Theorie der Parodie - Robert Neumann und Peter Rühmkorf im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

23 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Robert Neumann und Peter Rühmkorf – Ästhetik und Bedingung

2. Der Begriff der Parodie. Merkmale und Funktionen
2.1. Versuche einer Definition
2.2. Abgrenzung von ähnlichen literarischen Phänomenen

3. Die Theorie der Parodie Robert Neumanns
3.1. Hanns von Gumppenberg als „Vorläufer“ Robert Neumanns
3.2. Robert Neumanns kritische Parodie und ihre Grenzen
3.3. Robert Neumanns „Mutteranruf“ als Parodie Hugo von Hofmannsthals „Ballade des äusseren Lebens“

4. Die Theorie der Parodie Peter Rühmkorfs
4.1. Die Bedeutung des Wortes in Literatur und Welt
4.2. Peter Rühmkorfs Konzeption der Parodie und ihre Mittel
4.3. Peter Rühmkorfs „Auf eine Weise des Joseph Freiherrn v. Eichendorff“ als Parodie Eichendorffs „In einem kühlen Grunde“

5. Vergleich beider Parodiekonzeptionen

6. Schluss
Weiterführende Gedanken

7. Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit mit dem Titel „Theorie der Parodie – Robert Neumann und Peter Rühmkorf im Vergleich“ stellt den Anspruch, die Parodiekonzeptionen der beiden Autoren miteinander zu vergleichen, ohne deren unterschiedliche literarische sowie soziokulturelle Voraussetzungen außer acht zu lassen, welche formend die Theorien beider auffallend durchdringen. Die ästhetische Konzeption der kritischen Parodie Robert Neumanns (1897 – 1975) sowie die in kritischem Gegenwartsbezug (den gesellschaftlichen Bedingungen beobachtend zugewandte) „ideologiefixierende“ und adversativ agierende Theorie der Parodie Rühmkorfs (geb. 1929) stellen den Schwerpunkt dieser Arbeit dar.

Zunächst muss jedoch der Begriff der Parodie, d.h. seine gängigen Merkmale und Funktionen, erläutert werden. Es existieren allzu viele Versuche einer Defintion dieses Begriffes, von denen an dieser Stelle nur einige erwähnt werden sollen. Wichtig ist hierbei die Abgrenzung von der Parodie ähnlichen literarischen Phänomenen, deren Begriffe oft synonym mit der Bezeichnung „Parodie“ gebraucht werden, in ihrer Bedeutung allerdings nicht völlig deckungsgleich mit dieser fungieren. Es folgt eine Beschreibung der Theorie der Parodie Neumanns, wobei Hanns von Gumppenberg als „Vor-Denker“ Robert Neumanns vorgestellt wird, bevor die kritische Parodie Neumanns und ihre von ihm bestimmten sowie auch ihre notwendigen Grenzen dargestellt werden. Anhand des Beispiels „Mutteranruf“ von Robert Neumann als Parodie Hugo von Hofmannsthals „Ballade des äusseren Lebens“ soll diese Konzeption an Deutlichkeit gewinnen.

Anschließend befasst sich die vorliegende Arbeit mit der Theorie der Parodie Peter Rühmkorfs, wobei zunächst die Bedeutung der Sprache in Literatur und Welt bzw. in Peter Rühmkorfs Parodiekonzeption erläutert wird. Im Anschluss daran soll auf eben diese Konzeption der Parodie sowie auf deren literarische Mittel näher eingegangen werden. Auch an dieser Stelle folgt zum Zwecke der bereits erwähnten Deutlichkeit ein Beispiel: Peter Rühmkorfs „Auf eine Weise des Joseph Freiherrn v. Eichendorff“ als Parodie Eichendorffs „In einem kühlen Grunde“.

Hieran soll sich ein Vergleich beider Parodiekonzeptionen anschließen, bevor zum Schluss einige weiterführende Gedanken zum Thema erläutert werden sollen.

