Die Kontroverse um Rainer-Werner Fassbinders Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« in den Jahren 1976 und 1985 verhandelte nicht nur die Frage um die Freiheit der Kunst, sondern auch die Frage des Umgangs mit Juden im Deutschland der 1970er und 1980er Jahre. Das Stück ist bis heute in Deutschland nicht aufgeführt worden. In dieser Arbeit wird erörtert, unter welchen Bedingungen der Vorwurf des Antisemitismus gegen Fassbinders Stück vorgetragen und wie damit in der Kontroverse umgegangen wurde. Es wird auch der Frage nachgegangen welche anderen Gesichtspunkte verhandelt wurden und ob in Versatzstücken um ganz andere Positionen gestritten wurde. Die Hauptlinien der Debatte werden dafür herausgearbeitet und die Struktur der publizistischen Kontroverse analysiert.
Inhaltsverzeichnis
1. DER VORWURF, DER AUTOR UND DIE KONTROVERSE
2. AUFBAU UND GLIEDERUNG
3. DER ROMAN, DAS STÜCK UND DER FILM
4. ANALYSE DER PUBLIZISTISCHEN KONTROVERSE
4.1 VERLAUF DER DEBATTE
4.1.1 Erste Phase
4.1.2 Zweite Phase
4.2 LANGFRISTIGER PROZESS
4.3 MASSENMEDIEN SIND ZUGLEICH ORGAN UND SPIEGEL DER DEBATTE
4.4 ES GIBT RÜCKKOPPLUNGEN BZW. FEED-BACK
4.5 TEILKONFLIKTE
4.5.1 Ist das Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« antisemitisch?
4.5.2 Gibt es linken Antisemitismus?
4.5.3 Diskussion um Veröffentlichung und Aufführung des Stücks
4.5.3.1 Von welchem künstlerischen Wert ist das Stück?
4.5.3.2 Findet hier Zensur statt? Wird die Kunstfreiheit / Meinungsfreiheit eingeschränkt?
4.5.3.3 Ist Hilsdorfs Inszenierung gut oder schlecht?
4.5.3.4 Gehen von der Veröffentlichung bzw. Aufführung Gefahren aus?
4.5.4 Das deutsch-jüdische Verhältnis vierzig Jahre nach Auschwitz
4.6 WERTKONFLIKT
4.7 FUNKTIONEN DER PUBLIZISTISCHEN KONTROVERSE
4.7.1 Kognitive Funktion
4.7.2 Individuelle Funktion
4.7.3 Soziale Funktion
4.7.3.1 Reduktionsleistung
4.7.3.1.1 Personalisierungen
4.7.3.1.1.1 Rühle
4.7.3.1.1.2 Fest
4.7.3.1.2 Reduktion des Wertkonfliktes
4.7.3.2 Konsensvorbereitung
5. SCHLUSS
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die publizistische Kontroverse um das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder. Ziel ist es, die diskursiven Linien, ideologischen Frontstellungen und die zugrunde liegenden Wertkonflikte zu untersuchen, die eine Uraufführung des Stücks in Deutschland über ein Jahrzehnt hinweg verhinderten.
- Die Rolle des Antisemitismus-Vorwurfs in der deutschen Debattenkultur.
- Die Wechselwirkung zwischen Massenmedien, Zensurdiskursen und künstlerischer Freiheit.
- Die Auseinandersetzung mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis vierzig Jahre nach Auschwitz.
- Die Funktion der Personalisierung in der publizistischen Kontroverse.
- Die kritische Reflexion über den sogenannten „linken Antisemitismus“ und Philosemitismus.
Auszug aus dem Buch
4.5.1 Ist das Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« antisemitisch?
Hellmuth Karasek weist auf einen, angesichts einer Theateraufführung merkwürdigen, angesichts der bestimmten Theateraufführung zu erwartenden Umstand hin, nämlich das er, als einer, der die Presseaufführung gesehen hatte
»[...] danach immer nur die eine Frage gestellt [bekam]: ›An, ist das denn nun antisemitisch?‹ Nicht die Frage ›Ist es denn gut?‹ ›Ist es denn spielenswert?‹, sondern nur ›Antisemitisch? Ja oder nein?‹«
Diese Frage bildet wohl den Hauptpunkt der Auseinandersetzung, unabhängig davon, ob sie auch der Kernpunkt der Kontroverse ist.
