E.T.A. Hoffmann. Ein Universalgenie?


Facharbeit (Schule), 2013
35 Seiten, Note: 13

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdiskurse und –klärungen
2.1 Wahnsinn
2.2 Genie
2.3 Universalgenie

3. Geniale und krankhafte Aspekte
3.1 Methodik
3.2 Leben
3.2.1 Biographische Zäsuren
3.2.2 Hoffmanns Krankheit
3.3 Werk und Wirken
3.3.1 Kunst
3.3.1.1 Literatur
3.3.1.2 Bildende Kunst
3.3.1.3 Musik
3.3.2 Wissenschaft
3.3.2.1 Geisteswissenschaft
3.3.2.2 Naturwissenschaft
3.4 Konklusion

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

7. Anhang

1 Einleitung

Der um die Jahrhundertwende von 1800 lebende Romantiker, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, von Deutschen wie Goethe und Hegel missachtet, von Ausländern wie Baudelaire, Poe und Dostojewski verehrt, wandelte durch eine Vielzahl von Schaffensbereichen. Die vielen Bekannten und Unbekannten, die den Weg des „Geister-Hoffmann“[1] kreuzten, sahen in ihm meist nur den Grimassenschneider und Spaßmacher, den Geisterseher und Trunkenbold, unter ihnen der junge Student Heinrich Heine. Er beschrieb Hoffmann als „das kleine bewegliche Männchen mit ewig vibrierenden Gesichtsmuskeln, mit possierlichen und doch unheimlichen Gesten“[2]. Dass es sich um einen der hervorragendsten deutschen Erzähler handelte, begriffen damals nur die wenigsten. Er war ein vielseitiger Künstler und mehr, oft wird er als Universalgenie gehandelt, da es scheint, als würde nur diese Bezeichnung seine Begabungsfülle umfassen. Da Vinci oder Beethoven werden heute als Universalgenies bezeichnet, kann er auch in diese Reihe eingeordnet werden? Dabei stellt sich auch die grundlegende Frage, was ein Universalgenie überhaupt ausmacht und wie dieser Begriff aus heutiger Sicht verwendet wird, da es den Anschein erweckt, als wäre die Bezeichnung einem ständigen Wandel unterworfen. In der folgenden Arbeit soll E.T.A. Hoffmanns Gesamtwerk in besonderer Hinsicht auf die Vielfältigkeit seines Schaffens im Zentrum stehen, um Klarheit über diese Grauzone zu schaffen. Im Zusammenhang mit biographischen Zäsuren werden Tätigkeitsbereiche nachvollzogen und auch der Aspekt seiner Krankheit beleuchtet.

2 Begriffsdiskurse und -klärungen

2.1 Wahnsinn

Im Folgenden sollen die, zur späteren Erörterung der Frage, notwendigen Begriffe definiert werden. Der Wahnsinn bezeichnet einen Zustand psychischer Deformation, welcher als Krankheit gewertet werden kann. Umgangssprachlich ist die Rede von psychischen Störungen, bei denen Wahnideen auftreten und der Betroffene den Bezug zur Realität verliert, im psychopathologischen Kontext sind damit allerdings nicht nur Geisteskrankheiten gemeint, die eine Wahnidee voraussetzen, sondern die Gesamtheit von Schizophrenie, Cyclothymien, Epilepsie, Psychosen, Wahn, Neurose, Depression und Psychopathie.[3]

Diese Bezeichnung für Störungen der kognitiven und affektiven Funktionen, mit denen eben Wahn oder Halluzinationen einhergehen,[4] ist also medizinisch gesehen nicht ganz zutreffend und wie oben bereits erwähnt, muss angemerkt werden, dass die Bezeichnung Wahnsinn oder gleichwertige Begriffe wie Irrsinn oder Verrücktheit mittlerweile als veraltet gelten und somit in die Umgangs- und Allgemeinsprache einzuordnen sind, da sie eher verwendet wurden, um eine generelle Abweichung von der Norm zu beschreiben, statt eines klinischen Krankheitsbildes.

