Zur Kontroverse um das Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
68 Seiten, Note: 1- (noch sehr gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. DER VORWURF, DER AUTOR UND DIE KONTROVERSE

2. AUFBAU UND GLIEDERUNG

3. DER ROMAN, DAS STÜCK UND DER FILM

4. ANALYSE DER PUBLIZISTISCHEN KONTROVERSE
4.1 VERLAUF DER DEBATTE
4.1 .1 Erste Phase
4.1 .2 Zweite Phase
4.2 LANGFRISTIGER PROZESS
4.3 MASSENMEDIEN SIND ZUGLEICH ORGAN UND SPIEGEL DER DEBATTE
4.4 ES GIBT RÜCKKOPPLUNGEN BZW. FEED-BACK
4.5 TEILKONFLIKTE
4.5 .1 Ist das Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« antisemitisch?
4.5 .2 Gibt es linken Antisemitismus?
4.5 .3 Diskussion um Veröffentlichung und Aufführung des Stücks
4.5 .3 .1 Von welchem künstlerischen Wert ist das Stück?
4.5 .3 .2 Findet hier Zensur statt? Wird die Kunstfreiheit / Meinungsfreiheit eingeschränkt?
4.5 .3 .3 Ist Hilsdorfs Inszenierung gut oder schlecht?
4.5 .3 .4 Gehen von der Veröffentlichung bzw. Aufführung Gefahren aus?
4.5 .4 Das deutsch-jüdische Verhältnis vierzig Jahre nach Auschwitz
4.6 WERTKONFLIKT
4.7 FUNKTIONEN DER PUBLIZISTISCHEN KONTROVERSE
4.7.1 Kognitive Funktion
4.7.2 Individuelle Funktion
4.7.3 Soziale Funktion
4.7.3.1 Reduktionsleistung
4.7.3.1.1 Personalisierungen
4.7.3.1.1.1 Rühle
4.7.3.1.1.2 Fest
4.7.3.1.2 Reduktion des Wertkonfliktes
4.7.3.2 Konsensvorbereitung

5. SCHLUSS

6. LITERATURVERZEICHNIS:

1. DER VORWURF, DER AUTOR UND DIE KONTROVERSE

Der Vorwurf des Antisemitismus ist in Deutschland, fast 60 Jahre nach dem Ende der Nazi-herrschaft ein — wenn man so will — Totschlagargument. Geeignet, das Ansehen der be-troffenen Person nachhaltig oder endgültig zu beschädigen. Das spricht für eine hohe Sensibi-lität gegenüber antisemitischen Tendenzen bei gleichzeitigem Geschichtsbewusstsein. Als Bei-spiele aus der jüngsten Zeit seien nur die Kontroverse um den Roman »Tod eines Kritikers« von Martin Walser und um die Debatte um den FDP-Politiker Möllemann wegen dessen

Wahlkampfflugblatt und seiner Äußerungen über Michel Friedman genannt.

Der Vorwurf des Antisemitismus spielte auch in der hier zu erörternden Kontroverse um das Fassbinder-Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« in den Jahren 1976 und 1985 eine ent-scheidende Rolle. Das Stück ist bis heute in Deutschland nicht aufgeführt worden. Pikanter-weise herrschte aber kein Konsens darüber, ob das Stück überhaupt antisemitisch sei oder nicht,1 ja der Vorwurf wurde von Rainer Werner Fassbinder selbst sogar zurückgewiesen mit der Feststellung, es handle sich im Gegenteil um ein antifaschistisches Stück, das den latenten Antisemitismus innerhalb der deutschen Gesellschaft der siebziger Jahre thematisiere.2

Im Folgenden soll erörtert werden, unter welchen Bedingungen der Vorwurf des Antisemitismus gegen Fassbinders Stück vorgetragen wurde, wie damit in der Kontroverse umgegangen wurde und welche anderen Gesichtspunkte in der Debatte verhandelt wurden, ob vielleicht sogar in Versatzstücken um andere Positionen gestritten wurde.

Der Ausgang der Kontroverse ist bekannt: Bis heute ist »Der Müll, die Stadt und der Tod« in Deutschland nicht uraufgeführt worden.3 Es ist lediglich in Buchform erhältlich, verlegt beim Verlag der Autoren, nicht in der Edition Suhrkamp, die bis dahin die Stücke Fassbinders her-ausgebracht hatte. Damit entspricht der Status Quo, der wohl ohne weiteres als Ausgang der Debatte angesehen werden kann, ziemlich genau der Idee Joachim Kaisers, der - offensicht- lich weitblickend - 1976 fordert, man solle »dieses Lese-Drama eines bedeutenden, wenn auch in jeder Weise unzuverlässigen deutschen Autors zum Lesen freigeben, ausliefern. Aber Aufführungen einstweilen untersagen.«4

2. AUFBAU UND GLIEDERUNG

Gemäß den Kriterien die Kepplinger et al. für einen publizistischen Konflikt aufgestellt haben5 soll die Kontroverse um »Der Müll, die Stadt und der Tod« entlang dieser Kriterien dargestellt und analysiert werden.

