Die hermeneutische Bedeutung der Schattenlosigkeit aus den Perspektiven Fremd- und Selbstbestimmung in Chamissos ,Peter Schlemihl‘


Hausarbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

I. Einleitung: Literaturwissenschaftliche Methode und inhaltliche Schwerpunkte

Bereits nach wenigen Seiten durchzieht das leitmotivische Stigma der Schattenlosigkeit die Novelle[1] ; doch nicht nur die Novelle. Seit der Publikation des „Peter Schlemihl“[2] anno 1814 befleißigt sich Leserschaft wie Rezeptionsforschung dem Schattenmotiv eine haltbare Bedeutung zukommen zu lassen. So konkludiert Christine Schlitt, dass „die Geschichte des Peter Schlemihl […] die Geschichte der Interpretation seiner Schattenlosigkeit [ist].“[3]

Worin aber besteht das Faszinierende dieses augenscheinlichen Faszinosums, das namhafte Schriftsteller wie Thomas Mann[4], Wilhelm Hauff[5] und E.T.A. Hoffmann[6] sowie Germanisten wie Peter von Matt[7] und Gero von Wilpert[8] in seinen Bann geschlagen hat?

Objektiv betrachtet ist der Schatten eine temporäre Akzidenz einer physischen Substanz, kaum der Beachtung wert und ohne jede Funktion. Der Verlust wäre mithin gleichbedeutend mit dem Besitz. Also viel Aufheben um nichts? Eine Farce?

Zieht man die Auslegung Adelbert von Chamissos heran, revidiert sich die These nicht. Im Gegenteil; sie verifiziert sich. Auf die Frage was es mit der Novelle auf sich habe, soll Chamisso jeden tieferen Sinn vehement abgestritten haben.[9] Gerade diese Negierung jedoch wirkte sich stimulativ auf die Interpretationsforschung aus.[10]

Innerhalb dieser erwies sich die methodische Herangehens- und Verfahrensweise der hermeneutischen Literaturtheorie als besonders produktiv. Da die hermeneutische Literaturtheorie seit ihrer Entstehung vielfache Neuinterpretation erfuhr, und jede Neuinterpretation mit anderen operativen Schwerpunktsetzungen einherging, ist eine Spezifizierung erforderlich.

Friedrich Schleiermachers Idee eines dichotomen Interpretationsansatzes (zur Rekonstruktion der Autorintention), nämlich die der grammatischen auf der einen, sowie der psychologischen Methode auf der anderen Seite, revolutionierte die hermeneutische Analyse und hat sie bis heute maßgeblich beeinflusst. Dabei betrachtet die grammatische Perspektive den Text als in die jeweilige Zeit ihrer Entstehung eingebettet und untersucht die vom Autor verwendete Sprachform, die eine individuelle Verarbeitung bereits vorliegender Sprachstrukturen darstellen soll. So steht das sprachliche Gepräge eines Autors im interdependenten Verhältnis zu den kontemporären Sprachgepflogenheiten.[11]

In vorliegender Hausarbeit wird dieser Relation zwischen Autorsprache und kontemporärer Standardsprache, insofern Rechnung getragen, als im Kapitel Selbstbestimmung aufgezeigt wird, dass die philosophische Terminologie des Zeitgenossen Johann Gottlieb Fichte implizit oder explizit Verwendung findet.

Ferner ist die hier verwendete hermeneutische Literaturtheorie ihrer genuinen Bestrebung verpflichtet, mittels einer sprachlichen Analyse, dem ‚sensus litteralis‘, die implizite Autorintention freizulegen.[12]

Ziel dieser Hausarbeit ist mit jener literaturtheoretischen Methode operierend, die einschlägige Bedeutung der Schattenlosigkeit hinblicklich Fremd- und Selbstbestimmung herauszuarbeiten. Der Schwerpunkt liegt auf der Thematik der Selbstbestimmung und innerhalb dieser auf der Interpretation der Fichteschen Ich-Konzeption[13], die nach Maßgabe des Erkenntnisinteresses eingehend behandelt wird.

II. Die Bedeutung der Schattenlosigkeit aus der Perspektive der Fremdbestimmung

Mit der Interpretation des Schattens als Zeichen gesellschaftlicher Zugehörigkeit und Anerkennung öffnete sich mit Thomas Mann erstmals eine Interpretationsdimension, die den Schattenverlust weniger als autobiographisches Pendant begriff. Vielmehr galt der interpretatorische Fokus der Determinierungsqualität gesellschaftlicher Strukturen und überhaupt dem Einflusspotential von jeglichem Externen auf die Individualexistenz.[14]

Wurde der Schattenverlust nämlich einst zum autobiographischen Ausdruck reduziert, reintegrierte man mit Berufung auf Thomas Mann das Motiv der Schattenlosigkeit nun in das werkimmanente Gesellschaftssystem, die eine auf die Wirklichkeit übertragbare überindividuelle, sprich allgemeingültige Bedeutung mit sich brachte.

