La realidad imita al porno - die Natürlichkeit des Obszönen in Pedro Almodóvars Patty Diphusa


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
28 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung: Was ist obszön?

2. Die Geschichte der Obszönität in der spanischen Literatur. Ein Überblick

3. Patty Diphusa. Textgeschichte und Versuch einer Zusammen-fassung
3.1 Textgeschichte
3.2 Versuch einer Zusammenfassung

4. Leben und Werk Pedro Almodóvars

5. La movida. Ausbruch nach der langen Unterdrückung

6. Die Natürlichkeit des Obszönen in Patty Diphusa

7. Schlußbemerkung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Was ist obszön?

Es behagt mir, den Leuten dieses Wort ›Lust‹, das ihnen so gar zuwider ist, bis zum Überdruß zu wiederholen

Montaigne[1]

Des einen Freud ist des anderen Leid. Dieses Sprichwort könnte man veräußern, betrachtet man die Geschichte der Obszönität in der allgemeinen Literaturgeschichte. Im Lauf der Historie gab es immer und gibt es immer noch Werke, die von einem Teil der Öffentlichkeit, meistens jedoch von einem machtinhabenden Amt, wie der Kirche oder einer absolutistischen oder diktatorischen Regierung, als obszön, frivol und unanständig eingestuft wurden und werden. Die häufige Folge solcher Verbannung von Texten in die sinnbildlich mit „obszön“ beschriftete Schublade, war oft völliges Druckverbot oder andere Einschränkungen durch die Zensur und häufig auch Bestrafung und Verfolgung der Autoren. Ironischerweise bereitet dabei allein die Frage danach, was obszön sei, erhebliche Definitionsschwierigkeiten. Denn eine allgemeingültige Definition des Begriffs Obszönität lässt sich nicht aufstellen. Es liegt vielmehr im Auge des Betrachters, variiert von Person zu Person, aber auch von Gesellschaft zu Gesellschaft und von Epoche zu Epoche, wer oder was als obszön, also „unanständig, schamlos, anstößig“[2] empfunden wird. „Das lehrt die lange Geschichte: obszön ist, wer oder was irgendwo irgendwann irgendwen aus irgendwelchem Grund zur Entrüstung getrieben hat.“[3] Mit dieser amüsanten, weil nach allen Seiten offenen, Definition beginnt Ludwig Marcuse sein unterhaltsames Sachbuch Obszön - Geschichte einer Entrüstung, in dem er an sechs literarischen Skandalen der Weltliteratur darstellt, was im Wandel der Zeiten als obszön empfunden wurde. Aber die Definition ist nach zwei Richtungen diffizil: einmal muss sie eben danach variieren, welche Handlung, Person oder Sache als obszön empfunden wird und zum Zweiten danach, auf welche Weise sich dieses Gefühl äußert. Denn nicht nur das, was wie Marcuse untermauert, zur „Entrüstung“ treibt, ist obszön, sondern auch was Scham, Abneigung, ja Ekel oder Angst, oder auch ein Zusammenspiel all dieser und weiterer Empfindungen beim jeweiligen Betrachter oder Leser hervorrufen kann. Solange sich Obszönitäten hinter verschlossener Tür, im stillen Kämmerlein des individuellen Privatlebens abspielen, können sie kaum für eine Entrüstung einer größeren Öffentlichkeit, als etwa einiger tratschender Nachbarn, sorgen. Man musste eine größere Angriffsfläche finden, wenn man nachhaltig das Unmoralische bekämpfen wollte. „So kam man“ laut Marcuse, „auf die Idee, das Obszöne für eine ästhetische (oder unästhetische) Kategorie zu halten; und beim Streit um sie sein Dasein außerhalb der Künste und der kunstloseren Produktion zu ignorieren.“[4] Dass sich das Hauptaugenmerk der Diskussionen über einzelne Werke dabei hauptsächlich auf den Bereich der Literatur und weniger auf etwa die Musik oder die Bildende Kunst richteten, erklärt Marcuse mit den Worten Henry Millers: „[...] bei Büchern fühlen auch Klempner und Metzger, daß sie ein Recht auf Meinung haben...“[5]. Die Entrüstung über die Obszönität, sei, so Marcuse, eine Empfindung der Massen, egal „von wem sie auch dirigiert sein mögen.“[6] In der Literatur entsteht allerdings ein Problem für die Widersacher der Obszönität: ein literarisches Werk obszönen Inhalts muss nicht automatisch von einem obszönen Autor verfasst worden sein, der in irgendeiner Weise mit der Sünde der Unreinheit besudelt ist. Dass der Inhalt eines Textes nicht ohne weiteres mit der Person des Autors zu verschmelzen sei, ist ein Grundprinzip der Literaturwissenschaft. Wie lässt sich aber nun die wahre Intention des Autors herausfinden? Hat der Autor X sein Werk Y geschrieben, um mit Absicht andere zu entrüsten, oder um seiner eigenen Entrüstung über das Obszöne Ausdruck zu verleihen, und somit das Übel aller Frivolität darzustellen? Dieses Problem hat, wie im nächsten Kapitel dargestellt werden soll, einigen Autoren die Möglichkeit gegeben, sich durch die Äußerung moralischer Bedenken von dem unanständigen Inhalt ihres Werks zu distanzieren und so unter dem Vorwand ein didaktisches Werk verfasst zu haben, das Obszöne in die Literatur einfließen zu lassen. Ludwig Marcuse unterscheidet im Rahmen seiner Überlegungen „vier unanständige Literaturen“[7]: Kiosk-Literatur, geheime Werke großer Schriftsteller, Pornographie und erotische Weltliteratur. Die großen Skandale und folgenreichen Verhandlungen um Obszönität drehen sich aber nur um letztere. Diese Arbeit befasst sich mit einem Text, der nach der Zeit der Diktatur Spaniens erschien und so, angefüllt mit Frivolitäten, problemlos veröffentlicht werden konnte. Es handelt sich bei Pedro Almodóvars Patty Diphusa, wie wir später sehen werden, um einen Text mit Sonderstellung in mehrerer Hinsicht. Einmal zählt er, geht man nach Marcuse, allein durch seine Veröffentlichung in einer Zeitschrift wohl zwangsläufig zur „Kiosk-Literatur“, sein Inhalt, die autobiographischen Aufzeichnungen einer fiktiven Pornodarstellerin, müssten rein thematisch zur Pornographie gezählt werden und durch seinen stark umgangssprachlich gefärbten Stil könnte man von „oraler“[8] Literatur sprechen. Dazu im Folgenden mehr. Vorher soll aber eine Übersicht der spanischen Literaturgeschichte in Hinsicht auf einige ihrer wichtigsten obszönen Werke, ein Verständnis davon vermitteln, was in Spanien in verschiedenen Epochen als obszön empfunden wurde und welche Tricks einige Autoren anwandten, um ungestraft Anstößiges in ihren Werken zur Veröffentlichung zu bringen. Dieser Rückblick auf die Epochen soll unterstreichen, wie neuartig ein Text wie Patty Diphusa in der spanischen Literatur war.

