Das Thema dieser Hausarbeit ist die Polygynie im Mittelalter aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive. Mit der Polygynie im Mittelalter rückt ein Gegenstand ins Blickfeld, der vor allem nach den Thesen Jack Goodys von Bedeutung ist.
„Um zu wachsen und zu überleben, musste die Kirche Besitz anhäufen, und das hieß: die Kontrolle darüber erreichen, wie Besitz von einer Generation an die nächste übertragen wurde. Da die Verteilung des Besitzes zwischen den Generationen verknüpft ist mit den Heiratsmustern und der Legitimität von Kindern, musste die Kirche darüber Macht gewinnen, um die Erbschaftsstrategie beeinflussen zu können“1. Einer der Bereiche, in welche die Kirche eingriff, ist laut Goody die Polygynie. Auf Grund des Zurückdrängens der Polygynie durch die Kirche wurde eine der Möglichkeiten legitime Erben einzusetzen, zunichte gemacht. Die Kirche erhöhte somit ihre Chancen, dass ihr das Erbe zufiel.
Goodys Überlegungen werden zwar als monokausale Deutungen2 kritisiert, dies soll jedoch nicht von einer eingehenden Überprüfung der These abhalten. Der von Goody angegebene Grund, die Besitzakkumulation der Kirche, ist zwar einseitig, doch baut er auf einer Grundlage, nämlich, dass die Kirche die Polygynie verdrängt haben soll. Dieser Grundlage soll mit dieser Arbeit nachgegangen werden. Dabei ist nicht nur ein gegenwärtiger Standpunkt der Wissenschaft zur Polygynie im Mittelalter von Interesse. Es stellt sich die Frage, wie von der deutschen Forschung ausgehend die Polygynie diskutiert wurde, um eventuelle Anknüpfungspunkte für die These Goodys zu finden. Die wissenschaftsgeschichtliche Perspektive ist notwendig, um gewissermaßen als Standortbestimmung darzustellen, in welcher Form die Polygynie bisher betrachtet wurde. Von dieser Perspektive aus können dann Überlegungen angestellt werden, wie sicher die Grundlage von Goodys Argumentation ist oder in welche Richtung weitere Forschungen erfolgen müssten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Polygynie in rechtshistorischen Werken
2.1. Am Ende des 19. Jahrhunderts
2.2. Die Polygynie im Kontext der Kebs- Friedel- und Muntehe
2.3. Eine strafrechtliche Perspektive
3. Die Polygynie und das Christentum
3.1 Diskussionen um die Polygynien
3.2. Umgang der Kirche mit der Polygynie
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Polygynie im Mittelalter aus einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive. Dabei wird kritisch hinterfragt, wie deutsche Nachschlagewerke und rechtshistorische Arbeiten dieses Phänomen sowie die von Jack Goody postulierte kirchliche Strategie der Besitzakkumulation durch die Unterdrückung der Polygynie im Laufe der Zeit dargestellt und bewertet haben.
- Wissenschaftsgeschichtliche Standortbestimmung der Polygynie-Forschung
- Analyse der Eheformen (Friedel-, Muntehe, Konkubinat) im rechtshistorischen Diskurs
- Die Rolle der Kirche bei der Durchsetzung monogamer Heiratsmuster
- Kritische Überprüfung von Jack Goodys These zur kirchengesteuerten Verdrängung der Polygynie
- Strafrechtliche Perspektiven auf Vielehe im germanischen und mittelalterlichen Recht
Auszug aus dem Buch
2.2. Die Polygynie im Kontext der Kebs- Friedel- und Muntehe
Mit der Wende zum 20. Jahrhundert wurden die Vorstellungen über die Ehe modifiziert. In diesem Kontext wird die Polygynie vermehrt als Möglichkeit für partnerschaftliche Verhältnisse wahrgenommen.
