Die Entnazifizierung, die für die SBZ mit dem Ende des Krieges (8. Mai 1945) beginnt und mit der Auflösungen der letzten Berufungskommissionen (10 April 1948) offiziell beendet ist, verläuft nicht geradlinig. Gründe dafür sind, dass die Alliierten oft brutal ihre Entnazifizierungspolitik ändern, um die Irrtümer des Anfang zu korrigieren, oder um von den anderen Alliierten nicht der Kritik unterworfen zu werden (oder einfach um anzugreifen!).
Man kann drei Phasen bei der Entnazifizierung in der SBZ unterscheiden, die eigentlich immer gleichzeitig vorhanden sind, und chronologisch aneinander folgen:
- Unmittelbar nach dem Krieg, wo die politische Lage noch offen ist, gibt es einen Konsens über die Entnazifizierung. Abrechnung mit dem Nazismus steht im Vordergrund.
- Dann ergreifen die kommunistischen Kräfte (KPD/SED und die sowjetische Verwaltung) die Initiative und instrumentalisieren die Entnazifizierung für ihre Machtergreifung
- Letztendlich wird die Entnazifizierung ein politisches und vor allem ökonomisches Hindernis und wird daher eingestellt.
Ich werde in folgenden die Entnazifizierung in SBZ unter diesen drei führenden Perspektiven untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I Ein Konsens für eine Priorität: die Entnazifizierung.
1) Der Konsens
2) Wer macht was?
3) Die zweite Phase
4) Erste Bilanz
II Instrumentalisierung der Entnazifizierung.
A) Nach der Machtergreifung
1) Legitimierung
2) Faschismustheorie und Enteinungspolitik
B) Die 3. Phase oder die Notwendigkeit der Außenpolitik
III Wenn die Entnazifizierung hinderlich wird...
A) Liquidation der Entnazifizierung
1) Die ökonomische Priorität
2) Der SMAD-Befehl Nr. 201
3) Abschluss der Entnazifizierung
B) Die Internlager
IV Bilanz und Abschluss
1) Die Ziffern
2) Der schwierige Umgang mit der Schuld
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Entnazifizierungsprozess in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und analysiert, inwieweit dieses Unterfangen als politisches Instrument zur Etablierung einer kommunistischen Herrschaftsstruktur instrumentalisiert wurde. Die zentrale Forschungsfrage adressiert dabei die Transformation des ursprünglichen Ziels der NS-Bewältigung hin zur Konsolidierung des sozialistischen Machtmonopols.
- Konsensbildung unter den Alliierten zur Entnazifizierung in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
- Die gezielte Instrumentalisierung politischer Säuberungen durch die KPD/SED zur Machtergreifung.
- Wirtschaftliche und politische Zielsetzungen, die zur vorzeitigen Beendigung der Entnazifizierung führten.
- Der Missbrauch der Entnazifizierung als innenpolitisches Druckmittel und die Rolle der sowjetischen Speziallager.
Auszug aus dem Buch
B) Die 3. Phase oder die Notwendigkeiten der Außenpolitik
In dieser Phase wird auch die Entnazifizierung als Geisel genommen, um die Interesse der Sowjets durchzusetzen: Ende 1946 kritisieren die Amerikaner scharf die Art und Weise, in der die Entnazifizierung in der SBZ durchgeführt wird. Mit Blick auf die wichtige Konferenz der Außenminister (März 1947) setzt die SMAD plötzlich im Januar 1947 eine strikte Befolgung der Kontrollratsdirektiven Nr. 24 und 38 (Oktober 1946, für „Verhaftung, Bestrafung [...] Internierung der gefährlichen Deutschen“19) durch. Die Ostdeutschen haben kein Wörtchen bei diesem Entschluss mitzureden.