Angelehnt an jenen Kriterienkatalog sollen folgende Punkte erörtert werden:

1. Verlauf der Kontroverse
i. Beginn, Höhepunkt und Abklingen der Debatte sind erkennbar
ii.es handelt sich dabei um einen langfristigen Prozess
2. die Kontroverse findet in den Massenmedien statt
3.Massenmedien sind zugleich Organ und Spiegel der Debatte
4.es gibt Rückkopplungen bzw. »Feed-back«
5. sie besteht aus mehreren Teilkonflikten
6.es handelt sich um einen Wertkonflikt
7. die Debatte erfüllt verschiedene Funktionen:
i. kognitive
ii. soziale
iii. individuelle

Durch die Reihenfolge kann darauf verzichtet werden zuvor einen chronologischen Abriss der einzelnen Ereignisse zu geben, da diese in der Untersuchung des Verlaufs der Debatte darge-stellt werden können. Dies erscheint schon deshalb sinnvoll, als die Kontroverse in weiten Teilen ein Austausch von Argumenten ist, die dann zu diesem oder jenen Entscheidungen der Beteiligten führten, weil die Debatte kaum durch äußere Ereignisse beeinflusst ist.6 Zuvor soll dennoch eine notwendige Klärung bezüglich des Gegenstandes der Debatte erfol-gen.

Schließlich soll auch gefragt werden, ob die Debatte ein Ende gefunden hat, und ob es sich dabei um einen Konsens handelt.

Die Analyse der Struktur der publizistischen Kontroverse enthält eine inhaltliche Darstellung der Linien des Streits anhand der einzelnen Teilkonflikte. Diese Arbeit versucht dabei, die Debatte zu dokumentieren. Dabei sollen die Hauptlinien freigelegt und nachvollzogen werden. Diese Darstellung orientiert sich dabei an inhaltlichen Zusammenhängen.

3. DER ROMAN, DAS STÜCK UND DER FILM

Die Entstehung des Stückes, sowie die Theaterpläne und Filmpläne Fassbinders haben innerhalb der Debatte immer wieder Missverständnisse erzeugt. Deshalb seien die Entstehung und die Bearbeitungen hier kurz dargestellt.

1973 war der Roman »Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond« von Gerhard Zwerenz er-schienen. Diesen Roman wollte Fassbinder verfilmen und schrieb 1975 ein Drehbuch dafür. Außerdem verfasste RWF vom Roman inspiriert ebenfalls 1975 das Theaterstück »Der Müll, die Stadt und der Tod«, um es am Ende seiner Intendanz am Frankfurter Theater am Turm herauszubringen.7 Die Inszenierung kam jedoch nicht mehr zustande.8 Dennoch sollte das Stück in Buchform bei Suhrkamp herausgebracht werden, wie auch die anderen Stücke Fassbinders zuvor. Jedoch wurde auf den Druck der Presse hin das Buch, das noch zwei weitere Stücke enthielt, kurze Zeit nach Erscheinen wieder vom Markt genommen.9 1976 wurde »Der Müll, die Stadt und der Tod« von dem Schweizer Filmemacher Daniel Schmid unter dem Titel »Schatten der Engel« verfilmt. Darin spielte Fassbinder die Rolle des Franz B.10

Dieser Film hatte jedoch nichts zu tun mit der ursprünglichen Absicht Fassbinders, den Zwerenz-Roman zu verfilmen. Dieser Film sollte den Titel des Romans tragen.

»[...] dann hat Fassbinder 1975, damals Chef des Frankfurter Theaters am Turm (TAT), nur deshalb aus dem Drehbuch ein Drama gemacht, weil eine TAT-Gruppe mit einem Frankfurt-Stück nicht zu Rande kam.«11

»Eben diesem Drehbuch aber hat die Projektkommission der Filmförde rungsanstalt die für seine Realisierung beantragten 600.000 Mark verweigert — unter anderem mit der Begründung, dass möglicherweise antisemitische Vorurteile bestätigt oder neu gefördert werden könnten: eine Unterstellung, die sich schwerlich auf die aufmerksame Lektüre des Textes stützen kann.«12

Eine solche Verfilmung kam deshalb nie zustande.

