Zwischen New Deal und Reaganomics - Ein kurzer Abriss wirtschaftspolitischer Denkschulen


Referat (Ausarbeitung), 2004

13 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1 Ursprünge der modernen Volkswirtschaftslehre

2 Neoklassik
2.1 Liberalismus
2.2 Krise der Neoklassik

3 Nachfrageorientierte Politik
3.1 Keynesianismus
3.2 Krise des Keynesianismus.

4 Angebotsorientierte Politik
4.1 Reaganomics
4.1.1 Die LAFFER-Kurve
4.1.2 Reaganomics als Beispiel für angebotsorientierte Wirtschaftspolitik
4.1.3 Vermächtnis der Reaganomics

5 Politische Motivationen.

6 Aktuelle Sichtweisen der Wirtschaftspolitik

7 Die Rolle von Modellen

Literatur

1 Ursprünge der modernen Volkswirtschaftslehre - Klassik

Wenn man den englischen Moralphilosophen ADAM SMITH (1723−1790) als Vordenker der Wirtschaftsordnung der heutigen Industriestaaten, der Marktwirtschaft, bezeichnet, bezieht sich dies meist auf den Wert des Eigeninteresses, den SMITH den Menschen zuschrieb. Lässt man den einzelnen Individuen Freiheit bezüglich ihrer wirtschaftlichen Handlungen, so wird dies nicht nur die Bedürfnisse des wirtschaftenden Menschen in optimaler Weise befriedigen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft den maximalen Grad an Wohlfahrt erzeugen. SMITH fand für diesen Gedanken die viel beschworene Metapher der „unsichtbaren Hand“, die die Eigeninteressen der wirtschaftenden Individuen automatisch und ohne Zutun eines Ein- zelnen in Richtung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt lenkt. Indem jemand ausschließ- lich seine eigenen Interessen verfolgt, fördere er das Wohl der Gesellschaft vielleicht sogar mehr, als jemand, der dies tatsächlich beabsichtigt. In seinem Hauptwerk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“, das die moderne Volkswirtschaftslehre begrün- dete, schreibt SMITH:

„He intends only his own gain, and he is in this, as many other cases, led by an invisible hand to promote an end which was no part of his intention.. By pursuing his own interest he frequently promotes that of the society more effectually then when he really intends to promote it.“

Die Wohlfahrt der Gesellschaft steigert man demnach am besten dadurch, dass man den Ein- zelnen auf den Märkten frei nach maximalem Gewinn und Reichtum streben und für sein wirtschaftliches Handeln auch verantwortlich sein lässt, und nicht durch eine von staatlicher Seite betriebene Steuerung der Märkte und der einzelnen Marktteilnehmer. Diese Aussagen SMITHs gründeten dabei in einem für das Zeitalter der Aufklärung typischen Welt- und Men- schenbild, demzufolge das Universum von der Weisheit Gottes geschaffen sei und die Schöp- fung gut sei. Alles in ihr sei sinnvoll, auch das Böse. Das Ziel eines Menschen sei Glückse- ligkeit. Den wirtschaftenden Menschen hat SMITH stets als Teil der gesamten Schöpfung ge- sehen. Nicht nur in Eigeninteresse und Selbstliebe gründete sich SMITHs Weltbild, sondern auch in Mitgefühl für andere, in der Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken, in ethischen Gefühlen also.

2 Neoklassik

Im 19. Jahrhundert ging dieser praktisch-philosophische Kontext, in dem sich der wirtschaf- tende Mensch und die Ökonomie befinden, verloren. Nach dem Vorbild der Physik betrach- tete man die Wirtschaft nun als ein System, das losgelöst von anderen gesellschaftlichen Be- reichen analytisch mithilfe von Wenn-Dann-Aussagen untersucht und beschrieben werden kann und dann zu allgemeingültigen und zeitlos gültigen Erkenntnissen führt. Das SMITHsche Zeitalter der Klassik wich der Ära der Neoklassik. Mit der „Theorie des Allgemeinen Gleich- gewichts“ entwickelte man die mathematische Ausdrucksweise der „unsichtbaren Hand“ und bewies, dass die quantifizierte Wohlfahrt einer Gesellschaft - allerdings unter einer Reihe von strengen Annahmen - tatsächlich nur durch ein System freier Märkte ohne regulatorische Eingriffe maximal wird. Die Neoklassiker begründeten also die Gedanken der Klassiker mathematisch, nahmen dabei aber den Untersuchungsbereich Wirtschaft aus seinem gesellschaftlichen und damit auch ethischen Kontext. Die sittliche Komponente SMITHs ging dabei in der Frühzeit dieser liberalistischen Ära teilweise verloren.

