„Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück.“ (Benjamin Britten)
Begriffe wie „Lebenslanges Lernen“ oder Seminartitel und –konzepte wie „Der Mensch lernt niemals aus“ gewinnen auf allen politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Ebenen immer mehr an Bedeutung. Aufgrund demografischer Entwicklungen rücken auch immer mehr Erwachsene in der nachberuflichen Phase in den Fokus von Politik und Wissenschaft.
Begriffe wie die „neuen Alten“ oder die „jungen Alten“ zeigen auf, dass die Lebensphase Alter neu gedacht und interpretiert wird. Alter zeichnet sich heute in der allgemeinen Wahrnehmung (auch aufgrund medialer Darstellungen) eher durch Produktivität und Aktivität, als durch Schwäche, Krankheit und Verluste aus. Der allgemeine Kanon lautet vielmehr: Alles ist möglich. Gestützt wird diese These auch durch wissenschaftliche Erkenntnisse, wie zum Beispiel aus der Gehirnforschung, die mit der Entdeckung der Neuroplastizität festgestellt hat, dass ein Gehirn eines Älteren ähnlich leistungsfähig sein kann, wie das eines jungen Menschen.
Doch was passiert, wenn der Mensch physisch und psychisch an seine Grenzen stößt? Wenn er aufgrund seines Alters und der nachlassenden Kraft nicht mehr dem Bild der „jungen Alten“ mit offensichtlichem Entwicklungspotential entspricht?
Welche Entwicklungsmöglichkeiten hat der Mensch im hohen Lebensalter, indem er zunehmend mehr in verschiedene Formen der Abhängigkeit geraten kann?
Hilft ihm ein lernendes Auseinandersetzen mit sich und seiner Umwelt vor einem zurücktreiben im Lebensstrom? Was muss im Lehr-Lern-Prozess beachtet werden, dass „Hochaltrige“ für sich, im Sinne einer Ermöglichungsdidaktik, einen viablen (Lern-)Weg finden?
Wo liegen beim Lernen in der Hochaltrigkeit die Chancen und wo die Grenzen?
Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung erfolgt in dieser Hausarbeit. Es wird beschrieben, auf welcher Basis ein Lernen im hohen Alter möglich ist und auf welcher didaktischen Grundlage Lehr-Lernprozesse gestaltet werden müssen, damit diese erfolgreich umgesetzt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Problembeschreibung und Gang der Arbeit -
2. Thematische Hinführung und Definitionen
2.1. Demographischer Wandel und alternde Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland
2.2 Alter
3. Lebenslanges Lernen
3.1 Lerndimensionen und Lernformen
3.2 Lernen und Bildung
3.3 Lernen, Gehirn und Motivation – physiologische Voraussetzungen für ein Lernen bis in die Hochaltrigkeit
4. Lernen in der Hochaltrigkeit – Lernen im vierten Lebensalter
4.1 Kompetenz und Performanz
4.2 Kompetenz und Performanz in der Hochaltrigkeit in Abhängigkeit zur individuellen Bedürfnisbefriedigung
5. Ermöglichungsdidaktik und Hochaltrigkeit
6. Schlussfolgerungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht, unter welchen Voraussetzungen Lernen im hohen Alter möglich ist und wie Lehr-Lernprozesse didaktisch gestaltet werden müssen, um hochaltrigen Menschen trotz physischer und psychischer Einschränkungen einen gangbaren Lernweg zu ermöglichen und ihre Lebensqualität zu fördern.
- Demographischer Wandel und seine Auswirkungen auf die alternde Gesellschaft
- Physiologische Grundlagen der Neuroplastizität und Lernmotivation im Alter
- Abgrenzung und Bedeutung von Lernen und Bildung in der Hochaltrigkeit
- Kompetenz, Performanz und das Bedürfnismodell zur Lernbegleitung
- Ermöglichungsdidaktik als pädagogischer Ansatz für das vierte Lebensalter
Auszug aus dem Buch
Lernen, Gehirn und Motivation – physiologische Voraussetzungen für ein Lernen bis in die Hochaltrigkeit
Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass Erwachsene nichts mehr dazu lernen könnten, was sich in volkstümlichen Weisheiten wie; „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ausdrückte. Doch heute ist bewiesen, dass das Gehirn im Alter nicht aus festgelegten Nervenbahnen besteht, welche unveränderbar oder gar im Abbau begriffen sind. Es wurde bewiesen, dass es möglich ist, die Gehirnzellen auch im Alter zu vermehren und zwar durch Bewegung und Lernen. „Bewegung und Lernen ergänzen sich also: Ersteres schafft neue Stammzellen, Letzteres erhöht die Lebensdauer.“ (Doidge 2008, S. 247)
Michael Merzenich (Neuroplastologe) stellt die Hypothese auf, dass „unser Gehirn vom ersten bis zum letzten Lebenstag plastisch verformbar ist und dass unsere kognitiven Funktionen – Lernfähigkeit, Wahrnehmung und Gedächtnis selbst noch im Alter verbessert werden können“ (zitiert nach Doidge 2008, S. 56) und „dass wir mit zunehmendem Alter das intensive Lernen vernachlässigen und auf diese Weise die Systeme verkümmern lassen, die die Plastizität des Gehirns regulieren und erhalten“ (zitiert nach Doidge 2008, S.93).