In Deutschland waren bis Mitte des 19. Jahrhunderts Schläge mit Ruten, Stöcken und Peitschen sowie die Anwendung von Drehstühlen, Sturzbäder mit kaltem Wasser, Erzeugung körperlicher Erschöpfung und die Einreibung der Kopfhaut mit Brechweinstein bezeichnend für die Zustände in psychiatrischen Anstalten. Zeitgleich entwickelte sich die sozialpsychiatrische Bewegung in England, die Deutschland aber erst später erreichte.

Das Vorkommen psychischer Deformation in Form von Krankheit ist im Hinblick auf die vielfältigen Ausprägungen des Künstlertums häufig.

2.2 Genie

Vor der Begriffsklärung des Genies und des Universalgenies muss auf die Problematik der jeweiligen Definitionen eingegangen werden. Im Falle des Geniebegriffs bezieht sich diese auf die zeitliche Bedingung der Definitionen, die nicht allein daher rührt, dass sich die Anforderungen an das Genie immer weiter wandeln, sondern auch daher, dass noch nie eine absolut befriedigende Definition gefunden wurde, wie schon Sigismund Rahmer sagte: „Eine befriedigende Antwort auf die Frage, was das Wesen des Genies ausmacht, ist trotz jahrhundertelanger Versuche nicht gegeben worden und wird niemals gegeben werden können“[5]. Zu dieser Erkenntnis wird wohl jeder kommen, der sich diesem Thema stellt und genau aus diesem Grund macht es die Definition des Universalgenies umso schwieriger, aber dazu später. Der Begriff des Genies ist geknüpft an geistige Strömungen, die sich zeitlich voneinander abgrenzen.

Die Unzahl von Genie-Theorien hat ihren Anfang im Sturm und Drang. Ästhetiker des 18. Jahrhunderts beschrieben das Geniale beispielsweise als „schöpferische Einbildungskraft“ oder „besondere Kraft der Assoziation (Gerard)“[6]. Das Genie wird hierbei auch von einer „großen kombinatorischen Fähigkeit (Condillac)“[7] und „Talent und Instinkt (Abbé Trublet)“[8] abhängig gemacht. Neben Denkansätzen, die das Genie wissenschaftlich erklärten, gab es auch jene, die beschrieben, im Genie äußere sich die schöpferische Kraft der Natur, also die „ungestüme Naturkraft (Bernard le Bovier de Fontenelle)“[9] oder eine übergeordnete Macht, ein „angeborenes himmlisches Licht (Pope)“[10]. Teilweise wurde das Geniale sogar mit dem Göttlichen gleichgesetzt und das Genie als „eine zweite Gottheit (Shaftesbury)[11] bezeichnet.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die englischen Ästhetiker des 18. Jahrhunderts sich eher auf eine irrationale und göttliche Erklärung berufen haben, die französischen Ästhetiker des 18. Jahrhunderts hingegen auf eine psychologische Erklärung. Die Geniebegriffe von Diderot, Rousseau und Mercier stimmen weitgehend mit den heutigen überein und zählen Einbildungskraft, Instinkt, Inspiration, Sensibilität, Unabhängigkeit von allen Äußerlichkeiten und Ausschaltung der Regeln als Hauptfaktoren auf. Als bezeichnend für diese Epoche ist Kant hinzuzufügen, nach welchem dem Genie ebenfalls eine Unbewusstheit des Schaffens, Originalität und Mustergültigkeit zuzuschreiben sind. Zwar wird der Unterschied zwischen Talent und Genie erkannt, dem Genie wird aber noch immer eine höhere Gewalt, die in ihm wohnt, zugeschrieben.[12]

