Geschwistertod während der Adoleszenz

Wie sich Stress, Coping und Resillienz auf den Entwicklungsverlauf des Jugendlichen nach dem Todesfall auswirken


Bachelorarbeit, 2012

61 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Adoleszenz und Geschwisterbeziehung
2.1 Adoleszenz - Anforderungen und Herausforderungen
2.2 Bedeutung der Geschwisterbeziehung

3 Stress durch Geschwistertod
3.1 Stress und kritische Lebensereignisse
3.2 Persönliche Stressfaktoren nach einem Geschwistertod
3.3 Familiäre Stressfaktoren aufgrund eines Geschwistertodes
3.4 Physische und psychische Folgen
3.5 Zusammenfassung

4 Coping mit dem Geschwistertod
4.1 Coping-Konzept und Trauerprozess
4.2 Persönliche funktionale und dysfunktionale Copingstrategien
4.3 Familiäre Einflussfaktoren auf das Coping
4.4 Einflussfaktoren des sozialen Umfeldes: Peers und Schule
4.5 Gesellschaftliche Einflussfaktoren
4.6 Zusammenfassung

5 Resilienz und Geschwistertod

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„In [1] der Art, wie ein Mensch sein unabwendbares Schicksal auf sich nimmt, mit diesem Schicksal all das Leiden, das es ihm auferlegt, darin eröffnet sich auch noch in den schwierigsten Situationen und noch bis zur letzten Minute des Lebens eine Fülle von Möglichkeiten, das Leben sinnvoll zu gestalten.“ (Frankl 2005)

Im Durchschnitt sterben in Deutschland pro Tag drei Kinder und Jugendliche allein in Folge von Unfällen (Verkehrs-, Haus- und Freizeitunfälle), vorsätzlicher Selbstbeschädigung oder Gewalt (vgl. Tagesspiegel 2012). Mit einem plötzlichen Tod verlieren nicht nur die Eltern ein Kind, sondern auch die verbliebenen Geschwister einen Bruder oder eine Schwester. Da die Familie in Deutschland häufig nur drei oder vier Familienmitglieder umfasst, verursacht der Tod eines Mitglieds einschneidende familiäre Strukturprobleme (vgl. Feldmann 1997: 54) und manche Geschwister werden dadurch zu Einzelkindern. Dieses kritische Lebensereignis stellt für die ganze Familie einen einzigartigen Verlust, eine individuelle und kollektive Herausforderung sowie eine Grenzerfahrung dar (vgl. Fässler-Weibel 1993: 228; vgl. Meitzler 2012: 24).

Der Geschwistertod nimmt den lebenden Geschwistern eine bedeutende zwischenmenschliche Beziehung, die einen großen Einfluss auf ihre Identitätsbildung hat, denn „die Beziehung zu unseren Brüdern und Schwestern ist der Schlüssel zu unserem Selbstverständnis“ (DeVita- Raeburn 2004: 14). Geschieht der Todesfall unerwartet während der Adoleszenz, kann diese stressauslösende Erfahrung die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit den wichtigen Entwicklungsaufgaben einschränken. Die Adoleszenz ist allein aufgrund der zahlreich stattfindenden normativen Veränderungen eine herausfordernde Lebensphase, weswegen gerade Jugendliche eine positive soziale Unterstützung benötigen, um das kritische Lebensereignis zu bewältigen, einen symptomatischen Entwicklungsverlauf entgegenzuwirken (vgl. Fässler-Weibel 1993: 228) und um sich altersgerecht zum „vollwertigen und verantwortlichen Gesellschaftsmitglied“ zu entwickeln (Hurrelmann 2007: 36).

Das soziale Umfeld lässt jedoch lebende Geschwister bei ihrer Trauer oft allein oder behandelt sie unangemessen, weil vielen die Bedeutung und das Ausmaß des Geschwisterverlustes unbewusst sind (vgl. Kübler-Ross 2003 zit. nach Haustein 2007: 3). Im Allgemeinen erhält der Verlust eines Elternteils oder eines Kindes mehr Beachtung in der Gesellschaft. So bekommen beispielsweise die Eltern nach einem Tod des Geschwisterkindes in der Regel mehr Anteilnahme als die lebenden Geschwister. Die wissenschaftliche Aufmerksamkeit bezüglich des Geschwistertodes und dessen möglichen traumatischen Folgen für die verbliebenen Geschwister, die bis ins Erwachsenenalter andauern können, ist erst vor weniger als dreißig Jahren gestiegen. Ein möglicher Grund dafür ist, dass das Interesse an der Geschwisterbeziehung und ihrer Bedeutung als Forschungsgegenstand noch recht jung ist. Viele der wenigen Fachleuten, die sich mit dem Geschwistertod auseinandersetzen, sind häufig selbst Betroffene, die einen Bruder oder eine Schwester verloren haben (vgl. DeVita- Raeburn 2004: 14f.). Aus diesem Grund existieren auch heute nur wenig Fachliteratur und wenige wissenschaftliche Studien über den Geschwistertod während der Adoleszenz. Ebenso sind Familiendynamiken, familiäre und umweltbezogene Einflussfaktoren auf den Trauerprozess der Jugendlichen sowie Schutzfaktoren im Bezug auf diese Thematik kaum untersucht worden. Dabei ist dieses Thema nicht nur für betroffene Jugendlichen und ihre Familien relevant, sondern auch für Wissenschaftler, kirchliche Mitarbeiter, Sozialarbeiter, Therapeuten und Pädagogen.

