Schon beim ersten Lesen von Jesaja 50, 4-9 werde ich in die starke Bewegung des
Textes hineingezogen. Es ist ein Auf und Ab der Gefühle und Gedanken. Ein nicht
enger zu denkendes Gottesverhältnis - jeden Morgen weckt er mir das Ohr! - wechselt
ab mit der Schilderung von Geschmähtsein und großem Leiden, um dann doch wieder,
trotz diesen Leidens, dieser Anfeindungen, zu der Enge und nicht zu zerstörenden
Sicherheit der Gottesbeziehung zurückzukehren. Bei dieser Dynamik des Textes
bleibt aber eines beständig - das ist das tiefe Vertrauen des Sprechers zu Gott.
Die beiden Pole - Niedrigkeit auf der einen und Hoheit auf der anderen Seite - tiefstes
Leiden und höchste Nähe und unerschütterliche Zuversicht auf Gottes Hilfe - machen
mich nachdenklich, sie verwundern mich, geben Hoffnung. Woher nimmt die Person
die Kraft zu diesem festen Vertrauen auf Gott trotz der Schläge, der Schande und der
Schmerzen? Woher diese absolute Sicherheit - ich werde nicht zuschanden? Woher
die absolute Sicherheit, dass Gott auf ihrer Seite steht?
Auch andere Fragen tauchen auf: Wer ist dieses Ich? Wer spricht hier so völlig
überzeugt von seiner unzertrennlichen Beziehung zu Gott? Wer sind die Müden, die
die Person trösten soll? Wann ist die rechte Zeit, zu der die Müden Hilfe, Worte
brauchen? Und: weshalb leidet diese Person? Unter wem leidet sie? Kein Wort wird
darüber gesagt.
Mich erstaunt die Sicherheit und Souveränität, die diese Person ausstrahlt. Souverän
erträgt sie das ihr zugefügte Leiden, ja, fast geht sie ihm aktiv entgegen. Aber ebenso
souverän stellt sie sich über das Leiden - sie weiß, dass sie nicht zuschanden werden
wird, weil Gott auf ihrer Seite steht. Souverän, beinahe schon zu selbstbewusst, zu
arrogant, ruft sie ihre Gegner vor Gericht. Sie ist sich sicher, dass das Recht auf ihrer
Seite ist. Vielleicht ist es keine Arroganz, sondern ein großes „Trotzdem ist Gott auf
meiner Seite!“, ein „Trotzdem“ gegen das ungerechte Leiden, dem die Person
ausgesetzt ist, ein „Trotzdem“, welches auch hart macht, als letzter Ausweg, um die
Anfeindungen ertragen zu können. Verhärtung heißt aber auch, die Möglichkeit zur
Kommunikation, zum Dialog mit seinen Gegnern zu verlieren. Menschen zeigen keine
Gefühle, erscheinen gleichgültig, können nicht mehr auf andere eingehen, sind nicht
mehr sensibel für deren Probleme und Sorgen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Der Predigtmontag - Erste Begegnung
2. Der Predigtdienstag - Text und HörerInnen
3. Der Predigtmittwoch - Exegese
4. Der Predigtdonnerstag - Theologie
5. Der Predigtfreitag - Meditation
6. Der Predigtsamstag - Schreiben und Gestalten
7. Der Predigtsonntag - Predigt
8. Der Montag danach - Kritische Reflexion
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit einer strukturierten Vorbereitung einer Predigt zu Jesaja 50, 4-9 im Rahmen eines Gemeindepraktikums. Ziel ist es, die Exegese und theologische Durchdringung des Textes mit den konkreten Lebenswirklichkeiten der HörerInnen zu verbinden, um ihnen angesichts von Leid und Resignation einen Zuspruch der Hoffnung zu vermitteln.
- Strukturelle Analyse und Exegese des dritten Gottesknechtsliedes.
- Hermeneutische Auseinandersetzung mit der Christologie und der individuellen Deutung des Leidens.
- Reflexion über die Rolle der Predigt in einer diakonischen Einrichtung unter Berücksichtigung spezifischer Hörerbiografien (ehem. DDR).
- Die Herausforderung, in einer Situation von Resignation und Anfechtung ein „rechen Wort zur rechten Zeit“ zu finden.
- Kritische Selbstreflexion des Predigthandeln und der Vorbereitungsmethode einer „Predigtwoche“.
Auszug aus dem Buch
Die Folgen des Wortes an Israel - das Leiden des Propheten
Es scheint - ein Wort zur rechten Zeit, in einer trostlosen Lage, dann, wenn es besonders dringend benötigt wird. Aber doch ein wahrhaft paradoxes Wort, welches dieser Prophet dort im Namen Gottes verkündigt. Es widerspricht allen Erfahrungen, die Israel Tag für Tag machen muss. Es erscheint unsinnig angesichts der Situation Israels in Babylon.