Dieses Verständnis ändert sich im 19. Jahrhundert dahingehend, dass mehr Bezug auf den Einfallsreichtum genommen wird, so wird das Genie nun als „produktive Tätigkeit der Phantasie (Hegel)“[13] oder „schöpferische Phantasie (Séailles)“[14] bezeichnet. Schopenhauer ist einer der wenigen, der schon im 19. Jahrhundert das Genie als höchsten Intellekt mit „vollkommener Objektivität“[15] betrachtet. Erst im 20. Jahrhundert wird das Geniale konkret als etwas biologisch-bedingtes wahrgenommen, das „Genie ist eine Mutation der Nervenenergie (Nagel)“[16]. Jetzt wird nicht nur das Kreative, sondern auch das dazu notwendige kritische Denken beleuchtet. „Schöpferische Kraft gleich Leidenschaft + Phantasie + Urteilskraft. (Gerhardt)“[17], „Das Genie ist höchste und vollkommene Erscheinungsform allgemeinmenschlicher Begabung. (Lange, Konrad)“[18], „Genies sind Menschen, die sich durch schöpferische Produktivität auszeichnen, im Falle von Kindern handelt es sich um solche mit ausnahmsweise hohem IQ (Guilford)“[19].

Es wurden unzählige Versuche unternommen, das Genie zu beschreiben, oft mit konträren Ausgangspunkten. Und wie sichtbar wird, ist die Beurteilung genialer Fähigkeiten von epochenbedingten Anforderungen abhängig. Mittlerweile haben sich die Maßstäbe geändert und mit ihnen auch das Bild vom Genie, Hochbegabung wird mit Genialität gleichgesetzt und diese von einem bestimmten Intelligenzquotienten abhängig gemacht, jedoch ist eine solche Definition fragwürdig, da hervorragende Intelligenz nicht jeden Bereich des Geniehaften abdeckt.

Festhalten kann man jedoch, dass es zum Genie gehört, außerordentlich intelligent zu sein und es sich insofern von einem Talentierten unterscheidet, dass es sich nicht nur im Rahmen des Gegebenen entfaltet, sondern auch neue Bereiche in Wissenschaft und/ oder Kunst eröffnet und somit neue, bahnbrechende Erkenntnisse schafft. Außerdem sind eine schöpferische Hochbegabung, eine ausgeprägte Phantasie und ein kritischer Geist vonnöten, um einen Mensch als Genie bezeichnen zu können, diese Eigenschaften können jedoch von der geistigen Epoche stark beeinflusst werden. Auch muss verstanden sein, dass sich das Geniale an keine Moralvorstellung bindet, da nicht alle verschiedenen Formen von Intelligenz gegeben sein müssen.

Hinsichtlich der Begabungsfelder tun sich meist große Unterschiede auf, Otto Weininger jedoch behauptete: „Es gibt keine Spezialgenies, keine ‚mathematischen‘, ‚musikalischen‘, ‚Schach-Genies‘ usw., sondern nur Universalgenies.“[20]. Hiermit spricht er auf ein universales Interesse an, das dem Genie möglicherweise innewohnt, eine universale Geniehaftigkeit hat jedoch weit größere Ausmaße, wie im Folgenden beschrieben wird.

2.3 Universalgenie

Die Klärung der Begrifflichkeit des Universalgenies bedarf des Verweilens, um vorerst die oben genannte Problematik auch im Bezug auf den Begriff des Universalgenies aufzugreifen. Von Universalgenies oder Universalgelehrten ist oft die Rede, wenn es um beeindruckende Personen geht, die in unwahrscheinlich vielen Bereichen tätig waren. Die Problematik stellt in diesem Fall die Vagheit dieses Begriffs dar. Im Gegensatz zum Genie-Begriff wurden kaum Versuche unternommen, dem Universalgenie eine konkrete Definition zu verleihen. Diese Bezeichnung wird oft leichtfertig verwendet, sobald eine geniale Person viele Kenntnisse in verschiedenen Bereichen aufweist. Jedoch ist diese Leichtfertigkeit eine logische Schlussfolgerung aus eben dieser mangelnden Definition. Folglich ergibt sich aus der Vagheit dieses Begriffs die Notwendigkeit einer eigenständigen Definition.

