Während Silvio Berlusconi Ende 2011 auf zunehmenden öffentlichen Druck seinen Rücktritt verkündete, stimmten Hunderte von Menschen vor dem Gebäude des Staatspräsidenten Napolitano ein Halleluja an. Sie bejubelten das Ende einer Ära, die durch einen politischen Führungsstil geprägt wurde, welche im Ausland bisweilen auf Kritik gestoßen war. Ob persönliche Fehltritte, peinliche Fettnäpfchen, politische Fehlentscheidungen oder undiplomatisches Verhalten - der Cavaliere sorgte immer für Schlagzeilen. Während Menschen im Ausland darüber nur noch ungläubig den Kopf schüttelten, hatte man fast den Eindruck, dass all dies Berlusconis Rückhalt im eigenen Land bis zuletzt nicht schmälern konnte.
Vielleicht liegt der Schlüssel zu seinem Erfolg in Berlusconis Sprachstil. Vermochte er Italien durch seine eloquente, mitreißende Reden täuschen und hinters Licht führen? Gerade im politischen Bereich kann Sprache eine besonders große Wirkung entfalten, geht es doch in der Politik darum, sein Gegenüber, bspw. den Wähler, von der Fähigkeit der eigenen Politik zu überzeugen.
Politische Sprache wurde bisher mehrheitlich in synchroner Perspektive untersucht, allerdings mangelt es bisher an diachronen Arbeiten. Meines Erachtens kann eine Analyse vor allem dann besonders signifikante Ergebnisse liefern, wenn sie innerhalb einer kontrastiven Arbeit geschieht. Ich entschied mich daher, Berlusconi einer anderen politischen Persönlichkeit der Vergangenheit gegenüberzustellen, wobei meine Wahl unschwer auf Mussolini fiel. Die Eloquenz und die charakteristischen Reden des faschistischen Duce sind in die Geschichte eingegangen. Berlusconis und Mussolinis Sprache auf pragmalinguistischer Ebene miteinander zu vergleichen, erscheint mir vor allem deshalb so interessant, weil sie beide zugleich eine unglaublich charismatische Wirkung auf ihre Zuhörerschaft erzielen konnten und als Redner sowie auch Politiker für lange Zeit Erfolg hatten.
Für den Zweck der vergleichenden Analyse habe ich aus diversen Reden beider Redner einen eigenen Korpus zusammengestellt, aus dem relevante Schlüsselwörter ermittelte.
An verschiedenen Stellen habe ich die Analyse durch politische oder geschichtliche Fakten ergänzt.
Ob und inwiefern ähneln sich Berlusconi und Mussolini in ihren Sprachmustern, welche sprachlichen Unterschiede lassen sich feststellen? Existiert vom Faschismus bis hinein in die heutige Zeit ein gewisses Kontinuum inbder politischen Sprache oder hat sie sich zwischenzeitlich verändert?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur politischen Sprache
2.1 Begriffsbestimmung politischer Sprache
2.2 Vom „politichese“ zum „gentese“
2.3 Folgen der Mediatisierung
2.4 Kommunikationsmodelle
2.5 Kommunikationsnormen und Interessenskonflikte
3 Einbettung in den historischen Kontext
3.1 Der Faschismus – das totalitäre Regime unter Mussolini
3.2 Die „Zweite Republik“ – das Zeitalter Berlusconis
3.3 Zwei Meister der Selbstinszenierung
4 Korpus
5 Sprachanalyse
5.1 Lexikalisch-semantische Analyse
5.1.1 Programmatisches Ideale-Vokabular
5.1.2 Gegnerisches Vokabular
5.1.3 Militärisch-kriegerisches Vokabular
5.1.4 Emotives spirituelles Vokabular
5.1.5 Strategisches Vokabular
5.2 Vergleich der Analyse-Ergebnisse
6 Fazit
7 Anhang
8 Bibliografie
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die sprachlichen Charakteristika der beiden Politiker Silvio Berlusconi und Benito Mussolini zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihren Sprachmustern sowie deren diachrone Entwicklung zu identifizieren. Dabei wird untersucht, inwieweit beide Politiker ähnliche rhetorische Mittel und kommunikative Strategien einsetzten, um ihre Intentionen durchzusetzen und eine charismatische Wirkung auf ihre Zuhörerschaft auszuüben.
- Politolinguistische Analyse des politischen Diskurses in Italien
- Kontrastiver diachroner Vergleich der Rhetorik von Mussolini und Berlusconi
- Untersuchung des Wandels von „politichese“ zu „gentese“
- Rolle der Mediatisierung bei der Veränderung politischer Sprache
- Analyse strategischen Vokabulars und rhetorischer Inszenierung
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Er läutete die ‚Zweite Republik‘ ein und mit ihm endet sie nun voraussichtlich auch: Während Silvio Berlusconi, bis dato amtierender Regierungschef, am 12.11.2011 innerhalb der nunmehr vierten Legislaturperiode auf zunehmenden öffentlichen Druck hin seinen Rücktritt verkündet hatte, stimmten Hunderte von Menschen vor dem Gebäude des Staatspräsidenten Napolitano ein Halleluja an. Sie bejubelten das Ende einer Ära, welche die zeitgenössische italienische Geschichte durch einen politischen Führungsstil prägte, der im Ausland bisweilen auf Kritik gestoßen war: Ob persönliche Fehltritte oder peinliche Fettnäpfchen, politische Fehlentscheidungen oder einfach nur undiplomatisches Verhalten, der Cavaliere sorgte immer für Schlagzeilen und Gesprächsstoff.
