Einzelheiten des Verbrechens in Katyn' informiert waren, entschieden sie sich - im Sinne der Stabilisierung der Anti-Hitler-Koalition - dazu, die offizielle sowjetische Darstellungen zu bestätigen. Erst durch den Beginn des Kalten Krieges veränderte sich die Situation grundlegend: 1951 bildete der Kongress der USA eine Kommission zu Katyn', die zu dem Schluss kam, die Massenerschießungen seien von Einheiten des NKVD durchgeführt worden. Und auch in Großbritannien wurde Katyn' wieder zum Thema, als 1972 in London ein Denkmal für die Opfer der Erschießungen eingeweiht wurde. Derartige Neuigkeiten blieben in Polen nicht ungehört, und trotz des offiziellen Tabus wurde auch in Polen durch Veröffentlichungen, die aus dem Westen in die Volksrepublik geschmuggelt wurden, immer mehr über Katyn' bekannt. Mit der zunehmenden Schwächung des kommunistischen Regimes in Polen in den Achtzigerjahren, wurden auch die Forderungen danach, mehr über Katyn' wissen zu wollen, immer drängender. Besonders laut wurden diese Rufe innerhalb der Opposition, und namentlich innerhalb der „Solidarność“-Bewegung. Mitgliedern von „Solidarność“ gelang es im November 1981, auf dem Powązki-Friedhof in Warschau ein Denkmal für die Opfer für Katyn' zu errichten, in dem die Zahl „1940“ eingearbeitet war. Zwar wurde das Denkmal nach einiger Zeit von den Organen der Staatssicherheit entfernt, allerdings wurde der Ort selber schnell zu einem Versammlungspunkt für polnische Patrioten.27 Katyn' nahm dadurch noch eine weitere symbolische Ebene an: Es wurde zu einem Symbol für die wachsende Macht der Opposition, die bald das kommunistische Regime stürzen sollte. Die Forderung nach der Wahrheit über Katyn' wurde zu einer der zentralen Losungen der oppositionellen Bewegung, oder, wie es Martin Schaubs es formuliert hat:

„für die Opposition ergab sich die Möglichkeit, an Katyn das Martyrium der Polen festzumachen, es zog die Menschen wie ein Magnet an“.28

[...]


1 Instukcija dlja sovetskogo posla v Londone (mart 1973 g.). In: Wosik, Ewa (Hg.): Katyn' dokumenty ludobójstva. Dokumenty i materialy archiwalne przekazane Polsce 14 pażdziernika 1992 r. S. 66.

2 Okolnik dla członkow Politbiura (30 marca 1976 r.). In: Wosik, Ewa (Hg.): Katyn' dokumenty ludobójstva. Dokumenty i materialy archiwalne przekazane Polsce 14 pażdziernika 1992 r. S.74.

3 Katyn': die Wahrheit hat gesiegt. Wer trägt die Schuld für die jahrelange offizielle Lüge? Moskau News Nr. 5, 1990, S.1.

4 Burdenko-Kommission begann seine Tätigkeit am 12.01.1944. Diese Kommission hatte das Ziel die Ergebnisse der deutschen Kommission vom Jahr 1943 zu widerlegen. Die Arbeit der Burdenko-Kommission war eine Fäl schung.

5 Internetseite „katyn.ru“ (Letzter Zugriff am 20.11.2012 um 10:22)

6 Die auf dem staatlichen Fernsehen in den letzten 12 Jahren gezeigte Filme und Fernsehsendungen, die offizielle sowjetische Position zu Katyn' befolgen: „Katynskaja podlost'“ von J. Muchin (2005), „Katyn'. Pol'skij krest Rossii“ (2010), Fernesehprogramm „Moment istiny“ vom 18.06.2012

7 Vgl.: Kurginjan, Sergej o Katyni i sovetskich voennoplennych. In: „Sudite sami“:“Moskva-Warszawa:400 let ne vmeste?“ (Letzter Zugriff am 20.11.2012 um 00:42)

8 Wosik, Ewa (Hg.): Katyn: Dokumenty ludobójstwa. Dokumenty i materialy archiwalne przekazane Polsce 14 pażdziernika 1992 r., Warszawa, 1992.