Im Hinblick auf die Etymologie ist nun klar, wie sich das Genie definiert. Es leitet sich vom lateinischen Genius ab und stellt eine Personifikation geistiger und ethischer Werte sowie Eigenschaften dar, welche auch mit einer Art religiösen Kultes gleichzusetzen waren.[21] Die Klärung des heutigen Verständnisses wurde soeben dargelegt. Der Begriff universal leitet sich vom lateinischen universus ab, welches wörtlich übersetzt gesamt bedeutet. Als universal kann etwas Allgemeines und Allumfassendes bezeichnet werden.[22] Das Universalgenie ist demnach ein Genie, welches in absolut allen Gebieten seine genialen Eigenschaften vorweisen kann, es ist ein Mensch mit überragenden geistigen Fähigkeiten. Demnach ist diese Bezeichnung dem zeitlichen Wandel noch stärker unterworfen als der Begriff des Genies, da wissenschaftliche Erkenntnisse und die Entstehung immer breiterer Paletten an Fachwissen die Anforderungen an das Universalgenie steigern.

Persönlichkeiten wie Leonardo da Vinci, Gottfried Wilhelm Leibniz oder auch Johann Wolfgang von Goethe versteht man als Universalgenies. Am Beispiel da Vincis wird deutlich, welcher Maßstab zu seiner Zeit an ein Universalgenie angesetzt wurde: er war bahnbrechender Maler der Renaissance, Kunsttheoretiker, Dichter, Musiker, Konstrukteur von Musikinstrumenten, Spezialist für Zeitmessungen, Kartograph, Festungsbaumeister und Militäringenieur, aber auch umfassender Naturforscher und Technologe.[23] Die Anzahl seiner Tätigkeiten ist überwältigend, und all diese Gebiete waren ineinander verzahnt und ergaben somit noch mehr Fachgebiete. Doch es stellt sich sogar hier die Frage, ob der Begriff des Universalgenies greifend ist, da die Definition erst erfüllt ist, wenn alle Gebiete genial behandelt werden.

Fest steht allerdings, dass es einer Verbindung zwischen kreativen Tätigkeiten und wissenschaftlich-analytischen Fähigkeiten bedarf.[24] Und da die dazugehörigen Teilbereiche universal abgedeckt sein müssen, um die Bedingungen der Definition zu erfüllen, ist beizufügen, dass im kreativen Bereich die Kunst im Allgemeinen vom Genie behandelt werden muss, damit sind die visuell gestaltende Kunst, die auditiv gestaltende Kunst und die Literatur gemeint, im wissenschaftlichen Bereich die Geistes- und Naturwissenschaften. Wissenschaftlich-analytische Fähigkeiten implizieren jedoch auch eine hohe Begabung, die es ermöglicht, das Beobachtete und Erlernte in neuen Dimensionen zu erschließen und zu interpretieren.

3 Geniale und krankhafte Aspekte Hoffmanns

3.1 Methodik

Nachdem die notwendigen Begriffe definiert wurden und Klarheit über die eigentlich vagen Bezeichnungen des Genies und Universalgenies erbracht wurde, können diese nun auf E.T.A. Hoffmanns Leben, Werk und Wirken und die eigentliche Themafrage bezogen werden. Vorerst werden biographische Zäsuren teilweise vertieft und charakteristische Eigenschaften betrachtet, um die Vielseitigkeit seines Schaffens, seine besonders sprunghafte berufliche Laufbahn und seine Krankhaftigkeit zu beleuchten, um dann in diesem Zusammenhang die mögliche Wechselwirkung zwischen Genie und Wahnsinn aufzuzeigen. Anschließend wird sein Werk und Wirken erörtert, wodurch schließlich seine Geniehaftigkeit zum Ausdruck kommt. Der Schwerpunkt wird im analytischen Teil dann letztendlich auf sein Schaffen gelegt, um später zu einer Antwort auf die Themafrage zu gelangen. Als bei dieser Vorgehensweise dienliche Hauptquellen sind im Hinblick auf die notwendigen Definitionen Genie, Irrsinn und Ruhm. Die Lehre vom Genie. Band 1. von Lange-Eichbaum und Kurth, hinsichtlich der Biographie eine Internetquelle von Roland Bernert und als generell bedeutendste Quelle E.T.A. Hoffmann. Leben und Werk in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. von Günzel zu nennen. Um Hoffmanns Schaffen zu begreifen, ist allerdings auch eine Fülle an Primärliteratur Voraussetzung.

