Der Dokumentarfilm. Authentische Abbildung oder Montage der Wirklichkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Wirklichkeit und Realität Gedanken zur Erkenntnistheorie
1.1 Die Ordnung der Wirklichkeit

2 Die Abbildung der Wirklichkeit im Dokumentarfilm
2.1 Film ist immer Fiktion
2.2 Der Dokumentarist und seine Subjektivität
2.3 Der zuschauende Rezipient

3 Montage der Wirklichkeit Propagandainstrument Film
3.1 Der Kompilationsfilm
3.2 Die Herstellungsbedingungen
3.2.1 Der „Kuleschow-Effekt“

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Darstellung von Wirklichkeit im

Dokumentarfilm. Einleitend definiere ich, wie die Begriffe Wirklichkeit und Realität in dieser Arbeit verwendet werden. Danach setze ich mich mit der Abbildung der Wirklichkeit im Dokumentarfilm auseinander. Diesbezüglich beschäftige ich mich besonders mit der Subjektivität des Dokumentaristen und der Glaubwürdigkeit des dokumentarischen Werkes. Die Arbeit vertritt die These, dass sich Dokumentarfilme im Grenzbereich zur inszenierten Wirklichkeit befinden. In Verbindung mit dieser These werde ich das umstrittene Filmgenre des Kompilationsfilm einbeziehen. Gerade bei den Kompilationsfilmen wird durch geschickte Filmmontage archiviertes Dokumentarmaterial thematisch wie stilistisch verändert.

Das eigentliche Ziel dieser Arbeit ist es, einen groben Überblick darüber zu geben, wie die Wirklichkeit im Dokumentarfilm abgebildet wird und wann eine bewusste Beeinflussung des Betrachters stattfindet.

1 Wirklichkeit und Realität. Gedanken zur Erkenntnistheorie.

Vorwegnehmend ist zu erwähnen, dass die Frage nach der Wirklichkeit mit einem uralten Streit verschiedener philosophischer Denkansätze verbunden ist. Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit kann ich im Detail auf diesen Aspekt nicht weiter eingehen.

Kommunikationswissenschaftler wie Klaus Merten beziehen sich bei der Frage nach der Wirklichkeit auf den Konstruktivismus.1

Kroeber sieht den gemeinsamen Ausgangspunkt dieser keineswegs einheitlichen Theorie darin, „dass wir Menschen durch bestimmte Leistungen unseres Bewusstseins Wirklichkeitsvorstellungen konstruieren“2.

Die Konsequenz dieses Grundgedankens ist,

„dass es außerhalbunserer kognitiven Wirklichkeit eine Realität gibt, die den Anlass für unsere Wirklichkeitskonstruktionen bietet. Wie diese Realität ‚an sich ist, entzieht sich unserer Erkenntnismöglichkeit, da wir nur die Wirklichkeit kennen, die wir wahrnehmen und in der wir handelnd und kommunizierend leben.“ 3

Demnach ist es dem Menschen alleine durch seine Wahrnehmungsbedingungen unter keinen Umständen möglich, die Welt insgesamt oder teilweise außerhalb seiner eigenen physischen und psychischen Grenzen zu erkennen. Die Wirklichkeit des einzelnen ist daher beobachterabhängig und jeweils individuell.

In Indien werden seit Hunderten von Jahren Elefanten als Arbeitstiere abgerichtet. Ein kleiner Babyelefant wird mit einer schweren Eisenkette an einen großen Baum gebunden. Im Laufe der Zeit nehmen die Stärke der Kette und die Größe des Baumes immer mehr ab. Der ausgewachsene Elefant lässt sich mit einem dünnen Band an einem grünen Zweig festbinden, ohne dass er sich befreien würde. Die im kleinen Elefanten entstandene Überzeugung „Ich bin gefangen“ hat seine Wahrnehmung so geprägt, dass jeglicher Impuls, seine Freiheit wieder zu erlangen, verloren gegangen ist. Es kommt ihm gar nicht mehr in den Sinn, die Realität der Gefangenschaft zu überprüfen. Sie ist zu einer unumstößlichen Tatsache geworden.4

1.1 Die Ordnung der Wirklichkeit

Paul Watzlawick, renommierter Psychiater und Schriftsteller, betrachtet den Konstruktivismus in Bezug auf die menschliche Kommunikation.