9 Otvet GVP GP RF na obraščenie obščestva „Memorial” po povodu voprosu o Katynskom rassledovanii. (Letzter Zugriff am 28.10.2012 um 18:27)

10 Przedstawiony przez Prezydium Sejmu projekt uchwały upamiętniającej 65. rocznicę zbrodni katyńskiej (Zugriff am 13.10.2012 um 12:44)

11 Kaiser, Gerd: Katyn: das Staatsverbrechen - das Staatsgeheimnis. Berlin, 2002.

12 Schaubs, Martin: Streitfall Katyn. Die Wahrnehmung des Massakers in der sowjetrussischen, polnischen und westdeutschen Öffentlichkeit 1980-2000. Marburg, 2008.

13 Kadell, Franz: Katyn: Das zweifache Trauma der Polen. München, 2011.

14 Kadell, Franz: Katyn-Lüge. Geschichte einer Manipulation. Fakten, Dokumente und Zeugen. München, 1991.

15 Jažborovskaja, Inessa S.: Katynskij sindrom v sovetsko-polʹskich i rossijsko-polʹskich otnošenijach. Moskva, 2009.

16 Lebedeva, Natalʹja S.: Katyn’: prestuplenie protiv čelovečestva. Moskva, 1994.

17 Semirjaga, Michail I.: Tajny stalinskoj diplomatii 1939-1941. In: http://militera.lib.ru/research/semiryaga1/04.html (Letzter Zugriff am 15.11.2012 um 12:57)

18 Mackiewicz, Józef: Katyń. Zbrodnia bez sądu i kary. In: http://www.katyn- books.ru/archive/polish/Zbrodnia_katynska_1.html (Letzter Zugriff am 15.11.2012 um 13:07)

19 Anders, Władislaw: Bez ostatniego rozdziału. In: http://www.youtube.com/watch?v=_uqY8L6I2UU (Letzter Zugriff am 18.11.2012 um 08:06)

20 Anders, Władislaw: Bez ostatniego rozdziału. In: http://www.youtube.com/watch?v=_uqY8L6I2UU (Letzter Zugriff am 30.10.2012 um 22:01)

21 Vgl.: Mlečin, Leonid: Osobaja papka. Katyn (2004) http://video.mail.ru/mail/irin54/15649/19626.html (Letzter Zugriff am 29.10.2012 um 13:56)

22 Łoziński, Marcel: Las Katyński. In: http://www.youtube.com/watch?v=KgmCVzDWLQ0 (Letzter Zugriff am 01.11.2012 um 09:03)

23 Reč Donalda Tuska na sovmestnych rossijsko-pol'skich traurnych meroprijatijach, posvjaščennych 70-letnej godovščine rasstrela organami NKWD polskich oficerov pod Smolenskom, v Tveri, Charkove i drugich mestach 07.04.2010 http://www.polithistory.ru/memorialnyy-kompleks-katyn (Letzter Zugriff am 02.11.2012 um 20:57)

24 Kadell, Franz: Katyn: Das zweifache Trauma der Polen. S. 157.

25 Volksrepublik Polen

26 Jeden dzień w PRL http://www.youtube.com/watch?v=YUPU0l8_Vos (Letzter Zugriff am 03.11.2012 um 12:13) 10

27 Katyń - ludobójstwo i propaganda (1993) http://www.youtube.com/watch?v=ZD7QKGOeZ9o (Letzter Zugriff am 03.11.2012 um 15.11)

28 Schaubs, Martin: Streitfall Katyn. Die Wahrnehmung des Massakers in der sowjetrussischen, polnischen und westdeutschen Öffentlichkeit 1980-2000. S.29.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Katyń - gestern und heute
Untertitel
Die Veränderungen der offiziellen Einstellungen der sowjetischen/russischen Elite zum Thema Katyń im Laufe der politischen Wandlungen in der Sowjetunion/Russland
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Slavistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
46
Katalognummer
V215206
ISBN (eBook)
9783656459071
ISBN (Buch)
9783656459330
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Zitaten sind auf Polnisch und auf Russisch
Schlagworte
Katyń, Aufarbeitung der Geschichte in Russland, stalinistische Verbrechen, Vergangenheitsbewältigung in Russland, Erinnerungspolitik in Russland, Katyń-Problematik, Katyń-Frage, Die Geburt der Katyń-Lüge, Das Thema Katyń in der UdSSR und in Russland, Lösungsperspektiven der Katyń-Problematik, Die offizielle Position der Russischen Föderation zur Erschiessung in Katyń, Katyń im polnischen Bewusstsein
Arbeit zitieren
Ivan Kulnev (Autor), 2013, Katyń - gestern und heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215206

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