3.2 Leben

3.2.1 Biographische Zäsuren

Am 24. Januar 1776 wird Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann als drittes Kind des Hofgerichtsadvokaten Christoph Ludwig Hoffmann und seiner Ehefrau Lovisa Albertina Hoffmann in Königsberg geboren. Nach der Scheidung der Eltern zieht der zweijährige Hoffmann mit seiner Mutter in deren Elternhaus, wo er unter der Obhut seines Onkels Otto und seiner Tante Sophie aufwächst. 1786 lernt er auf der Burgschule in Königsberg Theodor Gottlieb von Hippel kennen, der ihm ein lebenslanger Freund wird. Im Jahr 1792 beginnt er ein Jurastudium an der Universität in Königsberg, schon jetzt widmet er sich in seiner Freizeit dem Schreiben, Musizieren und Zeichnen. Nebenbei gibt er Musikunterricht, wo er sich unschicklicherweise in seine verheiratete Schülerin Dora Hatt verliebt. Nachdem er 1795 erfolgreich sein erstes Staatsexamen besteht, erhält er eine Anstellung als Auskultator in Königsberg. Bald jedoch zieht er nach Glogau zu seinem Onkel Johann Ludwig, welcher hofft, dadurch die hoffnungslose Liebe zu Dora Hatt zu unterbinden. Dort arbeitet er wiederum am Gericht Glogau, doch nach der Verlobung mit seiner Cousine Minna Doerffer und dem bestandenen Referendar-Examen mit der Note „vorzüglich“ wird der junge Hoffman an das Kammergericht in Berlin versetzt und zieht mit Minna und seinem Onkel dorthin. Das, ebenfalls mit der Note „vorzüglich“ bestandene Assessor-Examen ermöglicht ihm die Versetzung als Assessor an das Obergericht in Posen. Hier lernt er die Polin Thekla Michalina Rorer-Trzynska kennen, welche er 1802, nach Annullierung der Verlobung mit seiner Cousine, heiratet. Im selben Jahr werden ihm seine, zu Karneval angefertigten, schonungslosen Karikaturen der preußischen Philisterwelt zum Verhängnis, sie haben eine Strafversetzung nach Plock zur Folge. 1804 wird er jedoch zum Regierungsrat in Warschau ernannt und lernt dort Julius Eduard Hitzig kennen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet. Nachdem 1806 französische Truppen Warschau besetzen, entscheidet er sich, ohne seine Frau und das inzwischen geborene Kind Cäcilia, nach Berlin zu ziehen. Die darauf folgende Zeit ist von Trostlosigkeit geprägt, seine Tochter Cäcilia verstirbt im Alter von zwei Jahren, er infiziert sich bei einer Unbekannten mit Syphilis und hat Geldprobleme. Als er 1808 mit seiner Frau nach Bamberg übersiedelt, dort als Theaterdirektor arbeitet und Musikunterricht gibt, bessert sich die finanzielle Lage, bis er nach dem Bankrott des Theaters seinen Lebensunterhalt als Musikkritiker der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ und später als Direktionsgehilfe und Bühnenmaler am Bamberger Theater verdient. Nachdem er sich aussichtslos in seine bereits verlobte, 15-jährige Gesangsschülerin Julia Mark verliebt, beschließt er, die Stelle bei Joseph Secondas Operngruppe in Leipzig und später die Anstellung als Theater-Kapellmeister in Dresden anzunehmen. Nachdem Dresden 1814 wieder von der französischen Armee belagert wird, kehrt er zurück in den Staatsdienst nach Berlin, verdient allerdings schlecht, erst als seine Oper Undine im Jahr 1816 uraufgeführt wird und er als Kammergerichtsrat in Berlin angestellt ist, bezieht er wieder ein festes Gehalt. 1819 wird er Mitglied in der Immediatkommission und wird hier zu seiner Parodie Meister Floh inspiriert, weswegen später noch ein Disziplinarverfahren eingeleitet wird, da er indirekt eine Gerichtsakte öffentlich macht. Gleichzeitig erkrankt er in Folge der unbehandelten Syphilis an progressiver Paralyse, welche zu einer vollständigen Lähmung führt und der er am 25. Juni 1822 erliegt. Seiner Frau hinterlässt er somit 2300 Reichstaler Schulden.[25]