Ein plötzlicher Tod eines Bruders oder einer Schwester während der Adoleszenz hinterlässt zwar Spuren für das ganze Leben, dennoch sind Jugendliche fähig, so einen Schicksalsschlag zu verarbeiten und an dieser erschütternden Erfahrung zu wachsen. Folglich stellt sich die Frage: Welche Faktoren verhindern einen symptomatischen Entwicklungsverlauf und fördern stattdessen ein günstiges Coping und die Resilienz der Jugendlichen nach einem unerwarteten Geschwistertod?

Um diese Fragestellung zu beantworten, beschäftigt sich diese wissenschaftliche Arbeit mit drei Themenschwerpunkten: Stress, Coping und Resilienz. Ihr Zusammenspiel ist entscheidend für die Adaptation der Jugendlichen an die veränderte Situation nach dem Todesfall. Das Ziel ist, einerseits das Ausmaß der Verlusterfahrung, d.h., die persönliche und familiäre Situation sowie Stressoren der Jugendlichen nach dem Geschwistertod zu überblicken. Anderseits Einflussfaktoren, die das Coping und die Resilienz positiv beeinflussen, herauszuarbeiten. Das hilft den Betroffenen, der sozialen Umwelt und den Fachleuten, die Situation nach einem solchen kritischen Lebensereignis nachzuvollziehen, mögliche ungünstige Faktoren zu erkennen und zu reduzieren sowie günstige Faktoren und die Resilienz der Jugendlichen und ihrer Familie zu stärken. Dazu werden Zitate der Betroffenen aufgeführt, um Aussagen zu veranschaulichen oder zu bekräftigen, sie werden aber nicht analysiert. Zudem werden empirische Studien aus dem europäischen und englischsprachigen Raum vorgestellt, die Erkenntnisse zum Thema „Geschwistertod während der Adoleszenz“ stützen.

Im nachfolgenden wird der inhaltliche Aufbau dieser wissenschaftlichen Arbeit skizziert. Zunächst werden im zweiten Kapitel der Begriff „Adoleszenz“ definiert sowie die Charakteristiken und Entwicklungsaufgaben dieser Lebensphase vorgestellt, was zum allgemeinen Überblick über die Situation der Jugendlichen dient (2.1). Anschließend werden Merkmale einer Geschwisterbeziehung sowie ihre Funktion während der Adoleszenz erläutert, um die Bedeutung des Geschwisters und folglich die Relevanz dessen Verlustes nachzuvollziehen (2.2).

Das Thema Stress spielt im dritten Kapitel die zentrale Rolle, weil der Geschwistertod ein stressauslösender Faktor ist und ein Risiko für die Gesundheit und die Entwicklung der Jugendlichen darstellt. Aus diesem Grund wird zuerst erläutert, was Stress sowie ein kritisches Lebensereignis generell bedeuten (3.1). Danach werden mögliche persönliche (3.2) und familiäre Stressfaktoren (3.3) aufgeführt, mit denen sich Jugendliche explizit nach dem Geschwistertod auseinandersetzen. Das Kapitel endet mit einer Darstellung der möglichen Auswirkungen von Stress auf die physische und psychische Gesundheit (3.4).

Da die Stressfolgen auch von deren Bewältigung abhängen, wird im vierten Kapitel die Bedeutung des Copings erläutert. Zudem werden der Trauerprozess und die Trauerphasen vorgestellt (4.1). Auch hier spielen unterschiedliche Einflussfaktoren eine Rolle, die sowohl eine günstige als auch eine ungünstige Wirkung auf den Trauerprozess haben können. Deswegen werden hier Copingstrategien herausgearbeitet, um zu erfahren, welche sich funktional beziehungsweise dysfunktional auf die Trauerbewältigung der Jugendlichen auswirken (4.2). Dann werden Einflussfaktoren der Familie (4.3), der Freunde (4.4), der Schule (4.4) und der Gesellschaft (4.5) aufgezeigt, die bei der Bewältigung zusätzlich förderlich oder hinderlich sein können.

Im fünften Kapitel folgt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Resilienz“ und ihren Schutzfaktoren, die sich positiv auf den Stress auswirken, funktionales Coping begünstigen und zusätzlich einen positiven Entwicklungsverlauf und ein persönliches Wachstum des Jugendlichen und seiner Familie nach einem Geschwistertod fördern.

Das sechste Kapitel führt abschließend zentrale Ergebnisse dieser Arbeit zusammen und formuliert einen Ausblick auf das Thema „Geschwistertod während der Adoleszenz“.

2 Adoleszenz und Geschwisterbeziehung

2.1 Adoleszenz - Anforderungen und Herausforderungen

Seit dem 20. Jahrhundert gehört die Adoleszenz, auch Jugend, Jugendphase oder Teenageralter genannt (vgl. Fuchs-Heinritz at al. 2011: 17; vgl. Steinberg 2002: 3), zu einer eigenständigen Lebensphase eines Menschen (vgl. Hurrelmann 2007: 20ff.). Der Begriff „Adoleszenz“ leitet sich vom lateinischen Verb „adolescere“ ab und bedeutet „ins Erwachsenenalter hineinwachsen“ (vgl. Steinberg 2002: 3). So beschreibt die Adoleszenz eine Entwicklungsphase zwischen der Kindheit und dem Erwachsenalter, die wichtige Reifungsprozesse sowie psychische und psychosoziale Veränderung umfasst (vgl. Charlton et al. 2003: 161f.).

