Bewegungs- und Sportangebote stehen in direkter Konkurrenz mit den
Neuen Medien und kämpfen um das Interesse der Kinder. Doch die Phantasiewelten
der Computerspiele und Fernsehsendungen sind nur ein Teil
der sozialen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Die Veränderung
der Lebensbedingungen hat direkte Auswirkungen auf das Bewegungs- und
Körpererleben und damit auch auf (persönlichkeits-)bildende Prozesse. Die
Gründe dieser Veränderung sind nicht nur in familiären Strukturen zu suchen,
sondern insbesondere auf den gesellschaftlichen und sozioökologischen
Wandel zurückzuführen. Die moderne Lebenswelt wirkt sich
auf das gesamte Körperkonzept der Kinder, insbesondere auf das Raumund
Zeiterleben, aus. Ein zentraler Aspekt der veränderten Lebensbedingungen
ist der Rückgang an Gelegenheiten für eine aktive Weltaneignung
und damit der Entzug von unmittelbaren Sinneserfahrungen durch den Körper.
Denn das bewusste Erschweren von Bewegungen ermöglicht viele
Sinne anzusprechen und dabei sich und die Umwelt möglichst reizvoll zu
erleben. Erwachsene betrachten dieses bewusste Erschweren von Handlungen
außerhalb des Sports als unnötig und sinnlos. Es verwundert also
nicht, wenn die Umwelt den Vorstellungen der Mehrheit der Erwachsenen
entspricht und eine bequeme und komfortable, aber für die kindliche Sinnesentwicklung
feindliche Umgebung einen Großteil der Lebenswelt der Kinder
ausmacht. Doch die „Sinnessysteme“ müssen täglich eingesetzt und trainiert werden, damit sie aktiv bleiben und sich weiterentwickeln können
(Zimmer, 1997, S. 20 f.).
Schon vor fünfzehn Jahren wurden die Probleme einer bewegungsfeindlichen
Lebenswelt von Zimmer (ebd.) thematisiert und sind bis heute noch
allgegenwärtig. Diese Umstände machen einmal mehr deutlich, wie wichtig
es ist, nach einer bildungstheoretischen Begründung von Bewegung zu suchen,
um auf diesem Weg ein gewisses Umdenken weiter voranzutreiben.
Denn nach Zimmer (1995, S. 8 f.) ist insbesondere bei Kindern in den ersten
Lebensjahren vielfältige Bewegungserfahrung dafür verantwortlich, in welcher
Weise Eindrücke aus der Umwelt aufgenommen und verarbeitet werden.
Die „Bewegung ist der Motor und der Mittler des Lernens, sie ist eine
Form der Weltaneignung, die dem Kind die Möglichkeit gibt, sich mit all seinen
Sinnen mit der Umwelt auseinanderzusetzen“ (Zimmer, 2009, S. 10).
[...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Einführung in die Problemstellung