RWF stirbt 1982 an den Folgen übermäßigen Tabletten- und Drogenkonsums. Testamentarisch hatte er verfügt, dass »Der Müll, die Stadt und der Tod« ausschließlich in Frankfurt oder New York uraufgeführt werden dürfe.

Die Kontroverse hat das Theaterstück zum Gegenstand, sowie dessen versuchte Inszenierungen. Hin und wieder wird auch auf den Film »Schatten der Engel« Bezug genommen.

4. ANALYSE DER PUBLIZISTISCHEN KONTROVERSE

4.1 Verlauf der Debatte

Die Debatte zerfällt im Wesentlichen in zwei Teile. Die erste Phase der Debatte ist im Jahr 1976 anzusiedeln, dem Jahr der Veröffentlichung von »Der Müll, die Stadt und der Tod« anzusiedeln. Die zweite Phase im Jahr 1985, dem Jahr der, am Frankfurter Schauspiel unter der Intendanz von Günther Rühle angesetzten, Uraufführung des Stückes.

Der zweiten Phase kommt schon allein auf Grund des Umfangs der Berichterstattung und öf-fentlichen Aufmerksamkeit das größere Gewicht zu. Allerdings handelte es sich bei Rühles (bzw. Hilsdorfs) Inszenierung nicht um den ersten Versuch einer Uraufführung des Stückes.13

4.1 .1 Erste Phase

Die Debatte um das Stück nimmt im Wesentlichen ihren Lauf mit dem Artikel »Reicher Jude von links« von Joachim Fest in der FAZ.14 Zwar war bereits in der FR etwas über das Stück zu lesen,15 jedoch war dieser Artikel weit weniger kontrovers als jener Fests. Die Brisanz des Artikels von Joachim Fest besteht im Wesentlichen in der Verbindung zweier Begriffe: antise-mitisch und links.

Der Beginn der Debatte könnte auch weiter vor verlagert werden, denn schließlich beruht »Der Müll, die Stadt und der Tod« auf dem Roman »Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond« von Gerhard Zwerenz, bei dessen Erscheinen ebenfalls, wenn auch in weit geringe-rem Umfang, das Problem eines möglichen Antisemitismus diskutiert worden war.16 Aufgrund des Verlaufs den die Debatte schließlich nahm, und in deren Zusammenhang auch immer wie-der die Frage aufkommt, ob es denn überhaupt das Stück sei, über das diskutiert würde,17 erschiene diese Vorgehensweise auch gerechtfertigt. Andererseits ist aber der Mittelpunkt der Debatte und deren Auslöser das weniger differenzierte Stück18 und eben nicht der Roman. Zudem soll hier ein autonomes Kunstwerk nicht mit einem anderen Kunstwerk vermengt werden, zumal beide ganz offenbar sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.

In die erste Phase fallen sowohl die kurz nach Beginn der Auslieferung wieder zurückgezogene Veröffentlichung des Stücks in der Edition Suhrkamp als auch die Teilnahme Daniel Schmids an den Filmfestspielen in Cannes mit seiner Verfilmung des Stücks.

4.1 .2 Zweite Phase

Die zweite Phase der Debatte ist im Jahr 1985 anzusiedeln. In diesem Jahr wollte Günther Rühle, der seit kurzem die Intendanz des Schauspiels Frankfurt innehatte, das Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« in Frankfurt durch Dietrich Hilsdorf an den Kammerspielen in-szenieren lassen. Dies war der achte Versuch eines Theaters dieses Stück auf die Bühne zu bringen:19

»1975 hatte Fassbinder es geschrieben. Damals war er Leiter des ›Theaters am Turm›. Die Aufführung scheiterte an den Mitbestimmungsstreitigkeiten im Ensemble. Es scheiterten zwei weitere Versuche am Städtischen Schauspiel unter der Intendanz von Peter Palitzsch. Es scheiterte ein vierter Versuch von Palitzsch selber. Es scheiterten Wilfried Minks und Johannes Schaaf, es scheiterte Adolf Dresen, und im vergangenen Jahr scheiterte Ulrich Schwab, der Chef der Alten Oper, und wurde gekündigt.«20