2. Die Geschichte der Obszönität in der spanischen Literatur. Ein Überblick

Die spanische Literatur hat ein Image: hohe literarische Qualität und Vorsicht bei sinnlichen, anrüchigen Themen. Damit unterscheidet sie sich in hohem Maße beispielsweise von der französischen Literatur, die für ihre Sinnlichkeit und den ungezwungeneren Umgang mit erotischen Themen bekannt ist. Man bedenke nur, dass selbst ein Marquis de Sade, zwar mit erheblichen Schwierigkeiten, wie etlichen Verhaftungen und Todesurteil (vor dem er aber nach Italien entfliehen konnte), mit seinen gewaltverherrlichenden, nach ihm benannten „sadistischen“ Texten, einen nachhaltigen Einfluß auf die moderne französische Literatur haben konnte. In Spanien wäre die Veröffentlichung solcher Themen, vor allem in ähnlich unverschleierter Form, vor der späten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unvorstellbar gewesen. Dennoch ist die Literatur der iberischen Halbinsel keineswegs eine leidenschaftslose, jeglicher Erotik entleerte. Allein das Thematisieren alles Erotischen war den spanischen Schriftstellern durch die Epochen hinweg fast pausenlos erschwert oder oft gar unmöglich. Die Inquisition und später das Francoregime siebten mit der Zensur alles aus, was als Anrüchig empfunden wurde oder besser gesagt, empfunden werden sollte. Literarische Tricks und Umwege mussten erdacht werden, um geschickt an den Klippen der Zensur vorbei zu manövrieren. Nicht selten war auch das Exil eines dieser Umwege. Der folgende Überblick über die Geschichte der Obszönität in der spanischen Kultur folgt

