Das Sprechen des Fürsten mit sich selbst hängt nicht von einem Zuhörer ab. In seinem partnerlosen Sprechen drückt sich eine menschliche Grundhaltung aus, die monologisch ist. Hört die Kommunikation mit der Außenwelt auf, so setzt die Verständigung mit der eigenen Person ein. Dem Sprechenden dient das Selbstgespräch als letztmögliche Ausdrucksmöglichkeit eines mitten einer todgeweihten Welt existierenden Menschen. Es fungiert als Notlösung vor dem endgültigen Schweigen, vor dem Tod.
Das Schweigen, in dem diese monologisierende Figur existiert und das sie gleichzeitig durch einen besonderen Sprechakt zu überwinden versucht, dominiert letztendlich ihr Denken und ihr Sprechen. Das Sprechen wird zur Form, zu einer unaufhörlich rekurrierenden Vergeblichkeit.
Inhalt
EINLEITUNG
1. MITTEILUNGSLOSIGKEIT
1.1 Familienverhältnisse
1.1.1 Unüberbrückbares Schweigen
1.1.1.1 Brief an den Vater
1.1.2 Beziehungslosigkeit
1.1.2.1 Die Familie: Eine Geistesamputation
2. DAS UNAUSSPRECHLICHE DENKEN
2.1 Produktives Scheitern
2.2 Das monologische Sprechen
2.2.1 Zur Bestimmung des Monologischen
2.2.2 Die monologische Grundhaltung des Fürsten
2.2.2.1 Einöde des Daseins
2.2.2.2 Geistloser Gesprächspartner
2.2.2.3 Die Gedanken: Gesprächspartner
2.2.2.4 Sprechen: Sich verständlich machen
2.2.2.5 Geistige Heimatlosigkeit
2.2.3 Form monologischen Sprechens
3. DIE UNZULÄNGLICHKEIT DER SPRACHE
3.1 Die Sprache: Ein Kerker
3.2 Der Zitatcharakter der Sprache
4. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung des Schweigens in Thomas Bernhards Roman Verstörung und analysiert, wie dieses Motiv mit den Themen Sprache, Einsamkeit, Familie und Wahnsinn korreliert, um die monologische Grundhaltung der Hauptfiguren aufzuzeigen.
- Die Unzulänglichkeit der Sprache zur Kommunikation
- Die Rolle des Monologs als letztmögliche Ausdrucksform
- Die Zerstörung von Geschichte und traditionellen Erzählmustern
- Das Verhältnis von Schreiben, Denken und Vernichtung
- Die Isolation und geistige Heimatlosigkeit der Protagonisten
Auszug aus dem Buch
2.2.2.1 Einöde des Daseins
„Wenn wir einen Menschen suchen’ sagte der Fürst, ,so ist es doch, als gingen wir die ganze Zeit in einem riesigen Leichenschauhaus herum, um ihn zu suchen.’ Alle führten nur noch Selbstgespräche, sagte der Fürst, , Wir sind in einem Zeitalter der Selbstgespräche. Die Kunst des Selbstgesprächs ist auch eine viel höhere Kunst, als die Kunst des Gesprächs’ sagte er. ,Aber Selbstgespräche sind genauso sinnlos wie Gespräche’ sagte der Fürst , wenn auch viel weniger sinnlos’“ (V, 138).
In einem verabsolutierten Ton charakterisiert der Fürst die Verlorenheit des Einzelnen als ein vergebliches Suchen nach einem Gegenüber, das die Verständigung ermöglicht und die Kommunikation garantiert, was den Menschen zum Menschen macht. Mit einem „riesigen Leichenschauhaus“ wird die Welt gleichgesetzt, in dem alle Selbstgespräche führen, um jenen ‚Weltzustand’ der Kommunikationslosigkeit aufzuzeigen und durch den eigenen Tod, in unaufhörlicher Selbstgesprächigkeit den Tod aller hervorzuheben.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Sprachskepsis bei Thomas Bernhard und Vorstellung der Forschungsabsicht.
1. MITTEILUNGSLOSIGKEIT: Analyse des familiären Umfelds, das durch ein tödliches Schweigen und die Unfähigkeit zur echten zwischenmenschlichen Kommunikation geprägt ist.
2. DAS UNAUSSPRECHLICHE DENKEN: Untersuchung der Problematik, dass Denken und Sprechen/Schreiben bei Bernhard als unvereinbar erscheinen und zum Scheitern verurteilt sind.
3. DIE UNZULÄNGLICHKEIT DER SPRACHE: Erörterung der Sprache als Gefängnis (Kerker) und ihrer Bedeutung als bloße Zitatenwelt ohne originäre Kraft.
4. SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassende Betrachtung der untersuchten Aspekte des Schweigens als Ausdruck einer existenziellen Krisensituation.
Schlüsselwörter
Thomas Bernhard, Verstörung, Schweigen, Monolog, Sprachskepsis, Mitteilungslosigkeit, Kommunikation, Wahnsinn, Identität, Weltbild, Vernichtung, Zitatcharakter, Isolation, Existenz, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Darstellung des Motivs Schweigen im Roman Verstörung von Thomas Bernhard und dessen Auswirkungen auf die Kommunikation und Existenz der Figuren.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Sprachkritik, die Isolation des Individuums, die Zerstörung des Erzählens und der Übergang vom sozialen zum monologischen Sprechen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Schweigen als literarisches Phänomen und als Symptom der existenziellen Zersetzung in Bernhards Werk fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die philosophische (Wittgenstein, Heidegger, Adorno) und literaturtheoretische Ansätze zur Interpretation des Romans heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mitteilungslosigkeit innerhalb von Familien, das Unaussprechliche des Denkens und die grundsätzliche Unzulänglichkeit der Sprache, insbesondere durch die monologische Figur des Fürsten Saurau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Monolog, Sprachkrise, Mitteilungslosigkeit und Vernichtung.
Wie bewertet der Fürst Saurau das Selbstgespräch?
Er betrachtet das Selbstgespräch als eine „höhere Kunst“ als das gewöhnliche Gespräch, betont jedoch gleichzeitig, dass auch dieses letztlich ebenso sinnlos sei wie die zwischenmenschliche Kommunikation.
Welche Rolle spielt das Motiv der „Geistesamputation“?
Es dient als Metapher für die Familie des Fürsten, die aus seiner Sicht biologisch determiniert und geistig unfähig ist, weshalb er sie als Kommunikationspartner ablehnt.
- Arbeit zitieren
- Dr. Imed Abdelwahed (Autor:in), 2005, Die Darstellung des Schweigens in Thomas Bernhards Roman "Verstörung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215883