Üblicherweise beginnt das Jugendalter mit der Geschlechtsreife (Pubertät) und endet mit dem Erreichen des Erwachsenseins,[2] d.h., wenn primär kognitive, emotionale, verhaltensbezogene und finanzielle Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstkontrolle erreicht ist (vgl. Fuchs-Heinritz at al. 2011: 17; vgl. Arnett/Taber 1994 & Elliott/Feldman 1990 zit. nach Gelhaar 2010: 57). Die Entwicklungsaufgaben wie Identitätsbildung, Entwicklung der intellektuellen und sozialen Kompetenzen, Aufbau eines Normen- und Wertesystems sowie das sozio-emotionale Loslösen von der Herkunftsfamilie spielen dabei eine wesentliche Rolle (vgl. Reinders 2004: 1; vgl. Hurrelmann 2007: 33ff.). Jugendliche setzen sich aktiv und produktiv mit ihren inneren und äußeren Lebensbedingungen auseinander und gestalten ihr Leben selbstständig und kreativ. So bereitet sie die Adoleszenz auf ihre eigenständige Zukunft und ihr Leben im Beruf, in der Partnerschaft oder Familie, im Konsummarkt und in der Gesellschaft als politischen Bürger vor (vgl. Hurrelmann 2007: 34f., 41).

Die Adoleszenz unterscheidet sich von der Kindheit und dem Erwachsenenalter insbesondere durch plötzliches Einsetzen der biologischen, physiologischen, hormonellen und kognitiven Reifungsprozesse. Aufgrund des körperlichen Wachstums und der Entwicklung der sekundären Geschlechtsorgane verändert sich das äußere Erscheinungsbild der Mädchen wie Jungen erheblich (vgl. Graber at al. 1996 zit. nach Steinberg 2002: 5). Zusätzlich gewinnen Sexualität und soziale Beziehungen aufgrund der Fortpflanzungsfähigkeit einen neuen Charakter und eine neue Relevanz im Leben der Jugendlichen (vgl. Charlton et al. 2003: 162). Kognitive Veränderungen ermöglichen ein hypothetisches, abstraktes, multidimensionales und logisches Denken, das sich an kognitive Fähigkeiten eines Erwachsenen annähert (vgl. Moshman 1998 zit. nach Steinberg 2002: 6). Zudem durchlaufen Jugendliche verschiedene soziale Transformationen, wodurch sich auch ihr sozialer Status verändert. Sie bekommen neue soziale Rollen und Pflichten auferlegt und erhalten gleichzeitig mehr Rechte. Das bedeutet auch, dass sie mehr Verantwortung übernehmen und sich zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden müssen. Folglich verändert sich das Selbstbild der Jugendlichen, sodass sie sich selbst, aber auch ihr soziales Umfeld und die Welt an sich anders wahrnehmen (vgl. Steinberg 2002: 5ff.).

Die Adoleszenz ist ein grundlegender Lebensabschnitt, in dem sich Basisstrukturen der Identität (vgl. Seiffge-Krenke 1995 zit. nach Hurrelmann 2007: 31), eine kontinuierliche Selbstwahrnehmung, Selbstbewertung und Selbstreflexion verstärkt entwickeln (vgl. Krappmann 1979 zit. nach Hurrelmann 2007: 30). Die Beschäftigung mit den existenziellen Fragen „Wer bin ich?“, „Woher stamme ich?“, „Was macht mich einzigartig?“, „Wer will ich sein?“ und „Wie gestalte ich mein Leben oder meine Zukunft?“ treten in den Vordergrund (vgl. Steinberg 2002: 258; vgl. Charlton et al. 2003: 163, 172). Die Jugendlichen reflektieren dabei kritisch ihre eigene Person und die Gesellschaft, sodass sie intensiver auf der Suche nach eigener Identität, Orientierung, dem Lebenssinn und einem Platz in der Gesellschaft sind. Während dieser Suche können sie Orientierungs- und Selbstwertkrisen[3] entwickeln (vgl. Blos 1983 & Erikson 1981& Olbrich/Todt 1984 zit. nach Hurrelmann 2007: 31).

„Die meisten Jugendlichen empfinden sich hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Gefühlen, Höhen und Tiefen, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Euphorie und Depression gehen Hand in Hand. Sie können sich in keine Rolle richtig hineinfinden. Sie verweigern sich Angeboten und Forderungen der Erwachsenen und suchen doch noch nach (erwachsenen) Vorbildern...In allen Selbstbeschreibungen wird die Unsicherheit und die Suche nach dem Selbst greifbar.“ (Charlton et. al. 2003: 163)

Jedoch formt nach Erikson auch die Auseinandersetzung und Bewältigung dieser aufkommenden psychosozialen Krisen die Persönlichkeit (vgl. Steinberg 2002: 271f.), da Personen ihre Krisenbewältigung kreativ und individuell gestalten und somit Verantwortung für ihr Leben übernehmen (vgl. Starn 1973 zit. nach Hildenbrand 2010: 207f.). Außerdem ist ein „labiles“ Selbst während der Adoleszenz nötig, um mit der Vielfalt an Informationen und Anforderungen offen und flexibel umgehen zu können (vgl. Charlton et al. 2003: 164).

Ein weiteres wesentliches Merkmal der Adoleszenz und eine Veränderung im Leben der Jugendlichen ist der Wandel der Beziehungen zur Familie und zu Gleichaltrigen. Jugendliche sind in dieser Lebensphase verstärkt am Anschluss an ihre Peers[4] und an gemeinsamen Aktivitäten mit ihnen interessiert, sodass sie weniger Zeit mit ihrer Familie als zuvor verbringen (vgl. Steinberg 2002: 5ff.). Dieser Wandel ist laut Erikson wichtig, damit sich Jugendliche im Laufe der Adoleszenz, trotz fortbestehender Verbundenheit, innerlich und äußerlich von ihrer Herkunftsfamilie ablösen, um Autonomie zu gewinnen und ihre eigene Identität zu entwickeln (vgl. Kasten 2003: 110). Gleichaltrige können sich dabei gegenseitig unterstützen und sich zusätzlich bei umfangreichen gesellschaftlichen Anforderungen Orientierung geben (vgl. Hurrelmann 2007: 33).