Laut Else Ebel gründet die Unterscheidung zwischen Friedel- und Muntehe 1927 auf Arbeiten des Rechtshistorikers Herbert Meyer13. Die Bezeichnungen der Kebs- Friedel- und Muntehe wurden jedoch schon vor Meyer erwähnt. Brunner weist darauf hin, dass es nicht nur eine einzige Eheform gegeben habe. Er zeigt auf, dass ein Vater ein Kind anerkennen kann, „wenn es in öffentlichem Konkubinat (in einer Kebs- oder Friedelehe) mit einem freien Weibe erzeugt worden war“14. Polygynie oder Bigamie wird in seinem Index jedoch ebenso wenig wie im laufenden Text unter den Ausführungen zur Ehe oder zum Erbe erwähnt. Er beschreibt zwar, dass die Adoption häufig angewendet wurde, um uneheliche Kinder zu legitimieren und dass sich die Stellung der unehelichen Kinder unter dem Einfluss der Kirche bis hin zur Rechtlosigkeit verschlechterte15, geht jedoch nicht darauf ein, ob diese unehelichen Kinder offen gelebten polygamen Beziehungen entstammen oder ob die Kebs- oder Friedelehe für Polygynien genutzt wurde. Von Amira hebt die Stellung der Ehefrau vor der „Friedel“ und der „Kebse“ hervor und weist darauf hin, dass der Mann mehrere Ehefrauen gleichzeitig haben konnte16.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die wissenschaftsgeschichtliche Perspektive der Arbeit ein und verknüpft die Thematik der mittelalterlichen Polygynie mit der einflussreichen, wenn auch diskutierten These Jack Goodys zur kirchengesteuerten Erbschaftsstrategie.
2. Die Polygynie in rechtshistorischen Werken: Dieses Kapitel analysiert, wie Rechtshistoriker und Enzyklopädien vom 19. bis zum 20. Jahrhundert die Polygynie im Mittelalter behandelten, wobei der Fokus insbesondere auf der Entwicklung der Unterscheidung zwischen Friedel- und Muntehe sowie strafrechtlichen Aspekten der Doppelehe liegt.
3. Die Polygynie und das Christentum: Hier wird untersucht, wie kirchengeschichtliche und theologische Abhandlungen die Zulässigkeit und Strafbarkeit der Polygynie erörtern, wobei der Kontrast zwischen biblischen Traditionen und der kirchlichen Durchsetzung der Monogamie im Mittelpunkt steht.
4. Resümee: Das Schlusskapitel fasst zusammen, dass die Forschung die Polygynie zwar vermehrt wahrnimmt, jedoch weiterhin primär auf unspezifischen Vermutungen basiert und eine fundierte historische Aufarbeitung des Phänomens noch aussteht.
Schlüsselwörter
Polygynie, Mittelalter, Wissenschaftsgeschichte, Kirche, Eherecht, Jack Goody, Friedelehe, Muntehe, Monogamie, Strafrecht, Rechtsgeschichte, Christentum, Konkubinat, Erbfolge, Familienstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch, wie die Polygynie im Mittelalter aus einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive in der Forschung diskutiert und dargestellt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen rechtshistorische Eheformen, kirchengeschichtliche Debatten, strafrechtliche Bestimmungen zur Vielehe sowie die sozioökonomischen Thesen von Jack Goody.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die wissenschaftliche Standortbestimmung der Polygynie-Forschung nachzuvollziehen und zu prüfen, inwieweit die These von der durch die Kirche erzwungenen Verdrängung der Polygynie haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine wissenschaftsgeschichtliche Analyse, die verschiedene Nachschlagewerke, rechtshistorische Standardwerke und theologische Abhandlungen miteinander vergleicht und kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung rechtshistorischer Werke, die Auseinandersetzung mit der christlichen Theologie zur Vielehe und die Rolle der Kirche bei der Durchsetzung der monogamen Ehe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Polygynie, Mittelalter, Wissenschaftsgeschichte, Eherecht und die Auseinandersetzung mit kirchlichen Normen charakterisieren.
Warum wird die These von Jack Goody in dieser Arbeit thematisiert?
Die These Goodys, dass die Kirche die Polygynie unterdrückte, um Erbschaften und Besitz besser kontrollieren zu können, bildet den zentralen Bezugspunkt, an dem die Validität der bisherigen Forschung gemessen wird.
Welche Rolle spielen die verschiedenen Eheformen wie Friedel- oder Muntehe für die Forschungsfrage?
Die Unterscheidung dieser Formen dient als Gradmesser dafür, ob und wie Historiker des 20. Jahrhunderts versuchten, gelebte partnerschaftliche Vielfalt (und damit potenzielle Polygynie) rechtlich einzuordnen.
- Quote paper
- Lilli Richert (Author), 2004, Die Polygynie im Mittelalter aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21885