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Einführung
Als BANGE (1988) dazu aufforderte, die „Mauer des Schweigens“ gegenüber dem sexuellen Mißbrauch an Jungen zu brechen, stieß er auf taube Ohren (S. 35ff.). Ein Jahrzehnt später hat sich daran im wesentlichen nicht viel geändert. In den Regalen von Buchhandlungen und Bibliotheken dominieren nach wie vor eindeutig mädchenspezifische Bücher, während man von einer angemessenen Beschäftigung mit den männlichen Opfern sexuellen Mißbrauchs nicht
sprechen kann (von einer „Aufarbeitung“ dieses zu kurz gekommenen Themas ganz zu schweigen). Diese Situation hat viel mit der Art und Weise zu tun, mit der das „Tabuthema“ sexueller Mißbrauch in Deutschland in die öffentliche Diskussion „eingeführt“ wurde.
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Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkungen
2. Einführung
2.1. Die „Entdeckung“ eines Themas
2.2. Die Konzentration auf Mädchen - zu Lasten der Jungen
2.3. Warum wurden die Jungen vergessen?
2.4. Die Rolle des Feminismus
2.5. Zwei Seiten eines Themas - oder zwei Themen?
2.6. Exkurs zur Geschichte des sexuellen Mißbrauchs
2.7. Die Diskussion in der Gegenwart
2.8. Zum Aufbau dieses Textes
3. Zur Definition von sexuellem Mißbrauch
3.1. Anmerkungen zur „Definitionsfrage“
3.1.1. „Myth of shared meaning“
3.1.2. Definitionsklassen
3.2. Definitionskriterien
3.2.1. Bewertung der Handlungen
3.2.2. Absicht des Handelnden
3.2.3. Art der Mißbrauchshandlungen
3.2.4. Wirkung der Handlung auf das Opfer
3.2.5. Altersunterschied und Altersbegrenzungen
3.2.6. Gewaltanwendung und offener Zwang
3.2.7. Die Frage der Einwilligung
3.2.8. Sich mißbraucht fühlen (subjektive Bewertung)
3.3. Beurteilung der Definitionsproblematik
4. Forschungstheoretische Anmerkungen
4.1. Ausgewählte methodische Aspekte
4.1.1. Definitionen
4.1.2. Stichproben
4.1.3. Kontrollgruppen
4.1.4. Datenerhebung
4.1.5. Zum Problem der Antwortverweigerung
4.2. Zur Bedeutung methodischer Aspekte
4.2.1. Probleme der jungenspezifischen Forschung
4.2.2. Einseitigkeit der Forschungskonzepte
4.2.3. Verzerrte Ergebnisse und unsachliche Argumentationen
4.3. Zusammenfassung und Bewertung
5. Zur Häufigkeit sexuellen Mißbrauchs an Jungen
5.1. Zahlenangaben und ihre Bedeutung
5.2. „Inzidenz“ und „Prävalenz“
5.3. Zahlenangaben deutscher Studien
5.3.1. Inzidenzzahlen
5.3.2. Prävalenzstudien
5.4. Internationale Ergebnisse
5.5. Bewertung der Zahlenangaben
6. Die Umstände des sexuellen Mißbrauchs
6.1. Vorbemerkungen
6.2. Korrelationen der Umstandsvariablen
6.3. Die Umstandsvariablen
6.3.1. Beziehung zwischen Opfer und Täter
6.3.2. Art der Mißbrauchshandlungen
6.3.3. Häufigkeit und Dauer der Übergriffe
6.3.4. Alter der Jungen bei Beginn des sexuellen Mißbrauchs
6.3.5. Alter der Täter und Altersunterschied zum Opfer
6.3.6. Anwendung von Zwang, Gewalt und Drohungen
6.3.7. Strategien der Täter
6.3.8. Geschlecht der Täter
6.3.9. Aufdeckung des Mißbrauchs und soziale Reaktionen
6.4. Beurteilung der Ergebnisse
7. Theorien zur Erklärung der Folgen sexuellen Mißbrauchs
7.1. Zur Notwendigkeit von theoretischen Modellen
7.2. Das Modell von FINKELHOR und BROWNE
