Mythos Asexualität im Alter - Der Umgang mit Alterssexualität, Einflüsse und Problemlagen


Studienarbeit, 2004
16 Seiten, Note: keine Benotung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mythos der Asexualität im Alter

3. Theorien über die Altersgeschlechtslosigkeit

4. Forschungsergebnisse über Alter und Sexualität

5. Andere Einflüsse auf die Sexualität im Alter

6. Privatsphäre-Situationen in Pflegeeinrichtungen

7. Elemente lebensweltorientierter, privatsphärefördernder Pflege

8. Abschluss

9. Literaturliste

1. Einleitung

Alter und Sexualität befinden sich im dialektischen Verhältnis einer Groteske. „…der Alte ist dann alt, wenn er nicht mehr sexuell ist, und er ist dann nicht mehr sexuell, wenn er alt ist.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.216) In der Regel endet dieser „Kampf der Alten“, entweder sexuell oder alt zu sein mit der Kapitulation, dem Verbergen, der Einschränkung und letztendlich Aufgabe ihrer Sexualität und der „Übernahme der ihnen zugewiesenen Altersrolle, die zur neuen, selbstversichernden Sexualität wird.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.218) Da aber Sexualität in seiner Wesensbestimmung grundsätzlich offen ist und nur das widerspiegelt, was sich Menschen darunter vorstellen (vgl. Howe 1993, S.127), bestimmten gesellschaftliche Werte und Normen den Umgang mit Sexualität nicht unwesentlich.

2. Mythos der Asexualität im Alter

„In unserer Gesellschaft lässt sich ein konturenscharfes, generalisiertes Stereotyp zur Sexualität im Alter ausmachen.“ (Müller in Howe 1993, S.135) Sexualität wird als Vorrecht der Jugend angesehen. „Allein der Gedanke an sexuelle Betätigung alter Menschen, die Vorstellung geschlechtlich aktiver Greise – ganz zu schweigen von Greisinnen – verursacht Unbehagen, Widerwillen, gar Abscheu und Ekel und dies bei Jungen ebenso wie bei den Alten selbst.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.205) Sexualität alter Menschen hat es „gefälligst“ nicht zu geben und wenn doch, so folgt im gleichen Augenblick die Etikettierung als abnorm, krankhaft oder pervers, bestenfalls noch lächerlich. Diese Verteufelung der Sexualität im Alter unterliegt im europäischen Kulturraum seit jeher einer ungebrochenen Tradition. Sexualität im Alter war bisher ausnahmslos der Repression und Zensur unterworfen, ganz anders als die Sexualität in jungen Lebensjahren, die sich einem Wandel zur Freizügigkeit hingeben konnte (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.205). Von den Alten wird noch immer eine gewisse Erhabenheit und Weise gefordert, deren Nicht- Vorhandensein unweigerlich die Abstempelung zum „Narren“ oder „Perversen“ zur Folge hat (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.206). Geht man in der Geschichte zurück, so ist nach Platon der körperliche Verfall zwar bedeutungslos, denn die Wahrheit liegt in der unsterblichen Seele, die aber allerdings „…umso freier wird, je mehr die Gelüste und Kräfte des Körpers schwänden.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.207) Alter scheint also vorteilhaft von den „Gelüsten der Leidenschaft befreit“. So meint Seneca ebenfalls: „Die Seele freut sich, nicht mehr viel Gemeinschaft zu haben mit dem Körper.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.208) Angesichts dieser mürben Einsichten äußert Horaz auch Jammer über die körperlichen Veränderungen, denn das „traurige“ Alter „vertreibt die anmutige Liebe“. (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.208) In allen historischen Epochen beschreiben die Stereotype des Alters gleichsam den alten Menschen als „Sonderling“, bei dem sich die Leidenschaften beruhigen und den Menschen vom Wahn der geschlechtlichen Liebe befreien, sodass der Mensch seine Vernunft wieder finden kann (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.209). Der Alte ist von Natur aus und vom Wesen her asexuell und wird somit geschlechts- und klassenübergreifend seiner Sexualität beschnitten, so dass im Alter alle „gleich werden“ (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.209).

