Georg Simmels Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung


Seminararbeit, 2008

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel I: Das Problem der Soziologie
Exkurs über das Problem: Wie ist Gesellschaft möglich?

Kapitel II: Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Soziologie. Ein Begriff, ein wissenschaftliches Fach, eine Studienrichtung, bei dem nicht von vornherein klar ist, worum es sich dabei handelt. Ganz anders als bei Medizin, Betriebswirtschaft, Jura oder Architektur, wo jedem klar ist, welcher Fachbereich damit abgedeckt wird. Gerade diese Unwissenheit über die Inhalte der Soziologie bzw. wozu man sie braucht, macht sich im Alltag jedes Soziologiestudenten bemerkbar, wenn man zum Hundertsten Mal mit den Fragen gelöchert wird, was man da genau studiere, wozu man es brauche und was man jemals damit anfangen könne.

Dieses Problem liegt aber nicht nur in der allgemeinen Unklarheit über Soziologie, sondern vielleicht vielmehr daran, dass sich die Soziologie erst als wissenschaftliches Fach behaupten musste und sich von den ‚Nachbargebieten’ wie z.B. Psychologie oder Philosophie abzugrenzen hatte, wobei dennoch Gemeinsamkeiten bestehen bleiben.

Im ersten Teil dieser Semesterarbeit wird genau diese Thematik behandelt. Simmel selbst gab dem ersten Kapitel in diesem Werk den Titel: ‚Das Problem der Soziologie’.

Die Aufgabe, über die Wissenschaft Soziologie Auskunft zu geben, findet ihre erste Schwierigkeit darin, dass ihr Anspruch auf den Titel einer Wissenschaft keineswegs unbestritten ist; und dass, wo ihr dieser selbst zugestanden wird, über ihren Inhalt und ihre Ziele sich ein Chaos von Meinungen ausbreitet, deren Widersprüche und Unklarheiten den Zweifel, ob man es hier überhaupt mit einer wissenschaftlich berechtigten Fragestellung zu tun hat, immer von neuem nähern.1

In seinem Werk "Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung" etabliert nun Simmel mit seiner formalen Analyse die Mikrosoziologie, die erstmals auch alltagsrelevante Objekte wissenschaftlich erörtert.

Dadurch hat sich Simmels Ruf als ‚Begründer der Wissenschaft der Soziologie’ gefestigt. Vor allem seine soziologischen Schriften wurden früh ins Französische, Italienische und Englische übersetzt.

Im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit wird die ‚quantitative Bestimmtheit der Gruppe’ behandelt. Wie wirkt sich die Vergesellschaftung auf die Gruppe aus, bzw. in welchem Zusammenhang steht Vergesellschaftung mit der Größenanzahl einer Gruppe.

Kapitel I: Das Problem der Soziologie

Erstes Kapitel: Das Problem der Soziologie

Da jedes menschliche Handeln in Wechselwirkung innerhalb der Gesellschaft abläuft, und man geht hier weg von der reinen Betrachtung des Individuums, musste alles was nicht Wissenschaft von äußerer Natur war, Wissenschaft der Gesellschaft sein. Da die Soziologie eine neue Wissenschaft war, wurden ihr alle menschlichen und somit gesellschaftlichen Probleme zugeschrieben die mit Hilfe anderer Wissenschaften nicht zu lösen waren . Die Wissenschaft vom Menschen sei somit die Wissenschaft von der Gesellschaft. 2

Alles, was Menschen sind und tun, […] geht innerhalb der Gesellschaft, durch sie bestimmt und als ein Teil ihres Lebens vor sich. Es gebe also überhaupt keine Wissenschaft von menschlichen Dingen, die nicht Wissenschaft von der Gesellschaft sei. An Stelle der künstlich gegeneinander isolierten Einzelwissenschaften historischer, psychologischer, normativer Art habe also die Gesellschaftswissenschaft zu treten und in ihrer Einheit zum Ausdruck zu bringen, dass alle menschlichen Interessen, Inhalte und Vorgänge durch die Vergesellschaftung zu konkreten Einheiten zusammengingen. […] So ist nicht das geringste dadurch gewonnen, dass man die Gesamtheit der Wissenschaften in einen Topf wirft und diesem das neue Etikett: Soziologie – aufklebt. Die Gesellschaftswissenschaft befindet sich also, unterschieden von andern, wohlbegründeten Wissenschaften, in der ungünstigen Lage, zunächst ihr Recht auf Existenz überhaupt beweisen zu müssen. 3