7.2.1. Faktor „Traumatische Sexualisierung“
7.2.2. Faktor „Verrat“
7.2.3. Faktor „Ohnmacht“
7.2.4. Faktor „Stigmatisierung“
7.2.5. Bewertung
7.3. Das Child Sexual Abuse Accomodation Syndrome
7.4. Psychoanalytisch orientierte Ansätze
7.4.1. Die „Verführungstheorie“ von FREUD
7.4.2. Die Aussagen von FERENCZI zum sexuellen Mißbrauch
7.4.3. Bewertung
7.5. Posttraumatische Belastungsreaktion (PTBR)
7.5.1. Zum Konzept der „Posttraumatischen Belastungsreaktion“
7.5.2. Gestörte kognitive Konstrukte als Erklärung einer PTBR
7.5.3. Bewertung
7.6. Weitere Modelle
7.6.1. Kognitive Prozesse
7.6.2. Streßtheorie und Bewältigung
7.6.3. Lerntheorien
7.6.4. Blick auf „Systeme“
7.7. Zusammenfassung
8. Ergebnisse der Forschung zu den Folgen
8.1. Vorbemerkungen
8.1.1. Zum Mangel jungenspezifischer Untersuchungen
8.1.2. Zur Problematik langer „Folgenlisten“
8.1.3. Jungenspezifische Folgen?
8.1.4. Gibt es ein „Mißbrauchssyndrom“?
8.1.5. Kurz- und langfristige Folgen
8.2. „Initialfolgen“ bei sexuell mißbrauchten Jungen
8.2.1. Psychosomatische Symptome
8.2.2. Affektive Symptome
8.2.3. Symptome einer gestörten Selbstwahrnehmung
8.2.4. Aggressive Verhaltensweisen
8.2.5. Suizidale und autoaggressive Verhaltensweisen
8.2.6. Soziale Probleme und Beziehungsstörungen
8.2.7. Folgen für die Sexualität
8.2.8. Sonstige Symptome
8.2.9. Bewertung
8.3. Langzeitfolgen sexuellen Mißbrauchs
8.3.1. Langfristige sexuelle Symptome
8.3.2. Psychosomatische Beschwerden
8.3.3. Störungen der Selbstwahrnehmung
8.3.4. Suizidalität
8.3.5. Beziehungsprobleme
8.3.6. Emotionale Reaktionen und Symptome
8.3.7. Sonstige Folgen
8.4. Opfer ohne Symptome
8.5. Bewertung der Forschung zu den Folgen
9. Anmerkungen zur Praxisarbeit
9.1. Arbeitsfelder im Zusammenhang mit sexuellem Mißbrauch
9.1.1. Sexueller Mißbrauch in Psychotherapien
9.1.2. Sexueller Mißbrauch in Sorgerechts- und Strafverfahren
9.1.3. Diagnostik - Zur „Entdeckung“ sexuell mißbrauchter Kinder
9.1.4. Intervention - zum Dilemma institutioneller Hilfen
9.1.5. Prävention sexuellen Mißbrauchs
9.1.6. Zusammenfassung
9.2. Diagnostisches Vorgehen
9.2.1. False Negatives und False Positives
9.2.2. Diagnostische Konstellationen
9.2.3. Diagnostische Hilfsmittel
9.2.4. Beurteilung der Möglichkeiten diagnostischen Vorgehens
9.3. Intervention
9.3.1. Grundsätzliche Fragen zur Intervention
9.3.2. Konsequenzen des „Nachweisproblems“
9.3.3. Anmerkungen zu verschiedenen Interventionsanleitungen
9.3.4. Zusammenfassung und Bewertung
9.4. Prävention
9.4.1. Weg von „Mythen“ - hin zu „starken Kindern“
9.4.2. Grundgedanken der Präventionsprogramme
9.4.3. Zielgruppen der Programme
9.4.4. Wie effektiv sind die Präventionsprogramme?
9.4.5. Negative Folgen von Präventionskonzepten
9.4.6. Bewertung und Ausblick
9.5. Beurteilung der „Praxisarbeit“
10. Die andere Sicht
10.1. Beurteilung der Antithesen
10.1.1. Antithese 1: Sexueller Mißbrauch kommt selten vor
10.1.2. Antithese 2: „Pädophile“ Kontakte sind kein sexueller Mißbrauch
10.1.3. Antithese 3: Die sexuellen Kontakte haben keine negativen Folgen
10.1.4. Antithese 4: Traumatisierend ist nur die Reaktion auf die Kontakte
10.1.5. „Pädophile“ als die „wahren Kinderschützer“?