dem Leitfaden des gleichnamigen Seminars[9], in dessen Rahmen auch diese Arbeit verfasst wurde. Er soll zeigen, welche Nischen und Lücken die Autoren im Netz der fast durchgehend bestehenden Zensur fanden, um erotische und frivole Themen in ihren Werken veröffentlichen zu können.

Als erstes literarisches Beispiel frühester Zeit dient die Versdichtung Libro del buen amor, das in drei voneinander abweichenden Fassungen in dem Zeitraum zwischen den Jahren 1330 und 1343 erschien und somit in die Zeit des Spätmittelalters zu datieren ist. Als Autor nennt sich ein gewisser Juan Ruíz Arcipreste de Hita, dessen Identität aber historisch nicht belegt werden konnte und von dem im allgemeinen angenommen wird, dass es sich um einen Decknamen handelt.[10] Zum ersten Mal in der spanischen Literaturgeschichte wird in diesem Text eine unmittelbare Lebenswirklichkeit dargestellt, in der Beobachtetes und Erlebtes mit moralischen und religiösen Wertungen des Mittelalters verschmelzen. Nach einer Einleitung, in der der Autor unter Anrufung Gottes versichert, dass die Freude der Liebe nur beschrieben wird, um sie zu verdammen, um „buen amor“ als „loco amor“ zu entlarven und die Sündhaftigkeit aller Menschen zu beweisen, werden im Folgenden verschiedenste Liebesabenteuer, mit teilweise autobiographischen Zügen, in unverblümter Sprache erzählt und gepriesen.[11] Die Form der fiktiven, erotischen Autobiographie verknüpft mit lyrischen Gedichten ist eindeutig von dem bis heute populären, arabischen Werk Tauq al-Hamama (Das Halsband der Taube) des spanisch-arabischen Dichters Ibn Hazm al-Andalusi inspiriert.[12] Die Distanzierung des Autors von seinen obszönen Geschichten durch die immer wiederkehrende Äußerung moralischer Bedenken, durch das Zurückgreifen auf außerspanische Vorbilder und vor allem durch die Angabe seines klerikalen Standes als Erzbischof, macht die Veröffentlichung dieser Dichtung möglich, trotz teilweise derber, erotikgeladener Sprache und deutlich herauslesbarer Parodien auf die kirchliche Lehre.