3. Theorien über die Altersgeschlechtslosigkeit

Auch die, sich im 20. Jahrhundert entwickelnde gerontologische Forschung, kann diesem Mythos der Asexualität nichts anhaben. Die biologische These, dass das Alter nicht das sexuelle Ende ist, steht nicht unbedingt im Zusammenhang mit der Asexualität des Alters. „Ginge das Alter parallel zur Rückbildung bestimmter organischer Funktionen denn in der Tat mit einer natürlichen Rückbildung sexuellen Verlangens einher, hätte es dann in all der kulturellen Anstrengungen bedurft, solches Verhalten auf jede, nur erdenkliche Art zu zensieren und zu unterdrücken?“ (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.209)

„So wird zum Beispiel bei unverändert erhaltenen Tagträumen, sexuellen Fantasien und auch Träumen die Ausübung genitaler Sexualität durch Krankheiten, Medikamenteneinnahme, gestörte Beziehungen, soziale Normsetzungen wie auch fehlende Partner / Partnerin (Radebold 1992; v. Sydow 1993) eingeschränkt bzw. beendet.“ (Jansen u.a. 1999, S.313) Stärker manifestiert sich eine prägenitale Sexualität, einschließlich analer und oraler Befriedigungen, die aus psychoanalytischer Sicht als ein Regressionsprozess (partielles Wiederbeleben früherer sexueller Entwicklungsstufen) und Adaptionsprozess (als Folge verlernter Abwehr) erklärt wird (vgl. Jansen u.a. 1999, S.313f.).

Eine andere These vertritt die Möglichkeit, dass Altersbeschwerden auf Grund äußerer Restriktionen gegen das Alter den Alten erst zum Alten machen, und somit im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung eine Zuschreibung von innen her den Alten sich selbst als alt erkennen lässt. (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.211).

So wie der Eintritt ins Erwachsenenalter den Eintritt in die Sexualität bedeutet, so scheint mit dem Austritt aus dem Erwerbsalter die „Exitation aus der Geschlechtlichkeit“ beschlossen zu sein (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.211f.). Es ist unumstritten, dass die zwangsweise oder freiwillige Pensionierung immer eine Lebenskrise mit existentieller Tragweite für den älteren Menschen darstellt. Der Verlust kommunikativer Felder und Orientierungsmöglichkeiten bedeutet im Zusammenhang mit altersspezifischen Erkrankungen und Abbauerscheinungen auch immer den Wegfall von wesentlichen „Identitätskomponenten“, die mit psychologischen Komponenten, die aus dem Arbeits- und Kontaktverlust resultieren, einhergehen. Dem älteren Menschen wird nun bewusst, dass seine Leistungskraft schwindet und er macht die Erfahrung, plötzlich nicht mehr dazuzugehören. Dieses Selbstverständnis geht mit der historischen Sichtweise einher, dass mit allmählichem Alter auch der Geschlechtstrieb verkümmert (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.214). Nach Freuds triebtheoretischen Vorstellungen kann jedoch auch eine andere Sichtweise ins Blickfeld genommen werden. Demnach ist Sexualität nur scheinbar ein Instinkt, aber eine lebenslange Lebensenergie. Somit haben „auch im hohen Greisenalter (…) Menschen grundsätzlich die gleichen sexuellen Bedürfnisse wie junge Erwachsene – allerdings auch die gleichen Verzerrungen und Komplexe.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.215). Alter löst also diese Komplexe nicht. Auch bei pflegebedürftigen Menschen können Probleme wegen ihrer sexuellen Empfindungen und des daraus resultierenden Verhaltens auftreten (vgl. Willig u.a. 1996, S.163).

Die zugeschriebene Altersgeschlechtslosigkeit stellt maximal ein Alibi dar, um sich mit den entstehenden Lebensproblemen nicht mehr auseinandersetzen zu müssen, so dass die verordnete Keuschheit nur schneller übernommen wird (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.215).

4. Forschungsergebnisse über Alter und Sexualität

Es ist unstrittig, dass sich Menschen mit zunehmendem Alter weniger sexuell betätigen. Dass das scheinbare Naturgesetz der Asexualität im Alter aber biologisch determiniert ist, scheint unglaubwürdig, wenn man sich biologische Forschungen betrachtet.