»Nach Fassbinders Tod21 versuchte es der ehemalige Schauspieldirektor Adolf Dresen zweimal vergeblich im Alleingang, die Fassbindersche Forde-rung [das Stück in Frankfurt uraufzuführen, H. I.] einzulösen. Jedes Mal schreckte er vor dem Druck der jüdischen Gemeinde zurück. Ein drittes Mal versuchte Dresen es im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Alten Oper. Die Drecksarbeit hierbei nahm ihm deren Chef, Ulrich Schwab, ab. Der be-gehrte das Müll-Stück eingebettet in die Frankfurt Feste ’84 zu präsentieren — koste es was es wolle. Es kostete Schwab den Kopf.«22

Zu untersuchen wird sein, warum sich die Debatte insbesondere an diesem Inszenierungsver-such in ihrem vollen Ausmaß entfachte und nicht bereits an den vorherigen Versuchen. Fest-zuhalten ist an dieser Stelle jedoch bereits, dass kein anderer Inszenierungsversuch es über haupt so weit brachte wie dieser von Rühle, der erst am Premierenabend durch Bühnenbesetzer gestoppt wurde. Mit einem Transparent »Subventionierter Antisemitismus« stand auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurts Ignatz Bubis auf der Bühne.

4.2 Langfristiger Prozess

Die Debatte dauerte insgesamt etwa zehn Jahre an. Zwar ist zu beachten, dass sie nicht durchgängig in gleichem Maße öffentlich präsent ist, aber da es diverse Versuche gab, das Stück auf einer deutschen Bühne uraufzuführen, die jedes Mal am Druck von außen scheiterten, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei der Kontroverse um einen langfristigen Prozess handelt. Dafür spricht auch, dass zehn Jahre nach dem Entstehen des Stückes und neun Jahre nach Beginn der Debatte das Thema um das sie kreist offenbar noch der öffentlichen Auseinandersetzung bedarf, es also noch unausgesprochene Argumente und Positionen gab. Diese werden insbesondere in der zweiten Phase der Debatte offen gelegt, in der mehrere der Beteiligten immer wieder versuchen, den eigentlichen Kern der Debatte zu benennen, der ihrer Meinung nach nicht in dem Stück selbst liegt.23

4.3 Massenmedien sind zugleich Organ und Spiegel der Debatte

Entsprechend den in der Debatte immer wieder auftauchenden Versuchen von Zuordnungen der Befürworter und Gegner des Theaterstücks in das linke bzw. das rechte politische Lager lassen sich zum Teil diese Grenzziehungen auch anhand der Beteiligten Publikationsorgane nachvollziehen.

In einem Kommentar aus der Frankfurter Rundschau ist dieser Sachverhalt anschaulich be-nannt:

»Die Frage, wo außer in dieser Zeitung [der Frankfurter Rundschau, H. I.], in der ›Zeit‹ und in ›Theater heute‹ für öffentliche Aufführungen des Stücks plädiert werden darf kann ich mir nicht verkneifen. Die Fassbinder-Affäre hat auch die Grenzen der inneren Pressefreiheit in vielen Blättern deutlich gemacht.«24

Ähnlich äußert sich diesbezüglich auch Henrichs in der »Zeit«:

»Dieses Stück, das wissen wir mittlerweile ist ›ohne jeden literarischen

Wert‹, ›halb schwachsinnig‹, ›eins von Fassbinders aufregendsten, verstörendsten Stücken‹. Sagen FAZ, Welt und SZ.«25

Eindeutig gegen das Stück, sowohl in Buchform als auch in einer Theateraufführung positioniert sich von Beginn an die FAZ. Diese ist dem dem konservativen, also dem rechten Lager zuzuordnen.26 Ebenso positioniert sich die Welt gegen das Stück und wohl auch gegen Fassbinder. Die Ursachen hierfür liegen wohl nicht allein in der politischen Ausrichtung des Blattes, sondern ebenso darin, dass Fassbinder hier zu den Linken gezählt wird, deren erklärtes Feindbild wiederum seit den 68-ern die Springer-Presse war. Zudem gehört es zu den (für alle Redakteure bindenden) Verlagsprinzipien, sich für die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen einzusetzen.27 Eine Befürwortung des gerade auch von den Juden abgelehnten Theaterstückes wäre damit wohl kaum vereinbar.

Darüber hinaus wird das Stück auch in jüdischen bzw. dem Judentum nahe stehenden Periodika abgelehnt, wie der »Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung« oder der »Tribüne — Zeitschrift für das Verständnis des Judentums«.

Die Süddeutsche Zeitung ist weniger eindeutig positioniert. Hier wird sowohl auf die Freiheit der Kunst verwiesen, als auch auf die Probleme, die sich möglicherweise durch eine Aufführung ergeben. Joachim Kaisers salomonische Forderung, das Stück zu veröffentlichen, aber nicht aufzuführen28 ist hierfür symptomatisch.

