„Die Wirklichkeit stellt sich nach heutiger Auffassung als eine gewaltige hierarchische Ordnung organisierter Entitäten dar, eine Überlagerung vieler Schichten, die von physikalischen und chemischen bis hin zu biologischen und soziologischen Systemen reicht. Diese hierarchische Strukturierung und Kombinationen zu Systemen von immer höherer Ordnung ist für die Wirklichkeit insgesamt kennzeichnend und von grundlegender Bedeutung vor allem für Biologie, Psychologie und Soziologie.“ Dem Paradigma der ganzheitlichen Sicht der Natur ging das mathematisch-wissenschaftlich-technische Denken, von den Griechen der Antike bis in die Moderne der heutigen Zeit, voraus. Im letzten Jahrhundert, genauer 1972 nach dem Erscheinen des ersten Berichts des Club of Rome, treffend betitelt mit The Limits to Growth (Grenzen des Wachstums), vergegenwärtigen sich die Menschen zusehends, dass den technischen Neuerungen und Möglichkeiten enorme Zerstörungspotentiale, einschließlich unserer eigenen Existenzbedingungen, innewohnen. Dies führte unter anderem zur Reaktivierung organizistischer Naturvorstellungen und zur Ausbildung alternativer, holistischer Theorien von und über die Natur. Nicht zuletzt äußerte sich dies in zunehmendem Masse durch eine Sensibilisierung der Menschen für ihre Um- und Mitwelt, deren Endlichkeit im wesentlichen auch von Menschenhand beschleunigend bzw. retardierend mitbestimmt werden kann. Karen Gloy unterscheidet dabei drei Varianten, erstens den spekulativen Organizismus Schellings, zweitens die emotionale Variante bei Novalis romantischer Naturauffassung und drittens Hölderlins ästhetischen Naturbegriff. Diese drei Varianten versuchen die „interne Beziehung der Triade „Absolutes – Natur – Geist““ mittels der spekulativen Vernunft, Sympathie und Liebe, und der Schönheit zu erschließen. Zugrunde liegen ihnen die naturphilosophischen Ideen von der Natur als lebendigem Ganzen. Vor allem Schellings Konzept war in der Lage, „Heils- und Versöhnungserwartungen (zu) erwecken“, welches, so führt Karen Gloy aus,
„erstens die Lebendigkeit der Materie und die Allbelebtheit der Natur unterstellt, zweitens auf dem Gedanken der Ganzheit insistiert, drittens auf der Einbindung des Subjekts in das Objekt, die Natur, besteht und viertens in einen Dialog mit der Natur eintritt (...).“
Inhaltsverzeichnis
I. Vitalismus, Holismus, Spiritualistische Naturforschung, New Age und Ökologie
II. Theoretischer Aspekt
III. Ästhetischer Aspekt
IV. Ethischer Aspekt
1. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung
2. Klaus Michael Meyer-Abich: Holistisches Denken in ökologischer und gesellschaftlicher Verantwortung.
V. Schluss
VI. Anmerkungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und die philosophischen Grundannahmen des ganzheitlichen Denkens seit dem 19. Jahrhundert, um das Spannungsfeld zwischen mechanistischen Naturinterpretationen und holistischen Ansätzen in den Disziplinen Biologie, Ethik und Ästhetik zu beleuchten.
- Analyse holistischer Strömungen wie Vitalismus, Spiritualismus und Ökologiebewegung.
- Untersuchung des theoretischen Gegensatzes zwischen mechanistischem Atomismus und organismischem Ganzheitsdenken.
- Erörterung der ästhetischen Wahrnehmung von Natur als "leiblich-seelisch-geistige Einheit".
- Kritische Auseinandersetzung mit ethischen Modellen, insbesondere der biozentrischen Ökoethik.
- Diskussion der Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur im Kontext moderner Technologien.
Auszug aus dem Buch
Klaus Michael Meyer-Abich: Holistisches Denken in ökologischer und gesellschaftlicher Verantwortung.
