Parasoziale Interaktion mit Fernsehpersonen am Beispiel von Soap Operas


Hausarbeit, 1999

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Was bietet die Serienwelt?
2.1) Rollenidentifikation und Alltagsflucht
2.2) Die Soap Opera als Problemlöser und Phantasiewelt

3) Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen
3.1) Parasoziale Beziehungen vs. orthosoziale Beziehungen
3.2) Soziale Wirklichkeit vs. fiktionale Wirklichkeit

4) Warum Soap und nicht anders?

5) Fazit

6) Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es kommt schon mal vor, daß Leute anrufen, wenn bei uns in der Serie eine Wohnung frei wird, weil sie dort einziehen möchten.“ (Zitat von Laurent Daniel aus der Soap Opera „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ vom 22. Februar 1999 bei „Hans Meiser“ auf RTL)

Das Fernsehen allgemein hat in unserer Wirklichkeitsgestaltung einen sehr hohen Stellenwert erlangt und besitzt zunehmend gesellschaftliche Bedeutung (vgl. Mikos 1994: 17). In diesem Zusammenhang wurde kritisiert, daß es sich nicht mehr nur auf die Abbildung der sozialen Wirklichkeit beschränkt, sondern sie immer mehr beeinflußt, mitgestaltet und bestimmt (vgl. Bleicher 1998: 165). Die geteilte Wirklichkeit wird nur noch aus der Unterhaltung deutlich. Fernsehen spielt dabei eine große Rolle, weil es semiotisches Material für Wirklichkeitsunterhaltungen darstellt. (Vgl. Hepp 1996: 83). Viele Botschaften aus dem Fernsehen werden unbesehen als wahrheitsgemäß akzeptiert, und die soziale Wirklichkeit wird zunehmend durch mediale Codes vermittelt[1] (vgl. Hepp 1996: 75).

Dazu muß hinzugefügt werden, daß vor allem die Unterhaltungsbranche konstanten Zuwachs aufweisen kann. So geht der Prozentsatz der informationsorientierten Nutzer zurück, während der der unterhaltungsorientierten Nutzer seit den letzten zehn Jahren deutlich steigt (vgl. Vorderer: 689f). Dies erklärt vielleicht auch einen Teil des Entstehens des momentan existierenden „Soap-Booms“. Dabei ist hinzuzufügen, daß sich die Zuschauerzahl nicht auf „ungebildete Jugendliche“ beschränkt, sondern daß die Soap bereits in den achziger Jahren einen enormen Zuwachs an Zuschauern gefunden hat - ungeachtet deren Beruf, Alter, Bildungsstand, Einkommen, Geschlecht oder gesellschaftlicher Schicht.[2] (Vgl. Carveth/ Alexander 1985: 259).

Wo für Baudrillard das Fernsehen „die Gewissheit (ist), daß die Menschen nicht mehr miteinander reden, daß sie angesichts einer Rede ohne Antwort entgültig isoliert sind“, widersprechen die Mediennutzer bereits unbewußt durch ihr Verhalten . Sie leben in Interaktionszusammenhängen, die den Umgang mit Menschen bedingen, aber auch alltägliche Wirklichkeit konstruieren, die als real angesehen wird. ( Vgl. Hepp 1996: 75).

Nun wäre es wahrscheinlich etwas provokant zu behaupten, daß Rezipienten von Soap Operas diese als vollkommen wirklichkeitsgetreu und real ansehen. Dennoch kann man feststellen, daß solche und ähnliche fiktive Welten, durchaus in den Lebenskontext der realen Welt eingebaut werden. So wird das Verhältnis zwischen Alltag und Fernsehwelt beschrieben, als ein Verhältnis der direkten Einflußnahme (vgl. Hepp 1996: 97).

In dieser Arbeit soll unter anderem darauf eingegangen werden, wie stark die Differenz zwischen Alltags- und Fernsehwelt wahrgenommen wird. Außerdem soll in diesem Zusammenhang das Phänomen der parasozialen Interaktion dargelegt werden.[3] Um einen Eindruck zu bekommen, was die Zuschauer dazu bewegt, sich regelmäßig mit der „Seifenoperwelt“ auseinanderzusetzen, bzw. was für Gratifikationsmöglichkeiten diese bieten kann, möchte ich zusätzlich auf Rollenidentifikation und „den Traum von einer anderen Welt/ einem anderen Leben“ eingehen.