1.2 Ziel und Gang der Untersuchung
2 Sportpädagogische Definition und Abgrenzung von Bewegung und Bildung
2.1 Bildung – Ein Definitionsversuch
2.2 Abgrenzung des Begriffs Bildung vom Begriff Erziehung
2.3 Bewegung – Ein Definitionsversuch
2.4 Abgrenzung des Begriffs Sport vom Begriff Bewegungshandeln
3 Bildungstheorien
3.1 Entwicklungsgeschichte in Deutschland nach 1945
3.2 Merkmale einer klassisch pädagogischen Bildungstheorie
3.3 Der kategoriale Bildungsbegriff nach Klafki
4 Bewegung aus bildungstheoretischer Perspektive
4.1 Bewegung als Bildungskategorie
4.2 Erfahrung als Bildungskategorie
4.2.1 Erfahrung durch Bewegung
4.2.2 Ästhetische Erfahrungen aus bildungstheoretischer Sicht
4.2.3 Die Erfahrung des Scheiterns - Voraussetzung von Bildung
4.2.4 Erfahrung als Motivation - Motor für lebenslange Bildung
4.2.5 Erfahrung als Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung
5 Anspruch und Wirklichkeit des Sportunterrichts
5.1 Kompetenzbildung durch Bewegung
5.2 Kompetenzbildung als Legitimationsstrategie?
5.3 Das Problem der doppelten Paradoxie
5.4 Didaktisch-methodische Umsetzung
5.4.1 Die Überwindung der systembedingten Grenzen
5.4.2 Didaktische Transformation - Ästhetik-Bildung im Turnunterricht
5.4.3 Le Parkour - Eine erweiterte Perspektive von Turnunterricht
6 Bewegung bildet!
6.1 Fazit
6.2 Ausblick auf die Arbeit in der Schule
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Bewegung und Bildung mit dem Ziel, die These "Bewegung bildet!" vor dem Hintergrund bildungstheoretischer Grundlagen kritisch zu überprüfen und für den Sportunterricht zu legitimieren.
- Bildungstheoretische Fundierung von Bewegung und Sporterziehung.
- Differenzierung der Begriffe Bildung, Erziehung, Bewegung und Sport.
- Analyse der Rolle von Erfahrung und Reflexion in Bildungsprozessen.
- Überprüfung der Legitimationsstrategien des Sportunterrichts in der Schule.
- Didaktische Transformation von Bewegungstheorien in die sportunterrichtliche Praxis, exemplarisch durch Le Parkour.
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Ästhetische Erfahrungen aus bildungstheoretischer Sicht
Der Begriff Ästhetik lässt sich sowohl als Theorie des Schönen, Theorie der Kunst als auch als Theorie der sinnlichen Erkenntnis beschreiben. Doch den Ästhetikbegriff rein unter der umgangssprachlich verstandenen Bedeutung als Schönheitsideal zu betrachten, wäre in einem bildungstheoretischen Kontext unpassend und sogar irreführend. Auch die Theorie der Kunst, die einen „Kontakt mit künstlerischen Produktionen“ vorgibt, wäre in diesem Zusammenhang schwierig zu begründen, da ästhetische Bildung unter diesen Umständen ausschließlich durch die Auseinandersetzung mit künstlerischen, musischen oder tänzerischen Bereichen entstehen könnte.
Dadurch würde nur ein Bereich der Ästhetik beschrieben, der „isoliert neben einem Bereich der Bildung stände“. Daher sollte insbesondere dem ästhetischen Verständnis einer „sinnlichen Erkenntnis“ erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden, da es den Begriff der Ästhetik erweitert und die Grundlage für eine individuelle Wahrnehmung schafft. Denn auch Probst (2006, S. 12) sieht „Ästhetische Bildung als Basis subjektiver Wahrnehmung“, die ein „durchgängiges Prinzip innerhalb jeglicher Bildungsprozesse“ darstellen sollte.
Dem ständigen Streben nach abstrakten Formeln, theoretischen Modellen sowie der Technisierung und Spezialisierung entgegenzuwirken und einem „fühl- und respektlosen, unästhetischen Umgang mit der Natur um uns und in uns“ zu begegnen, kann nach Trebels (2010, S. 117 f.) nur durch eine „ästhetische Erziehung“ erreicht werden. Auch Lange und Klenk (2010, S. 184) sehen als konstitutive Voraussetzung für Bewegungshandeln die „aisthetische Wahrnehmung der Welt“. Dabei geht es nicht in erster Linie um die reflexive Wahrnehmung ästhetischer und schöner Bewegungen, sondern um eine differenzierte und ganzheitliche Körperwahrnehmung und die Adaptionsfähigkeit von „Körper und Geist“ an die Umwelt, die essenzieller Bestandteil von bewussten oder unbewussten Bewegungshandlungen und ebenso des Bewegungslernens ist (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die bildungstheoretische Problematik von Bewegung ein, definiert das Ziel der Arbeit und den weiteren methodischen Gang der Untersuchung.