Das Werk La Celestina, das 1499 erstmalig unter dem ursprünglichen Titel Comedia de Calisto y Melibea (in einer weiteren Ausgabe 1502 Tragicomedia de Calisto y Melibea) erschien, ist nicht nur ein weiteres, wichtiges Beispiel für obszöne Texte der spanischen Kultur, sondern auch für den Eingang derselben in die Weltliteratur. Die erste Ausgabe erschien ohne Angabe eines Autors. Bei der zweiten Ausgabe nennt sich Fernando de Rojas als Autor, der bereits die erste Version geschrieben haben will. Neben Don Quijote und Don Juan zählt die Kupplerin Celestina zu einer der Figuren, die auch vielen nichtspanischen Lesern ein Begriff ist, sicher auch dank der zahlreichen Nachahmungen des Urtextes.[13] Am Beginn der Herausbildung der spanischen Identität, die später engstens mit dem Ehrgefühl verbunden ist, steht dieses Werk, das alle Ehrwürdigkeit ironisiert und als falsch entlarvt. Die intrigenreiche Liebesgeschichte handelt, in Kürze zusammengefasst, von dem jungen Calisto, der Melibea liebt, welche aber nichts von ihm wissen will. Von seinen hinterlistigen Dienern angestachelt verlässt er sich auf die Dienste der Kupplerin Celestina, die Melibea tatsächlich durch einen Zauber dazu bringen kann, Calistos Liebe leidenschaftlich zu erwidern. Celestina schlägt daraus Profit, wird aber bald von den Dienern erschlagen, denen sie außer den Liebesdiensten einiger für sie arbeitender Damen, nichts von ihrem Gewinn abtreten will. Auch die anderen Figuren finden ein trauriges Ende: die Diener werden für den Mord an Celestina erhängt, Calisto fällt nach dem Liebesspiel von einer Mauer und Melibea stürzt sich aus Trauer hinterher. Am Ende hält Melibeas Vater Pleberio einen Klagemonolog über die Torheit der Liebe.[14] Unter dem Deckmantel des moralischen und didaktischen Zwecks des Textes, der zwangsläufig die Bestrafung der Sünden durch Tod der Figuren mit sich bringt, kann der Autor (oder die Autoren) problemlos die scheinbare Ehrhaftigkeit der Personen, die Kirche und die sozialen Schichten seiner Zeit aufs Korn nehmen und außerdem sexuell hochbrisante Themen, wie etwa Pädophilie, Vergewaltigung und lesbische Liebe behandeln. Es ist kaum vorstellbar, dass dieses Werk so kurz vor der Zeit der Inquisition, der Uniformierung und der Beschneidung sämtlicher Freiheiten erscheint. So ist es wie die Umkehrung der sprichwörtlichen „Ruhe vor dem Sturm“: eine Explosion freizügiger Kreativität vor der Erotikflaute, die der spanischen Gesellschaft durch die gnadenlose Zensur der Inquisitoren aufgezwungen wird. Das nächste Beispiel erscheint denn auch im, von spanischen Intellektuellen rege in Anspruch genommenen, Exil Italiens. Francisco Delicados Drama La lozana andaluza erscheint 1528 in Venedig und ist thematisch stark an die Celestina angelehnt.[15]