2. Der Begriff der Parodie. Merkmale und Funktionen

2.1 Versuche einer Definition

Bevor die Parodiekonzeptionen Robert Neumanns und Peter Rühmkorfs ausführlich behandelt werden, erscheint eine Darstellung des Begriffs der Parodie, ihrer Merkmale und Funktionen unerlässlich. Hierbei mangelt es kaum an möglichen Definitionen und Differenzierungen unterschiedlichster Art. An dieser Stelle sollen nur einige dieser existierenden Definitionen der Parodie in die vorliegende Arbeit miteinbezogen werden. Diese strebt nun das Ziel an, den Begriff der Parodie, wenn nicht ausnahmslos und vollständig zu definieren, so ihn doch möglichst so zu „umkreisen“, so dass sein Kern erhellt. Etymologisch betrachtet, enthält das Wort, welches aus dem Griechischen stammt, zwei Bestandteile: para, was entweder mit ‘entsprechend’, ‘gegen’ oder ‘zuzüglich zu’ übersetzt werden kann, und ode. So ergeben sich für den Begriff der Parodie die bekannten Übersetzungen ‘Nebengesang’, ’Gegengesang’ und ‘Beigesang’.[1] Ursprünglich entstammt die Bezeichnung der Parodie dem Gebiet der Musik als „eine Bezeichnung, die von den Liedern stammt, die anderen Mustern nachkomponiert worden sind, und sich mißbräuchlich auch für die Nachahmung von Versbau und Redewendungen im Gebrauch erhält.“[2] Diese Definition (Quintilian, 1.Jh. n.Chr.) zeichnet die Parodie noch nicht als literarische Erscheinung mit all ihren Eigenschaften aus, sondern als reine „Nachahmung“ bzw. Imitation im Bereich der Musik. Das spätere Verständnis der Parodie zeigt eine Verlagerung des Schwerpunktes auf die Literatur.

Die Parodie gehört den „...sekundären Gattungen...“[3] an. Sie reagiert „...als Antwort auf bereits primär geformte Aussagen“[4] und erschafft sich so nicht aus sich selbst heraus, sondern in Bezug auf eine Vorlage ohne die sie nicht entstehen kann.

Eine gängige Definition der heutigen Parodie findet sich in Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur:

In der Lit. die verspottende, verzerrende Überzeichnung oder übertreibende Nachahmung e. dem Publikum bekannten und geachteten, ernstgemeinten Werkes (auch e. Stils, e. Gattung) oder einzelner Teile daraus unter Beibehaltung der äußeren Form (Stil und Struktur), doch mit anderem, nicht dazu passendem Inhalt.[5]

Diese Definition macht deutlich, dass das Parodieren einer Vorlage die genaue Kenntnis eines Autors bzw. seines besonderen Stils fordert. Gleichzeitig setzt das Kunstwerk Parodie meist bei den Lesern einen bestimmten Bildungsgrad voraus, da die Kenntnis der Vorlage zum vollständigen Verständnis einer Parodie notwendig erscheinen muss. Zugleich „...[handelt] es sich beim kritisch-satirischen Reflex [...] immer auch um ein Eingehen auf ein scheinbar ungebrochenes Anknüpfen...“[6], wobei sich hierbei die Frage stellt, ob oder inwieweit denn die Parodie nicht auch als eigenständiges poetisches Kunstwerk gelten darf, das ebenso für sich alleine stehen kann. Dieses Problem soll jedoch an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden.

Eine anderes Problem bezüglich mannigfaltiger Defintionen der Parodie stellt die Trennung von Form und Inhalt bzw. deren Beibehaltung / Nicht – Beibehaltung dar. Im Unterschied zu Gero von Wilpert schließt Erwin Rotermund die parodistische Übernahme des Inhalts einer bestimmten Vorlage nicht aus:

Eine Parodie ist ein literarisches Werk , das aus einem anderen Werk beliebiger Gattung formal-stilistische Elemente, vielfach auch den Gegenstand übernimmt, das Entlehnte aber teilweise so verändert, daß eine deutliche, oft komisch wirkende Diskrepanz zwischen den einzelnen Strukturschichten entsteht. (Hvhb V.S.)[7]

Ein weiteres Merkmal der Parodie sieht Rotermund in der „parodistischen Disharmonie“ oder der „parodistischen Diskrepanz“ von „ernst“ und „lächerlich“[8]. Diese Diskrepanz ergibt sich nicht zuletzt aus der Gleichzeitigkeit von Imitation und Veränderung einer Vorlage in der Parodie. Das Wiedererkennen, zum Beispiel der stilisitischen und formalen Vorlage einer Parodie sowie die gleichzeitige inhaltliche Abwandlung lassen Komik entstehen. Das Brockhaussche ‘Conversations-Lexicon’ (1824) sieht die „parodistische Diskrepanz“ in folgendem begründet:

„Sie (die Parodie) wirkt durch den Contrast zwischen dem Gemeinen des Gegenstandes und dem edeln erhabenen Tone.“[9] Das „Erhabene“ der Vorlage bzw. ihrer Form in Verbindung mit dem „gemeinen“ oder „niederen“ Gegenstand führt zu einem komischen Ergebnis. Die häufige Trennung von Stil oder Form und Inhalt oder

Gegenstand ist in dieser Definition (ähnlich bei Goethe[10] ) enthalten. Die Komik der Parodie scheint so meist auf Kontrastwirkungen zu beruhen.

Unterschieden wird meistens zwischen einer rein scherzhaften Parodie, die vor allem das Ziel verfolgt ihre Vorlage ohne tieferen Grund in den Bereich des Lächerlichen zu ziehen und einer kritischen Parodie (z.B. mit dem Ziel der Ideologiekritik), welche auf unterschiedliche Art und Weise auch von Robert Neumann und Peter Rühmkorf vertreten wird.

Abgrenzung von ähnlichen literarischen Phänomenen

Bei dem Versuch, den Begriff der Parodie so klar wie möglich zu bestimmen, erscheint es hilfreich, ihn von ähnlichen, nicht selten synonym gebrauchten literarischen Phänomenen und Formen der Imitation abzugrenzen. Eine zentrale Rolle hierbei spielen die „...Begriffe der Nachahmung und Bezugnahme...“[11], deren Unterscheidung den Begriff der Parodie in Abgrenzung zu ähnlichen literarischen Phänomenen näher zu bestimmen vermag. Nachahmung und Ähnlichkeit sind vor allem im Hinblick auf ihre Gegenstandsbezogenheit zu prüfen.

Ein häufig in Zusammenhang mit der Parodie gebrauchter Begriff findet sich mit dem der Travestie. Auch sie verspottet „ernste“ Dichtung, jedoch im Unterschied zur Parodie „...unter Beibehaltung des Inhalts durch dessen Wiedergabe in e. anderen, unpassenden und durch die Diskrepanz zwischen Form und Inhalt lächerlich wirkenden [...] Sprache, Stillage und ggf. Gattung.“[12] Da Form und Inhalt aber strenggenommen nicht eindeutig voneinander getrennt betrachtet werden können, kann auch die Travestie zu den parodistischen Verfahren gezählt werden. Ihr Gegenstand ist der der Vorlage, welche in der Travestie ihre ursprüngliche Form meist verliert. Aufgrund der dialektischen Verbindung von Form und Inhalt stellt sich jedoch auch an dieser Stelle die Frage inwieweit denn der Inhalt der Vorlage wirklich beibehalten werden kann, wenn die Form eine vollständig andere ist.

Das „Flickgedicht“[13] Cento „...[wendet] entlehnte Verse, Versteile, Wendungen, Metaphern usf. aus verschiedenen Werken eines oder mehrerer Autoren auf einen neuen Gegenstand [an].“ (Hvhb. V.S.). Es werden also Teile mehrerer voneinander unabhängiger Vorlagen übernommen bzw. „nachgeahmt“, um sie in Bezug auf einen neuen Gegenstand hin zu einem selbständigen Gedicht zusammenzusetzen.

Das Pastiche (der Malerei entstammend) als eine weitere Form der Nachahmung setzt voraus, dass „...die kombinatorische Stilimitation die kritische Aussage unterstützt.“[14] Das Pastiche steht oft dem Plagiat sehr nahe und ist weniger auf eine komische Wirkung bedacht. Absicht ist vor allem die größtmögliche Deckungsgleichheit mit der Vorlage oder dem Original.

Ein weiteres parodistisches Verfahren stellt die Groteske dar. In ihr treffen unerwartet miteinander kombinierte Bestandteile aufeinander, was eine Form der „Verzerrung“[15] enstehen lässt (so auch rhetorische Figuren, z.B. die Katachrese). Das Groteske und seine auf den Leser beabsichtigte Wirkung entsteht somit aus Gegenständen, die gerade in verfremdeter Form ihr Wesen am deutlichsten zur Schau zu stellen vermögen. Diese Gegenstände nehmen unerwartet Bezug aufeinander und „verzerren“ die Erwartung des Lesers im Prozeß des Rezipierens.