Hoffmanns Werk und Lebensanschauung stehen unter dem Einfluss verschiedener biographischer Zäsuren, welche anhand von Tagebuchaufzeichnungen, verbliebenen Briefwechseln und späteren Biografien von Freunden wie von Hippel oder Hitzig nachvollzogen werden können.

Man mag darüber streiten, ob spezielle Eigenschaften in das Erbmaterial übergehen, aber es sind einige Parallelen zwischen ihm und seinen Eltern erkennbar. Der Vater, Christoph Ludwig Hoffmann, ist Anwalt am preußischen Hofgericht in Königsberg und ein genialer, musikalisch begabter Mann, der allerdings auch ein launischer, notorischer Alkoholiker ist. Des Vaters Cousine, Lovisa Albertina Doerffer, welche zugleich auch Hoffmanns Mutter ist, ist eine fromme, menschenscheue, hysterische Frau. Nachdem die Ehe der Eltern nach wenigen Jahren geschieden wird, siedeln der Vater nach Insterburg und die Mutter mit dem jungen Hoffmann zu ihrer Verwandtschaft über. Das Milieu im Hause Doerffer ist gekennzeichnet durch engstirnige Moral, preußischen Untertanengeist und Pietismus, die Schwelle zur geistigen Strömung des Realismus wurde noch nicht übertreten, obwohl auch Kant aus Königsberg stammt.[26] Von der Mutter Lovisa Albertina spricht Hoffmann nie viel, sie vegetiert in krankhaftem Zustand und kümmert sich kaum um ihn. Die Großmutter Lovisa Sophie, achtet er sehr, aber den größten Einfluss auf die Erziehung, Bildung und sein Leben haben der Onkel Otto Wilhelm und die Tante Johanna Sophie. Seine Tante Johanna ist eine gesellige, geistreiche und heitere Frau, die wohl als einzige der Familie seinen Geist begreift und ihm eine enge Vertraute wird, ganz im Gegensatz zu Otto.[27] Der Justizrat Otto Wilhelm ist ein puritanischer, meist missvergnügter, preußischer Musterbürger und zieht schon bald die Spottlust des scharf beobachtenden jungen Ernst auf sich, indem er ihn, nach der Lektüre Tristram Shandy, oftmals als den „dicken Sir“ oder den „O-weh-Onkel“ bezeichnet.[28] Er erkennt schon im Alter von zwölf Jahren die Schwächen des Onkels und versteht sie zu seinem Vorteil auszunutzen. Bald wechselt er kein Wort mehr mit ihm, ohne ihn zu mystifizieren.[29] Sein Hang zur mystisch-fantastischen Ausdrucksweise macht sich schon jetzt bemerkbar. Es wird aber auch klar, dass er hier zu diesem scharfen Beobachter seiner Umwelt wird, der er später ist, der sarkastische und oft unbarmherzige Wirklichkeitssinn steht schon jetzt in einem Zwiespalt zu der scheuen, weichen und empfindsamen Seele. Jedoch erfährt er keine schöne Jugend in Königsberg, Jahre später bezeichnet er sie, in der Figur des Johannes Kreisler, seinen erwählten Doppelgänger, als „dürre Heide“[30], hiermit spricht er auch die vielen Leiden und wenigen Freuden seiner Jugend und Kindheit an. Der Onkel unterschätzt ihn und will ihn in Zucht und Ordnung erziehen, fernab von Gleichaltrigen. Die wenigen Freuden die ihm sein Onkel beschert, sind die Hauskonzerte welche dieser veranstaltet. Es sind jene Hauskonzerte im Kreis der Verwandtschaft, welche den Grundstein zu seiner lebenslangen Liebe zur Musik bilden. Allerdings scheint es, als ob der kleine Ernst sich durch das „musikalische Geisterreich“ noch mehr in seiner Einsamkeit verliert.[31] Während er die familiäre Tradition des Studiums der Rechte in Königsberg weiterführt, widmet er sich dem Zeichnen, Schreiben und Musizieren. Sein Studium meistert er trotz sämtlicher Freizeitaktivitäten mit Bravour. Neben der äußerst sprunghaften Karriere als Jurist entwickelt sich seine Liebe zur Musik immer weiter, bis er 1804 in Warschau beginnt zu komponieren, dadurch bekannt wird und sich 1805 in Anlehnung an Mozart, in Ernst Theodor Amadeus umbenennt. Nach dem erfolglosen Aufenthalt in Berlin, in dem er die Laufbahn als Jurist, in der Hoffnung als freischaffender Künstler bekannt zu werden, pausieren lässt, zieht er wieder nach Bamberg und arbeitet dort als Theaterdirektor. Die Zeiten in Bamberg sowie die in Berlin zählen als schwerste Krisen des Autors. Nach seiner baldigen Entlassung vom Bamberger Theater allerdings arbeitet er als Musikkritiker für die „Allgemeine Musikalische Zeitung“, in der er die Möglichkeit hat, 1809 seine Erzählung Ritter Gluck erstmals zu veröffentlichen. Nachdem er wieder vier Jahre als Bühnenbildner am Bamberger Theater und später in Leipzig und Dresden arbeitet, kehrt er schließlich wieder zum Berliner Beamtentum zurück, wo er allerdings schlecht verdient und sich mit der Veröffentlichung von Werken wie Der goldene Topf, Die Elixiere des Teufels und anderen ein Zubrot verdient. 1816 wird schließlich seine Oper Undine im Nationaltheater in Berlin uraufgeführt und er macht sich einen Namen als Schriftsteller, anschließend verdient er jedoch wieder Geld als angesehener Kammergerichtsrat und später als Mitglied in der Immediatskommission. In dieser Zeit verfasst er den größten Teil seiner literarischen Werke, sie gilt hinsichtlich seines schriftstellerischen Schaffens als intensivste Periode und der Dualismus, der ihn sein ganzes Leben begleitet, wird am deutlichsten in der Doppelexistenz zwischen Beruf und Kunst. Bei Tag ist er Jurist, bei Nacht frönt er dem exzentrischen Gesellschaftsleben. Schließlich bricht das Verfassen von Meister Floh seiner juristischen Karriere das Genick, im welchem er einen Gerichtsfall parodiert und somit illegal Inhalte eines Falls öffentlich macht.[32]