Die Hauptfigur ist eine schöne, listige Prostituierte, die sich bei ihren Feinden für alles, was ihr widerfahren ist, damit rächt, dass sie sie mit Syphilis ansteckt. Die Handlung spielt in Rom zur Zeit der Plünderung. Trotz der freizügigen, oft brutalen Sprache, mit der Delicado alles attackiert, was als Anständig gepriesen wird, war das Werk ein großer Erfolg, allerdings vorerst nur in Italien. So hatte man sich die Spanier wohl immer vorgestellt. In Spanien selbst entsteht einige Zeit später, um 1554, eine Untergrundliteratur: der Schelmenroman (novela picarecsa). Um das allgemeine Ansehen der Gattung Roman stand es um diese Zeit schlecht, von erotischen Texten, einmal ganz abgesehen. In Neuschäfers Geschichte der Spanischen Literatur heißt es: „[...]der Roman galt als frivol, weil er die Unterhaltung über die Belehrung, die Zerstreuung über die Moral zu stellen schien.“[16]. Die Schelme[17] (picaros) sind wahre Antihelden aus der untersten Schicht der Gesellschaft, die sich mit listigen Tricks, hinterhältigem Benehmen, Bettelei und dem Ausnutzen anderer in höhere Gesellschaftsschichten aufzusteigen versuchen. Das bekannteste Beispiel der frühen novelas picarescas ist ohne Zweifel der Lazarillo de Tormes, das Werk eines anonymen Autors, dessen Identität bis heute nicht aufgedeckt werden konnte und das lange Zeit auf den Index gesetzt wurde und sogar einem zeitweiligen Druckverbot unterlag. Eine erotischere Variante des Schelmenromans ist allerdings jene, bei dem aus dem picaro eine picara wird. Die weiblichen Schelme sind meist von umwerfender Schönheit und erotischer Anziehungskraft und sie wissen sich mit ihren weiblichen Listen besser durchs Leben zu schlagen als ihre männlichen Pendants. Beispiele für diese erotischen Antiheldinnen finden sich unter anderem in Francisco López de Úbedas La picara justina aus dem Jahr 1605 und in Alonso Castillo de Solorzanos La Garduña de Sevilla, das 1642 erschien. In der Zeit der Klassik und Romantik verschwindet Obszönität als öffentliches Thema. Es wurden nur wenige Romane in dieser Zeit verfasst. Für die Lösung weltlicher Probleme war die Kirche verantwortlich und nicht die Kunst, die zumeist der Häresie verdächtigt wurde. Die Thematisierung anrüchiger Themen muss deshalb auf ein weniger angreifbares Gebiet ausweichen: der kritischen Interpretation außerspanischer Texte. Der Don Juan Mythos und der Carmen Mythos, interessanterweise beides Figuren, die bis heute als die Verkörperung spanischer Identität gelten, haben ihre Wurzeln außerhalb Spaniens und werden in der spanischen Literatur vorerst nur in Interpretationen bearbeitet, ehe sie in eigenen Bearbeitungen auch in die spanische Literatur Einzug finden. Eine der bekanntesten Bearbeitungen des Don Juan Themas ist wohl El burlador de Sevilla y convivado de piedra von Tirso de Molina aus dem Jahre 1630[18]. Der hinterlistige Don Juan täuscht und verführt darin etliche Frauen, tötet Männer, die ihm im Weg stehen und macht sich sogar noch über einen von ihm ermordeten, einflußreichen Vater einer seiner Geliebten lustig, indem er dessen steinerne Statue auf seinem Grabmahl zwickt und zum Scherz zum Abendmahl einlädt. Doch der Geist des Toten rächt sich und hält Don Juan fest, welcher daraufhin nach einem letzten vergeblichen Flehen nach priesterlichem Beistand, zur Hölle fährt. Der Tod als Strafe für ein lasterhaftes Leben ist abermals ein typisches, der Moral verpflichtetes Ende, das den Autor von dem frivolen Inhalt seines Werkes distanziert. Ende des 19. Jahrhunderts wird im Zuge des Realismus das Element des Obszönen erneut aufgegriffen. In einem neuartigen, besonders kraftvollen und ungeschminkten Stil geschieht dies in Los pazos de Ulloa (1886/87) der katholisch-feministischen Schriftstellerin Emilia de Pardo Bazán. In diesem bis heute in Spanien hochbeliebten Roman, kommt ein Geistiger auf das Gut von Ulloa[19], das schmutzig und chaotisch, wie seine Bewohner ist, um als Kaplan Ordnung zu schaffen. Der Verfall des dekadenten Landadels auf allen Ebenen des sozialen Lebens wird detailliert beschrieben. Die Obszönität der Gesellschaft spiegelt sich dabei allerdings hauptsächlich in der Darstellungsweise der Umgebung und der Atmosphäre wieder. Literarisch ist das Werk, wie seine Autorin selbst, schwer einzuordnen. Letztere war katholisch hochkonservativ eingestellt und gleichzeitig feministisch-politisch engagiert, zwei Lebenseinstellungen, die ,ohne Frage, oft schwer zu vereinen sein mussten. Und auch das Werk, ein klassischer Krisenroman, ist voller Gegensätze und liefert, nach überaus negativer Darstellung der Realität, keinerlei rationale Lösungsvorschläge. Auch in dem Roman Doña Perfecta von Benito Pérez Galdós (1876), sind es vor allem die Umstände und weniger sexuelle Aktivitäten, die auf den Leser obszön wirken. Die imaginäre Provinzstadt Orbajosa[20] dient darin als Modell für die Rückständigkeit spanischer Provinzen und die Borniertheit seiner Bewohner, die in mittelalterlichem Denken verharrt sind. Diese Welt lässt Galdós mit den modernen Vorstellungen des Stadtbesuchers und Heiratsanwärters Pepe Rey kollidieren. Doña Perfecta, deren Tochter Pepe Rey heiraten will, spielt dabei die Rolle der bösen Schwiegermutter, die einen extremen, katholischen Konservatismus verkörpert. Sie verhindert alles, was freie Entscheidung und natürliches Verhalten wäre. Das ist das eigentlich Obszöne dieses Romans, der eine Diskussion über die Obszönität im spanischen Katholizismus entfachte.