Das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« ist ebenfalls eher den Gegnern des Stückes zuzuord-nen. Allerdings wird hier eher auf die möglicherweise negativen Wirkungen des Stücks ver-wiesen um diese Haltung zu begründen, weder Fassbinder noch sein Text werden hier als an-tisemitisch verteufelt.

Dagegen bezieht »Die Zeit« ganz eindeutig keine Position, sondern bietet ganz entsprechend ihrem Selbstverständnis ein Forum auch für konträre Meinungen, die hier nicht nur referiert, sondern vertreten werden. Beispielhaft hierfür ist die Ausgabe vom 08.11.1985, in der Ma rion Gräfin Dönhoff sich gegen die Aufführung wendet, Theo Sommer dagegen die Freiheit der Kunst einfordert. Die Meinungsvielfalt geschieht aber nicht im Stile einfacher »Pro & Contra-Artikel«, wie sie heute in vielen Tageszeitungen immer wieder auftauchen, sondern zieht sich als Linie durch die Berichterstattung der »Zeit«, wo immer wieder ganz gegensätzliche Meinungen vertreten werden.29

Die Frankfurter Rundschau weist zwar schon zu Beginn der Debatte auf mögliche Missverständnisse des Textes hin30, bezieht aber in Folge der ihrer Ansicht nach unhaltbaren Vorwürfe gegen den Text und seinen Autor eine beide verteidigende Haltung.31 Aufgrund des Gegenstandes des Streits kommt darüber hinaus auch der special interest Zeitschrift »Theater heute« höhere Beachtung als sonst zu, die sich ebenfalls für Fassbinder, das Stück und die Aufführung einsetzt.

Daneben werden RWF und sein Text in einigen eindeutig dem linken Spektrum zuzuordnenden Publikationen wie »konkret«, »links« oder »das da« verteidigt.

Spiegel der Debatte sind die beteiligten Medien in dem Maße, in dem sie über den jeweiligen bisherigen Verlauf der Debatte informieren und auch andere Meinungen als die eigenen referieren. Ein Indikator hierfür können Rückkopplungen bzw. Feed-back sein. Denn um auf eine im Verlauf der Debatte geäußerte Meinung zu antworten gehört es in dem meisten seriösen Medien, diese Meinung zu benennen und häufig auch kurz zu zitieren.

4.4 Es gibt Rückkopplungen bzw. Feed-back

Aufschluss über das Ausmaß an Rückkopplungen kann eine entsprechende quantitative Inhaltsanalyse geben, die im Rahmen dieser Arbeit allerdings nicht geleistet werden kann. Damit könnte nicht nur auf das Vorliegen von Rückkopplungen geschlossen werden, sondern auch deutlich gemacht werden, auf welche im Prozess der Auseinandersetzung gemachten Äußerungen am häufigsten und in welcher Intensität (quantitativ) reagiert wird. So könnte beispielsweise untersucht werden, in welchem Maße auf den häufig als Auslöser der Debatte identifizierten Artikel von Joachim Fest eingegangen wird.

Das Vorliegen von Rückkopplungen kann hier jedoch grundsätzlich zweifelsfrei angenommen werden. Als Beispiel soll hier die Tatsache dienen, dass Joachim Fest am 10. April 1976 unter dem Titel »Linke Schwierigkeiten mit ›links‹« in der FAZ seine Äußerungen aus seinem ersten Artikel nochmals bekräftigt und zu dabei Argumente seiner Gegner aus den bis dahin vergangenen Wochen nach seinem ersten Artikel zitiert.32

Darüber hinaus wird das Vorliegen von Rückkopplungen auch in den folgenden Betrachtungen zu den einzelnen Teilkonflikten deutlich.

4.5 Teilkonflikte

In der Kontroverse um »Der Müll, die Stadt und der Tod« wurden mehrere Fragen wiederholt aufgeworfen und unterschiedlich zu beantworten versucht. Daraus ergibt sich folgender Katalog von Kernpunkten der Debatte:33

1. Ist das Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« antisemitisch?
2. Kontroverse um »linken Antisemitismus«
3. Diskussion um Veröffentlichung und Aufführung des Stücks
i. Von welchem künstlerischen Wert ist das Stück?
ii. Gehen von der Veröffentlichung bzw. Aufführung Gefahren aus? iii. Ist Hilsdorfs Inszenierung gut oder schlecht?
iv. Findet hier Zensur statt?
4. Das deutsch-jüdische Verhältnis vierzig Jahre nach Auschwitz
i. Kann es Normalität geben?
ii. Sind die Deutschen antisemitisch?
iii. Sind die Juden in Deutschland tabuisiert?

