Nachhaltige Entwicklung und Tourismus. Ein Widerspruch?

Probleme, räumliche Muster und Lösungsmöglichkeiten anhand ausgewählter Beispiele


Seminararbeit, 2002
34 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der Schaubilder und Tabellen

I. Einleitung

II. Tourismus – Grundlagen
1. Begriffsdefinitionen
2. Historische Entwicklung des Tourismus
3. Aktuelle Trends des Tourismus
4. Formen des Tourismus

III. Das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung

IV. Nachhaltigkeit und Tourismus
1. Akteure eines nachhaltigen Tourismus
2. Raumwirksamkeit des Tourismus und Implikationen für eine nachhaltige Entwicklung
2.1. Die ökonomische Dimension
2.1.1. Zahlungsbilanzeffekt (Leistungsbilanzeffekt)
2.1.2. Produktions- und Wertschöpfungseffekt
2.1.3. Beschäftigungseffekt
2.1.4. Einkommens- und Multiplikatoreffekte
2.1.5. Saisonalität der Nachfrage und Herkunft der Touristen
2.1.6. Abbau räumlicher Disparitäten
2.1.7. Implikationen für eine ökonomische Nachhaltigkeit
2.1.7.1. Diversifizierung des touristischen Angebots
2.1.7.2. Binnentourismus
2.2. Die Sozio-Kulturelle Dimension
2.2.1. Demonstrationseffekte
2.2.2. Relative Deprivation
2.2.3. Implikationen für einen soziokulturelle Nachhaltigkeit
2.3. Die Ökologische Dimension
2.3.1. Transport
2.3.2. Ökologische Auswirkungen des Tourismus in der Zielregion
2.3.3. Implikationen für eine ökologische Nachhaltigkeit
2.4. Integration der Dimension
2.4.1. Dimensionen übergreifende Nachhaltigkeitsaspekte des Tourismus
2.4.2. Konfliktäre, dimensionenübergreifende Nachhaltigkeitsaspekte des Tourismus
2.4.2.1. Dispersionsstrategie
2.4.2.2. Konzentrationsstrategie
2.4.3. Gemeinsamkeiten der Strategien

V. Fazit

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Schaubilder und Tabellen

Schaubilder

Schaubild 1: Die Verteilung der Brutto-Devisen-Einnahmen aus dem Tourismus und der touristischen Ankünfte des Welttourismus auf Ländergruppen und Kontinente

Schaubild 2: Kriterien für eine nachhaltige Entwicklung

Schaubild 3: Die Saisonalität der Fremdenmeldungen in- (gepunktete Balken) und ausländischer (schraffierte Balken) Touristen (Ankünfte) in Phuket im Jahr 1993

Tabellen

Tabelle 1: Vergleich ausgesuchter Kriterien der touristischen Nachfrage der Jahre 1991 und 1994

Tabelle 2: Verkehrsmittelwahl bei Haupturlaubsreisen (ABL) 1995-1994

Tabelle 3: Energieverbräuche pro Person bei einem Transport auf einer 2.500 km langen Land- bzw. 1.950 km langen Flugreise, gemessen in Megajoule

I. Einleitung

Tourismus und Nachhaltige Entwicklung, zwei schillernde Begriffe. Ersterer bezeichnet ein Phänomen, das sich seit der Industrialisierung wachsender Beliebtheit erfreut und ein wesentlicher Bestandteil der aktuellen weltweiten Entwicklung der Globalisierung sowie der Entwicklung von der Industrie- hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft darstellt.

Nachhaltige Entwicklung bezeichnet eine Konzeption im politischen, aber auch im alltäglichen Denken und Handeln, die aufgrund einer Einsicht entstanden ist, dass die Menschheit „nicht mehr so weitermachen kann, wie bisher“, will sie ihre Existenzgrundlagen langfristig sichern.