Simmel versteht die Soziologie, in ihrer Beziehung zu den bestehenden Wissenschaften, nicht als eigene Wissenschaft, sondern vielmehr als neue Methode wie zum Beispiel das Forschungsprinzip der Induktion.4

Sie bekommt ihre Legitimation nicht in der Erfindung eines neuen Gegenstandes, sondern sie erkennt den Begriff der Gesellschaft als Objekt einer Wissenschaft. Er verstand die Soziologie als Lehre der Vergesellschaftung, als eine Art Geometrie sozialer Beziehungen.5 Dieser Gesichtspunkt nun ergibt sich mittels einer Analyse des Gesellschaftsbegriffes, die man als Unterscheidung zwischen Form und Inhalt der Gesellschaft bezeichnen kann.

Simmel geht von der weitesten, den Streit um Definitionen möglichst vermeidenden Vorstellung der Gesellschaft aus: dass sie da existiert, wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten. 6

Was versteht man unter Wechselwirkung? Eine kurze Begriffsdefinition aus dem Wörterbuch der Soziologie von Hillmann: Wechselwirkung, Grundkategorie der formalen Soziologie zum Verständnis der ‚Aufbau’-Gesetze des Sozialen. Gesellschaft setzt sich zusammen aus einer Vielzahl dauerhafter gleich bleibender, verfestigter Beziehungsformen zwischen Individuen, die mit ihrem Handeln – bei verschiedenen Interessensinhalten – gegenseitig aufeinander wirken. 7

Diese Wechselwirkungen bedeuten, dass sich aus individuellen Trägern von Trieben und Zwecken eine Einheit bildet. Erotische, religiöse oder bloß gesellige Triebe, Zwecke der Verteidigung wie des Angriffs, des Spieles wie des Erwerbes, der Hilfeleistung wie der Belehrung und unzählige andere bewirken es, dass der Mensch in ein Zusammensein, ein Füreinander-, Miteinander-, Gegeneinander-Handeln, in einer Korrelation der Zustände mit anderen tritt, d.h. Wirkungen auf sie ausübt und Wirkungen von ihnen empfängt. Diese Wechselwirkungen bedeuten, dass aus den individuellen Trägern jener veranlassenden Triebe und Zwecke eine Einheit, eben eine ‚Gesellschaft’ wird. Denn Einheit im empirischen Sinn ist nichts anderes als Wechselwirkung von Elementen.

Vergleichbar ist das mit den organischen Energien eines Körpers, die in Wechselwirkung stehen und letztlich genauso eine Einheit bilden. Diese Einheit oder Vergesellschaftung kann, je nach Art und Enge der Wechselwirkung, unterschiedlich stark sein, d.h. dass diese gegenseitigen Wirkungen in ungleicher Intensität auftreten können.

Simmel bezeichnet alles das, was in den Individuen, den unmittelbar konkreten Orten aller historischen Wirklichkeit, als Trieb, Interesse, Zweck, Neigung, psychische Zuständlichkeit und Bewegung derart vorhanden ist, dass daraus oder daran die Wirkung auf andere und das Empfangen ihrer Wirkungen entsteht – dies bezeichnet er als den Inhalt, gleichsam die Materie der Vergesellschaftung.8

Die Inhalte des menschlichen Lebens, wie Liebe, Religiosität, Arbeit, sind in ihrem reinen Sinn aber noch nicht Vergesellschaftung. Sie bilden diese erst, wenn sie durch Wechselwirkung das isolierte Nebeneinander der Individuen zu bestimmten Formen des Miteinander und Füreinander gestalten. Vergesellschaftung ist also die in unzähligen verschiedenen Arten sich verwirklichende Form, in der die Individuen auf Grund bestimmter Interessen zu einer Einheit zusammenwachsen. 9

