Franz Kafka: Das Urteil - Vergleich einer werkimmanenten mit einer hermeneutischen Interpretation


Seminararbeit, 2004
12 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eine hermeneutische Interpretation

3 Eine werkimmanente Interpretation

4 Abschlussbetrachtungen

Literatur

1 Einleitung

Kafkas „Urteil“ ist häufig und schon auf vielerlei Weise interpretiert worden. Das mag einerseits daran liegen, dass die Geschichte als Durchbruch zu Kafkas unverwechselbarem Stil betrachtet wird, der geradezu zu verschiedenen Deutungsansätzen einlädt. Andererseits wirkt die Geschichte bis zu dem Gespräch zwischen Vater und Sohn sehr klar und deutlich. Sie entzieht sich dem Leser abrupt, wodurch man überrascht wird und anfängt sich Gedanken über den dahinter stehenden Sinn oder die Aussage dieser Geschichte zu machen.

Diese Arbeit beabsichtigt, zwei verschiedene Herangehensweisen der Interpretation, die hermeneutische und die werkimmanente, anhand der Arbeiten von Jürgen Demmer „Franz Kafka – Dichter der Selbstreflexion“ und Helmut Richter „Das Urteil“ darzustellen und miteinander zu vergleichen.

2 Eine hermeneutische Interpretation

Jürgen Demmer geht sehr ausführlich auf die Hintergründe zu dieser Geschichte in Kafkas Leben ein. Kafka schrieb die Geschichte innerhalb von 10 Stunden in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912. Sechs Wochen vorher hatte er seine spätere Verlobte Felice Bauer, der die Geschichte gewidmet ist, kennen gelernt. Nach Demmer bezeichnet Kafka die Geschichte in Tagebüchern und Briefen selbst als sinnlos und unerklärbar und gibt an, dass sie innere Wahrheit enthalte, die die Leser entweder zugeben oder leugnen würden. Darüber hinaus verweist er auf die Verwandtschaft zwischen seinem Namen mit Georgs und dem F. Bauers mit Friedas, der Verlobten Georgs, meint aber, dass F. Bauer in der Geschichte nicht vorkäme. Später bezeichnet er die Geschichte als einen Rundgang um Vater und Sohn und den Freund als die größte Gemeinsamkeit zwischen den beiden. Deshalb soll im Folgenden zuerst das Verhältnis zwischen Georg und seinem Freund dargestellt werden.

Demmer betont, dass sich dieses Verhältnis mit dem Aufschwung und der umfangreicheren Rolle Georgs im väterlichen Geschäft ändert. Georg hatte ursprünglich keine Möglichkeit, sich im Geschäft als Kaufmann zu behaupten, doch durch die Trauer um die Mutter hat sich sein dominanter Vater zurückgezogen, wodurch Georg mehr Verantwortung übertragen wurde. Vor dem Tod seiner Mutter hatte Georg die Gelegenheit, wie sein Freund auszuwandern, um seine Selbständigkeit vom Vater zu erreichen. Dadurch ist er mit dem Freund verbunden, weil er durch ihn die Möglichkeit zu zwei Lebenswegen hatte, die im Grunde genommen immer noch offen stehen. Der eine Weg führt in die Fremde und die Unabhängigkeit, der andere zum beruflichen Erfolg und der Abhängigkeit vom Vater.

Mittlerweile erübrigt sich dieser Schritt für ihn, da er in der Heimat seine Selbständigkeit erlangt hat, der Vater ihn scheinbar gewähren lässt und er vorhat, ein Mädchen aus gutem Kreise zu heiraten. Er wagt es nicht, den Freund über die für ihn positive Veränderung in seinem Leben zu unterrichten, stattdessen versucht er ihn in dem Glauben zu lassen, dass sich das Leben in der Heimat nicht verändert habe. In der Geschichte gibt er an, so zu handeln, um den Freund nicht zu kränken. Demmer ist der Ansicht, dass Georg Angst hat, dass der Freund ihm andernfalls gefährlich werden könnte, was er damit begründet, dass er psychisch von seinem Freund derart abhängig zu sein scheint, dass er dessen Einfluss fürchtet. Diese Abhängigkeit basiert darauf, dass eigentlich ein Teil in ihm dem Weg des Freundes zugeneigt ist. Da die Braut verlangt, den Freund kennen zu lernen, beschließt Georg, dem Freund doch alles in einem Brief mitzuteilen.