Von einer geringfügigen Abweichung abgesehen, bleibt Heinz Brüggemann dieser gesellschaftskritischen Interpretationslinie treu. Ihm zufolge handelt es sich zu Beginn bei P.S., um einen wahrhaftigen und dem pompösen Prunk fern stehenden Naturmenschen.[15] So kann als Beleg für diese Naturhaftigkeit sein sich zu Beginn äußerndes Befremden über die in der John- Gesellschaft sich ihm darbietende Anhaftung an das Materielle[16] und Oberflächliche[17] gesehen werden. Nach Brüggemann falle er allerdings mit der Annahme des Tauschangebots dem ihm wesenskonträren Materialismus anheim und initiiere so die Odyssee permanenter Oszillation zwischen extrinsischen und intrinsischen Bedürfnissen.[18] Dergestalt sei P.S. als eine symptomatische Repräsentation des dezentrierten, modernen Geistes verstehbar.[19]

Die Frage stellt sich, was unter dem Negativbegriff der Dezentrierung zu verstehen ist und inwiefern dieser These mit der Schattenthematik zusammenhängt?

Der Begriff der Dezentrierung hat die sukzessive Distanzierung aus der eigenen Wesensmitte zum Inhalt. Haltlosigkeit, respektive mangelndes Gefestigtsein im eigenen Wesen, das die rudimentäre Etablierung genuiner Anlagen meint, macht den Menschen externen Einflüssen zugänglicher. Fremdbestimmung, statt Selbstbestimmung wäre demnach die Folge von Selbstentfremdung.

Die hierdurch provozierte Existenzkrise zwischen Fremd- und Selbstbestimmung, zwischen externen und internen Ansprüchen manifestiere sich exemplarisch im Umgang mit dem Schatten und am pekuniären Prestigebedürfnis.

War der Schatten dereinst Ausdruck seelischer Individualität, erfährt er im P.S. als unentbehrliches Vehikel zur Erlangung gesellschaftlichen Akzeptanz eine radikale Umfunktionalisierung.[20]

Der Wert, den ein Gegenstand einst allein im Auge eines Einzelnen verfügte, büßt durch die übermächtige Fremdwertung seine autonome Geltung ein. Als einzig anerkannte Instanz zur Ent-, Ab-, Auf- und also Bewertung von Gegenständen ist ein auf konventionellen Grundlagen basierender Wertekatalog bestimmend. Die Kollektivmeinung dominiert die Meinung des Einzelnen. Alles verliert sich so an das gesellschaftliche Empfinden und Befinden, und ist mithin einer vom einzelnen Subjekt ausgehenden Wertzuschreibung beraubt.

Um es mit einem Textpassus zu konkretisieren: Als Schlemihl den sozialen Wert des Schatten zu schmälern sucht, um Minnas Vater von der Nichtigkeit desselben zu überzeugen[21] und so einer Vermählung den Weg zu ebnen, reagiert der Vater uneinsichtig und stellt P.S. ein Ultimatum von drei Tagen. Innerhalb dieser soll er „mit einem wohlangepaßten Schatten“[22] ihm gegenübertreten, andernfalls seien genug Freier vorhanden, die um die Hand seiner Tochter hielten.

Da hier Wortwahl und Grammatik äußerst bedeutsam erscheinen, bietet es sich an, vom hermeneutischen Interpretationsverfahren Friedrich Schleiermachers Gebrauch zu machen. Entsprechend seiner in zwei Bereiche differenzierten Hermeneutikauffassung, nämlich dem der Psychologie auf der einen und Grammatik auf der anderen Seite, wird hier die Grammatik des in Rede stehenden Textpassus´ hinblicklich Wortart und Semantik im Folgenden analysiert.[23]

Die Verwendung des unbestimmten Artikels „einem“ und des subjektverweisenden Adjektivs „angepaßt[en]“, verweisen nämlich auf zweierlei. So erstens auf die Beliebigkeit des Schattens, worauf der unbestimmte Artikel „eine“[24] indiziert.

P.S. ist nicht etwa zur Findung und Aneignung seines genuinen Schattens aufgefordert. Er ist aufgefordert zur Findung und Enteignung irgendeines, genauer irgendjemandes Schatten. Denn wie bei P.S. kann dabei die Aneignung eines neuen Schattens nur dann vonstattengehen, wenn jemand anderes um seinen Schatten gebracht wird. Dergestalt ist Schlemihl implizit aufgefordert, die dubiose Tätigkeit des Grauen zu verrichten und also jemanden seines Schattens zu berauben.

Wohlgemerkt ist dies dem Ziel geschuldet, seine gesellschaftliche Integrität wiederherzustellen. Das heißt allerdings, dass die Frage nach dem „Wie“ der Zuführung, dem sogenannten ‚modus operandi‘ offenkundig dem Vater einerlei ist. Legal oder illegal, einzig der gesellschaftlichen Reputation ist Genüge zu leisten, und dies gerne zum Preis des eigenen Gewissens,[25] der unentbehrlichen Grundlage jeder eigentlichen Moralität.[26]

[...]