2 Sportpädagogische Definition und Abgrenzung von Bewegung und Bildung: Hier werden die zentralen Begriffe Bildung, Erziehung, Bewegung und Sport definiert und scharf voneinander abgegrenzt, um ein klares Verständnis für die weiteren bildungstheoretischen Analysen zu schaffen.
3 Bildungstheorien: Kapitel 3 skizziert die Entwicklungsgeschichte der Bildungstheorie nach 1945, benennt Merkmale klassisch-pädagogischer Bildungstheorien und erläutert den kategorialen Bildungsbegriff nach Klafki als Orientierungsrahmen.
4 Bewegung aus bildungstheoretischer Perspektive: Dieses Kapitel setzt Bewegung in Beziehung zur Bildung und untersucht, welche bildenden Eigenschaften von Bewegung ausgehen, wobei insbesondere die Erfahrung als entscheidende Bildungskategorie im Mittelpunkt steht.
5 Anspruch und Wirklichkeit des Sportunterrichts: Das Kapitel reflektiert den bildungstheoretischen Anspruch gegenüber der schulischen Praxis, thematisiert paradoxe Anforderungen und zeigt didaktisch-methodische Möglichkeiten der Transformation auf, unter anderem am Beispiel von Le Parkour.
6 Bewegung bildet!: Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengeführt und die zentrale These der Arbeit "Bewegung bildet!" diskutiert, gefolgt von einem Ausblick auf die praktische Umsetzung im schulischen Alltag.
Schlüsselwörter
Bildung, Bewegung, Sportunterricht, Bewegungshandeln, Erfahrung, Ästhetische Bildung, Kompetenzbildung, Kategoriale Bildung, Sportpädagogik, Le Parkour, Reflexion, Persönlichkeitsentwicklung, Weltaneignung, Schulsport, Ganzheitlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Bewegung und Bildung gibt, und begründet diesen aus einer sportpädagogischen und bildungstheoretischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Begriffe Bildung und Bewegung, klassische und moderne Bildungstheorien, die Bedeutung von Erfahrung und Wahrnehmung sowie die didaktische Gestaltung von Sportunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die These "Bewegung bildet!" zu überprüfen und eine bildungstheoretische Argumentationsstruktur zu schaffen, die den Sportunterricht in der Schule legitimiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer Literaturanalyse verschiedener sportpädagogischer und bildungstheoretischer Ansätze sowie deren Bezugnahme auf Praxisbeispiele basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Bewegung als Bildungskategorie fungiert, welche Rolle ästhetische Erfahrungen spielen und wie der Sportunterricht trotz systembedingter Paradoxien bildend gestaltet werden kann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Bildung, Bewegung, Sportunterricht, Kompetenzbildung, ästhetische Erfahrung, kategoriale Bildung und Sacherschließung.
Warum spielt das Beispiel "Le Parkour" eine Rolle?
Le Parkour dient als Praxisbeispiel für eine didaktische Transformation, da es eine schülernahe, offene Alternative zum traditionellen Gerätturnen bietet und selbstständige, effiziente Bewegungslösungen fördert.
Was ist mit der "doppelten Paradoxie" gemeint?
Dies beschreibt das Spannungsfeld der Schule zwischen staatlichen Anforderungen an Qualifikation und Selektion sowie dem individuellen Bildungsanspruch der Schüler, gepaart mit der Pflichtteilnahme am Sportunterricht.
Ist Sportunterricht mit Turnunterricht gleichzusetzen?
Nein, die Arbeit plädiert dafür, den traditionellen "Sportartensport" zugunsten eines offeneren "Bewegungsunterrichts" zu erweitern, der stärker auf Bewegungsbedeutungen und individuelle Bildung zielt.
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- Sebastian Linzenmeyer (Author), 2012, Bewegung bildet! Eine bildungstheoretische Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215576