10.2. Zusammenfassung
11. Einordnung der Ergebnisse
12. Literaturverzeichnis
13. Anhang
13.1. Internationale Prävalenzstudien (Schüler und Studenten)
13.2. Internationale Prävalenzstudien (Allgemeinbevölkerung)
13.3. Ausgewählte statistische Angaben
13.3.1. Fremdtäteranteil verschiedener Dunkelfelduntersuchungen
13.3.2. Täterinnenanteil verschiedener Dunkelfelduntersuchungen
13.3.3. Anteil einmaliger Vorfälle bei verschiedenen Dunkelfelduntersuchungen
13.4. Sammlung von Umstandsvariablen nach JULIUS/BOEHME (1997)
13.5. Anmerkungen zur Intervention professioneller Helfer
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Diplomarbeit bietet eine kritische Bestandsaufnahme der Forschung zum sexuellen Mißbrauch an Jungen, wobei die zentrale Forschungsfrage darauf abzielt, das bisher stark vernachlässigte Wissen über männliche Opfer zu systematisieren und die methodische Qualität bestehender Studien im Hinblick auf deren Aussagekraft zu evaluieren.
- Kritische Analyse der Begriffsdefinitionen und deren Einfluss auf Prävalenzdaten.
- Untersuchung der Umstandsvariablen und deren spezifische Bedeutung für Jungen.
- Evaluation der verschiedenen Theorien und Erklärungsmodelle für die psychischen Folgen.
- Hinterfragung der Qualität und Aussagekraft der gängigen Forschung zur Praxisarbeit und Prävention.
Auszug aus dem Buch
Die Konzentration auf Mädchen - zu Lasten der Jungen
Die „Neuentdeckung“ des Themas, von der ich oben sprach, führte zu einer ausgeprägten Diskussion in der Öffentlichkeit und in der Fachwelt. Allerdings blieb die Auseinandersetzung mit dem Thema auf die Darstellung sexuellen Mißbrauchs als ein von Männern an Mädchen begangenen Verbrechens beherrscht, was entscheidend zur „Unterrepräsentation“ der Jungen beitrug (FINKELHOR/BARON, 1986, S. 62, OLSON, 1990, S. 149).
Im Rückblick überrascht dies, denn schon in den frühen Arbeiten zu dieser Thematik war von Jungen als Opfer die Rede (ELLERSTEIN/CANAVAN, 1980, NASJLETI, 1980, vgl. die Angaben bei ROGERS/TERRY, 1984, S. 91, PETERS ET AL., 1986, S. 20f.). Doch obwohl auch nach den Ergebnissen deutscher Untersuchungen 25% der von sexuellem Mißbrauch betroffenen Kinder Jungen sind (siehe Kapitel 5 „Zur Häufigkeit sexuellen Mißbrauchs an Jungen“), findet sich - wie oben bereits erwähnt - auch in den letzten Jahren noch ein den Verhältnissen nicht entsprechendes Übergewicht von mädchenspezifischen gegenüber jungenspezifischen Veröffentlichungen. Ebenso deutlich wird die geringe Beachtung der Jungen in den allgemein auf „Kinder“ bezogenen Beiträgen und Büchern. Bei RADER (1992) wird die Situation der Jungen treffend beschrieben: „Die Entstehungsgeschichte des Themas sexueller Mißbrauch an Kindern hat Jungen als Opfer nicht vorgesehen“ (S. 140, vgl. BANGE, 1988, S. 35).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkungen: Einführung in die Begrifflichkeiten und die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Einführung: Analyse der historischen und gesellschaftlichen Vernachlässigung des Themas männlicher Opfer und der Rolle des Feminismus.