In der heutigen Zeit müssen sich Jugendliche auch verstärkt mit dem sozialen Wandel und seinen Auswirkungen auseinandersetzen und sich immer wieder zügig an diese anpassen. Zudem wird die Jugend mit unterschiedlichen Erwartungen und Vorgaben der Eltern, Schule, Freunde, Medien und der Gesellschaft in Bezug auf die Adoleszenz konfrontiert, was eine zusätzliche Herausforderung und einen zunehmenden äußeren Druck für sie bedeutet (vgl. Charlton et al. 2003: 166; vgl. Hurrelmann 2007: 41; vgl. Coleman 1987 zit. nach Gelhaar 2010: 53).

„Jugendliche brauchen eine hohe Virtuosität des Verhaltens und eine große Kompetenz der Problemverarbeitung. Sie müssen früh einen eigenen Lebensstil entwickeln und einen Lebensplan definieren [...] Jugendliche benötigen einen ,inneren Kompass‘, um die vielfältigen Handlungsanforderungen und Widersprüche bei der Einräumung von persönlicher Autonomie flexibel und sinnvoll zu bewältigen und ein Bild von der eigenen Persönlichkeit zu entwerfen. Können sie den Kompass installieren, dann haben sie große Spielräume für eine Selbstorganisation ihrer Persönlichkeit.“ (Hurrelmann 2007: 42)

Allumfassend müssen sich Jugendliche während der Adoleszenz mit vielseitigen Veränderungen sowie neuen Anforderungen und Herausforderungen aktiv auseinandersetzen, was jedoch Unsicherheit, Unbehagen oder Ängste bezüglich eigener Person, ihrer Zukunft und ihrer sozialen Rolle hervorrufen kann (vgl. Steinberg 2002: 5ff.). Dadurch werden sie mit einer Vielzahl an Stressoren[5] konfrontiert, die sie innerhalb einer kurzen Zeitspanne bewältigen müssen (vgl. Flammer/Alsaker 2002 & Oerter/Dreher 2002 zit. nach Gelhaar 2010: 53). Diese stressreiche Situation lässt sich außer der frühen Kindheit bei keiner anderen Entwicklungsphase beobachten (vgl. Lerner 2002 zit. nach Gelhaar 2010: 53). Trotz allem gelingt es der Mehrheit der Jugendlichen, diese Lebensphase und die dazu gehörigen Entwicklungsaufgaben zu meistern, weil deren Bewältigung oft sukzessiv abläuft (vgl. Ebata/Moos 1994 & Knebel/Seiffge-Krenke 2007 zit. nach Gelhaar 2010: 55). Dagegen steigt das Risiko für einen ungünstigen Entwicklungsverlauf, wenn zusätzlich ein nichtnormatives Lebensereignis wie zum Beispiel der Geschwistertod eintritt. Hierbei entsteht eine Anhäufung an Stressoren, die die Jugendlichen nicht mehr sukzessiv, sondern gleichzeitig und innerhalb einer kurzen Zeit zu bewältigen haben (vgl. Petersen et al. 1991 zit. nach Gelhaar 2010: 55; vgl. Fanos/Nickerson 1991: 80).

2.2 Bedeutung der Geschwisterbeziehung

„Das Verhältnis zwischen Geschwistern [ist, K.V.] insofern einzigartig, als sozusagen allein aufgrund der verwandtschaftlichen Bande, [in der, K.V.] in der Regel eine tiefwurzelnde Bindung aufgebaut wird, die garantiert, dass man über Zeit und Raum hinweg einander gewogen bleibt und füreinander da ist.“ (Goetting 1986 zit. nach Kasten 2001)

Eine Geschwisterbeziehung[6] bleibt über die gesamte Lebensspanne konstant, obwohl sie sich währenddessen erheblich verändert. So sind Geschwister während der Kindheit oft sehr verbunden und verbringen die meiste Zeit miteinander. Ihr Kontakt reduziert sich häufig während der Adoleszenz und nimmt im Erwachsenalter noch weiter ab, wenn Beruf, Partnerschaft und eigene Kinder in den Vordergrund rücken. Die Nähe nimmt aber oftmals wieder im höheren Lebensalter verstärkt zu (vgl. Baier 2012; vgl. Circirelli 1995 & Bedford 1993 zit. nach Sohni 2004: 20).

Eine Geschwisterbeziehung verbindet eine gemeinsame Geschichte, die sich aus dem gemeinsamen Aufwachsen und dem lebenslangen Austausch an Erfahrungen und Erinnerungen herausbildet (vgl. Kahn 1995 zit. nach Sohni 2004: 20). Sie ist zudem die längste und fast egalitärste zwischenmenschliche Beziehung (vgl. Schneewind 1995: 160), die sich, wie die Familie im Allgemeinen, durch Nicht-Austauschbarkeit, Unkündbarkeit der Personen sowie ihre gegenseitige affektive Solidarität charakterisiert (vgl. Hildenbrand 2005: 12). Die Solidarität äußert sich überwiegend durch gegenseitige Verpflichtungen, Verantwortung, Hilfsbereitschaft und Hilfeleistung. Zwischen den Geschwistern kann ein Höchstmaß an Intimität, aber auch eine Ambivalenz bezüglich ihrer Emotionen zueinander entstehen. Einerseits empfinden und sehnen sie sich nach Verbundenheit, Zusammengehörigkeit, Nähe, Liebe und Zuneigung, anderseits streben sie nach Abgrenzung und Distanz oder empfinden Hass und Abneigung (vgl. Kasten 2003: 152f.). Auch Gefühle wie Neid, Eifersucht und Rivalität können zwischen Geschwistern entstehen. Die Voraussetzung für sie stellt zwar die emotionale Nähe zwischen den Geschwistern dar: „Mit einer Person, die einem gefühlsmäßig gleichgültig ist, in Rivalität zu treten, bietet keinen Anreizwert.“ (Kasten 1993: 168 zit. nach Kasten 2001: 11). Jedoch werden diese Gefühle oft durch den unterschiedlichen elterlichen Umgang mit dem jeweiligen Geschwisterkind und dem verbundenen Gefühl der Benachteiligung beziehungsweise Bevorzugung ausgelöst (vgl. Felson/Russo 1988 zit. nach Kasten 2001: 9). Ebenfalls werden Vergleichsprozesse sowie das Konkurrenzverhalten zwischen Geschwistern und somit ihre Rivalität durch die leistungsorientierte Gesellschaft verstärkt (vgl. Kasten 2001: 9).

