Günther Grass' Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel": Vergleich verschiedener Rezensionen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Seht, wie meine Augen tränen
2.2 Ich aber weinte erst später, viel später
2.3 Das Heil in der Kunst
2.4 Ist die schwarze Köchin da?
2.5 Unversöhnt mit sich selbst
2.6 Die Geheimnisse im Bernstein

3. Schluss

Literatur

1. Einleitung

In der Autobiographie seiner jungen Jahre Beim Häuten der Zwiebel berichtet Günter Grass erstmals von seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS während des Zweiten Weltkrieges. Diese Tatsache wird bereits vor dem Erscheinen des Buches durch ein Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung[1] mit dem Schriftsteller bekannt und löste "mehrere zehntausend Pressmeldungen, Kommentare, Interviews [und] Rezensionen" aus[2]. So groß geriet das Medieninteresse an dieser Nachricht vermutlich zum Einen, weil Grass es erst rund 60 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur äußerte und zum Anderen, weil damit seine selbst inszenierte Rolle in der Öffentlichkeit als moralische Instanz fragwürdig erschien, da Grass die Deutschen oft insbesondere in Bezug auf ihren Umgang mit der eigenen Vergangenheit im Dritten Reich hart anging: "Wer die Vergangenheit verdrängt, der wird in der Gegenwart nicht bestehen können und auch nicht in der Zukunft."[3], was zumindest einen Teil der Begründung des Nobelpreiskommitees für seinen Preis 1999 ausmachte ("nahm er sich der großen Aufgabe an, die Geschichte seiner Zeit dadurch zu revidieren, dass er das Verleugnete und Vergessene wieder heraufbeschwor"[4] ).

Um auf die im Seminar gestellte Frage, wie Literatur vermittelt wird, einzugehen, werde ich in dieser Arbeit Rezensionen miteinander vergleichen, die sich mit Beim Häuten der Zwiebel befassen. Ich halte Rezensionen insofern für einen geeigneten Zugang zu dieser Frage, als dass sie Literatur vermitteln, indem sie die Kaufentscheidung bezüglich des besprochenen Buches der Leser beeinflussen und bereits vor dem Lesen einen Zugang zu diesem und dadurch auch zu den, in ihm berührten, Themen, Meinungen und Motiven, die in der Rezension aufgegriffen werden, vermitteln. Dadurch befähigen sie den Leser, dem öffentlichen Diskurs über das besprochene Buch zu folgen und mitgestaltend in ihn einzugreifen, wodurch er/sie sich wiederum der Literatur nähert.

Um eine Auswahl von Rezensionen zu treffen, die den Rahmen dieser Arbeit nicht übersteigt, habe ich mich nicht nur auf den deutschsprachigen Raum sondern auch auf Rezensionen aus Deutschland beschränkt. Aus diesem immer noch immensen Pool an Rezensionen wählte ich solche von überregionalen Tageszeitungen, die in dem Zeitraum zwischen Erscheinen des Buches im August und Grass' Lesereise im September 2006, also unter denselben äußeren Umständen, veröffentlicht wurden, auf Grund ihrer politischen Orientierungen ein Spektrum von links (taz) über liberal (Süddeutsche Zeitung) bis konservativ (Die Welt) abdecken und sowohl unabhängig (F.A.Z., Die Süddeutsche Zeitung) als auch verlagsgebunden (Die Welt) publiziert werden. Diese Auswahl erweiterte ich dann noch um Kritiken aus einer Literaturzeitschrift (Literaturen) bzw. einem Rezensionsforum (literaturkritik.de), um solche aus verschiedenen Medienformaten zu bearbeiten. Rezensionen aus Tageszeitungen und Zeitschriften auszuwählen, simuliert zudem ein realistisches Leseverhalten, da diese laut der Studie "Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend" der Stiftung Lesen zu den wichtigsten Informationsquellen der Deutschen zum Thema Kultur und Kunst zählen[5] und in ihrer Freizeit für den Großteil der Befragten einen sehr wichtigen (Zeitungen), bzw. wichtigen (Zeitschriften) Stellenwert einnehmen[6].