Neben seinen eigenen psychischen Problemen, welche später noch erörtert werden, wird er früh mit den psychischen Störungen anderer konfrontiert. Bereits im Haus der Großmutter stößt er auf seine Nachbarin und Mutter Zacharias Werners, welche psychisch krank gewesen sein soll.[33] Auch die eigene Mutter ist nicht außer acht zu lassen, sie vegetiert vor sich hin und auch wie sein guter Freund von Hippel sie beschreibt, scheint sie krank gewesen zu sein: „Sie war ein Bild der Schwäche und des Gemütskummers.“[34]. Und während seines Aufenthalts in Bamberg macht er die Bekanntschaft mit dem Leiter der Bamberger Nervenklinik Adalbert Friedrich Marcus.[35]

[...]


[1] Zit.: Günzel, Klaus (Hg.): E.T.A. Hoffmann. Leben und Werk in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. Berlin. 1976. S. 13.

[2] Zit.: Günzel, a. a. O., S. 5

[3] Vgl.: Lange-Eichbaum, Wilhelm; Kurth, Wolfram: Genie, Irrsinn und Ruhm. Die Lehre vom Genie. Band 1. München. 1985. S. 170.

[4] Vgl.: Pschyrembel, Willibald (Hg.): Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. Berlin. 1982.

[5] Zit.: Lange-Eichbaum, Wilhelm; Kurth, Wolfram: Genie, Irrsinn und Ruhm. Die Lehre vom Genie. Band 1. München. 1985. S. 34ff.