Das eben Geschilderte greift in das Verhältnis zwischen Georg und seinem Vater. Die beiden scheint außer den gemeinsamen Mahlzeiten nichts Tiefergehendes zu verbinden, was deutlich wird, als Georg „(…) in das Zimmer seines Vaters [geht], in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war[,]“ (Kafka, 2001: 11-12) um seinem Vater mitzuteilen, dass er seinen Freund über die Hochzeit informieren möchte, woraufhin sich ein Machtkampf zwischen den beiden entfacht, in dem der Vater ihm vorwirft, ihn, den Freund und die Mutter verraten zu haben. Nach Demmer entspricht das Verhalten des Vaters Georg gegenüber dem im „Brief an den Vater“ geschilderten Verhalten von Kafkas Vater seinem Sohn gegenüber. In der Geschichte hindert der Vater Georg an seiner Tätigkeit, weil er keine andere Ansicht gelten lassen will, was sich bei Kafkas Vater, Hermann Kafka, und seinem Sohn ähnlich verhielt. Da Kafka nach Demmer bei der Person Georg Bendemanns an sich dachte, schlussfolgert Demmer daraus, dass er anhand des Freundes das Dasein als Schriftsteller und durch den Vater einen bürgerlichen Beruf dargestellt hat und damit seinen Konflikt, zwischen diesen beiden Möglichkeiten wählen zu müssen. Der junge Kafka stellte sich in dieser Geschichte nach Demmer vor, wie das Leben für ihn wäre, wenn er einen Beruf ergreifen und damit dem Weg des Vaters folgen würde, womit sich nach Kafkas Ansicht durch sein Eintreten in einen Bereich, in dem der Vater tätig war, eine Konkurrenz zwischen ihnen ergeben würde. Er konnte sich auch nicht vorstellen, Kaufmann zu werden und wusste, dass er zum Schreiben bestimmt war.

Um zu der Beziehung zu Felice Bauer zurückzukommen, merkt Demmer an, dass mit Frieda, der Braut, nicht Felice Bauer gemeint ist, sondern ein Zusammenhang zwischen ihrer Beziehung zu Kafka und der Beziehung Georgs besteht. Georgs Verlobung wird nach Demmer nur in Verbindung mit dem Freund erwähnt. Sie bringt Georg in Schwierigkeiten im Hinblick auf die Freundschaft, weil sein Freund sich durch die Heirat geschädigt fühlen würde. Da Kafka im Freund sein Dasein als Schriftsteller darstellte, ist zu vermuten, dass er sich hier die Schwierigkeiten vor Augen hielt, die eine Beziehung für seine schriftstellerische Tätigkeit bedeuten würde, womit der Zusammenhang zur Geschichte gegeben wäre. Kafka zögerte sechs Wochen ehe er den Kontakt zu F. Bauer aufnahm und schrieb zwei Tage nach seinem ersten Brief an sie „Das Urteil“. Er gab an, dass diese Geschichte so eng mit ihm verbunden sei, dass nur er die Beziehungen in ihr erkennen könne, weshalb sie wohl mit diesem langen Zögern zusammenhängen muss. Aus seinen Briefen an F. Bauer geht hervor, dass er nur für das Schreiben lebte und aus seinen Tagebucheinträgen, dass es ihm scheinbar nicht vergönnt war, eine Verbindung einzugehen, da er sich dabei in seinem Schreiben gestört gefühlt hätte, weil er nur schreiben konnte, wenn er alleine war. Schließlich hielt er um ihre Hand an. Wenige Tage später schrieb er ihrem Vater jedoch, dass er dadurch, dass er im Schreiben seinen Lebensinhalt erkannt habe, nicht für eine Heirat geeignet sei. Den Konflikt zwischen der Angst als Junggeselle zu vereinsamen und der Ehe verbunden mit der Angst sein Schreiben zu gefährden hatte er auch vorher schon.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Franz Kafka: Das Urteil - Vergleich einer werkimmanenten mit einer hermeneutischen Interpretation
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
PS
Autor
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V22161
ISBN (eBook)
9783638255806
ISBN (Buch)
9783638759588
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafka, Urteil, Vergleich, Interpretation, Thema Das Urteil
Arbeit zitieren
Angelina Kalden (Autor), 2004, Franz Kafka: Das Urteil - Vergleich einer werkimmanenten mit einer hermeneutischen Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22161

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