Vielleicht liegt der Schlüssel zu seinem Erfolg in Berlusconis Sprachstil. Es mag sein, dass er Italien durch eloquente, mitreißende Reden hinters Licht führen und täuschen konnte. Der berühmte Poet Gabriele D’Annunzio, ein Freund Mussolinis, bringt es im obigen Eingangszitat treffend auf den Punkt: Wer die ‚Wissenschaft der Wörter‘ kennt, der kennt alles. Der Mensch kann mit ihr alles aufbauen, erniedrigen und auch zerstören.
Schenkt man diesem Ausspruch Glauben, so hat Sprache enormen Einfluss auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Beherrscht man ihre Anwendung, kann man sie zu einem mächtigen Instrument ausbauen. Gerade im politischen Bereich kann Sprache eine besonders große Wirkung entfalten, geht es doch in der Politik schließlich darum, sein Gegenüber, beispielsweise den Wähler, von der Fähigkeit der eigenen Politik der Partei zu überzeugen. Ich gehe davon aus, dass Berlusconi sich zu Beginn seiner politischen Karriere der sprachlichen Wirkung bewusst war und gezielt davon Gebrauch machte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der Untersuchung des Sprachstils von Silvio Berlusconi und Benito Mussolini ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach Kontinuitäten und Unterschieden in deren politischer Rhetorik.
2 Zur politischen Sprache: Dieses Kapitel definiert den Begriff „politische Sprache“, beschreibt den diachronen Wandel in Italien vom „politichese“ zum „gentese“ und erläutert verschiedene Kommunikationsmodelle und -normen.
3 Einbettung in den historischen Kontext: Hier werden die historischen Rahmenbedingungen des Faschismus unter Mussolini und des Zeitalters Berlusconis dargelegt sowie deren spezifische Methoden der Selbstinszenierung analysiert.
4 Korpus: Das Kapitel erläutert die Zusammenstellung der für die Analyse verwendeten Reden beider Politiker sowie die methodische Vorgehensweise bei der Korpusauswahl.
5 Sprachanalyse: Der Hauptteil bietet eine detaillierte lexikalisch-semantische Untersuchung anhand spezifischer Wortfelder (Ideale, Gegner, Militär, Emotionen, Strategie) und vergleicht die Ergebnisse statistisch und inhaltlich.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und beantwortet die Fragestellung, indem es feststellt, dass trotz inhaltlicher Unterschiede eine Form der rhetorischen Kontinuität in der Anwendung von Macht und Konsensstiftung vorliegt.
Schlüsselwörter
Politolinguistik, Politische Sprache, Silvio Berlusconi, Benito Mussolini, Rhetorik, Faschismus, Mediatisierung, Kommunikationsmodelle, Sprachanalyse, Wortfeldanalyse, Propaganda, Selbstinszenierung, Ideologie, Parteikommunikation, Diskursanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht politolinguistisch, inwiefern die politische Sprache in Italien seit dem Faschismus bis heute Kontinuitäten aufweist, indem sie die Rhetorik von Mussolini und Berlusconi vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Definition politischer Sprache, der Einfluss von Medien auf die Kommunikation, historische Kontexte totalitärer bzw. populistischer Regimes sowie die strategische Nutzung von Vokabular zur Machtausübung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, sprachliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Reden beider Politiker aufzudecken, um zu klären, ob ein „Kontinuum“ der politischen Sprache in Italien existiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politolinguistische Analyse mit Schwerpunkt auf lexikalisch-semantischen Untersuchungen (Wortfeldanalyse) und einer pragmatischen Auswertung der Sprachstrategien basierend auf einem selbst zusammengestellten Korpus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Reden beider Politiker nach bestimmten Wortkategorien analysiert, darunter programmatische Ideale, gegnerisches Vokabular, militärisch-kriegerische Begriffe, emotive Ausdrücke und strategische Formulierungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Politolinguistik, Rhetorik, Sprachanalyse, Faschismus, Populismus, Diskursanalyse und strategische Kommunikation charakterisiert.
Inwiefern ähneln sich Mussolini und Berlusconi in ihrer Rhetorik?
Die Analyse zeigt, dass beide rhetorische Mittel wie Anaphern, Metaphern und die Inszenierung als „Macher“ nutzen, um Konsens zu erzeugen, sich als Retter des Vaterlandes zu stilisieren und Gegner abzuwerten.
Gibt es signifikante Unterschiede in der Verwendung von „Feindbildern“?
Ja, während Mussolini „nemici“ primär als existenzielle Feinde außerhalb der Ordnung definierte, nutzt Berlusconi ein differenzierteres, oft diskreditierendes Vokabular (z. B. Opposition als „Kaste“ oder „bürokratische Bremse“), um seine politische Agenda gegen linke Parteien durchzusetzen.
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- Bachelor of Arts Laura Berger (Author), 2012, Kontinuität oder Erneuerung? Politische Sprache im diachronen Vergleich: Berlusconi vs. Mussolini., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215446