Während des Vergleichs der Rezensionen werde ich mich im Sinne der Literaturvermittlung auf folgende Fragen konzentrieren:

Welche Erwartungen stellen die Kritiker an Literatur? Welche stellen sie speziell an autobiographische? Für welche Gruppe von Lesern wurden die Buchbesprechungen geschrieben? Wird das Buch textimmanent betrachtet? Wie bewerten die Literaturkritiker den Autor und die Privatperson Grass? Wird dazwischen überhaupt unterschieden? Welche Faktoren vermitteln Literatur besonders erfolgreich?

2. Hauptteil

Die behandelten Rezensionen vermitteln Beim Häuten der Zwiebel auf unterschiedliche Arten . Sie kommentieren die Reaktionen auf Grass' Geständnis[7], untersuchen die Erzählweise[8], beteiligen sich an der öffentlich diskutierten Frage "Warum hat [er] so lange geschwiegen?"[9], analysieren Grass' Psyche[10] oder decken auf, welche Motive in seinen Büchern seinem tatsächlichen Leben entstammen[11].

Um diese Unterschiede näher zu beleuchten, werde ich die Rezensionen nun im Einzelnen erörtern.

2.1 Seht, wie meine Augen tränen (Süddeutsche Zeitung, 19.8.2006)

Ijoma Mangold bezieht sich mit dem Titel seiner Rezension auf Grass' Prozess des Erinnerns, den dieser deshalb mit dem Häuten einer Zwiebel vergleicht, da beides schmerzhaft sei[12]. Dabei wirft er Grass vor, diesen Schmerz als Entschuldigung für den späten Zeitpunkt seines Geständnisses zu benutzen[13].

Literaturwissenschaftlicher als andere Rezensenten nähert Mangold sich dem Text indem er Grass' Erzählweise analysiert. So inszeniere dieser ein moralisches Drama, in dem er in zwei Rollen auftrete, als empirisches und als dichterisches Ich, als Mitläufer und als Aufarbeiter[14] ; ziehe keine klare Grenze zwischen Fakten und Fiktion[15] ; benutze zu viele Metaphern[16] und schreibe zu redundant[17].

Obwohl Mangold sein Interesse an dem Inhalt, dass ein jugendlicher Hitlerverehrer nach Kriegsende von den begangenen Greueltaten des Dritten Reiches erfährt, bekennt[18] und generell dafür plädiert, zwischen dem ästhetischen Werk und der Person eines Autors zu unterscheiden[19], zieht er in seiner Rezension ein negatives Fazit: "Selten hat man sich von einer Zwiebel so genervt gefühlt"[20].

[...]


[1] Schirrmacher, Frank: Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche, F.A.Z., 12.08.2006

[2] Kölbel, Martin: Ein Buch, ein Bekenntnis, Steidl Verlag, Göttingen, 2007, S. 357

[3] Kommentar von G. Grass, 5.5.1985

[4] Pressemitteilung vom Sekretär der Schwedischen Akademie, 30.9.1999

[5] Stiftung Lesen: Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend, Spiegel Verlag, Hamburg, 2001, S. 89

[6] Ebd., S. 157

[7] Schoeller, Wilfried: Unversöhnt mit sich selbst, Literaturen, Ausgabe 10, 2006; Bartels, Gerrit: Das Heil in der Kunst, Die Tageszeitung, 23.8.2006

[8] Mangold, Ijoma: Seht, wie meine Augen tränen, Süddeutsche Zeitung, 19.8.2006

[9] Mohr, Peter; Die Geheimnisse im Bernstein, www.literaturkritik.de, Ausgabe 9, 2006

[10] Krause, Tilman: Ich aber weinte erst später, viel später, Die Welt, 19.8.2006

[11] Spiegel, Hubert: Ist die schwarze Köchin da?, F.A.Z., 26.8.2006

[12] Mangold, Ijoma: 6. Absatz

[13] Ebd., Absatz 8

[14] Ebd., Abs. 7

[15] Ebd., Abs. 5

[16] Ebd., Abs. 14

[17] Ebd., Abs. 13

[18] Ebd., Abs. 11

[19] Ebd., Abs. 1

[20] Ebd., Abs. 6

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Günther Grass' Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel": Vergleich verschiedener Rezensionen
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V215344
ISBN (eBook)
9783656441182
ISBN (Buch)
9783656441328
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezension, Rezensionen, Günther Grass, SS, Waffen-SS, Autobiographie, Autobiografie, Beim Häuten der Zwiebel
Arbeit zitieren
Ninon Nasseri (Autor), 2009, Günther Grass' Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel": Vergleich verschiedener Rezensionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215344

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