Bis in die 70er Jahre galten mehr oder weniger starke Zusammenhänge zwischen sozialer Lage und Wahlverhalten als typisches Kennzeichen westeuropäischer Länder, wobei dieser Einfluss als ein die Parteiensysteme stabilisierender Faktor angesehen wurde. Gewerkschaftsangehörige, besonders Arbeiter, waren seit Bestehen der Bundesrepublik traditionell eher der der SPD zugeneigt, als der CDU oder anderen Parteien. Kirchenmitglieder waren besonders – schon wegen der absoluten Anzahl der Volkspartei-Wähler – den beiden großen Volksparteien zugeneigt: Katholiken stärker der CDU und Protestanten stärker der SPD. Die Parteibindung geht jedoch zunehmend verloren, und die Wählermilieus in Deutschland lassen sich immer weniger durch sozialen Status, Kirchen- oder Gewerkschaftszugehörigkeit erklären.
Im Rahmen dieser Forschungsarbeit wurden Einflussgrößen auf das Wahlverhalten
gesucht, welche in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen haben und
damit möglicherweise besser geeignet sind, das Wahlverhalten zu erklären, insbesondere aber die Zuwendung oder Abkehr zu/von den Volksparteien. Hierzu wurden dem POLITBAROMETER-Datensatz Variablen entnommen bzw. neue generiert, welche in besonderem Maße die Wahl-und Wechselwahl-Bereitschaft erklären könnten (der Datensatz kann gegen eine Bereitstellungsgebühr unter www.gesis.org abgerufen werden). Der Syntax der Rekodierungen und Auswertungen (für SPSS oder PSPP) ist im Anhang dieser Arbeit zu finden.
Inhaltsverzeichnis
3 Theorie und Fragestellung
3.1 Hintergründe und aktuelle Bezüge
3.2 Das zugrunde gelegte Modell
3.3 Hypothesen
4 Methode
4.1 Die abhängigen Variablen
4.2 Die drei unabhängigen Variablen im Grundmodell
4.3 Weitere unabhängige Variablen im erweiterten Modell
4.4 Das gesamte Regressionsmodell
5 Auswertung und Interpretation
6 Schluss
7 Variablen-Übersicht
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Wechselwählens und die Bindungskraft der deutschen Volksparteien. Ziel ist es, auf Basis von Daten des POLITBAROMETER zu analysieren, welche Faktoren das Wahlverhalten beeinflussen, warum traditionelle Bindungen an soziale Milieus erodieren und ob sich Wechselwähler durch spezifische Merkmale wie Alter, Bildung oder politische Einstellungen charakterisieren lassen.
- Analyse der Erosion traditioneller Wählermilieus und sozialer Cleavages
- Untersuchung der Wechselwahlbereitschaft in Abhängigkeit von sozioökonomischen Faktoren
- Einfluss der individuellen "Wahlerfahrung" und des Alters auf das Wahlverhalten
- Bedeutung der politischen Selbsteinschätzung für die Parteiidentifikation
- Empirische Überprüfung des "Erie-Modells" im deutschen Kontext
Auszug aus dem Buch
3.1 Hintergründe und aktuelle Bezüge
“Lebensgeschichtlich früh erworbene und stabil verinnerlichte Grundloyalitäten, sorgen dafür dass die meisten Wähler immer wieder in derselben Weise abstimmen.” Man unterscheidet hierbei strukturelle und kulturelle Prädispositionen. Unter strukturellen Prädispositionen versteht man die Zugehörigkeit zu einer (sozialen) Gruppe, mit der sich Menschen identifizieren können, zu welchen klassischerweise Gewerkschaftsangehörige/Arbeiter oder die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft gehören. Bei kulturellen Prädispositionen findet eine Identifikation mit weltanschaulichen Grundüberzeugungen statt, wie sie beispielsweise bei der Gruppe der Globalisierungsgegner, der Umweltschützer oder der Pazifisten zu finden ist.
Gewerkschaftsangehörige, besonders Arbeiter, waren seit Bestehen der Bundesrepublik traditionell eher der der SPD zugeneigt, als der CDU oder anderen Parteien. Kirchenmitglieder waren besonders – schon wegen der absoluten Anzahl der Volkspartei-Wähler – den beiden großen Volksparteien zugeneigt: Katholiken stärker der CDU und Protestanten stärker der SPD, wie auch Konfessionslose eher der SPD zugewandt waren. Je häufiger der Kirchgang der Christen war, desto eher waren sie der CDU zugewandt. Hieraus entstand in der empirischen Sozialforschung auch die Einteilung der Republik in Nord, Süd, Ost und West, denn der “Anteil der Katholiken ist im Süden und Westen Deutschlands überdurchschnittlich hoch, insbesondere im Saarland, in Bayern, in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen. Im Norden überwiegt dagegen die evangelische Bevölkerung."