Der Begriff Vergesellschaftung wird auch von Max Weber sowie im Marxismus verwendet, wonach Weber unter Vergesellschaftung eine ‚soziale Beziehung’ versteht und im Marxismus ‚die Abschaffung des modernen bürgerlichen Eigentums durch die Revolution des Proletariats’ bezeichnet wird.10

Simmel kommt zu der Überzeugung, dass wenn es eine Wissenschaft gibt, deren zu untersuchendes Objekt die Gesellschaft ist, dann kann nur diese Wechselwirkung – die Formen der Vergesellschaftung gemeint sein. Die Einzige Möglichkeit diese ‚Wissenschaft der Gesellschaft’ zu begründen, funktioniert nur in der gedanklichen Trennung, von den Formen und den Inhalten der Vergesellschaftung.11

Soziologie, als die Lehre von dem Gesellschaft-Sein der Menschheit, betrachtet die Formen der Vergesellschaftung. Die Untersuchung der Inhalte wird anderen Wissenschaften überlassen.

Die Soziologie hat sich mehr auf die großen Organe und Systeme der Gesellschaft konzentriert, ideelle Einheit wie z.B. Staaten und Gewerkvereine, Priesterschaften und Familienformen, Wirtschaftsverfassungen und Heerwesen, Zünfte und Gemeinden, Klassenbildung und industrielle Arbeitsteilung – diese und die ähnlichen großen Organe und Systeme scheinen die Gesellschaft auszumachen und den Kreis der Wissenschaft vor ihr zu erfüllen. Aber neben diesen großen Gebilden sind die unzähligen kleinen Wechselwirkungen zwischen den Menschen von Bedeutung, welche erst die Gesellschaft so wie wir sie kennen möglich machen.

Das ist wiederum mit dem menschlichen Körper zu vergleichen. Die Beschränkung auf jene gleicht der früheren Wissenschaft vom inneren menschlichen Körper, die sich auf die großen, fest umschriebenen Organe: Herz, Leber, Lunge, Magen usw. beschränkte und die unzähligen, populär nicht benannten oder nicht bekannten Gewebe vernachlässigte, ohne die jene deutlicheren Organe niemals einen lebendigen Leib ergeben würden.12

Was die wissenschaftliche Fixierung solcher unscheinbaren Sozialformen erschwert, ist zugleich das, was sie für das tiefere Verständnis der Gesellschaft unendlich wichtig macht: dass sie im allgemeinen noch nicht zu festen, überindividuellen Gebilden verfestigt sind, sondern die Gesellschaft gleichsam im status nascens zeigen – natürlich nicht in ihrem überhaupt ersten, historisch unergründbaren Anfang, sondern in demjenigen, der jeden Tag und zu jeder Stunde geschieht; fortwährend knüpft sich und löst sich und knüpft sich von neuem die Vergesellschaftung unter den Menschen, ein ewiges Fliessen und Pulsieren, das die Individuen verkettet, auch wo es nicht zu eigentlichen Organisationen aufsteigt.

[...]


1 Simmel, Grundfragen der Soziologie. S. 5

2 Simmel, Soziologe. S. 14

3 Simmel, Grundfragen der Soziologie. S. 6

4 Simmel, Soziologe. S. 15

5 Vgl. Simmel, Grundfragen der Soziologie. S. 16

6 Simmel, Grundfragen der Soziologie. S. 17

7 Hillmann, Wörterbuch der Soziologie.

8 Simmel, Grundfragen der Soziologie. S. 18

9 Vgl. Simmel, S. 19

10 Hillmann Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie. Körner 2007.

11 Simmel, S. 19

12 Simmel, S. 32

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Georg Simmels Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Soziologie)
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V215859
ISBN (eBook)
9783656445708
ISBN (Buch)
9783656446309
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Simmel, Vergesellschaftung, Soziologie, quantitative Bestimmtheit der Gruppe, Wissenschaft
Arbeit zitieren
MA Markus Scholze (Autor), 2008, Georg Simmels Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215859

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