Eine horizontale, also auf eine Gleichheit beruhende Geschwisterbeziehung ergänzt die vertikale Eltern-Kind-Beziehung, die durch eine hierarchische Position und die Autorität geprägt ist. Aus diesem Grund entstehen zwischen Eltern und Geschwistern unterschiedliche Interaktionsmuster und Funktionen. So bilden sich innerhalb der Geschwisterbeziehung insbesondere soziale Kompetenzen sowie ein Verständnis über Kooperation, Gegenseitigkeit, Solidarität, Gleichheit, Gerechtigkeit und wechselseitige Anerkennung heraus. Die gesammelten Erfahrungen innerhalb der Geschwisterbeziehung beeinflussen spätere horizontale Beziehungen, zum Beispiel zu Gleichaltrigen (vgl. Sohni 2004: 22f., 27). Demnach sind Geschwister wichtige Übergangsobjekte, die eine Verbindung zwischen Eltern und Freunden oder dem/der PartnerIn sowie zwischen der Familie und der Gesellschaft herstellen (vgl. Ley 1995: 108f.).

Während der Adoleszenz spielen Geschwister oft eine zentrale Rolle als Begleiter, Vertraute, Vorbilder und Konkurrenten (vgl. ebd.: 107f.). Sie sind wichtige Bezugspersonen, weil sie den Jugendlichen, ähnlich wie ihre Gleichaltrigen, die nötige emotionale Unterstützung, Intimität und Orientierung geben können, die sie während den turbulenten Zeiten der Adoleszenz brauchen und suchen (vgl. Olivia/Arranz 2005: 254). Da sich Geschwister oft sehr gut kennen, können sie ihre Belange gegenseitig besser verstehen und dadurch einander effektiver helfen (vgl. Ley 1995: 106). Dieser emotionale Zugang ist besonders bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern hoch, die altersgemäß nah beieinander liegen (Der Altersunterschied beträgt hierbei weniger als acht Jahre) (vgl. Bank/Kahn, 1989: 14 zit. nach Kasten 2001: 6). Außerdem sind Jugendliche eher dazu bereit die Unterstützung ihrer Geschwister anzunehmen als die ihrer Eltern (vgl. Sohni 2004: 22f.). Viele jüngere Geschwister richten sich verstärkt nach ihrem älteren Bruder oder ihrer älteren Schwester und versuchen, die Intimität untereinander aufrechtzuhalten (vgl. Buhrmester 1992 & Tucker at al. 1997 zit. nach Olivia/Arranz 2005: 254). Auch bei kritischen Lebensereignissen können Geschwister das Bewältigungspotential des Anderen fördern und stärken (vgl. Bedford 1989 zit. nach Kasten 2001: 6). Zwar verändert sich die Geschwisterbeziehung während der Adoleszenz, weil sich Geschwister voneinander distanzieren und zwischen ihnen Streitereien häufig zunehmen (vgl. Cole 1996 zit. nach Olivia/Arranz 2005: 253), jedoch nehmen Konflikte im Laufe der Adoleszenz wieder ab (vgl. Updegraff et al. 2002 zit. nach Olivia/Arranz 2005: 254). Außerdem ist die Beziehung zwischen den Geschwistern nie ausschließlich durch den Streit geprägt, sondern baut immer wieder auf gegenseitige Hilfe und soziale Unterstützung auf (vgl. Steinberg/Morris 2001 zit. nach Olivia/Arranz 2005: 254). Ferner bleibt die Intimität zwischen ihnen während der Jugendphase stabil und steigt manchmal sogar leicht an (vgl. Updegraff et al. 2002 zit. nach Olivia & Arranz 2005: 254). Ergebnisse aus der Studie von Olivia und Arraz (2005) verdeutlichen die überwiegende positive Einstellung der Jugendlichen bezüglich ihrer Geschwisterbeziehung und die Bedeutung der Geschwister füreinander. So fühlten sich 63,2% von 464 Jugendlichen glücklich innerhalb ihrer Geschwisterbeziehung und 41,5% gaben an, dass ihre Geschwister, vor allem aufgrund der bestehenden Freundschaft, der Kameradschaft, des Vertrauens und der Intimität zwischen ihnen für sie wichtig seien. Nur die Wenigsten, weniger als 5%, äußerten sich negativ bezüglich ihrer Geschwisterbeziehung: Sie empfanden das Teilen und alltägliches Kritisieren seitens ihrer Geschwister als nachteilig (vgl. Olivia/Arranz 2005: 260f.).