Diese beiden Faktoren, Gewerkschaftsangehörigkeit und Religiosität, prägten in der empirischen Sozialforschung jahrzehntelang die Prädispositionen. Wie sehr eine Mitgliedschaft in der Gewerkschaft in der Vergangenheit tatsächlich die Wahlentscheidung hin zur SPD lenkt und wie stark eine aktive Bindung an die Kirche (besonders an die katholische) zur Wahl der Unionsparteien führte, zeigt vielleicht folgende Tabelle von Hradil:
Zusammenfassung der Kapitel
3 Theorie und Fragestellung: Dieses Kapitel führt in die Grundlagen des Wahlverhaltens ein, erläutert die Theorie der Prädispositionen und stellt die Hypothesen für die empirische Untersuchung auf.
4 Methode: Hier werden die abhängigen und unabhängigen Variablen definiert, die Operationalisierung der Daten beschrieben und das Regressionsmodell für die Auswertung hergeleitet.
5 Auswertung und Interpretation: Der Hauptteil präsentiert die statistische Analyse der Daten und interpretiert die Ergebnisse hinsichtlich der Hypothesen zur Wechselwahl und Parteisympathie.
6 Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bewertet das Scheitern bzw. die Bestätigung der Hypothesen und reflektiert über die Grenzen der Erklärbarkeit von Wählerverhalten.
7 Variablen-Übersicht: Ein tabellarischer Anhang, der alle verwendeten Variablen für das Regressionsmodell übersichtlich auflistet.
Schlüsselwörter
Wechselwähler, Volksparteien, Wahlverhalten, Parteiidentifikation, Prädisposition, soziale Milieus, sozioökonomischer Status, Regressionsanalyse, POLITBAROMETER, Wahlerfahrung, Konfession, Gewerkschaft, politische Bindung, Rechts-Links-Selbsteinschätzung, Demokratieunzufriedenheit.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema der Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Motivationsgründe und Merkmale von Wechselwählern sowie die schwindende Bindungskraft der klassischen Volksparteien in Deutschland.
Welche Forschungsfrage wird verfolgt?
Die zentrale Frage ist, warum Wähler sich zunehmend von den traditionellen Volksparteien abwenden und welche Faktoren – wie Bildung, Alter oder soziale Milieus – diesen Prozess des flexiblen Wahlverhaltens erklären können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine quantitative Analyse von Umfragedaten des POLITBAROMETER durchgeführt, wobei verschiedene Regressionsmodelle (linear und partiell) verwendet werden, um den Einfluss diverser Variablen auf das Wahlverhalten zu prüfen.
Welche Variablen werden untersucht?
Die Untersuchung berücksichtigt sowohl klassische Variablen wie sozioökonomischen Status, Konfession und Wohnortgröße (Erie-Studie) als auch moderne Einflussgrößen wie Alter, Gewerkschaftsnähe, politisches Interesse und die Rechts-Links-Selbsteinschätzung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Hypothesen an den Daten getestet, die Ergebnisse statistisch ausgewertet und im Zeitverlauf interpretiert, um Trends der Parteibindung von den 1970er Jahren bis 2007 aufzuzeigen.
Wodurch zeichnen sich Wechselwähler aus?
Die Analyse identifiziert insbesondere ein jüngeres Alter und einen höheren Bildungsgrad als Indikatoren für eine höhere Wechselwahlbereitschaft.
Warum konnte die Hypothese zum Wohnort (H3) nicht bestätigt werden?
Die statistische Auswertung zeigte keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Wohnortgröße und der Wechselwahlbereitschaft, was die Vermutung entkräftete, dass Volksparteien in Städten grundsätzlich schlechter abschneiden als auf dem Land.
Welche Rolle spielt die SPD in der Untersuchung?
Die SPD dient als Fallbeispiel für die Erosion traditioneller Bindungen, da sich deren Wählerschaft im Zeitverlauf mit den gewählten strukturellen Variablen kaum noch erklären ließ.
Ist der Ost-West-Faktor entscheidend für das Wahlverhalten?
Nein, die Untersuchung konnte keine signifikanten Unterschiede in der Wechselwahlbereitschaft zwischen Ost- und Westdeutschland belegen, weshalb dieser Faktor als erklärende Variable aus dem Modell genommen wurde.
Was bedeutet das "intellektuelle Paket"?
Dieser Begriff beschreibt ein Bündel von Variablen, das eher die geistige Grundhaltung des Bürgers gegenüber dem politischen System abbildet, als rein materielle oder geografische Faktoren.
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- Christian Rell (Author), 2011, “Wechselhaft, unzuverlässig, jung sucht ...” – der Wechselwähler und seine Motivation. , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215479