[6] Zit.: ebd.

[7] Zit.: ebd.

[8] Zit.: ebd.

[9] Zit.: ebd.

[10] Zit.: ebd.

[11] Zit.: ebd.

[12] Vgl.: Lange-Eichbaum, Kurth, a. a. O., S. 36ff

[13] Zit.: Lange-Eichbaum, Kurth, a. a. O., S. 38ff

[14] Zit.: ebd.

[15] Zit.: ebd.

[16] Zit.: ebd.

[17] Zit.: ebd.

[18] Zit.: ebd.

[19] Zit.: ebd.

[20] Zit.: Lange-Eichbaum, Kurth, a. a. O., S. 40

[21] Vgl.: Lange-Eichbaum, Kurth, a. a. O., S. 28

[22] Vgl.: Brockhaus-Lexikonredaktion (Hg.): Brockhaus. Universallexikon. (Band 24). Leipzig. 2003.

[23] Vgl.: Donat, Sebastian; Birus, Hendrik (Hg.): Goethe. Ein letztes Universalgenie? Göttingen. 1999. S. 7.

[24] Vgl.: Schiewe, Jürgen u. a. (Hg.): Philologische Studien und Quellen. Heft 222. Berlin. S. 198.

[25] Vgl.: Bernert, Roland: Regionalen Arbeitskreises Internet RAI: Daten der Deutschen Literatur. Ernst Theodor Amadeus (E.T.A.) Hoffmann. Karlsruhe. 1998. [Internet]. verfügbar unter:

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/hoffmann.htm

[26] Vgl.: Günzel, Klaus (Hg.): E.T.A. Hoffmann. Leben und Werk in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. Berlin. 1976. S. 25ff.

[27] Vgl.: Hippel, Theodor Gottlieb von: Erinnerungen an Hoffmann. In: Günzel, Klaus (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Leben in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. Berlin 1976. S. 30.

[28] Vgl.: Günzel, Klaus (Hg.): E.T.A. Hoffmann. Leben und Werk in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. Berlin. 1976. S. 26.

[29] Vgl.: Hippel, Theodor Gottlieb von: Erinnerungen an Hoffmann. In: Günzel, Klaus (Hg.): E. T. A. Hoffmann. Leben in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. Berlin 1976. S. 30.

[30] Zit.: Günzel, Klaus (Hg.): E.T.A. Hoffmann. Leben und Werk in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. Berlin. 1976. S. 27.

[31] Vgl.: Günzel, a. a. O., S. 27f

[32] Vgl.: Bernert, Roland: Regionalen Arbeitskreises Internet RAI: Daten der Deutschen Literatur. Ernst Theodor Amadeus (E.T.A.) Hoffmann. Karlsruhe. 1998. [Internet]. verfügbar unter: http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/hoffmann.htm

[33] Vgl.: Lederer, Horst: Phantastik und Wahnsinn. Geschichte und Struktur einer Symbiose. Köln. 1986. S. 96.

[34] Zit.: Hippel, Theodor Gottlieb von: Erinnerungen an Hoffmann. In: Günzel, Klaus (Hg.): E.T.A. Hoffmann. Leben in Briefen, Selbstzeugnissen und Zeitdokumenten. Berlin 1976. S. 31.

[35] Vgl.: Auhuber, Friedhelm: Produktive Rezeption der zeitgenössischen Medizin und Psychologie. In: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann Gesellschaft. Heft 32. 1986. S. 38.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
E.T.A. Hoffmann. Ein Universalgenie?
Hochschule
Maria-Theresia-Gymnasium Augsburg
Veranstaltung
Seminar Genie und Wahnsinn
Note
13
Autor
Jahr
2013
Seiten
35
Katalognummer
V215954
ISBN (eBook)
9783656445586
ISBN (Buch)
9783656446125
Dateigröße
2538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Genie, Universalgenie, Wahnsinn, Literatur
Arbeit zitieren
Lisa Maria Herzog (Autor), 2013, E.T.A. Hoffmann. Ein Universalgenie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215954

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