Die praktischen Erfahrungen zu seinen Theorien gewann Watzlawick in seiner therapeutischen Arbeit mit Schizophrenen. In der Psychatrie hat sich die Annahme einer ontologischen Wirklichkeit bis in die 60er Jahre gehalten, die besagt, dass es eine objektive - also absolute und unabhängige Wirklichkeit gibt. Es wurde angenommen, dass sich normale Menschen dieser ontologischen Wirklichkeit klarer bewusst sind als sogenannte Geistesgestörte. Schizophrene besitzen oft dieselbe Wirklichkeit erster Ordnung wie Normale, schreiben ihr aber eine ganz andere Wirklichkeit zweiter Ordnung zu.

Watzlawick sieht folgenden Unterschied zwischen der Wirklichkeit erster und zweiter Ordnung. Die Wirklichkeit erster Ordnung bezieht sich auf die physikalischen Eigenschaften eines Objekts. Die Zuschreibung von Sinn, Bedeutung und Wert dieses Objektes erfolgt in der Wirklichkeit der zweiten Ordnung. Als Beispiel nennt er den Optimisten und den Pessimisten, die sich über das halbvolle bzw. halbleere Weinglas unterhalten. Beide haben zwar dieselbe Wirklichkeit erster Ordnung, aber zwei grundverschiedene Wirklichkeiten zweiter Ordnung.5

Es entsteht also im Individuum selbst eine subjektive Erfahrungswelt, die jedoch keinen Rückschluss auf eine ontologische, d.h. objektive Realität ermöglicht. Jegliche Sinneswahrnehmungen sind im konstruktivistischen Sinne ein reines Konstrukt des Gehirns aus elektrischen Impulsen, die den bisherigen Erfahrungen angepasst werden oder zu einer Änderung der Erfahrungsorganisation im Gehirn führen.

2 Die Abbildung der Wirklichkeit im Dokumentarfilm

Der Begriff des Dokumentarfilms wird von dem lateinischen Terminus documentum abgeleitet. Er wird mit Beglaubigung und Beweis übersetzt. Als Antwort auf die Frage, was der Dokumentarfilm beweisen soll, gibt Manfred Hattendorf die Realität an.6 Wie bereits einleitend betrachtet, ist die Realität sowohl subjektiv als auch objektiv gegeben und verschieden zu interpretieren.

Umfangreicher definiert Eva Hohenberger einen Dokumentarfilm. Sie zitiert nach Roth:

„Als Dokumentarfilm anerkannt wird in der Regel ein Film, der Ereignisse abbildet, die auch ohne Anwesenheit der Kamera stattgefunden hätten, in dem reale Personen in ihrem Alltag auftreten - ein Film also, der sich an das Gefundene hält.“7

[...]


1 vgl. Merten, Klaus: Die Wirklichkeit der Medien, Opladen 1994, S. 219

2 Kroeber, Burkart: Clinque scritti morali, hrsg. Eco, Umberto, München 1998, S. 297

3 Kroeber, a.O., S. 297

4 http://www.one-tao.com/workshops/wirklichkeit.htm, 24.07.2003

5 vgl. Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? München 1976, S. 54

6 vgl. Hattendorf, Manfred: Dokumentarfilm und Authentizität. Ästhetik und Pragmatik einer Gattung, Konstanz 1994, S. 153

7 Hohenberger, Eva: Die Wirklichkeit des Film. Dokumentarfilm-ethnologischer Film, München 1988, S. 22

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Dokumentarfilm. Authentische Abbildung oder Montage der Wirklichkeit
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Gestaltung)
Veranstaltung
Filme aus Filmen
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V22087
ISBN (eBook)
9783638255172
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dokumentarfilm, Abbildung, Montage, Wirklichkeit, Filme, Filmen
Arbeit zitieren
Nicolas Widera (Autor), 2003, Der Dokumentarfilm. Authentische Abbildung oder Montage der Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22087

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