2.1 Liberalismus

Die von SMITH inspirierte klassische Präferenz für freie Märkte, die dann in der Neoklassik modellmäßig untermauert wurde, etablierte sich im 19. Jahrhundert als das vorherrschende Paradigma. Dieser klassische Liberalismus beinhaltet in Wesentlichen drei Elemente:

1. Vor allem anderen ist es das Eigeninteresse, das die Menschen zu wirtschaftlichen Aktivitäten anspornt. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes steuert diese Eigeninteressen dann derart, dass es zu einer optimalen gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt kommt. Normaler- weise stört ein Eingriff des Staates die „unsichtbare Hand“ bei ihrem Walten. Es ist au- ßerdem gegen die Natur des Menschen, dass der Staat dem Individuum jede Risikobereit- schaft abnimmt. Zur liberalen Sichtweise gehört im Allgemeinen aber auch, dass ins Ab- seits geratene Menschen aus sittlichen Prinzipien in einem sozialen Netz aufgefangen werden müssen.

2. Konkret ist die „unsichtbare Hand“ im Wesentlichen mit dem Preismechanismus gleichzusetzen. Die Preise sind die entscheidenden Größen auf den Märkten, denn sie sind es, die für die Verbindung zwischen dem Eigeninteresse der Individuen und dem Gesamtin- teresse der Gesellschaft sorgen. Die Marktpreise passen sich den Aktivitäten der einzelnen

Marktteilnehmer so an, dass Angebot und Nachfrage zur Übereinstimmung gebracht wer- den und ein Zustand entsteht, von dem ausgehend niemand einen Anreiz hat, seine wirt- schaftliche Situation zu verändern. Eine künstliche Veränderung der Marktpreise von außen, etwa durch Erhebung von Steuern durch den Staat, stören diesen Preismechanismus. 3. Es gilt das SAYsche Theorem, das besagt, dass sich das gesamtwirtschaftliche Angebot seine Nachfrage selbst schaffe. Einkommen kann gesamtwirtschaftlich nur durch Produk- tion entstehen. Das gesamte in einer Periode entstandene Einkommen kann daher nur so hoch sein wie der Wert aller in dieser Periode produzierten Güter. Sonst ist der Wirt- schaftskreislauf nicht geschlossen. Das gesamtwirtschaftliche Angebot ist also die ent- scheidende Größe und muss erhöht werden, damit die Wirtschaft wächst. Die Nachfrage nach den produzierten Gütern wird dem Angebot stets folgen und sich anpassen (ange- botsorientiert).

Innerhalb des Liberalismus lassen sich verschiedene Denkrichtungen unterscheiden. Bei- spielsweise kam im 19. Jahrhundert in England eine Wirtschaftspolitik zur Anwendung, die als „Manchester-Liberalismus“ (auch „Laissez-faire-Liberalismus“ oder „Nachtwächterstaat“) bezeichnet wird. Sie zeichnet sich durch ein sehr starkes Zurückhalten des Staates aus, der auch monopolistischen Marktvermachtungen und sozialen Missständen nicht entgegensteuert.

2.2 Krise der Neoklassik

Die klassische Sichtweise verlor durch die Weltwirtschaftskrise vom Anfang der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts enorm an Attraktivität. Die klassische Theorie war nicht in der Lage, eine derartige Krise zu erklären. Bis dahin gab es konkret nie grundlegenden Anlass, über die Gültigkeit der Theorie nachzudenken, denn das 19. Jahrhundert war eine Zeit von teils stürmischen Aufschwüngen und nur wenigen Rezessionen, in der eine frühe Form der Globalisierung herrschte; freie Märkte setzten sich auch im Außenhandel durch. Erst die Weltwirtschaftskrise brachte die Klassiker in Misskredit, denn die anhaltend hohe, unfreiwil- lige Arbeitslosigkeit hätte nach der klassischen Theorie nicht auftreten dürfen, weil auch auf dem Arbeitsmarkt der Preismechanismus wirken müsste, so dass alle Arbeitnehmer, die für den herrschenden Preis der Arbeit (Lohn) bereit sind, ihre Arbeitskraft anzubieten, auch auf eine Nachfrage seitens der Arbeitgeber treffen, sonst würde der Lohn solange sinken, bis ge- nau dies der Fall ist. Aus der Annahme der Klassiker, dass der Preismechanismus Angebot und Nachfrage zur Deckung bringt, folgt daher insbesondere die klassische Annahme der Vollbeschäftigung. Dass sich diese aber nicht einstellte, lieferte in den marktwirtschaftlichen Industriestaaten der Zwanziger und Dreißiger Jahre anti-liberalen Strömungen Auftrieb. Auch in den USA standen sozialistische Tendenzen, insbesondere unter den Intellektuellen und an den Universitäten, immer höher im Kurs.

3 Nachfrageorientierte Politik

Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise schloss US-Präsident ROOSEVELT quasi mit seinem Volk ein Abkommen, den „New Deal“, der beinhaltete, dass die Marktwirtschaft weiterhin als Wirtschaftsordnung akzeptiert würde, dafür aber die staatliche Seite garantieren sollte, mithilfe geeigneter Wirtschaftspolitik dafür zu sorgen, dass Krisen solchen Ausmaßes wie die Weltwirtschaftskrise nicht mehr vorkämen.