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Geschwisterbeziehung während der Adoleszenz ist der prägende Einfluss der Geschwister, zusätzlich zu den Eltern, auf die Identitätsbildung und soziale Rolle der Jugendlichen (vgl. Erikson 1964 zit. nach Hogan/Greenfield 1991: 100). Die Identität wird dabei durch dynamische Interaktionen innerhalb des vertrauten Familienmilieus geformt (vgl. Hildenbrand 2005: 12):

“Sibling relationships are the total of the interactions (physical, verbal, and nonverbal communication) of two or more individuals who share knowledge, perceptions, attitudes, beliefs, and feelings regarding each other, from the time that one sibling becomes aware of the other.” (Cicirelli 1995:4)

Ebenso entsteht zwischen Geschwistern eine Dynamik der Identifikations- und Differenzierungsprozesse. Einerseits können sie sich miteinander identifizieren, weil sie durch die gemeinsame Interaktion voneinander lernen und Gemeinsamkeiten entwickeln. Sie beobachten und imitieren bestimmte Verhaltensweisen des Anderen. Anderseits versuchen sie sich voneinander abzugrenzen und Unterschiede aufzuzeigen, so wollen sie sich individualisieren und ihre Einzigartigkeit betonen (vgl. Bank/Kahn 1976 & Sulloway 1996 zit. nach Wong et al. 2010: 674). Nach Willi (1996) bilden Geschwister ihre eigene Nische, in der sie sich individuell spezialisieren. Denn wenn sich die Nischen der Geschwister geringfügig überlappen, reduziert sich ihr Konkurrenzverhalten und jeder von ihnen erhält für seine eigene Nischenspezialisierung familiäre Beachtung und Wertschätzung (vgl. Willi 1996 zit. nach Cierpka 1999: 15f.). Geschwister mit demselben Geschlecht neigen verstärkt aufgrund der geschlechtlichen Ähnlichkeit sowohl zur Identifikation als auch zur Differenzierung. Auch altersmäßig nah beieinander liegende Geschwister versuchen sich eher voneinander zu differenzieren, genauso ältere Geschwister von ihren Jüngeren. Dagegen suchen Geschwister mit einem größeren Altersabstand stärker nach Identifikation (vgl. French 1984 & Benin/Johnson 1984 & Branje et al. 2004 zit. nach Wong et al. 2010: 674f.). Insbesondere während der Adoleszenz tendieren Jugendliche oft zu einem intensiven Bedürfnis entweder nach einer Identifizierung mit ihren Geschwistern oder nach einer Differenzierung von ihnen. Da extreme Tendenzen wie die Verschmelzung („wir sind eins“) oder die Verleugnung der Verbundenheit („wir haben nichts miteinander zu tun“) zum kurzzeitigen Identitätsverlust führen können, müssen sich Jugendliche während dieser Lebensphase mit ihrer Beziehung zu ihrem Bruder oder ihrer Schwester auseinandersetzen. Denn durch das Herausfinden und die Akzeptanz ihrer Gemeinsamkeiten und ihrer Unterschiede bilden Jugendliche ihre Identität (vgl. Sohni 2004: 32f.).

Die Geschwisterbeziehung ist eine wichtige und prägende zwischenmenschliche Verbindung, die auch für die Adoleszenz von einer großen Bedeutung ist. Demnach ist der Tod des Geschwisters während der Adoleszenz eine einschneidende Erfahrung (vgl. ebd.: 21), die sich auf Entwicklungsaufgaben und interpersonale Beziehungen der Jugendlichen auswirkt kann (vgl. Nagera 1970 & Balk 1983 zit. nach Rosen 1991: 5; vgl. Calvin/Smith 1986 zit. nach Forward/Garlie 2003: 25).

3 Stress durch Geschwistertod

3.1 Stress und kritische Lebensereignisse

In der Literatur existieren drei dominante theoretische Ansätze von der Stressdefinition: Stress als Reaktion, Stress als Transaktion und Stress als Reiz (vgl. Lyon 2005: 26). Im Fokus dieser Arbeit steht primär der reizorientierte Ansatz, weil der Geschwistertod einen Reiz darstellt. Die beiden anderen Ansätze werden aufgrund der Vollständigkeit dennoch kurz erläutert.

Der reaktionsbasierte Ansatz von Selye (1981) definiert Stress als eine „unspezifische Reaktion des Organismus auf jede Anforderung“ (Selye 1981). Diese äußert sich auf der körperlichen Ebene zum Beispiel als Muskelspannung, auf der kognitiv-emotionalen Ebene beispielsweise als Nervosität, Angst, Gefühl der Hilflosigkeit oder Selbstvorwurf und auf der behavioralen Ebene zum Beispiel als hastiges und gereiztes Verhalten oder Substanzgebrauch (vgl. Kaluza 2004: 14 zit. nach Eppel 2007:19f.). Der Geschwistertod löst bei Jugendlichen Stress in Form der Trauerreaktionen und der Traueremotionen aus. Typisch dafür sind Schlafstörungen, Alpträume, Unruhe, Infektionsanfälligkeit, Konzentrationsmangel, Schulprobleme, Hilflosigkeitsgefühl, Ohnmachtsgefühl, Phobien, Abnahme des Selbstwertgefühls, Suizidgedanken, Schock, Verwirrung, Schuldgefühle, Depressivität, Furcht, Angst, Einsamkeit oder Ärger (vgl. Balk 1983: 144ff.; vgl. Hogan/Greenfield 1991: 99).