Sätze wie „Der Tourist findet, was er sucht, indem er es zerstört“ weisen uns daraufhin, dass das Anwenden des Prinzips der Nachhaltigkeit auch auf den Tourismus möglich, vielleicht gar zwingend nötig ist, will man sich weiterhin am Erleben und Genießen schöner Landschaften und fremder Kulturen erfreuen.

Diese Hausarbeit möchte der Frage nachgehen, ob ein nachhaltiger Tourismus möglich ist und wenn ja, wie man einen solchen erreichen kann.

Dabei werden zunächst Grundlagen zum Begriff, zur Geschichte und aktuellen Trends sowie zu den Motiven des Tourismus angesprochen. Des weiteren soll nach einer Darstellung des Konzepts der Nachhaltigkeit erörtert werden, wie der Tourismus auf eine Zielregion einwirkt, welche Probleme entstehen und wie man sie lösen oder mindern kann, falls der Tourismus seinen Beitrag zu einer Nachhaltigen Entwicklung leisten soll.

II. Tourismus – Grundlagen

1. Begriffsdefinitionen

Die Welt-Tourismus-Organisation (WTO) definiert Tourismus wie folgt: „Tourism is defined as the activities of persons travelling to and staying in places outside their ususal environment for not more than one consecutive year of leisure, business and other purposes not related to the exercise of an activity remunerated from within the place visited” (www.world-tourism.org am 12.10.01). Dies ist eine recht weit gefasste Begriffsabgrenzung. Andere, enger gefasste Definitionen von „Tourismus“ setzen den Schwerpunkt insbesondere beim Erholungscharakter einer Reise.

Reisen besteht also im wesentlichen aus:

- Ortswechsel, der mit einem Transportmittel (Bus, Bahn, Flugzeug, PKW, Schiff etc.) durchgeführt wird
- Dem vorübergehenden Aufenthalt an einem fremden Ort. Darin enthalten ist die räumliche Dimension des Zielortes im Sinne von der Art der Unterkunft (Hotel, Ferienwohnung, Privatunterkunft bei Verwandten oder Freunden etc.) sowie die zeitliche Dimension der Aufenthaltsdauer am Zielort (Stunden, Tage, Wochen etc.)
- Die Motive des Ortswechsels, wie Reisen zwecks Erholung („Urlaub“), aus beruflichen bzw. gesellschaftlichen Gründen, zu Bildungszwecken etc.

Die Raumüberwindung sowie den Aufenthalt am fremden Ort bezeichnet man auch als „konstitutive Elemente des Fremdenverkehrs oder Reisens“ (vgl. FREYER 1995, 2ff.)

Des weiteren ist zu beachten, dass es außerhalb der wissenschaftlichen Definition von “Tourismus” auch , insbesondere im Bereich der amtlichen Statistik, zu sehr unterschiedlichen Merkmalsabgrenzungen kommen kann.

Es ist eine Eigenart im deutschsprachigen Raum, dass neben dem Begriff „Tourismus“, der v.a. seit dem 2.Weltkrieg gebräuchlich ist und sich an das englische „tourism“ (bzw. das franz. „tourisme“ oder das ital. „turismo“) anlehnt noch der Begriff „Fremdenverkehr“ - seit dem 19. Jh. verwendet - existiert. Werden sie in der Wissenschaft synonym verwendet, so kann es außerhalb davon zu unterschiedlichem inhaltlichem Verständnis dieser beiden Begriffe kommen. Zum einen wird „Tourismus“ als ein alle Aspekte des Reisens abdeckender Begriff verstanden und „Fremdenverkehr“ lediglich als Sonderfall für Reisen innerhalb des Binnenlandes. Zum anderen wird „Fremdenverkehr“ als weiter Begriff für alle Arten des Reisens von In- und Ausländern ins Inland und „Tourismus“ als enger Begriff im Sinne von Erholungsreisen (gelegentlich auch nur solche, die ins Ausland führen) verwendet (vgl. KULINAT/STEINECKE 1984, 19 und FREYER 1995, 397ff.).

