Im Durchschnitt sterben in Deutschland pro Tag drei Kinder und Jugendliche allein in Folge von Unfällen (Verkehrs-, Haus- und Freizeitunfälle), vorsätzlicher Selbstbeschädigung oder Gewalt (vgl. Tagesspiegel 2012). Mit einem plötzlichen Tod verlieren nicht nur die Eltern ein Kind, sondern auch die verbliebenen Geschwister einen Bruder oder eine Schwester. Da die Familie in Deutschland häufig nur drei oder vier Familienmitglieder umfasst, verursacht der Tod eines Mitglieds einschneidende familiäre Strukturprobleme (vgl. Feldmann 1997: 54) und manche Geschwister werden dadurch zu Einzelkindern. Dieses kritische Lebensereignis stellt für die ganze Familie einen einzigartigen Verlust, eine individuelle und kollektive Herausforderung sowie eine Grenzerfahrung dar (vgl. Fässler-Weibel 1993: 228; vgl. Meitzler 2012: 24).
Der Geschwistertod nimmt den lebenden Geschwistern eine bedeutende zwischenmenschliche Beziehung, die einen großen Einfluss auf ihre Identitätsbildung hat, denn „die Beziehung zu unseren Brüdern und Schwestern ist der Schlüssel zu unserem Selbstverständnis“ (DeVita-Raeburn 2004: 14). Geschieht der Todesfall unerwartet während der Adoleszenz, kann diese stressauslösende Erfahrung die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit den wichtigen Entwicklungsaufgaben einschränken. Die Adoleszenz ist allein aufgrund der zahlreich stattfindenden normativen Veränderungen eine herausfordernde Lebensphase, weswegen gerade Jugendliche eine positive soziale Unterstützung benötigen, um das kritische Lebensereignis zu bewältigen, einen symptomatischen Entwicklungsverlauf entgegenzuwirken (vgl. Fässler-Weibel 1993: 228) und um sich altersgerecht zum „vollwertigen und verantwortlichen Gesellschaftsmitglied“ zu entwickeln (Hurrelmann 2007: 36).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Adoleszenz und Geschwisterbeziehung
2.1 Adoleszenz – Anforderungen und Herausforderungen
2.2 Bedeutung der Geschwisterbeziehung
3 Stress durch Geschwistertod
3.1 Stress und kritische Lebensereignisse
3.2 Persönliche Stressfaktoren nach einem Geschwistertod
3.3 Familiäre Stressfaktoren aufgrund eines Geschwistertodes
3.4 Physische und psychische Folgen
3.5 Zusammenfassung
4 Coping mit dem Geschwistertod
4.1 Coping-Konzept und Trauerprozess
4.2 Persönliche funktionale und dysfunktionale Copingstrategien
4.3 Familiäre Einflussfaktoren auf das Coping
4.4 Einflussfaktoren des sozialen Umfeldes: Peers und Schule
4.5 Gesellschaftliche Einflussfaktoren
4.6 Zusammenfassung
5 Resilienz und Geschwistertod
6 Fazit und Ausblick
7 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychischen Auswirkungen und Bewältigungsmechanismen von Jugendlichen, die während der Adoleszenz den Tod eines Geschwisters erleben. Dabei wird insbesondere analysiert, welche Faktoren den Trauerprozess negativ beeinflussen oder eine resiliente Entwicklung fördern können.
- Die Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz und ihre Störung durch Verlusterfahrungen.
- Persönliche und familiäre Stressoren nach einem Geschwistertod.
- Die Wirksamkeit funktionaler versus dysfunktionaler Copingstrategien bei Jugendlichen.
- Einflussfaktoren des sozialen Umfelds (Familie, Peers, Schule) auf die Trauerbewältigung.
- Resilienzfaktoren als Schutzmechanismen für die persönliche und familiäre Adaption.
Auszug aus dem Buch
3.2 Persönliche Stressfaktoren nach einem Geschwistertod
Jugendliche haben aufgrund ihrer kognitiven Reifung ein ähnliches Auffassungsvermögen über das abstrakte Todeskonzept und seine Endgültigkeit wie Erwachsene. Sie begreifen die Bedeutung und das Todesausmaß vollkommen und können dieses gut nachvollziehen (vgl. Haig 1990 zit. nach Forward/Garlie 2003: 24). Im Gegensatz zu Erwachsenen aber halten sie an ihrer Allmächtigkeit fest und glauben, auf Geschehnisse einen Einfluss nehmen zu können. So fühlen sie sich zum Beispiel für den Tod des Geschwisters verantwortlich, weil sie davon überzeugt sind, diesen hätten verhindern zu können (vgl. Rosen 1991: 10).