Sein Konzept der Rechtsgemeinschaft mit der Natur nimmt vor allem die Wissenschaft (und somit deren Verhältnis zur Wahrheit) in den Bereich der Verantwortung. Er erläutert am Beispiel Newtons und Goethes Theorien des Lichts, dass das Wissen sichtbedingt, also subjektiv ist. Es gäbe alternative Wahrheiten, nur hat eben jener Handlungscharakter der herrschenden Wissenschaft den wirtschaftlichen Umgang mit der Natur im Interesse der Industrie erfolgreich ermöglicht – und bis dato zu ermöglichen. „Die Wissenschaft handelt von ihrem Gegenstand so, wie sie ihn behandelt.“ Diese von ihm als Tat-Sachen bezeichnete Erkenntnisart der Wissenschaft zielt gerade nicht auf „(...) die Natur der Dinge, ihr Wesen (...)“ ab. Hier ergibt sich die weitere Sichtweise: Entweder wird die natürliche Mitwelt als Materie und Material für menschliche Zwecke wahrgenommen oder die Erkenntnis ihres jeweiligen Eigenwerts im Ganzen - mit dem Menschen als der Natur bedürftigem Teil - interessiert. Meyer-Abich plädiert für „eine holistische Erkenntnis der Lebenszusammenhänge in Natur und Gesellschaft, denen technische Systeme angemessen sein sollen.“ Dabei fordert er beide Wissenschaftsgruppen, die Natur- und die Sozial-/Geisteswissenschaftler, auf, „das beidäugige perspektivische Sehen“ erheblich weitergehend zu üben. Eine nicht zu unterschätzende Stellung weist er dabei den erkenntnisleitenden Gefühlen zu, die beflissentlich in Wissenschaft, repressiver Politik und Technik vernachlässigt werden. Deshalb lanciert er das Gefühl als „erkenntnisleitend für den Gedanken, daß wir im Erkennen und Handeln den Frieden mit der Natur suchen sollten.“ Eine Wissenschaft wird also, soll sie Fortschritt für den Menschen und die ganze Natur sein, dem stetig anwachsenden „Zerstörungswissen“ abschwören müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vitalismus, Holismus, Spiritualistische Naturforschung, New Age und Ökologie: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene Strömungen, die als Gegenentwurf zum mechanistischen Weltbild fungieren und Einheit sowie Ganzheit in den Fokus rücken.
II. Theoretischer Aspekt: Hier werden die ontologischen Grundannahmen holistischen Denkens analysiert, insbesondere die Vorrangstellung des Ganzen gegenüber den Einzelteilen und die teleologische Betrachtungsweise.
III. Ästhetischer Aspekt: Der Abschnitt befasst sich mit der Wahrnehmung der Natur unter dem Gesichtspunkt des Schönen und fordert eine Abkehr von der klassischen Ausklammerung der Leiblichkeit.
IV. Ethischer Aspekt: Es wird die Transformation von einer anthropozentrischen zu einer biozentrischen Ethik erörtert, wobei die Prinzipien von Hans Jonas und Klaus Michael Meyer-Abich eine zentrale Rolle einnehmen.
V. Schluss: Die Arbeit resümiert, dass das Spannungsfeld zwischen der wissenschaftlichen Objekterkenntnis und einem ganzheitlichen Friedensschluss mit der Natur unaufhebbar bleibt.
VI. Anmerkungen: In diesem Teil werden die verwendeten Quellen und weiterführende Literaturhinweise dokumentiert.
Schlüsselwörter
Ganzheitliches Denken, Holismus, Vitalismus, Mechanismus, Naturinterpretation, Biozentrische Ethik, Ökologie, Verantwortung, Klaus Michael Meyer-Abich, Hans Jonas, Anthropozentrismus, Systemtheorie, Naturwissenschaft, Transpersonaler Zustand, Erkenntnistheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen und systematischen Entwicklung ganzheitlicher Denkmodelle als Gegenposition zum vorherrschenden mechanistischen Weltbild der Naturwissenschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die theoretische Begründung des Ganzheitsbegriffs, die ästhetische Wertschätzung der natürlichen Umwelt sowie die ethische Neuausrichtung des menschlichen Handelns gegenüber der Natur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Spannungsverhältnis zwischen technokratischer Naturbeherrschung und einer ganzheitlichen, verantwortungsbewussten Naturinterpretation aufzuzeigen und philosophisch zu fundieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-hermeneutische Methode, indem sie verschiedene naturphilosophische Ansätze (Vitalismus, Anthroposophie, ökologische Ethik) analysiert und in einen Kontext zueinander stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische, ästhetische und ethische Aspekte, wobei insbesondere die Schichtentheorie, das Prinzip der Verantwortung nach Jonas und das Konzept der Rechtsgemeinschaft mit der Natur nach Meyer-Abich detailliert besprochen werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Ganzheitlichkeit, Ökologie, Verantwortung, Mechanismus vs. Organismus, Anthropozentrismus und Naturphilosophie.
Warum ist die Unterscheidung zwischen "Maschine" und "Organismus" für den Autor so bedeutsam?
Die Unterscheidung ist zentral, um zu verdeutlichen, dass der Organismus über eine immanente Selbstorganisation und ein Selbsterhaltungsstreben verfügt, das eine bloße Maschine nicht besitzt und das bei der ethischen Bewertung der Natur berücksichtigt werden muss.
Welche Rolle spielen Gefühle nach Meyer-Abich im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess?
Meyer-Abich wertet Gefühle als "erkenntnisleitend" auf; er fordert, dass Wissenschaft nicht nur rein technisch-rational agiert, sondern das Gefühl des Menschen als Teil einer umfassenden Lebensgemeinschaft in den Erkenntnisprozess einbezieht.
- Arbeit zitieren
- Anton Distler (Autor:in), 2004, Ganzheitliches Denken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21927