[1] Die Gattungsfrage wird in dieser Hausarbeit nicht verhandelt. Zur Gattungsfrage siehe: Walach, Dagmar: Erläuterungen und Dokumente. Adalbert von Chamisso. Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. 2003. S. 75-78.

[2] Sowohl der Titel, als auch die Hauptfigur sind fortan mit dem Kürzel „P.S.“ abgekürzt. Der Unterscheidbarkeit wurde Rechnung getragen.

[3] Schlitt, Christine. Chamissos Frühwerk. Von den französischsprachigen Rokokodichtungen bis zum Peter Schlemihl (1793-1813). Würzburg: Königshausen & Neumann 2008 . S. 199.

[4] Walach: Erläuterungen und Dokumente. S. 79f.

[5] Ebd., S. 63.

[6] E.T.A. Hoffmann schuf mit seiner Erzählung „Die Abenteuer der Silvesternacht“ anno1815 mit der darin enthaltenen „Geschichte vom verlorenen Spiegelbilde“ eine Replik auf Chamissos Novelle P.S.

[7] Vgl. Chamisso, von Adalbert: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit den Farbholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner und Beitr. von Anita Beloubek- Hammer und Peter von Matt. Stuttgart: Reclam 2010. S. 142.

[8] Vgl. Wilpert, von Gero: Der verlorene Schatten. Varianten eines literarischen Motivs. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag Stuttgart 1978. S. 30f.

[9] Vgl. ebd., S. 32.

[10] Vgl. Schlitt: Frühwerk. S. 202.

[11] Vgl. Jeßing, Benedikt/ Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage Stuttgart: Metzler 2007. S. 280f.

[12] Vgl. ebd., S. 279.

[13] Lediglich berührt wird der Zusammenhang zwischen Fichtes Ich-Philosophie und Chamissos Werk P.S. von Christine Schlitt. Vgl. Anm. 3.

[14] Walach: Erläuterungen und Dokumente. S. 79f., und in seinen Auswirkungen auf die Interpretationsforschung darlegend vgl. Schlitt: Frühwerk. S. 199- 200.

[15] Brüggemann, Heinz: Peter Schlemihls wundersame Geschichte der Wahrnehmung. Über Adelbert von Chamissos literarische Analyse visueller Modernität. In: Bild und Schrift in der Romantik. Hg. von Gerhard Neumann und Günter Oesterle. Würzburg: Königshausen und Neumann 1999. S. 146f. u. 159.

[16] Vgl. Chamisso, Adelbert von: Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte (1814). Hg. von Joseph Kiermeier-Debre. 3. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2007. (dtv. Bibliothek der Erstausgaben). S. 14, Z. 16- 19.

[17] Vgl. ebd., S. 15, Z. 1- 4. Im Sinne der ciceronischen Inkongruenz des genera dicendi verleiht P.S. sentenziös seinem Missfallen an der inadäquaten Stilhöhe Ausdruck. Zum genera dicendi s. Jeßing: Literaturwissenschaft. S. 218

[18] Vgl. Brüggemann: Wahrnehmung. S. 172.

[19] Vgl. ebd., S. 158f.

[20] Vgl. ebd., S. 172f. Einen analogen Standpunkt vertritt Susana Martins Oliveira: Schattenmotive seit dem seltsamen Fall des Peter Schlemihl. In: Kunst, Metaphysik und Mythologie. Hg. von Jens Halfwassen und

Markus Gabriel. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2008. S. 342.

[21] Vgl. Chamisso: wundersame Geschichte. S. 51, Z. 26- 30.

[22] Ebd., S. 52, Z. 17.

[23] Vgl. Hermeneutik. In: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen zur Weltliteratur. 3., völlig neu bearbeitete Auflage (2007), S. 313, 2. Spalte.

[24] Jener unbestimmter Artikel findet sogar im P.S. (S. 52 Z. 15- 17) zweimalige, unmittelbare aufeinanderfolgende Verwendung, weswegen anzunehmen ist, dass es sich nicht um eine unbewusste Verdopplung, als vielmehr nachdrückliche Verweisung des Autors handelt.

[25] Vgl. Chamisso: wundersame Geschichte. S. 23, Z. 15- 16. vgl. Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. Die großen Philosophen in Alltag und Denken. 34. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2005. S. 195.

[26] Vgl. Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. Die großen Philosophen in Alltag und Denken. 34. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2005. S. 195.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die hermeneutische Bedeutung der Schattenlosigkeit aus den Perspektiven Fremd- und Selbstbestimmung in Chamissos ,Peter Schlemihl‘
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Erzählungen der Romantik
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V215892
ISBN (eBook)
9783656449652
ISBN (Buch)
9783656449683
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chamisso, Schatten, Schattenlosigkeit, Fichte, Schlemihl, Selbstbestimmung, Fremdbestimmung, Hermeneutik
Arbeit zitieren
Faik Korkmaz (Autor), 2013, Die hermeneutische Bedeutung der Schattenlosigkeit aus den Perspektiven Fremd- und Selbstbestimmung in Chamissos ,Peter Schlemihl‘, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215892

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