2. Was bietet die Serienwelt?

2.1 Rollenidentifikation und Alltagsflucht

Warum gerade Soap Operas (bzw. Fernsehserien) eine ziemlich große Rolle bei der Identifikation mit den Protagonisten spielen, kann eventuell dadurch erklärt werden, daß Personae (die Protagonisten der Soap) im Laufe der Serie ein stetes Verhaltensmuster aufbauen, auf das sich die Rezipienten verlassen können.[4] So sind bestimmte Verhaltensweisen vorhersehbar und der Rezipient kann sich auf die Charaktereigenschaften der Persona einstellen und sie immer besser „kennenlernen“. (Vgl. Wulff 1996:)

Ob Rezipienten Fernsehserien als glaubwürdig ansehen oder nicht, spielt bei der Rollenidentifikation oft keine allzu große Rolle. Diese gewinnt insofern einen hohen Stellenwert, als daß man durch Identifikation mit einer bestimmten Rolle verdrängte Wünsche in der Rezeptionssituation ausagieren kann. Hierbei kommt es nicht auf den Schauspieler, sondern lediglich auf die Rolle an, die er/sie verkörpert. (Vgl. Mikos 1994: 366). In einer solchen Rezeptionssituation teilt man Erfahrungen mit den Protagonisten, die dann den eigenen entsprechen und lebt ihr Leben quasi mit. Die Szenen gelten dann als Substitut nicht erlebter Gefühle und tragen zur Stabilisierung brüchiger Identitäten bei (vgl. Mikos 1994: 380ff). Man sieht in den Rollen eine Art Verhaltensmodell für das eigene Leben, kann aber auch Defizite ausgleichen, indem man seine „böse“ Seite durch Identifikation mit den Schurken/Schurkinnen auslebt ( gerade die Identifikation mit der Schurkin dient als Ventil weiblicher Wut, die stets unterdrückt wird)[5] (vgl. Modleski 1988: 112) - dabei genügt bereits die Erfahrung in der Phantasie (vgl. Mikos 1994: 354). Oft hängt diese Flucht vor dem eigenen Leben auch mit einem mangelnden sozialen Umfeld der Rezipienten zusammen, denen dann nur die „Flucht in die Identifikation mit Fernsehakteuren“ bleibt, um die dadurch möglichen Ersatzerfahrungen zu erlangen. Allerdings wird dem Rezipienten bei der Soap Opera (im Ggs. zum Spielfilm) nicht die Macht über eine bestimmte Figur gegönnt, da einem nicht „erlaubt“ wird, sich bis zum Ende der Handlung mit ihr zu identifizieren. (Vgl. Modleski 1988: 111).

2.2 Die Soap Opera als Problemlöser und Phantasiewelt

Auch mögliche Problemlösungen können aus den Serien für den eigenen Alltag übernommen werden, um dort konflikthafte Beziehungen wenigstens ansatzweise zu lösen und das eigene Handlungspotential zu erweitern.[6] (vgl. Mikos 1994: 378) Gerade, wenn man Serienaneignung als Problemflucht praktiziert, ist die Serie eine „unabdingbare Notwendigkeit, um der als unerträglich empfundenen Realität zu entfliehen“. Hier erlaubt das Fernsehen ein „Sich fallen lassen“ zur Abwechslung vom anstrengenden Arbeitstag, u.ä. . Außerdem führen die Problemlösungsmechanismen zu Lernerfahrungen, die dem Publikum eine distanzierte Haltung zur Identitätsarbeit ermöglichen. (Vgl. Mikos 1994: 383)

[...]


[1] Kaum einer war live beim Tankerunglück der „Pallas“ dabei - trotzdem glauben wir, was uns das Fernsehen darübererzählt und stellen den Wahrheitsgehalt der Nachricht nicht in Frage.

[2] Studenten richten ihre Stundenpläne nach den Sendezeiten, Geschäftsleute nutzen die Mittagspause, denn „dumb genres may not neccessarily imply dumb viewers.“ (Borchers/Kreutzner/Warth 1994:)

[3] Dabei wird auch auf das Verhältnis von parasozialen Interaktionen und parasozialen Beziehungen eingegangen.

[4] So führt es zu Verwirrungen, sollte sich die Persona einmal nicht rollenkonform verhalten. Da man sich gerade in diesem Genre nur mit der Persona, nicht aber mit dem Schauspieler als Person beschäftigt, kann es zunehmend zu Schwierigkeiten kommen, wenn diese Person auf einmal in einer anderen Rolle mit ganz anderem Zusammenhang wiederzufinden ist. (Vgl. Wulff)

[5] Wobei hier erwähnt werden sollte, daß es nur in den seltensten Fällen zu einer vollständigen Perspektiveübernahme kommt, was aber durch den Begriff Identifikation impliziert wird. (vgl.: Vorderer : 692)

[6] Bestimmte Rollen helfen einem hierbei nicht aktiv, sondern öffnen lediglich die Augen, so daß man selbst Bewältigungsmechsnismen entwickeln kann (z.B. „Ein Engel auf Erden“)

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Details

Titel
Parasoziale Interaktion mit Fernsehpersonen am Beispiel von Soap Operas
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V21849
ISBN (eBook)
9783638253673
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parasoziale, Interaktion, Fernsehpersonen, Beispiel, Soap, Operas
Arbeit zitieren
Julia Barth (Autor), 1999, Parasoziale Interaktion mit Fernsehpersonen am Beispiel von Soap Operas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21849

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