Und so ist es vielleicht auch verständlich, dass die Botschaft des Propheten, des Knechtes Gottes heftigsten Widerstand hervorruft. Der Prophet wird schlimmsten Beleidigungen ausgesetzt. Er wird angespuckt, auf den Rücken, ins Gesicht geschlagen. Wir wissen nicht, unter wem er zu leiden hatte. Es mag sein, dass es die Menschen selbst waren, für die die Botschaft bestimmt war. Sie mögen es als eine Provokation empfunden haben, von Hoffnung und Recht zu sprechen in ihrer verzweifelten Lage. Sie konnten ihm nicht glauben. Oder es waren die Machthaber, die die Gefahr der befreienden Rede des Propheten erkannt haben. Deshalb soll er mit allen Mitteln zum Schweigen gebracht werden.
Es war gefährlich für den Propheten, das richtige Wort zur rechten Zeit zu sagen. Er musste Schmach und Folter ertragen, als Folgen seines helfenden Tuns.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Predigtmontag - Erste Begegnung: Der Autor beschreibt seine ersten emotionalen Eindrücke von Jesaja 50, 4-9 und die Spannung zwischen Leiden und Gottvertrauen.
2. Der Predigtdienstag - Text und HörerInnen: Analyse des spezifischen Kontextes in einem Altenheim und der unterschiedlichen Lebensgeschichten der HörerInnen.
3. Der Predigtmittwoch - Exegese: Wissenschaftliche Untersuchung der Textstruktur, der Formbestimmung und der theologischen Einordnung als Gottesknechtslied.
4. Der Predigtdonnerstag - Theologie: Reflexion über die hermeneutischen Fragen des Leidens, die christologische Auslegung und die Frage nach der individuellen oder kollektiven Deutung.
5. Der Predigtfreitag - Meditation: Persönliche Auseinandersetzung des Autors mit der eigenen Müdigkeit, dem Warten auf Worte und der Suche nach Kraft.
6. Der Predigtsamstag - Schreiben und Gestalten: Zusammenführung der Ergebnisse zur Gliederung der Predigt, basierend auf dem Kernauftrag, den Müden ein Wort zur rechten Zeit zu sagen.
7. Der Predigtsonntag - Predigt: Wortlaut der gehaltenen Predigt, die den Bogen von der biblischen Botschaft in die Lebenswelt der HörerInnen spannt.
8. Der Montag danach - Kritische Reflexion: Nachbereitung des Gottesdienstes und Reflexion über den eigenen Lernprozess sowie die Methode der Predigtwoche.
Schlüsselwörter
Jesaja 50, 4-9, Gottesknechtslied, Predigtvorbereitung, Gemeindepraktikum, Deuterojesaja, Leiden, Gottesvertrauen, Trost, Wort zur rechten Zeit, Resignation, Befreiung, Christologie, Exegese, Verkündigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit dokumentiert den Prozess der Vorbereitung und Durchführung einer Predigt zu Jesaja 50, 4-9 im Rahmen eines Gemeindepraktikums, unter Anwendung der Methode einer „Predigtwoche“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die exegetische Analyse, theologische Reflexion über Leid und Zuspruch sowie die Anwendung biblischer Texte auf konkrete, biographisch geprägte Lebenssituationen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den biblischen Zuspruch des Gottesknechtes – „Du wirst nicht zuschanden“ – für Hörer in einer diakonischen Einrichtung (Altenheim) erfahrbar und relevant zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die exegetisch-hermeneutische Arbeit nach wissenschaftlichen Standards, ergänzt durch das Modell der „Predigtwoche“, das die tägliche, schrittweise Auseinandersetzung mit Text, Kontext und eigener Person vorsieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine exegetische Analyse, eine theologische Erörterung zur Rolle des Gottesknechts sowie eine persönliche Meditation, die in der eigentlichen Predigt und deren Reflexion mündet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Jesaja 50, Gottesknecht, Trost, Leidensbewältigung, biblische Hermeneutik und christliche Lebenszeugenschaft in belastenden Lebenssituationen.
Wie geht der Autor mit der spezifischen Hörerschaft um?
Er bezieht die lebensgeschichtlichen Erfahrungen der Heimbewohner – insbesondere deren Prägung durch das Leben in der ehemaligen DDR und Erfahrungen von Unterdrückung – bewusst in die Predigt ein.
Warum ist das "reche Wort zur rechten Zeit" so wichtig?
Das „rechte Wort“ fungiert als therapeutisches und geistliches Werkzeug, das Menschen in einer Situation von Hoffnungslosigkeit aus der Resignation heraus aufrichten und die Nähe Gottes bezeugen soll.
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- Winfried Kändler (Autor), 2000, Predigtarbeit zu Jesaja 50, 4-9, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21844