„Alles was wir in einem jungen Gehirn beobachten, kann auch in einem älteren Gehirn passieren.“ Doidge beschreibt, dass der Mensch dazu motiviert werden muss, durch ausreichend Belohnung oder Bestrafung, konzentriert und aufmerksam eine Übung durchzuführen, die ansonsten langweilig wäre (vgl. Doidge, 2008, S. 95-96). Des Weiteren: „ Das Leben ist zum Leben da und nicht zum Üben, also sollten wir Dinge tun, die wir immer schon tun wollten, denn dann sind wir hoch motiviert und dies ist ein entscheidender Faktor.“(Doidge, 2008, S. 251)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Problembeschreibung und Gang der Arbeit -: Die Einleitung beleuchtet die steigende Bedeutung lebenslangen Lernens vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und stellt die Forschungsfragen zur Lernfähigkeit im hohen Alter.
2. Thematische Hinführung und Definitionen: Dieses Kapitel analysiert den demographischen Wandel sowie unterschiedliche Altersbegriffe, um eine präzise Definition der Hochaltrigkeit als Basis für die Arbeit zu etablieren.
3. Lebenslanges Lernen: Hier werden Dimensionen des Lernens, physiologische Grundlagen wie Neuroplastizität und die zentrale Rolle der Motivation für das Lernen bis ins hohe Alter erörtert.
4. Lernen in der Hochaltrigkeit – Lernen im vierten Lebensalter: Das Kapitel befasst sich mit der besonderen Sensibilität von Lernprozessen im vierten Lebensalter unter Berücksichtigung von Kompetenz, Performanz und individuellen Bedürfnissen.
5. Ermöglichungsdidaktik und Hochaltrigkeit: Es wird dargelegt, warum das Konzept der Ermöglichungsdidaktik aufgrund der individuellen Lernbiographien der geeignetste pädagogische Ansatz für die Arbeit mit hochaltrigen Menschen ist.
6. Schlussfolgerungen: Das Fazit beantwortet die zentrale Frage positiv: Lernen ist im hohen Alter möglich, sofern eine sensible, an Bedürfnissen orientierte Lernbegleitung erfolgt, die die Grenzen des Alters anerkennt.
Schlüsselwörter
Hochaltrigkeit, lebenslanges Lernen, demographischer Wandel, Neuroplastizität, Ermöglichungsdidaktik, Motivation, Kompetenz, Performanz, viertes Lebensalter, Altern, Bildung, Geragogik, Autonomie, Lernbegleitung, Altersweisheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Lernens im hohen Alter, insbesondere in der Phase der sogenannten Hochaltrigkeit oder des vierten Lebensalters.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der demographische Wandel, die physiologische Lernfähigkeit des alternden Gehirns, Konzepte der Erwachsenenbildung sowie didaktische Methoden zur Unterstützung älterer Lernender.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, wie Lehr-Lernprozesse gestaltet sein müssen, damit auch Hochaltrige erfolgreich und gewinnbringend lernen können, und wo dabei die Grenzen liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit aktueller geragogischer Fachliteratur, gehirnphysiologischen Erkenntnissen und Modellen zur Kompetenzentwicklung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die physiologischen Voraussetzungen (Neuroplastizität), die Abgrenzung von Begriffen wie Lernen und Bildung sowie die praktische Anwendung der Ermöglichungsdidaktik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich durch Begriffe wie Hochaltrigkeit, Neuroplastizität, Ermöglichungsdidaktik und lebenslanges Lernen geprägt.
Warum ist das vierte Lebensalter pädagogisch so relevant?
Aufgrund zunehmender Morbidität und Abhängigkeit rücken hier individuelle Bedürfnisse in den Vordergrund, die eine spezialisierte, alterssensible Bildungsarbeit erfordern.
Welche Rolle spielt die Motivation für Hochaltrige?
Motivation ist der entscheidende „Türöffner“; sie resultiert häufig aus dem Bedürfnis nach Autonomie, dem Erhalt sozialer Kontakte oder der Bewältigung veränderter Lebenssituationen.
- Arbeit zitieren
- Katja Müller (Autor:in), 2013, Lernen im hohen Alter. Chancen und Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215514