4.5 .1 Ist das Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« antisemitisch?

Hellmuth Karasek weist auf einen, angesichts einer Theateraufführung merkwürdigen, angesichts der bestimmten Theateraufführung zu erwartenden Umstand hin, nämlich das er, als einer, der die Presseaufführung gesehen hatte

»[...] danach immer nur die eine Frage gestellt [bekam]: ›An, ist das denn nun antisemitisch?‹

Nicht die Frage ›Ist es denn gut?‹ ›Ist es denn spielenswert?‹, sondern nur ›Antisemitisch? Ja oder nein?‹«34

Diese Frage bildet wohl den Hauptpunkt der Auseinandersetzung, unabhängig davon, ob sie auch der Kernpunkt der Kontroverse ist.

Am deutlichsten äußert sich Peter Zadek in einem Leserbrief in der Zeit:

»Allerdings ist die Behauptung des Theaters [...], dass das Stück nicht antise-mitisch sei, absurd. Natürlich ist es antisemitisch, das merkt jeder, der es liest.«35

Mit dem Antisemitismus-Vorwurf beginnt jedoch 1976 Joachim Fest in der FAZ:

»Im Mittelpunkt steht, namenlos und damit zum Typus verallgemeinert, die Figur des ›reichen Juden‹ [...].

[...] Und gewiss ist es inzwischen denkbar, ein Stück mit einer jüdischen Ne-gativfigur zu schreiben. Wie es indessen hier geschieht, bleibt es nicht nur oh-ne jeden literarischen Wert, sondern ist, wie die beliebig vermehrbaren Zitate zeigen, die wir hier abdrucken, nur noch billige, von ordinären Klischees in-spirierte Hetze. Der ›reiche Jude‹ wird als Blutsauger, Spekulant, Betrüger, Mörder und zudem als geil und rachsüchtig dargestellt. [...] und auch der neue Antisemitismus nennt sich fortschrittlich.«36

Es folgen sechs Zitate aus dem Stück, dabei handelt es sich jeweils um einzelne Aussagen der zitierten Figuren. Damit soll der Antisemitismus des Stücks belegt werden. Diese unzulässige Verkürzung wurde dann auch mehrfach kritisiert.37 RWF selbst schrieb dazu, es würde:

»[...] gegen den Autor eines Stückes mit Sätzen argumentiert, die er [...] für seine Figuren erfunden hat. [...] Selbstverständlich geben diese Figuren — ich finde es eigentlich überflüssig das zu betonen — nicht die Meinung des

Autors wieder, dessen Haltung zu Minderheiten aus seinen anderen Arbeiten hinreichend bekannt sein sollte.«38

Der Vorwurf, der Stück sei antisemitisch liegt auch einer Erklärung des Berliner Jüdischen Kulturforums zugrunde:

»Wie die Nachrichtenagentur AP ergänzend meldet, will das Berliner Jüdi-sche Kulturforum, das zur Jüdischen Gemeinde der Stadt gehört, die Auffüh-rung des Fassbinder-Stücks mit einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung, Rassenhass und Beleidigung verhindern. [...] Sollte die Justiz nicht gegen das ›im tiefsten Kern antisemitische‹ Stück vorgehen, werde das Forum eine Zi-vilklage auf Unterlassung anstrengen [...]. Fassbinders Stück, über das seit 1976 immer wieder heftig diskutiert wird, vereine ›Voyeurismus mit Juden-feindlichkeit‹, heißt es in einer Erklärung des Forums [...]. Diese Mischung sei ›um so infamer, als der Antisemitismus im Spielgeschehen gerechtfertigt‹ und ›ungestraft beklatscht‹ werden dürfe. Die negative Identifikationsfigur des Stückes sei der reiche Jude, der, an Karikaturen im nationalsozialisti-schen ›Stürmer‹ erinnernd, Abscheu und Hass verdiene.«39

Marion Gräfin Dönhoff beschreibt »Der Müll, die Stadt und der Tod« als ein Stück

»[...] in dem eine der Hauptpersonen, ›der reiche Jude‹, karikiert wird. Also nicht Herr X oder Herr Y, sondern eine abstrakte Figur, ein Klischee — wie im Stürmer — ausgestattet mit allem Zubehör, das rassistische Vorurteile als Spezifikation der Juden ausgemacht haben. Der reiche Jude ist geldgierig, geil, rücksichtslos.«40

Und in einer Presseerklärung der Synagogen-Gemeinde Köln heißt es:

»40 Jahre nach Auschwitz soll auf einer deutschen Bühne ein Jude als Blutsauger, Spekulant, Betrüger, Mörder und geiler Rachsüchtiger dargestellt werden, wobei es sich nicht um einen bestimmten Juden namens Herr X, sondern um die allgemeine, mythologische Figur ›Der reiche Jude‹ handelt. Durch diese massive Ballung negativer Klischees wird der Zuschauer zu einer Identifizierung mit den antisemitischen Rollen des Stückes gezwungen. Dies allein macht bereits die perfide Methode des Stückes deutlich.«41

Holger Fuß stellt fest, dass das ganze Gegenteil der Fall sei und sich die ganze Aufregung ganz anderer brisanter Inhalte verdanke:

»[...] ›Der Müll, die Stadt und der Tod‹ ist keineswegs antisemitisch, sondern antifaschistisch und vor allem antikapitalistisch. Darin liegt seine Brisanz, sein

Ärgernis. Um jeden Preis, so scheint es, möchte man von Seiten der Stadt und der jüdischen Gemeinde eine ausführliche Diskussion über die Stadtzer-störung durch Bauspekulation, insbesondere im Frankfurter Westend, verhin-dern. Denn damit verknüpft ist eben auch, wegen der Rolle der Juden bei diesen Vorgängen, die Auseinandersetzung mit dem Philosemitismus.«42

Daneben wird immer wieder darauf verwiesen, der Antisemitismus-Verdacht verdanke sich lediglich undifferenzierter Lektüre:

»Von einem geplanten, noch dazu linken Antisemitismus bleibt nach der Lektüre des Stücks jedenfalls wenig bis gar nichts übrig.«43

Eine solche differenzierte Lesart fordert etwa Karlheinz Braun in der der Zeit.44 Er schlägt vor, das Drama zu lesen und dabei von der Realität des Theaterstückes auszugehen. Nach Brauns Interpretation steckt kein Antisemitismus mehr in dem Stück, hauptsächlich, weil er es vorwiegend auf sich selbst bezogen liest. Danach stecken die Figuren »in dem geschlossenen System der Stadt, dem des Kapitals.«45

»Der ›Müll‹, Menschen und Material, als Auswurf der ›Stadt‹, deren System zum ›Tod‹ führt. Eine einfache Metapher. Vielleicht zu einfach für den, der sie nicht verstehen will.«46

Immer wieder wird auch die Frage gestellt, ob eine negative jüdische Figur allein schon Antisemitismus bedeute. So etwa in »Theater heute«:

»Fassbinder hat hier, sehr krass, sehr grell, sehr zugespitzt, eine der gesellschaftlichen Kräfte bezeichnet, deren zerstörerischen Einfluss auf unsere Umwelt das Stück kritisiert. Er hätte die Figur auch, betrachtet man die Realität, ›Der reiche Araber‹ oder ›Der reiche Deutsche‹ nennen können. Dass er sie zu Juden macht — ist das schon Antisemitismus?«47

Peter Iden fordert:

»Man muss das nur mal lesen — ohne gleich selber die eigenen gröbsten Vorurteile in Szene zu setzen. — Das ist schon was.«48

Damit verweist er gleichzeitig darauf, dass die Vorwürfe gegen das Stück eine unverstellte Sicht darauf erschweren.

[...]


1 siehe dazu unter Punkt 4.5.1.

2 vgl. Henrichs 1976 B

3 wenngleich der »Verlag der Autoren«, der die Rechte an dem Stück besitzt, die presseöffentliche Probe im November 1985 als Uraufführung gelten lassen will; genauer dazu unter Punkt 4.1.2.

4 Kaiser 1976, S. 122; angemerkt sei jedoch, dass Kaiser dabei an eine Veröffentlichung im Suhrkamp Verlag dachte; hier liegt auch eine erstaunliche Parallele zur jüngeren Kontroverse um Martin Walsers Roman »Tod eines Kritikers«, von dem Marcel Reich-Ranicki forderte, er möge zwar erscheinen, nur eben nicht im Suhrkamp-Verlag, womit eine ähnliche Beschneidung der Möglichkeiten der öffentlichen Wahrnehmung hätte einhergehen können.

5 Kepplinger et al., S. 31f.

6 anders als etwa historische Debatten wie jene um die Stalin-Note in den 50-er Jahren, die inhaltlich wohl mehr die politischen Entscheidungen reflektierte, auf die aber jedenfalls in einer Richtung kaum Wirksamkeit bestehen konnte; oder auch die aktuellere Debatte um den Irakkrieg 2003, die sich entlang den Vorgängen in Washington, New York und Bagdad entwickelte.