[...]


[1] entnommen aus Marcuse, Ludwig: Obszön-Geschichte einer Entrüstung, Zürich 1984, S. 333

[2] Wahrig Fremdwörterlexikon: Synonyme unter dem Eintrag „obszön“, Gütersloh 1999, S. 647

[3] Marcuse, Ludwig: Obszön-Geschichte einer Entrüstung, Zürich 1984, S.11

[4] Marcuse, Ludwig, S.27

[5] ders. S. 29

[6] ders. S. 29

[7] vrgl. ders.S. 26-35

[8] vrgl: Garcia-Calvo, Carlos: Early Almodóvar: la reina de la movida, in García de Leon, Maria A. (1990): El cine de Pedro Almodóvar y su mundo, Madrid

[9] einige Informationen zu den Werken, sind direkt aus den Protokollen der jeweiligen Referate des Seminars entnommen

[10] vergl. Neuschäfer, Hans-Jörg: Spanische Literatur Geschichte, S.44

[11] vergl. diese Passage mit Artikel „Arcipreste de Hita“ in Rössig, Wolfgang, Hauptwerke der spanischen und portugiesischen Literatur, S. 32

[12] vergl. Neuschäfer, Hans-Jörg: Spanische Literatur Geschichte, S. 45

[13] vergl. Neuschäfer, Hans-Jörg: Spanische Literatur Geschichte, S. 65-67

[14] vergl. Inhaltsangabe in Rössig, Wolfgang: Hauptwerke der spanischen und portugiesischen Literatur, S. 68-69

[15] vergl. Passage über La lozana andaluza mit Artikel in Rössig, Wolfgang, Hauptwerke der spanischen und portugiesischen Literatur, S.

[16] Neuschäfer, Hans-Jörg: Spanische Literaturgeschichte, 1997, S. 123

[17] Die Informationen stammen aus dem Protokoll zum Referat über die Schelmenromane vom 5.6.2003

[18] vergl. Referat über El burlador de Sevilla vom 22.5.2003

[19] vergl. Inhaltsangabe mit: Rössig, Wolfgang, Hauptwerke der spanischen und portugiesischen Literatur, S.266

[20] vergl. Inhaltsangabe mit: Rössig, Wolfgang, Hauptwerke der spanischen und portugiesischen Literatur, S.269-270

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
La realidad imita al porno - die Natürlichkeit des Obszönen in Pedro Almodóvars Patty Diphusa
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Romanische Philologie)
Veranstaltung
HS Die Geschichte der Obszönität in der spanischen Kultur: vom Acipreste de Hita bis Pedro Almodóvar
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V21623
ISBN (eBook)
9783638251969
Dateigröße
819 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
enthält: Textgeschichte und Analyse des Umgangs mit obszönen Themen der Geschichte Patty Diphusa von Pedro Almodóvar, Biografisches über Almodóvar mit Schwerpunkt auf die frühen achtziger Jahrte in Madrid und die kulturelle movida, in der Almodóvar eine große Rolle spielte, geschichtlichen Überblick über den Umgang mit Obszönen Themen in der spanischen Literatur vom Mittelalter bis zur Neuzeit
Schlagworte
Natürlichkeit, Obszönen, Pedro, Almodóvars, Patty, Diphusa, Geschichte, Obszönität, Kultur, Acipreste, Hita, Almodóvar
Arbeit zitieren
Annika Silja Sesterhenn (Autor), 2003, La realidad imita al porno - die Natürlichkeit des Obszönen in Pedro Almodóvars Patty Diphusa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21623

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