Für eine ausführliche Übersicht über das Begriffsabgrenzungsproblem, auch bezüglich „Reiseverkehr“ und „Touristik“ siehe FREYER 1995, 398ff.

2. Historische Entwicklung des Tourismus

Menschen führen seit jeher Reisen durch, indem sie eine Distanz zwischen zwei Orten überwinden. In der zeitlichen Entwicklung des Reisens haben sich jedoch die Motive grundlegend geändert: in der Antike oder dem Mittelalter erfolgte eine Reise i.d.R. zweckgebunden: wirtschaftliche, politische oder religiöse Motive standen im Vordergrund (z.B.: Wallfahrten, Handelskarawanen, Kreuzzüge, Entdeckungs- und Erholungsfahrten etc.). Die Reise als solche wurde als notwendiges und unbequemes Mittel angesehen, um dem gewünschten Reisezweck dienen zu können (vgl. KULINAT/STEINECKE 1984, 40f.).

Erst im 17. und 18. Jh. Entwickelte sich insbesondere im englischen Adel mit der sogenannten „Grand Tour“ eine erste nicht direkt zweckgebundene Form des Reisens, deren Motiv neben der Bildung auch im Vergnügen angelegt waren. Nach der engeren Tourismusdefinition kann man sie als „erste Touristen“ bezeichnen. Generell bezog sich diese neue Form des Reisens zunächst auf eine dünne gesellschaftliche Oberschicht.

Im Laufe des 19. Jh. dehnte sich ,zum einen durch die neuen technischen Erfindungen, insbesondere der Eisenbahn als Massentransportmittel, aber auch durch das Gewähren von Urlaubstagen für die Arbeitnehmer, das zweckungebundene Reisen und somit der Tourismus auf weitere Bevölkerungsschichten aus. Im Jahre 1841 organisierte Thomas Cook die erste Pauschalreise: Bahnreise von Leicester nach Loughborough mit einer Distanz von 10 Meilen. Im Reisepreis von 1 Schilling waren Hin- und Rückfahrt, Tee, Rosinenbrötchen und Blasmusik enthalten (vgl. FREYER 1995, 6ff und BECKER/JOB/WITZEL 1996, 13).

Durch die technische, ökonomische und soziale Entwicklung erfuhr der Tourismus eine starke Aufwertung. Als Gründe wären zu nennen: seit der Industrialisierung gestiegene Volkseinkommen, auch unter Einbeziehung unterer Einkommensschichten, die zeitliche Ausweitung der Freizeit durch Arbeitszeitverkürzung und Urlaubstagen und nicht zuletzt das aufkommen des Pkws sowie des Düsenflugzeugs als Massentransportmittel. So dass man dann spätestens ab den 1960er Jahren vom „Massentourismus“ spricht (vgl. z.B. FREYER 1995, 9f oder KULINAT/STEINECKE 1984, 51ff.). Schaubild 1 verdeutlicht den globalen Wachstum des Tourismus im Vergleich der Jahre 1981, 1986 und 1994, dargestellt an den Merkmalen Bruttodeviseneinnahmen in US-Dollar und Anzahl der touristischen Ankünfte, geordnet nach großräumlichen Zielgebieten, in Personenanzahl.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erwähnenswert ist, dass diese Entwicklungen zunächst in Europa und den USA stattgefunden haben. Sie gelten heute gemeinsam mit Japan als Haupt-Quellgebiete des internationalen Tourismus. Seit jeher sind Europa und die USA ebenfalls wichtige Zielgebiete des Tourismus, doch seit dem 2.Weltkrieg sind auch v.a. wegen der Benutzung von Düsenflugzeugen auch von den Quellgebieten entferntere Länder, insbesondere Entwicklungsländer, Zielgebiete des Massentourismus geworden (vgl. VORLAUFER 1999, 17ff.). Mit dem Massentourismus weitete sich der Flächenbedarf in Zielgebieten des Tourismus stark aus, v.a. was Verkehrsinfrastruktur (Flugplätze, Straßen, Parkraum etc.) und Freizeitinfrastruktur (Gastronomie, Campingplätze, Sportanlagen, Marinas etc.) betrifft. Die Bedeutung und Penetration des Tourismus für Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft verstärkt sich seit der Initiierung des Massentourismus zusehends (vgl. ELLENBERG/SCHOLZ/BEIER 1997, 47ff.)