Das beschriebene Defizitmodell der sexuellen Entwicklung wird besonders von Aussagen untermauert, dass zwischen 45 und 55 Jahren die Fortpflanzungsfähigkeit erlischt und Sexualität ihre Funktion verliert. Sexualität erscheint in dieser Betrachtungsweise ähnlich wie Intelligenz als Leistung, die sich in den ersten 20 Lebensjahren zu ihrer vollen Funktionstüchtigkeit entfaltet, in den folgenden 20-25 Jahren dem Menschen zum Zweck der Reproduktion zur Verfügung steht und dann wieder verkümmert. Damit wird alten Menschen eine gesellschaftliche Funktion abgesprochen und unterstellt, dass entsprechende Fähigkeiten und Bedürfnisse gleichsam verloren gehen (vgl. Hirsch 2001, S.135). Wegen des demografischen Wandels innerhalb der Gesellschaft und der zunehmenden Zahl alter Menschen, die leistungsfähig und gesund sind, wird dieses Modell allerdings zunehmend fragwürdiger (vgl. Hirsch 2001, S.135). Das weibliche Klimakterium, das sich zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr einstellt, hat zur Folge, dass die Eierstöcke ihre Tätigkeit einstellen, die Produktion von Sexualhormonen verringert wird und diese körperliche Umstellung zum Teil mit Hitzewallungen und erhöhter Nervosität einhergeht. Sexuelle Abläufe verlangsamen sich daher in einem gewissen Maß. Die Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit bleibt allerdings meist bis ins hohe Alter nahezu unbeeinträchtigt (vgl. Sydow, 1992, S.17). Bei Männern werden sexuelle Reaktionen stärker verändert als es bei Frauen der Fall ist. Sexuelle Erregungsfähigkeit bleibt ebenfalls erhalten, ist aber weniger stark ausgeprägt. Die so genannten Erregungs- und Plateauphasen brauchen länger und auch die Refraktär- (Rückbildungs-) phase wird erst nach längerer Zeit wieder erreicht (vgl. Sydow 1992, S.18). Die Fortpflanzungsfähigkeit (das Vorhandensein beweglicher Samenzellen im Ejakulat) der Männer erlischt cirka zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr, aber sexuelle Reaktionsfähigkeiten bleiben, wenn auch modifiziert, erhalten (vgl. Howe 1993, S.146) „Diese Veränderungen sind aber kein Grund, die sexuelle Betätigung einzustellen. Sie können ebenso gut als Chance gesehen werden, das Sexualleben zu kultivieren und möglicherweise mehr als bisher mit den Bedürfnissen des Partners in Einklang zu bringen.(…) Die Verlangsamung der sexuellen Reaktionsfähigkeit verschafft vielmehr Spielraum für Zärtlichkeit und Experimente und andere Formen der Beziehungsaufnahme“ (Hirsch 2001, S.136/138). Biologisch ist also der Verlust der Sexualität im Alter nicht gerechtfertigt.

Es ist denkbar, dass im Alter das Interesse an sexuellen Aktivitäten nachlässt. Untersuchen zeigen, dass die Häufigkeit sexueller Betätigung bei Männern und Frauen (Geschlechtsverkehr, Petting, Selbstbefriedigung, Homosexualität, Ejakulation im Schlaf, Sodomie – vgl. Howe 1993, S.147) nach dem 50. Lebensjahr kontinuierlich abnimmt, aber gleichzeitig der Anteil der Hochbetagten mit Interesse an sexueller Tätigkeit und tatsächlichem Geschlechtsverkehr noch 10 Prozent beträgt (vgl. Hirsch 2001, S.136). Als Gründe für das Einstellen sexueller Tätigkeiten können auf Grund von Forschungsergebnissen das Fehlen eines Partners, gesundheitliche Probleme, normative Vorstellungen darüber, was sich im Alter schickt und das Fehlen einer Intimsphäre bei Leben im Heim genannt werden (vgl. Hirsch 2001, S.136).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Mythos Asexualität im Alter - Der Umgang mit Alterssexualität, Einflüsse und Problemlagen
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena  (Studiengang Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Alter und Altern
Note
keine Benotung
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V21753
ISBN (eBook)
9783638252942
ISBN (Buch)
9783638778183
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mythos, Asexualität, Alter, Umgang, Alterssexualität, Einflüsse, Problemlagen, Altern
Arbeit zitieren
Anja Hartmann (Autor), 2004, Mythos Asexualität im Alter - Der Umgang mit Alterssexualität, Einflüsse und Problemlagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21753

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