Die Krisenjahre 1874-1875. Die so genannte „Krieg-in-Sicht“-Krise, ein Beispiel für die Drohpolitik Bismarcks


Hausarbeit, 2013

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Jahre 1870 bis 1875 im Überblick
1.1 Die innenpolitischen Spannungen - Gründerkrise und aufkommender Antisemitismus
1.2 Der Kulturkampf

2. Die außenpolitische Lage - Vorbetrachtungen

3. Die Russland-Krisen

4. Die Radowitz-Mission

5. Die „Krieg-in-Sicht“-Krise

6. Schlussbetrachtungen

7. Gedruckte Quellen und Literatur

8. Internet

Einleitung

Das lange 19. Jahrhundert stellte die verschiedenen deutschen Einzelstaaten vor große Herausforderungen. Insbesondere die Reichsgründung von 1871 bildet einen tiefen Einschnitt in der gesamten europäischen Geschichte und politischen Entwicklung des Kontinents. Kriege, Reichseinigung und Bismarcks unstete Außenpolitik weckten das Misstrauen der europäischen Nachbarn. Zudem erschuf sich Bismarck im Krieg gegen Frankreich Rivalen um die Macht im Herzen Europas, von welchen eine ständige diplomatische Bedrohung ausging.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Forschungsfrage, ob tatsächlich der Krieg in Sicht war. Gemeint ist damit die so genannte „Krieg-in-Sicht“-Krise, ein Beispiel für die Drohpolitik Bismarcks.

Inwieweit die innenpolitischen Probleme des Kaiserreiches für die „Krieg-in-Sicht“-Krise mitverantwortlich waren, soll ein weiterer Bestandteil der Arbeit sein. Hinzu kommen verschiedene andere Faktoren, wie Wirtschaft und Kultur des Kaiserreiches. Im Vordergrund steht allerdings die Beziehung zwischen der französischen Republik und dem Deutschen Kaiserreich unter besonderer Berücksichtigung des Russischen Zarenreiches.

Der Forschungsstand der Krisenjahre 1874 und 1875 ist bereits sehr gut aufgearbeitet worden. Zentral sind dabei zwei Werke. Zum einen Ulrich Lappenküper: „Die Mission Radowitz. Untersuchung zur Rußlandpolitik Otto von Bismarcks (1871-1875)" und zum anderen Johannes Janorschke: „Bismarck, Europa und die „Krieg-in-Sicht“-Krise" von 1875". „Die Mission Radowitz" beschreibt die Versetzung eines Diplomaten nach St. Petersburg, welcher für die Regierung des Deutschen Reiches die sprichwörtlichen Kohlen aus dem Feuer holen sollte und beleuchtet die Rolle des Zarenreiches in den beiden Krisenjahren. „Die Krieg-in-Sicht“-Krise wird von Johannes Janorschke in seiner Dissertation genauestens beleuchtet. Für die vorliegende Arbeit wurde das Werk jedoch nur genutzt, um unklare Sachverhalte näher zu erläutern bzw. um größere Themenkomplexe in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Damit soll vermieden werden, dass nur eine Sichtweise zum Tragen kommt.

Zudem gibt es noch einige weitere Aufsätze, Monographien und andere Veröffentlichungen, welche die Krieg-in-Sicht-Krise zum Thema haben. Dabei wird sehr schnell deutlich, wer die Hauptakteure waren, wer passiv und aktiv handelte, wer aggressiv und wer diplomatisch vorgegangen war . Einen guten Überblick über die gesamte Zeit des zweiten Deutschen Reiches verschafft Volker Ullrich mit seiner Gesamtdarstellung „Die nervöse Großmacht 1871-1918. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs". Wichtig, um zu verstehen, wie die deutsche Öffentlichkeit gewonnen werden sollte, ist der Krise namensgebender Zeitungsartikel aus der Berliner Zeitung „Post“, welcher näher beleuchtet werden soll. Sehr kritisch und etwas eigen setzte sich zudem George F. Kennan mit dem Thema auseinander.

Eine vollständige Untersuchung der Problematik wird es in der vorliegenden Arbeit nicht geben können, dafür ist das Thema zu komplex. Die Arbeit soll eine Ahnung des Zeitgeistes vermitteln, um zu verstehen, weshalb die Akteure ihren Standpunkt und ihre Handlungen vehement verteidigten.

