Im Neuen Testament, besonders in den synoptischen Erzählungen, gibt es ca. 40 Gleichniserzählungen. Damit verkündet Jesus das Reich Gottes, was zu seiner Zeit eine gängige Methode der Rabbinen war. Den Hörern war dies nicht fremd. Im letzten Jahrhundert haben die Exegesen die Gleichnisse Jesu genauer untersucht und sind bei ihrer Auslegung zu verschiedenen Standpunkten gekommen. Adolf Jülicher spricht von einer Bild- und Sachhälfte der Gleichnisse. Im Vergleichspunkt (tertium comparationis) stimmen sie überein. Aus Erfahrungen können die Hörer und Hörerinnen zustimmen. Joachim Jeremias schreibt: „Gleichnisse sind nur zu verstehen, wenn ihre historische Situation rekonstruiert wird, in die hinein sie gesprochen wurden. Jedes Gleichnis ist also situationsverhaftet. Wohl kann man Bild- und Sachhälfte unterscheiden.“1 So bemerkt Jeremias, dass die Hörer und Hörerinnen zur Zeit Jesu aufgrund der Bildhälfte wussten, um was es geht. Als man später den Hintergrund nicht mehr wusste, fügte man die Sachhälfte mit ein. Das Beispiel von den
Arbeitern des Weinbergs (Mt 20,1-10) reichte den Menschen zu verstehen, dass es bei Jesus nicht um den Lohn geht, was und wie viel jeder gearbeitet hat, sondern um die Güte und die Liebe, die ein wichtiger Bestandteil im Leben der Menschen sind, um ins Reich Gottes zu gelangen. Die neuere Gleichnisforschung, besonders unter Hans Weber, zieht vor, die Gleichnisse Jesu mit Hilfe der Tiefenpsychologie zu deuten. „Hier geht es darum, wie ein Text auf die jeweilige Leserin, den Leser wirkt, inwiefern das Gesagte sich im eigenen Leben wiederfindet und damit für das persönliche deutend und bedeutsam ist.“2 Die Gleichnisse sollen die Erfahrungen des täglichen Lebens wieder spiegeln. So begegnet Paul Ricoeur, dass die Leser
in eine Geschichte verstrickt werden und sie sich meistens selbst darin wieder finden. Dies führt wiederum dazu, dass für die betroffene Person Fragen aufkommen. Gleichnisse darf man aber nicht als abstrakte Wahrheiten herabsetzen, sie „provozieren zur Stellungnahme, zu Zustimmung oder Widerspruch. Sie zielen auf eine ,Umkehr der Einbildungskraft’“3 für die Leser bzw. Leserinnen.
1 Spuren, Arbeitshilfen für einen ganzheitlichen Religionsunterricht an Förderschulen. Jesus bringt die Botschaft
vom Reich Gottes, Bis chöfliches Schulamt der Diözese Rottenburg/Stuttgart und IRP Freiburg, 1996, S. 5
2 Ebd. S. 5
3 Ebd. S. 5
Inhaltsverzeichnis
Deutungen der Gleichnisse
Gleichnisse in Schulen
Stationen der Gleichnisdidaktik
Gleichnis als Erzählung
Die symbolische Sprache
Gleichnis als Metapher
Gleichnis als Spiel
Eigene Meinung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der didaktischen Vermittlung neutestamentlicher Gleichniserzählungen auseinander. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gleichnisse – unter Berücksichtigung ihrer symbolischen und metaphorischen Struktur – kindgerecht und lebendig im Unterricht thematisiert werden können, ohne dabei den tieferen theologischen Gehalt zu verzerren.
- Historische und psychologische Deutungsansätze von Gleichnissen
- Die didaktische Herausforderung der Gleichnisauslegung in der Schule
- Gleichnis als Erzählung, Metapher und Spiel
- Die Bedeutung von Symbolsprache in der religiösen Erziehung
- Praktische Ansätze zur spielerischen Auseinandersetzung mit biblischen Texten
Auszug aus dem Buch
Gleichnis als Metapher
Literaturwissenschaftler und Hermeneutiker sind der Auffassung, dass Gleichnisse vom Wesen der Metapher zu verstehen sind. Die erlangte Erkenntnis lassen Metapher und Gleichnis als zwei gleichartige Sprachphänomene erfassen. Wir wollen uns die Metapher im Blickwinkel des Gleichnisses näher betrachten.