Die Karikatur im literarischen Bereich nutzt ebenso das Mittel der Verzerrung. Dies gelingt ihr durch „...Überbetonung einzelner charakteristischer Stilzüge...“[16]. Auch die Karikatur eignet sich für das kritische Verfahren, da manches Mal durch eine Überbetonung bestimmter Charakteristika (so auch in der Malerei) ein Effekt der Hervorhebung ansonsten weniger beachteter doch bezeichnender Eigenschaften einer Vorlage bzw. ihres Gegenstandes erzielt werden kann.

Die Satire fordert nicht zwangsläufig das Verfahren der Nachahmung und kann direkt ihren „Grund“ nennen. Sie kann sich aber „...sehr wohl der Parodie bedienen.“[17] Parodie und Satire tragen ähnliche Züge. Beide literarischen Verfahren zeigen „...eine Verbindung von Kritik und Komisierung ihres Gegenstandes“[18] und unterscheiden eine komische sowie eine ernsthafte oder kritische Art ihrer selbst. Während die Parodie ihre Vorlage stlistisch und formal zu imitieren versucht, muss dies für die Satire nicht zwangsläufig zutreffen. Rotermund sieht in der Satire ein geeignetes Instrument für die Kritik an einer Realität, deren Inhalte nicht mit einem gedachten Idealzustand übereinstimmen.[19] Der von dem einzelnen Satiriker als mangelhaft empfundenen Wirklichkeit wird, eingekleidet in die Form der Satire, ein für möglich befundenes Ideal entgegengestellt. Schiller etwa erkennt und bestimmt dieses Ideal „...als Einheit von ‘Notwendigkeit’ und ‘Freiheit’, als ‘Unendliches’...“[20]. Die Definition des Ideals hängt jedoch deutlich von dem subjektiven Empfinden des Autors ab.

[...]


[1] Vgl. Peter, Georg: Analytische Ästhetik. Eine Untersuchung zu Nelson Goodman und zur literarischen Parodie. Frankfurt a. M. 2002 (Deutsche Bibliothek der Wissenschaften/Philosophische Analyse Band 5), S. 164.

[2] Verweyen, T. u. Witting, G.: Die Parodie in der neueren deutschen Literatur. Darmstadt 1979, S. 5.

[3] Freund, Winfried: Die literarische Parodie. Stuttgart 1981, S. 14.

[4] Ebd.

[5] Von Wilpert, Gero: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 2001, S. 591.

[6] Riha, Karl: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen, es führt kein andrer Weg nach Küssnacht“. Zur deutschen Klassiker-Parodie. In: Ders.: Kritik, Satire, Parodie. Opladen 1992, S. 37-68, hier S. 38.

[7] Rotermund, Erwin: Die Parodie in der modernen deutschen Lyrik. München 1963, S. 9.

[8] Ebd.,S. 12f..

[9] 7.Bd., Leipzig 1824, S. 294 (Zitiert nach: Ebd., S. 15).

[10] Ebd.

[11] Peter, Georg: Analytische Ästhetik, S. 293.

[12] Von Wilpert, Gero: Sachwörterbuch der Literatur, S. 848.

[13] Ebd., S.125.

[14] Freund, Winfried: Die literarische Parodie, S. 23.

[15] Ebd.

[16] Ebd., S. 24.

[17] Peter, Georg: Analytische Ästhetik, S. 296.

[18] Ebd.

[19] Rotermund, Erwin: Die Parodie in der modernen deutschen Lyrik, S.25f..

[20] Zitiert nach: Rotermund, Erwin: Die Parodie in der modernen deutschen Lyrik, S. 26.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Theorie der Parodie - Robert Neumann und Peter Rühmkorf im Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Insitut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
3,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V21532
ISBN (eBook)
9783638251204
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Parodie, Robert, Neumann, Peter, Rühmkorf, Vergleich, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Vera Serafin (Autor), 2003, Theorie der Parodie - Robert Neumann und Peter Rühmkorf im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21532

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