1. Die Jahre 1870 bis 1875 im Überblick

1.1 Die innenpolitischen Spannungen - Gründerkrise und aufkommender Antisemitismus

Das deutsche Kaiserreich und allen voran das Königreich Preußen waren agrarisch geprägt. Die Landwirtschaft selbst befand sich meist in den Händen von Großbauern. An Bodenschätzen, besonders an Kohle, mangelte es nicht. Das Deutsche Reich war noch im 19. Jahrhundert in sehr viele kleine und große Fürstentümer geteilt. Unternehmer hatten es auf Grund der vielen Grenzen und den damit verbundenen Zöllen schwer, ihren Absatzmarkt zu vergrößern. Mit der Gründung des deutschen Zollvereins im Jahr 1834 wurde den Unternehmern ein neuer Wachstumsimpuls gegeben. Mit dem Wegfall der innerdeutschen Grenzen, konnten so überregionale Märkte sehr viel besser erschlossen werden. Einen weiteren großen Vorteil brachte die Eisenbahn. Über das stetig wachsende Schienennetz konnten die Waren schneller zu ihrem Bestimmungsort gebracht werden.[1]

Mit dem deutsch-französischem Krieg von 1870/71 und der relativ schnellen Niederlage Frankreichs, erlebte das neugegründete Reich einen gigantischen Wirtschaftsaufschwung. Grund hierfür waren die Reparationsfordungen des Siegers. Frankreich musste dem Reich fünf Milliarden Goldfranc zahlen. Dies sorgte auf unterschiedliche Weise für die Stimulation der deutschen Wirtschaft. Ein Teil des Geldes floss in die Modernisierung des Heeres und den Festungsbau. Somit wurde vor allem die Rüstungs- und Bauindustrie gefördert. Der andere Teil wurde an die einzelstaatlichen Regierungen im Deutschen Reich zurückgezahlt, welche das Geld wiederrum nutzten, um den Bürgern ihre Kriegsanleihen zu erstatten. Auf diese Weise stand jede Menge Geld zur freien Verfügung und die Bürger sahen darin eine gute Möglichkeit noch mehr Geld herauszuholen. Aktienspekulationen gewannen erheblich an Ansehen, denn die Börse versprach scheinbar jeden Deutschen reich zu machen. Zudem gab es eine sehr liberale Wirtschaftsgesetzgebung, was dazu führte, dass fast sämtliche Beschränkungen im Kapitalverkehr beseitigt wurden. Somit war es u.a. möglich, eine Aktiengesellschaft zu gründen, trotz dem Fehlen einer Konzession. Danach brach ein Gründerboom im Aktiengeschäft aus. Unter den neugegründeten Gesellschaften befanden sich sehr viele schwarze Schafe. Deren Scheinfirmen waren einzig und allein darauf ausgerichtet möglichst viel Geld abzuschöpfen und die Anleger so um ihr Geld zu bringen.[2] Dies führte natürlich zu erheblichen Spannungen.

Ullrich führt die Hauptstadt Berlin als Beispiel auf. Es kommt zu Bodenspekulationen und starken, quartalsweisen Mietpreiserhöhungen. Geldnot und Verzweiflung trieben die Menschen auf die Straße und führten zu Krawallen und Straßenkämpfen. Im Oktober 1873 kommt eine neue Hiobsbotschaft hinzu. Ein Börsenkrach lässt die Aktienkurse einbrechen. Viele Anleger verlieren im Zuge dessen ihre Lebensgrundlage. Firmen gehen pleite und Arbeiter werden entlassen. Das Meiste des hier Genannten war die Folge der Zahlungsunfähigkeit der „Quistorphschen Vereinsbank".[3] Ullrich schreibt weiterhin, dass dies aber nur eine notwendige Anpassungs- und Modernisierungskrise war. Da es auf den Aktienmärkten genug Geld gab, machte man sich keine Sorgen mehr über Absätze und vernachlässigte die Qualität der deutschen Produkte. Nun erkannten die Unternehmer aber, welche Folgen dies hatte. Im ersten Moment war es natürlich katastrophal für die Unternehmer, auf lange Sicht hingegen konnte man es als Segen sehen. Man passte sich dem Konkurrenzdruck an, indem man seine Produkte qualitativ hochwertig hielt.[4]

Politisch gesehen hatte dies noch weitreichendere Folgen. Aufkommender Antisemitismus, teilweise durch die Presse gestärkt, versuchte den jüdisch Gläubigen die Schuld an dieser Krise zu geben. Juden standen so stellvertretend für eine verantwortungslose Wirtschaftspolitik, welche von Bismarck und den Liberalen heraufbeschworen wurde.[5]

[...]


[1] Buchheim, Christoph: Industrielle Revolutionen. Langfristige Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien, Europa und Übersee. München, 1994. S. 99-102

[2] Ullrich, Volker. Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871 - 1918. Frankfurt am Main 2010. S. 38-40

[3] Ebd. S. 40-42

[4] Ebd. S. 42-44

[5] ebd. S. 44-45

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Krisenjahre 1874-1875. Die so genannte „Krieg-in-Sicht“-Krise, ein Beispiel für die Drohpolitik Bismarcks
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V215723
ISBN (eBook)
9783656442004
ISBN (Buch)
9783656442790
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krieg-in-Sicht-Krise, Bismarck, Außenpolitik Kaiserreich, 1875, Großmacht, Pressefeldzug
Arbeit zitieren
Oliver Jäger (Autor), 2013, Die Krisenjahre 1874-1875. Die so genannte „Krieg-in-Sicht“-Krise, ein Beispiel für die Drohpolitik Bismarcks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215723

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