7 Fassbinder, Sämtliche Stücke, S. 728 (editorische Anmerkung).

8 die Gründe dafür erscheinen vielschichtig; laut Raab (der den »reichen Juden« spielen sollte und enger Vertrauter Fassbinders zu jener Zeit) waren Fassbinder die Querelen um seine Arbeit, aufgrund derer der Frankfurter Magistrat ihn bat, das Stück nicht zu inszenieren, letztlich auch ein willkommener Anlass, die Arbeit am TAT aufzugeben, die ihm nicht die erhofften Erfolge und Wirkung gebracht hatte. (vgl. Raab, S. 240)

9 vgl. Pressemitteilung Suhrkamp in Drehbuch, S. 116.

10 im Film Raoul; mehrere Figuren haben im Film andere Namen als im Stück; nicht aber »der reiche Jude« u.a.

11 Brill 1986, S. 241.

12 Schmitz 1976, S. 28.

13 vgl. Greiner S. 17.

14 Fest 1976 A.

15 Schmitz 1976.

16 vgl. etwa Zwerenz 1976.

17 siehe unter Punkt 4.5.4.

18 vgl. Zwerenz 1986, S. 246 u. Schmitz 1976, S. 27f.

19 Greiner, S. 17.

20 Greiner, S. 17.

21 der das Stück 1976 am TAT inszenieren wollte, jedoch sowohl aufgrund interner Querelen als auch äußeren Drucks damit scheiterte; vgl. Fuß, S. 73.

22 Fuß 1985, S. 74.

23 siehe dazu unter Punkt 4.5.4.

24 kp, S. 205.

25 Henrichs 1985, S. 131; Hervorhebungen im Original.

26 Kepplinger, S. 251.

27 vgl. Internetlink 1; »Die fünf Grundsätze lauten: [...] 2. das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes [...]«

28 Kaiser, S. 122.

29 vgl. neben der erwähnten Ausgabe etwa auch jene vom 09.04.1976, in der die Debatte in fünf verschiedenen Sichtweisen nebst einer kurzen Darstellung der bisherigen Kontroverse dargestellt wird.

30 vgl. Schmitz, S. 27f.

31 vgl. etwa Schütte.

32 Rückkopplungen werden teilweise auch in den unten zitierten Ausschnitten deutlich, vgl. etwa unter Punkt 4.9.1 Personalisierungen.

33 dieser Katalog ergibt sich ausschließlich aus der Lektüre des größten Teils der Artikel zum Thema, von Bedeutung ist hierbei lediglich die Diskussion des Punktes, dies muss nicht zwangsläufig in der Mehrzahl der Artikel geschehen, grundsätzlich kann dafür auch die Erörterung in nur einem Artikel ausreichen, sofern dies an herausgehobener Position geschieht und einen Bezug zu den anderen Beiträgen der Debatte besteht; auf diese Weise kommen auch solche Fragen in Betracht, die die Hintergründe der Debatte beleuchten wollen; die Reihenfolge stellt keine Rangfolge dar.

34 Karasek 1985, S. 148.

35 Zadek, S. 65.

36 Fest 1976 A.

37 vgl. etwa Karasek 1976; Thomsen, S. 266f., der darauf hinweist, dass man, identifizierte man einen Künstler ausnahmslos mit dem, was er seine Bühnenfiguren tun und sagen lässt, Shakespeare und Dostojewski alles mögliche vorwerfen könne und Alfred Hitchcock jede nur denkbare Perversität praktizieren würde.

38 Fassbinder 1976.

39 FAZ vom 25.09.1985, in Lichtenstein, S. 69f.

40 Dönhoff, S. 115f.

41 Lichtenstein, S. 220f.

42 Fuß, S. 75.

43 Karasek 1976.

44 Braun, S. 133.

45 Braun, S. 133.

46 Braun, S. 133.

47 Iden 1976, S. 8.

48 Iden 1976, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Zur Kontroverse um das Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod"
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Zentrum für interdisziplinäre Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Publizistische Kontroversen in Deutschland nach 1945 II
Note
1- (noch sehr gut)
Autor
Jahr
2003
Seiten
68
Katalognummer
V21772
ISBN (eBook)
9783638253123
ISBN (Buch)
9783638701280
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontroverse, Fassbinder-Stück, Müll, Stadt, Publizistische, Kontroversen, Deutschland
Arbeit zitieren
M.A. Holger Ihle (Autor), 2003, Zur Kontroverse um das Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21772

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