Die Metapher erstreckt sich im Gleichnis auf einen oder mehrere Sätze. Sie unterscheidet sich von der uneigentlichen Rede und der eigentlichen Rede durch Wortbedeutungen. Damit ist gemeint: „was sie >> bildlich << sage, lasse sich auch >>anders<<, also in eigentlicher Rede sagen.“ Die Wissenschaftler sind sich uneinig. Sie diskutieren darüber, dass Metaphern keine uneigentliche Reden darstellen. Es ist die Funktion, welche die neuen Erkenntnisse zur Sprache bringen. Grundsätzliche metaphorische Züge Die menschliche Sprache und das Denken haben grundsätzlich metaphorische Züge. Dadurch können sinndeutende Ansichten in Metaphern zur Sprache werden.
Hans Blumenberg spricht von „absoluten Metaphern“. Sie „beantworten jene vermeintlich naiven, prinzipiell unbeantwortbaren Fragen, deren Relevanz ganz einfach darin liegt, daß sie nicht eliminierbar sind, weil wir sie nicht stellen, sondern als im Daseinsgrund gestellte vorfinden.“
Da die Metapher ein Übermaß von Sinnhaftigkeit enthält, erschafft sie neue Bedeutung. Dies kommt zu Stande, weil sie nicht vollständig ist und ihr Empfänger noch kein Teilhaber ist. Daraus lässt sich schließen, dass Gleichnisse keine uneigentlichen Reden sind, sondern durch ihren Sprachstil „absolute Metapher“. Sie öffnen neue Türen für neue Interpretationen. Damit müssen wir die Unterscheidung zwischen Bild- und Sachhälfte ausgrenzen. Der Inhalt der Gleichnisse darf von seiner vorkommenden Form nicht getrennt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Deutungen der Gleichnisse: Einleitende Betrachtung der verschiedenen exegetischen und tiefenpsychologischen Ansätze zur Interpretation neutestamentlicher Gleichnisse.
Gleichnisse in Schulen: Diskussion der Problematik, wie Gleichnisse für Kinder didaktisch aufbereitet werden können, ohne an historischer oder inhaltlicher Tiefe zu verlieren.
Stationen der Gleichnisdidaktik: Übersicht über die einflussreichen Theorien von Jülicher, Jeremias und Linnemann zur methodischen Handhabung von Gleichnissen im Unterricht.
Gleichnis als Erzählung: Untersuchung des Gleichnisses als eigenständiges erzählerisches Werk, das unabhängig von historischer Rekonstruktion eine eigene Wirkung entfaltet.
Die symbolische Sprache: Analyse der Bedeutung von Symbolen und ihrer Funktion, das Geheimnis Gottes in einer menschlich verständlichen Sprache anzunähern.
Gleichnis als Metapher: Vertiefung der These, dass Gleichnisse als „absolute Metaphern“ zu verstehen sind, die neue Interpretationsräume eröffnen.
Gleichnis als Spiel: Darstellung der spielerischen Auseinandersetzung mit biblischen Texten als bevorzugter Lernprozess für Kinder.
Eigene Meinung: Reflexion des Autors über die Bedeutung der Gleichnisse für die religiöse Erziehung und den Wert von Rollenspielen in der Praxis.
Schlüsselwörter
Gleichnisse, Neues Testament, Didaktik, Religionspädagogik, Reich Gottes, Metapher, Symbole, Erzählung, Spiel, Interpretation, Kinder, Theologie, Vermittlung, Lernprozess, Rollenspiel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Aufbereitung und Interpretation neutestamentlicher Gleichniserzählungen im schulischen Kontext.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die hermeneutischen Zugänge zu Gleichnissen, die symbolische und metaphorische Sprache sowie deren Bedeutung für den Lernprozess von Kindern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Lehrkräfte Gleichnisse spielerisch und kreativ vermitteln können, um die Schülerinnen und Schüler aktiv einzubinden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse exegetischer und religionspädagogischer Theorien sowie auf die Reflexion eigener praktischer Erfahrungen im Unterricht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Gleichnis als Erzählung, Metapher und Spiel sowie die Bedeutung der Symbolsprache für das theologische Verständnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Gleichnisse, Didaktik, Metapher, Symbolsprache und kindgerechte religiöse Bildung.
Warum wird die Parabel von den Arbeitern im Weinberg so intensiv betrachtet?
Sie dient als exemplarisches Beispiel, um die Schwierigkeiten der traditionellen Auslegung und die Notwendigkeit einer zeitgemäßen, offeneren Didaktik zu veranschaulichen.
Welche Rolle spielt die Tiefenpsychologie in der Gleichnisdidaktik?
Sie unterstützt den Ansatz, dass sich Schülerinnen und Schüler persönlich in den Texten wiederfinden und diese auf ihr eigenes Leben beziehen können.
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- Thomas Zeitler (Author), 2001, Die Parabel von den Arbeitern im Weinberg - Gleichnis und Kind, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21565