Die Entnazifizierung fängt mehr oder weniger von Null wieder an, da diejenigen, die schon überprüft worden sind, manchmal noch einmal vor die Kommissionen treten müssen! Eine neue Verhaftungswelle findet deswegen statt. Die Entnazifizierung wird endlich relativ vereinheitlicht zwischen den Ländern. Man übernimmt die Kategorisierung der Direktive Nr. 24 vor (von Hauptschuldige bis Entlastete)20. 262 Kommissionen werden neu gebildet und organisiert, was „eine massive Verschiebung der parteipolitischen Gewichte zugunsten der SED ermöglicht“. Auf jeden Fall sind sie „hoffnungslos überlastet“. 21
Das führt sehr schnell zu einer Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die sich die ganze Zeit bedroht fühlt. Schon früh, am 17. Februar 1947, unterschreiben die drei liberal demokratischen Parteien eine Eingabe, die scharfe Kritik an der neuen Politik wegen der „schematischen Durchführung [der] Direktive“ übt. Sie erklären, dass sie „das Ausscheiden vieler Fachleute und Spezialisten aus Wirtschaft und Verwaltung zur Folge haben“ würde.22 Diese wirtschaftliche Sorge kündigt die nächste Phase an, auch wenn die SMAD erst solche Argumenten im August Behör schenkt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung skizziert die Ausgangslage der entnazifizierten Gesellschaft in der SBZ und stellt die These auf, dass die Entnazifizierung untrennbar mit dem Aufbau des stalinistischen Systems verknüpft war.
I Ein Konsens für eine Priorität: die Entnazifizierung.: Dieses Kapitel behandelt die anfängliche Übereinstimmung der Siegermächte über die Notwendigkeit der Entnazifizierung und die Rolle der SMAD sowie der deutschen Parteien bei der provisorischen Umsetzung.
II Instrumentalisierung der Entnazifizierung.: Hier wird analysiert, wie die SED die Entnazifizierung als taktisches Mittel nutzte, um bürgerliche Konkurrenten zu verdrängen und ihre eigene Machtbasis zu festigen.
III Wenn die Entnazifizierung hinderlich wird...: Dieses Kapitel beschreibt die Phase, in der die Entnazifizierung aufgrund außenpolitischer Druckmittel einerseits verschärft, kurz darauf aber aufgrund ökonomischer Notwendigkeiten der DDR-Führung wieder liquidiert wurde.
IV Bilanz und Abschluss: Das Fazit bewertet den Entnazifizierungsprozess als ein Instrument, das zwar zur Machtfestigung der SED beitrug, aber keine gesellschaftliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit erreichte.
Schlüsselwörter
Entnazifizierung, Sowjetische Besatzungszone, SMAD, SED, KPD, Instrumentalisierung, Machtergreifung, Antifaschismus, Speziallager, NS-Vergangenheit, Kalter Krieg, Bodenreform, Parteien, Entlassungspolitik, Vergangenheitsbewältigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Prozess der Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zwischen 1945 und 1948 sowie dessen politische Instrumentalisierung durch die sowjetische Besatzungsmacht und die aufstrebende SED.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die anfängliche Konsensfindung der Alliierten, die strategische Nutzung der Entnazifizierung zur Machtergreifung der Kommunisten sowie die ökonomischen Motive, die letztlich zur Beendigung des Prozesses führten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist aufzuzeigen, dass die Entnazifizierung nicht primär einer moralischen Aufarbeitung diente, sondern als effektives Instrument zum Aufbau einer kommunistischen Herrschaftsstruktur in Ostdeutschland fungierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer geschichtswissenschaftlichen Analyse, die primär auf zeitgenössischen Befehlen der SMAD, offiziellen Parteidokumenten sowie der Auswertung historiographischer Literatur zur deutschen Nachkriegsgeschichte fußt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Phasen: den anfänglichen Konsens, die Instrumentalisierung durch die SED zur Machtergreifung und die Liquidierung der Entnazifizierung aus ökonomischen und machtpolitischen Gründen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Entnazifizierung, SMAD, SED, Instrumentalisierung, Machtergreifung, Antifaschismus und die Rolle der sowjetischen Speziallager.
Wie unterschied sich die SBZ bei der Entnazifizierung von den westlichen Zonen?
Im Gegensatz zu den westlichen Zonen verknüpfte die sowjetische Führung die Entnazifizierung eng mit einer gesellschaftlichen Umstrukturierung, die der Etablierung eines stalinistischen Systems diente, anstatt primär eine liberale Demokratisierung anzustreben.
Welche Bedeutung hatten die sowjetischen Speziallager in diesem Kontext?
Die Speziallager, wie Buchenwald und Sachsenhausen, dienten der Isolierung politischer Gegner und „Klassenfeinde“ unter dem Deckmantel der Entnazifizierung, was eine symbolische und tatsächliche Fortführung von Unterdrückungsmechanismen darstellte.
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- MA Johan Thienard (Author), 2002, Die Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone (1945-1948), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21587