Am deutlichsten äußert sich Peter Zadek in einem Leserbrief in der Zeit:
»Allerdings ist die Behauptung des Theaters [...], dass das Stück nicht antisemitisch sei, absurd. Natürlich ist es antisemitisch, das merkt jeder, der es liest.«
Mit dem Antisemitismus-Vorwurf beginnt jedoch 1976 Joachim Fest in der FAZ:
»Im Mittelpunkt steht, namenlos und damit zum Typus verallgemeinert, die Figur des ›reichen Juden‹ [...]. [...] Und gewiss ist es inzwischen denkbar, ein Stück mit einer jüdischen Negativfigur zu schreiben. Wie es indessen hier geschieht, bleibt es nicht nur ohne jeden literarischen Wert, sondern ist, wie die beliebig vermehrbaren Zitate zeigen, die wir hier abdrucken, nur noch billige, von ordinären Klischees inspirierte Hetze. Der ›reiche Jude‹ wird als Blutsauger, Spekulant, Betrüger, Mörder und zudem als geil und rachsüchtig dargestellt. [...] und auch der neue Antisemitismus nennt sich fortschrittlich.«
Zusammenfassung der Kapitel
1. DER VORWURF, DER AUTOR UND DIE KONTROVERSE: Einführung in die Thematik des Antisemitismus-Vorwurfs und den Status Quo des nicht uraufgeführten Stücks.
2. AUFBAU UND GLIEDERUNG: Darstellung der methodischen Vorgehensweise bei der Analyse des publizistischen Konflikts entlang spezifischer Kriterien.
3. DER ROMAN, DAS STÜCK UND DER FILM: Überblick über die Entstehungsgeschichte von Fassbinders Werk und die verschiedenen Bearbeitungsformen.
4. ANALYSE DER PUBLIZISTISCHEN KONTROVERSE: Detaillierte Untersuchung der Debattenphasen, der Medienreaktionen, Teilkonflikte und der Funktionen des publizistischen Streits.
5. SCHLUSS: Zusammenfassende Betrachtung der Emotionalisierung der Debatte und der langfristigen Bedeutung des Stücks im gesellschaftlichen Kontext.
Schlüsselwörter
Antisemitismus, Rainer Werner Fassbinder, Der Müll die Stadt und der Tod, Publizistische Kontroverse, Kunstfreiheit, Zensur, Philosemitismus, Deutscher Diskurs, Frankfurt, Massenmedien, Holocaust, Wertkonflikt, Literarische Debatte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die heftige öffentliche Debatte in Deutschland um das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, die über zehn Jahre hinweg die Aufführung verhinderte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Vorwurf des Antisemitismus, das Spannungsfeld zwischen Kunst- und Meinungsfreiheit sowie die komplexe Aufarbeitung des deutsch-jüdischen Verhältnisses nach Auschwitz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Strukturen und Argumentationslinien des publizistischen Konflikts offenzulegen und zu analysieren, warum das Stück als „gefährlich“ eingestuft wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen kriteriengeleiteten Analyseansatz für publizistische Konflikte, um den Verlauf, die Teilkonflikte und die Funktionen der Debatte systematisch zu dokumentieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die zwei Debattenphasen (1976 und 1985), die Rolle der Medien als Organ und Spiegel der Debatte sowie die individuelle Profilierung der beteiligten Akteure.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Antisemitismus, Fassbinder, Kunstfreiheit, Tabu, Philosemitismus und das deutsch-jüdische Verhältnis sind die prägenden Begriffe.
Warum konnte das Stück in Deutschland so lange nicht aufgeführt werden?
Die Aufführungen scheiterten primär am massiven öffentlichen Druck, an Protesten der jüdischen Gemeinde und an der Sorge vor einer Instrumentalisierung des Stücks für antisemitische Tendenzen.
Welche Bedeutung spielt die Personalisierung in der Debatte?
Personalisierungen, etwa an den Akteuren Joachim Fest und Günther Rühle, dienten dazu, die komplexe politische und moralische Kontroverse auf handelnde Subjekte zu reduzieren und dadurch die Komplexität des Wertkonflikts zu verringern.
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- M.A. Holger Ihle (Author), 2003, Zur Kontroverse um das Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21772