3. Aktuelle Trends des Tourismus

Seit den 1980er Jahren ist generell ein Wandel im Reiseverhalten der Touristen zu erkennen. Trotz weiterer Dominanz des Massentourismus gewinnen neue Tourismusformen an Bedeutung. Ein genereller Trend führt zur Nachfrage nach kürzeren aber häufigeren Reisen. Auch hat eine Entwicklung von einem Entspannungs- zu einem Aktivitätsorientierten Reiseverhalten eingesetzt. Zunehmenden Wert legen Touristen auch auf eine intakte Umwelt, so ist das Reisemotiv „Natur erleben“ laut einer empirischen Datenerhebung der „Reiseanalyse“ von 39% in 1983 auf 56% in 1991 angestiegen (vgl. BECKER/JOB/WITZEL 1996, 17f.).

4. Formen des Tourismus

Als kausale Kriterien, d.h. hinsichtlich der Reisemotive kann man folgende Auftrittsformen des Tourismus beschreiben (gemäß der weiteren Begriffsabgrenzung)

- Urlaubs- oder Erholungsfremdenverkehr (z.B. Strand-, Trekking-, Kreuzfahrt-, Golftourismus)
- Heilbäder- oder Kurfremdenverkehr
- Besichtigungsfremdenverkehr (v.a. Kultur- und Bildungswesen)
- Durchgangsfremdenverkehr
- Geschäfts- oder Berufsfremdenverkehr (incl. Messe- oder Kongresstourismus)
- Naherholungsverkehr

Als „Binnentourismus“ bezeichnet man touristische Aktivitäten von Inländern innerhalb des Inlandes, als „Internationaler Tourismus“, wenn die touristischen Aktivitäten grenzüberschreitend sind.

Es ist zu bemerken, dass man Tourismusformen auch gemäß anderer Differenzierungen als der hier vorgestellten (nach Meinung des Verfassers maßgeblichereren Differenzierung) vornehmen kann

- temporal (Reisedauer)
- modal (Art der Unterkunft und Verkehrsmittel)
- saisonal (jahreszeitliche Verteilung der Nachfrage)
- organisatorisch

Andere Differenzierungssysteme grenzen Tourismusformen nach demographischen (Alter, Geschlecht, Einkommen, Beruf etc.) und verhaltensorientierten (Aktivitäten, Verkehrsmittel, Reisepreis etc.) Kriterien ab. Außerdem kann man Touristen in sozial-psychologische Kategorien einteilen, um deren Verhalten am Zielort der Reise beschreiben zu können (Bsp.: Abenteuerurlauber, Sporturlauber, Sonne-, Sand- und Sexorientierte Urlauber etc.) insbesondere, wenn es sich um den enger eingegrenzten Tourismusbegriff handelt (Erholung)

(vgl. FREYER 1995, 72ff.; KULINAT/STEINECKE 1984, 34ff; VORLAUFER 1999, 54ff.)