3.1 Keynesianismus

Diese neue Politik fand ihre theoretische Basis nicht in der von ADAM SMITH beeinflussten „Theorie des Allgemeinen Gleichgewichts“, sondern in einem 1936 veröffentlichten Werk des englischen Ökonomen JOHN MAYNARD KEYNES, der „General Theory of Employment, Interest and Money“. In diesem Werk behauptet KEYNES, dass Preise sich nicht wie von den Klassikern angenommen flexibel an das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage anpas- sen würden, sondern vor allem nach unten starr seien, also nicht sinken könnten. Wegen der Starrheit der Preise funktioniere auch der Mechanismus der „unsichtbaren Hand“ nicht, der Angebot und Nachfrage zur Deckung bringt, und andauernde Arbeitslosigkeit wird möglich. KEYNES wollte mit der Klassik brechen, wobei sein Werk aus klassisch-liberaler Sicht durch- aus auch als Anwendung und damit Bestätigung der Klassik gesehen werden kann. Denn wenn der Preismechanismus sich nicht frei entfalten kann, weil Preise starr sind, können na- türlich auch Überschussangebote langfristig bestehen bleiben - auch auf dem Arbeitsmarkt.

KEYNES begründete mit diesem Werk die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik als Gegen- stück zur angebotsorientierten Klassik. Hier wird die gesamtwirtschaftliche Nachfrage als entscheidende Größe im Wirtschaftsablauf gesehen, der sich das Angebot anpasse. Erst durch das Vorhandensein von Nachfrage seitens der Haushalte würden die Produzenten veranlasst, Güter herzustellen und damit die Wirtschaft in Gang zu bringen. Rezession und Arbeitslosig- keit sind in der keynesianischen Theorie eine Folge mangelnder Gesamtnachfrage. In Krisen- zeiten könne man dann die Wirtschaft dadurch stimulieren, dass notfalls der Staat selbst als Nachfrager auftritt und Güter bei den Unternehmen etwa zum Straßenbau kauft. Solche zeit- lich begrenzten staatlichen Ausgabenprogramme sollten Nachfrageschwächen ausgleichen und dafür sorgen, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Höhe erreicht, die zur Voll- auslastung des Produktionspotentials und damit auch zur Vollbeschäftigung nötig ist. So sollten die einem Marktsystem immanenten konjunkturellen Schwankungen der privaten Wirtschaftstätigkeit durch gegensteuernde Maßnahmen ausgeglichen werden und ein stabiler Wachstumspfad erreicht werden.

Es ist allerdings ein weit verbreiteter Mythos, dass KEYNES seine „General Theory“ als Ant- wort auf die Weltwirtschaftskrise geschrieben hat. Wenn auch die Weltwirtschaftskrise letzt- lich die wirtschaftliche Ursache dafür war, dass eine nachfrageorientierte Politik implemen- tiert wurde, die auf KEYNES Gedanken der starren Preise basierte, so schrieb er sein Werk dennoch als Antwort auf die hohe Arbeitslosigkeit im England der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Auf die Weltwirtschaftskrise wurde die Theorie nur nachträglich angewendet. Aus klassischer Sicht war die Starrheit der Preise auch damals kein systematischer Makel der Marktwirtschaft, sondern dadurch begründet, dass die britische Regierung aus Prestigegrün- den einen starken britischen Pfund wünschte und sich eine Überbewertung des Pfunds leiste- te, indem sie die umlaufende Geldmenge knapp hielt, was den Wert des Pfunds erhöht. Da eine zu geringe Geldmenge wirtschaftliche Aktivitäten bremst, liegt hierin der eigentliche Grund für die hohe Arbeitslosigkeit und nicht in der Starrheit der Löhne. Für die Klassiker war die Überbewertung des Pfunds kein besonders alarmierender Tatbestand, da sie - ganz dem klassischen, liberalen Denken folgend - davon ausgingen, dass die Preise auch auf dem Arbeitsmarkt sich letztendlich solange anpassen würden, bis Vollbeschäftigung erreicht ist.

3.2 Krise des Keynesianismus

Nach dem Zweiten Weltkrieg aber wurde in den westlichen Industriestaaten ganz im Sinne des „New Deal“ nachfrageorientierte Politik unter dem Deckmantel der keynesianischen Theorie betrieben. Es kam zu einer wirtschaftlichen Boomphase und zu einem stabilen Wachstum der Arbeitsproduktivität, der Gesamtwirtschaft und des Lebensstandards.

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Details

Titel
Zwischen New Deal und Reaganomics - Ein kurzer Abriss wirtschaftspolitischer Denkschulen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Alfred-Weber-Institut)
Veranstaltung
Interdisziplinäres Doktorandenkolleg der Universität Heidelberg
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V21923
ISBN (eBook)
9783638254151
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um die Ausformulierung und Erweiterung eines im Interdisziplinären Doktorandenkolleg der Universität Heidelberg gehaltenen Referats.
Schlagworte
Zwischen, Deal, Reaganomics, Abriss, Denkschulen, Interdisziplinäres, Doktorandenkolleg, Universität, Heidelberg
Arbeit zitieren
Dr. Oliver Fohrmann (Autor), 2004, Zwischen New Deal und Reaganomics - Ein kurzer Abriss wirtschaftspolitischer Denkschulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21923

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