3. Zur Definition von sexuellem Mißbrauch: Detaillierte Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten einer konsistenten Begriffsbestimmung und der methodischen Probleme bei deren Anwendung.
4. Forschungstheoretische Anmerkungen: Kritische Betrachtung methodischer Aspekte wie Stichprobenselektion, Datenerhebung und die Aussagekraft empirischer Forschung.
5. Zur Häufigkeit sexuellen Mißbrauchs an Jungen: Überblick über die Problematik der Prävalenzmessung und der Validität von Zahlenangaben.
6. Die Umstände des sexuellen Mißbrauchs: Untersuchung der verschiedenen Einflussfaktoren auf das Mißbrauchsgeschehen und deren potenzielle Bedeutung für die Traumatisierung.
7. Theorien zur Erklärung der Folgen sexuellen Mißbrauchs: Vorstellung relevanter theoretischer Erklärungsmodelle zur Verarbeitung traumatischer Erfahrungen bei Kindern.
8. Ergebnisse der Forschung zu den Folgen: Zusammenstellung und kritische Bewertung der empirischen Erkenntnisse zu initialen und langfristigen Symptomen.
9. Anmerkungen zur Praxisarbeit: Diskussion über diagnostische Vorgehensweisen, Interventionsmöglichkeiten und präventive Strategien sowie deren wissenschaftliche Fundierung.
10. Die andere Sicht: Sachliche Auseinandersetzung mit kontroversen Thesen pädophiler Lobbygruppen.
11. Einordnung der Ergebnisse: Synthese der Arbeit und Fazit zur Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtung des Themas.
Schlüsselwörter
Sexueller Mißbrauch, Jungen, Forschungsmethodik, Prävalenz, Definitionsproblematik, Psychotraumatologie, Täter-Opfer-Dynamik, Prävention, Diagnostik, Interventionsforschung, Kinderschutz, Opferstatus, Männlichkeitskonstruktion, Folgenforschung, Forschungskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit einer kritischen Bestandsaufnahme der Forschung zum sexuellen Mißbrauch an Jungen, da männliche Opfer in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte lange Zeit unterrepräsentiert waren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit beleuchtet die Definitionsvielfalt, die methodischen Defizite in der Forschung, die Häufigkeit (Prävalenz), die Umstände der Übergriffe, die psychischen Folgen sowie Fragen der Praxis und Prävention.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den aktuellen Forschungsstand methodenkritisch zu hinterfragen und zu verdeutlichen, dass eine objektive Betrachtung des Themas nur durch die Berücksichtigung von Einzelfallkonstellationen statt durch pauschale Symptomlisten möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine umfassende Literatursichtung und methodenkritische Analyse durch, wobei er insbesondere auf die Diskrepanz zwischen ideologisch geprägten Narrativen und empirischen Befunden achtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Erklärungsmodellen zur Traumatisierung besonders die Faktoren diskutiert, die das Mißbrauchsgeschehen beeinflussen, wie etwa das Alter des Kindes, die Beziehung zum Täter und die Strategien der Täterschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Forschungskritik, der Opferstatus bei Jungen, die Methodik der Prävalenzstudien sowie die kritische Reflexion des Kinderschutzes.
Welche Rolle spielt die „Definitionsdebatte“ für das Verständnis der Arbeit?
Die Arbeit betont, dass ohne eine klare Spezifizierung dessen, was als Mißbrauch gezählt wird, die Vergleichbarkeit von Studien unmöglich ist, was zu erheblichen Verzerrungen in der statistischen Erfassung führt.
Wie geht der Autor mit der Rolle der Pädophilenlobby um?
In Kapitel 10 setzt sich der Autor sachlich mit Thesen auseinander, die von Pädophilen vertreten werden, um einer bloßen Polarisierung entgegenzuwirken und auf Basis der Forschung eine objektive Argumentationslinie zu etablieren.
- Citation du texte
- Jörg Zobl (Auteur), 1998, Sexueller Missbrauch an Jungen - Eine kritische Bestandsaufnahme der Forschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2191