Lazarus und Folkman (1984) entwickelten einen transaktionalen Ansatz, indem die Person­Umwelt-Transaktion eine zentrale Rolle spielt. Demnach entsteht Stress, wenn die Person ihre Situation als bedrohlich bewertet und die ihr zur Verfügung stehende Bewältigungsressourcen[7] als nicht ausreichend ansieht, um das aus dem Gleichgewicht geratene Person-Umwelt-Gefüge wiederherzustellen (vgl. Lazarus/Folkman 1984 zit. nach Weiß 1999: 24). Prozesse der affektiven und kognitiven Bewertung spielen dabei eine wichtige Rolle, weil jede Person eine Situation, ein kritisches Lebensereignis sowie deren Bewältigungsmöglichkeiten individuell deutet und bewertet (vgl. Lazarus 2000 zit. nach Filipp/Aymanns 2010: 26). Was für die eine Person Bedrohung ist, ist für die andere eine Herausforderung und umgekehrt (vgl. Frydenberg 1997:45). So tendieren zum Beispiel Personen mit einer pessimistischen Einstellung, einer geringen Selbstkontrolle oder einer emotionalen Instabilität eher dazu, eine Verlusterfahrung bedrohlich zu bewerten und ihre Gefühle in einer ungünstigen Art und Weise zu regulieren, als jene Menschen, die solche Eigenschaften weniger aufweisen (vgl. Nolen-Hoeksema/Larson 1999: 21). Ebenso neigen Mädchen während der Adoleszenz viel stärker dazu, Ereignisse und ihre Situation bedrohlicher zu interpretieren als Jungen (vgl. Seiffge-Krenke 1990 zit. nach Freydenberg 1997: 89).

Aus der Sicht des reizbasierten Ansatzes nach Holmes und Rahe (1967) stellt bereits ein Reiz beziehungsweise ein Stressor den Stress dar. Ihnen zufolge lösen alle Lebensveränderungen, Lebensereignisse und die Neuanpassung an diese Stress aus (vgl. Holmes/Rahe 1967 zit. nach Werner/Frost 2005:129). Dazu zählen zum Beispiel Entwicklungsaufgaben und normative Entwicklungsübergänge (z.B. Adoleszenz), physikalische (z.B. körperliche Verletzung) und soziale Stressoren (z.B. Mangel an Sicherheit und Anerkennung), normative (z.B. Geburt, Ablöseprozess) und nichtnormative Krisen (z.B. Tod eines Angehörigen, Unfall, Scheidung) sowie Alltagswidrigkeiten (z.B. Ärger und Enttäuschungen im Alltag) (vgl. Kaluza 2004: 27ff. zit. nach Eppel 2007: 22ff.). Dabei ist der Stress nicht zwingend negativ (Distress), sondern kann sich auf die Person je nach Stressor auch positiv (Eustress) auswirken (vgl. Holmes/Rahe 1967 zit. nach Werner/Frost 2005:129).

Die negative Wirkung eines Stressors auf die Gesundheit hängt einerseits vom ausgelösten Stressgehalt, also der Intensität und der Dauer des Stressors und anderseits vom Anpassungsaufwand, von individueller Anpassungsfähigkeit und von vorhandenen Ressourcen ab. Holmes und Rahe (1967) nehmen an, dass die Anpassungskapazität vieler Menschen begrenzt sei, sodass der Organismus nach einer Belastungsanhäufung seine Grenze erreicht und zusammenbricht. Daraus resultieren körperliche Erkrankungen, psychische Störungen oder eine Verschlechterung bereits vorhandener Beschwerden (vgl. Holmes/Rahe 1967 zit. nach Filipp/Aymanns 2010: 66f.; vgl. Holmes/Rahe 1967 zit. nach Lyon 2005: 29). Kritische Lebensereignisse, die ebenso einen Stressor darstellen, treten oft plötzlich, unerwartet und unerwünscht ein (vgl. Wrosch/Heckhausen 2005 zit. nach Filipp/Aymanns 2010: 40), deshalb lösen sie in Vergleich zu anderen Lebensveränderungen erheblich mehr Stress aus (vgl. Pearlin 1993 zit. nach Werne/Frost 2005: 136f) und wirken sich stärker auf psychisches wie physisches Wohlbefinden und die Gesundheit der Betroffenen aus (vgl. Turner/Wheaton 1995 zit. nach Werner/Frost 2005: 130). Der Tod eines nahen Familienmitglieds erhält nach der „Social Readjustment Rating Scale“ von Homes und Rahe nahezu die höchste Bewertung für Stress (vgl. Kirk 1993 zit. nach Ringler/Hayden 2000: 210). Vor allem der Tod eines Kindes wird in westlichen Kulturen auch unter besten Bedingungen als ein belastendes Lebensereignis einer Familie angesehen (vgl. Futtermann/Hoffman 1973 zit. nach Fanos/Nickerson 1991: 71; vgl. Rosen 1991: 7). Folgendermaßen stellt der Geschwistertod sowohl für das lebende Geschwisterkind als auch für die ganze Familie eine große Belastung dar.

Die Betroffenen empfinden eine solche Erfahrung nicht nur stressig (vgl. Paterson/Neufeld 1989 zit. nach Werner/Frost 2005: 135) sondern bewerten auch den Anpassungsaufwand daran als schwierig (vgl. Thoites 1983 & Cohen et al. 1995 zit. nach Werner/Frost 2005: 129ff.). Mögliche Gründe dafür sind, dass die Betroffenen durch einen plötzlichen Tod keine Gelegenheit hatten, sich vom Verstorbenen zu verabschieden oder bestehende Konflikte zu lösen (vgl. Nolen-Hoeksema/Larson 1999: 47). Zudem sind kritische Lebensereignisse für einen Lebensverlauf eines Menschen meist außergewöhnlich. Sie haben eine niedrige Eintrittswahrscheinlichkeit und betreffen generell nur wenige altersgleiche Personen (vgl. Wrosch/Heckhausen 2005 zit. nach Filipp/Aymanns 2010: 40). Folglich kann sie bei den Betroffenen ein belastendes Gefühl der Einzigartigkeit auslösen. Es ist ihnen zum Beispiel unverständlich, warum dieses ungerechte Lebensereignis gerade ihnen widerfahre (vgl. Montada 1992 zit. nach Filipp/Aymanns 2010: 41f.). Außerdem bringen sie eine Fülle an Folgeveränderungen mit sich, sodass eine Kumulation an Lebensveränderungen entsteht, was den Stressgehalt und somit das Risiko für Erkrankungen erhöht (vgl. Werner/Frost 2005: 130). Dies gilt insbesondere für Jugendliche, wenn sie den Geschwistertod während der Adoleszenz erleben, weil sie gleichzeitig mit mehreren Stressoren konfrontiert werden: kritisches Lebensereignis, darauf folgende Veränderungen zum Beispiel innerhalb der Familie, Entwicklungsaufgaben, normativer Lebensübergang, soziale Stressoren und Alltagswidrigkeiten (vgl. Parkes 1993 zit. nach Nolen-Hoeksema/Larson 1999: 19f.; vgl. Kaluza 2004: 31 zit. nach Eppel 2007: 24).