Mit dem Tod des Bruders oder der Schwester verlieren Heranwachsende nicht nur ein Familienmitglied, sondern auch eine wichtige Bezugsperson, einen besten Freund/ eine beste Freundin sowie ein Vorbild (vgl. Davies 1995 zit. nach Packman et al. 2006: 820) und damit zugleich Unterstützung, Orientierung, Intimität und Schutz. Jugendliche aus der Studie von Forward und Garlie (2003) betonten die Wichtigkeit ihrer Geschwisterbeziehung und wie diese ihnen durch den Tod genommen wurde, sodass sie sich ohne ihren Bruder oder ihrer Schwester allein gelassen und einsam fühlen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Geschwistertodes während der Adoleszenz ein und definiert das Forschungsziel sowie den Aufbau der Arbeit.
2 Adoleszenz und Geschwisterbeziehung: Dieses Kapitel erläutert die Anforderungen der Adoleszenz als Entwicklungsphase und die fundamentale Bedeutung der Geschwisterbeziehung für die Identitätsbildung.
3 Stress durch Geschwistertod: Hier werden theoretische Stressansätze vorgestellt und spezifische persönliche sowie familiäre Stressfaktoren analysiert, die durch einen Todesfall entstehen.
4 Coping mit dem Geschwistertod: Dieses Kapitel beschreibt verschiedene Coping-Konzepte und untersucht, welche Strategien sich funktional oder dysfunktional auf die Trauerbewältigung von Jugendlichen auswirken.
5 Resilienz und Geschwistertod: Hier wird der Begriff der Resilienz eingeführt und erläutert, welche individuellen und familiären Schutzfaktoren Jugendliche bei der Bewältigung unterstützen können.
6 Fazit und Ausblick: Das Fazit führt die zentralen Ergebnisse zusammen und formuliert den Bedarf an weiteren Untersuchungen zum Thema.
7 Literaturverzeichnis: Umfassende Auflistung aller zitierten Quellen.
Schlüsselwörter
Geschwistertod, Adoleszenz, Stressbewältigung, Coping, Resilienz, Identitätsbildung, Trauerprozess, Familiendynamik, Sozialhilfe, Schutzfaktoren, Verlusterfahrung, Krisenbewältigung, Familienstrukturen, psychische Gesundheit, Jugendalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen eines plötzlichen Geschwistertodes auf Jugendliche in der Adoleszenz und untersucht, wie Stressfaktoren, individuelle Copingstrategien und Resilienzfaktoren den Entwicklungsprozess beeinflussen.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit gliedert sich in die drei Hauptschwerpunkte Stress, Coping und Resilienz im Kontext der Adoleszenz und familiärer Trauersituationen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, das Ausmaß der Verlusterfahrung und die dazugehörigen Stressoren zu überblicken sowie Faktoren zu identifizieren, die ein gesundes Coping und die Resilienz der betroffenen Jugendlichen positiv beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde zur Erkenntnisgewinnung verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturrecherche, die Einbeziehung empirischer Studien aus dem europäischen und englischsprachigen Raum sowie die qualitative Veranschaulichung durch Zitate Betroffener.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Anforderungen der Adoleszenz, die Stressfaktoren durch den Tod eines Geschwisters auf persönlicher und familiärer Ebene, die verschiedenen Bewältigungsstrategien sowie die Bedeutung der Resilienz für das persönliche Wachstum nach dem Verlust.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Adoleszenz, Geschwistertod, Resilienz, Coping, Trauerprozess, Stressfaktoren und soziale Unterstützung.
Wie wirkt sich die familiäre Atmosphäre nach einem Geschwistertod auf Jugendliche aus?
Eine offene, kommunikative und unterstützende familiäre Atmosphäre kann den Bewältigungsprozess fördern, während Schweigen, Überbehütung oder Schuldzuweisungen den Prozess blockieren und Stress weiter erhöhen können.
Warum ist der soziale Rückzug von Peers für Jugendliche nach dem Verlust so kritisch?
Peers sind während der Adoleszenz eine wichtige Quelle der Identitätsbildung und sozialen Unterstützung. Ein Rückzug führt oft zur Vereinsamung und verhindert die erfolgreiche Integration des Verlusts in den weiteren Entwicklungsverlauf.
Welche Rolle spielt die Schule bei der Unterstützung trauernder Schüler?
Die Schule kann durch ein strukturiertes Umfeld Sicherheit bieten, weist jedoch oft Defizite in der Sensibilisierung der Lehrkräfte auf, was dazu führen kann, dass Trauerreaktionen als mangelnde Leistungsbereitschaft missdeutet werden.
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- Katharina Varfolomeev (Author), 2012, Geschwistertod während der Adoleszenz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215272