Plötzlich eintretende und vielfältige Veränderungen bringen Betroffenen in ein erhebliches Ungleichgewicht, was oft mit starken Emotionen und Gefühlen wie Unsicherheit oder Ohnmacht verbunden ist, weil die Betroffenen das Ereignis und dessen Folgen weder beeinflussen, noch kontrollieren können (vgl. Filipp/Aymanns 2010: 42ff.). Ein plötzlicher Tod des Angehörigen löst bei Familienmitgliedern deutlich mehr Schock, Verwirrung, Ärger, Schuldgefühle, Hilflosigkeitsgefühl und somatoforme Beschwerden aus als ein vorhergesehener Tod (vgl. Sanders 1982 zit. nach Nolen-Hoeksema/Larson 1999: 48). Zudem nimmt das kritische Lebensereignis den Betroffenen oft das Sicherheitsgefühl, wodurch sie ihr Selbstbild, ihre Überzeugungen und ihr Weltbild infrage stellen können (vgl. Filipp/Aymanns 2010: 42ff.). Alle Familienmitglieder sowie das ganze Familiensystem müssen sich nach dem Geschwistertod neu definieren und sich neu an das Leben ohne den Verstorbenen anpassen (vgl. Nolen-Hoeksema/Larson 1999: 19). Für diese Neuorganisation benötigen Jugendliche und ihre Familien neue Handlungsmuster, neue Strategien und Alternativen, weil ihre gewohnten Handlungsroutinen dafür nicht mehr ausreichen (vgl. Filipp/Aymanns 2010: 42ff.).

Der Geschwistertod ist ein belastendes Ereignis. Doch sowohl Jugendliche als auch ihre Familie sind einem individuellen Stress- und Krisenpotential ausgesetzt, weil jedes Individuum über ein unterschiedliches Maß an Vulnerabilität[8] und Ressourcen verfügt und sich zum Zeitpunkt des Ereignisses in differenten Lebensumständen und in unterschiedlichen lebensgeschichtlichen Kontexten befindet (vgl. Filipp/Aymanns 2010: 42ff.).

[...]


[1] Alle Status- und Funktionsbezeichnungen gelten unabhängig vom generischen Maskulin für alle sexuellen Identitäten.

[2] Die Adoleszenz wird in drei Phasen eingeteilt: frühe Adoleszenz (10-13 Jahren), mittlere Adoleszenz (14-17 Jahre) und späte Adoleszenz (18-21 Jahren) (vgl. BMWFJ 2011: 11).

[3] Eine Krise ist eine Unterbrechung im gewohnten und routinierten Gang des Entwicklungsverlaufs und ein Wendepunkt mit einer offenen Verlaufsrichtung, die sich sowohl zum Positiven als auch zum Negativen wenden kann (vgl. Filipp/Aymanns 2010: 13f.). Die Krise wird oft von starken Gefühlen der Unsicherheit, der Ungewissheit und des Ungleichgewichts begleitet und kann Stress und Angst auslösen (vgl. Starn 1973 zit. nach Hildenbrand 2010: 207f.). In der Stress-Coping-Forschung wird zwischen normativen und nichtnormativen Krisen unterschieden (vgl. Hildenbrand 2010: 209).

[4] Der Begriff „Peer“ beschreibt eine freundschaftliche Beziehung zwischen gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen, die ihre Freizeit zusammen gestalten und verbringen (vgl. Hillmann 2007: 671).

[5] Ein Stressor ist ein Stress auslösender Reiz aus der Umwelt (vgl. Werner/Frost 2005: 127), der das Wohlbefinden beeinträchtigt und die Handlungsfähigkeit bedroht (vgl. Eppel 2007: 22).

[6] Unter Geschwister werden in dieser Arbeit leibliche Geschwister verstanden.

[7] Ressourcen sind: "Alle Faktoren, deren Verfügbarkeit eine konstruktive Bewältigung von Stress erleichtert und die Auswirkungen von Risiken abpuffern." (Eppel 2007: 80).

[8] "Merkmale des Umfeldes oder der Person, die Stress verschärfen oder erfolgreiche Bewältigung erschweren." (Eppel 2007: 35)

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Geschwistertod während der Adoleszenz
Untertitel
Wie sich Stress, Coping und Resillienz auf den Entwicklungsverlauf des Jugendlichen nach dem Todesfall auswirken
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
61
Katalognummer
V215272
ISBN (eBook)
9783656446569
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschwistertod, adolestenz, stress, coping, resillienz, entwicklungsverlauf, jugendlichen, todesfall
Arbeit zitieren
Katharina Varfolomeev (Autor), 2012, Geschwistertod während der Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215272

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