III. Das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung

Seit Veröffentlichung des Berichts der Kommission für Umwelt und Entwicklung –oft auch als „Brundtland-Bericht“ bezeichnet- ist Nachhaltige Entwicklung ein weltweites Leitbild für eine Entwicklung, die dauerhaft „eine umweltgerechte, an der Tragfähigkeit der ökologischen Systeme ausgerichtete Koordination der ökonomischen Prozesse ebenso ein[schließt] wie entsprechende soziale Ausgleichsprozesse zwischen den in ihrer Leistungskraft immer weiter divergierenden Volkswirtschaften“ (BECKER/JOB/WITZEL 1996, 1). Eine derartige Entwicklung, die über die ökonomische Dimension hinaus auch die soziokulturelle und insbesondere die ökologische berücksichtigt scheint angesichts des Entwicklungsstandes der Menschheit angebracht: man nimmt an, dass 40% der jährlichen Photosynthese-Nettoprimärproduktion aller landlebenden Pflanzen zur direkten oder indirekten Bedarfsdeckung menschlichen Wirtschaftens aufgebraucht werden, darüber hinaus wächst die Weltbevölkerung in starkem Maße ebenso wie ihre Konsumgewohnheiten. Die Definition der World Commission on Environment and Development (WCED): „Sustainable Development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“ verdeutlicht insbesondere den dynamischen, temporalen Aspekt. Zum einen geht es um Gerechtigkeitsaspekte innerhalb der zeitgenössischen Generation, zum anderen um solche zwischen der heute lebenden und den zukünftigen Generationen. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung ist ein normatives Konzept, denn es kann im Wesentlichen nur Handlungsempfehlungen geben. Es bewegt sich darüber hinaus in Bereichen der Unsicherheit: intragenerational deshalb, weil die globale Erfassung von „nicht nachhaltigen“ Zuständen der drei Dimensionen eine sehr hohe Komplexität aufweist und intergenerational, weil das Konzept der zeitgenössischen Generation Handlungsempfehlungen gibt, die auch in die Zukunft gerichtet sein sollen. Dabei können aber wegen des Zugrundelegens des heutigen Wissens zukünftige kulturelle, sozioökonomische, ökologische und v.a. auch technische Entwicklungen nicht bzw. nur vage antizipiert werden (vgl. HEIN 1997, 361ff.).

Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit sollen in direkter Beziehung zueinander stehen und zwar so, als dass bei der Formulierung (bzw. Implementierung) von Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Entwicklung immer diese drei Dimensionen zugleich und in ihrer Gesamtheit und unter Berücksichtigung ihrer Interdependenzen betrachtet werden. (vgl. BOHLE/GRENER 1997, 735)

Folgendes Schaubild gibt eine Übersicht über die einzelnen Kriterien als auch die Interdependenzen der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

IV. Nachhaltigkeit und Tourismus

Auch auf den Tourismus kann das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung übertragen werden. Relevanz erhält es insbesondere dann, wenn die „maximale touristische Nutzung eines Raumes ohne Negativeffekte auf die natürlichen Ressourcen, die Erholungsmöglichkeiten der Touristen sowie auf Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur des Gastlandes [...] überschritten werden“. Diese Tragfähigkeit ist abhängig von der Wirtschafts- und Sozialstruktur sowie dem Fragilitätsgrad der natürlichen Destinationen eines Tourismus-Gastlandes (VORLAUFER 1999, 274).

1. Akteure eines nachhaltigen Tourismus

Aufgrund der Multidimensionalität des Nachhaltigkeitskonzeptes ist es wichtig, die Akteure bzw. Interessengruppen („stakeholder“) im Tourismus zu benennen, die Einfluss auf eine nachhaltige Tourismusentwicklung nehmen können.

Swarbrooke nennt die folgenden:

- Host Community

Obwohl eine genaue Abgrenzung dieser Stakeholder-Gruppe schwierig ist, kann man sie im allgemeinen als alle Personen, die in einem touristischen Zielgebiet leben, zusammenfassen. Es ist eine sehr heterogene Gruppe, die sehr verschiedene, teilweise konfliktäre Merkmale aufweist. Sie kann fragmentiert werden z.B. in

- Eigentümer touristischer Betriebe
- Arbeitnehmer touristischer Betriebe
- Nicht wirtschaftlich am Tourismus Beteiligte
- Personen, die im wesentlichen ausschließlich negative Auswirkungen des Tourismus erleiden (Lärm, Abgase etc.)

(vgl. SWARBROOKE 1999, 123)

- Der Öffentliche Sektor (Staat)

Darunter werden alle Organisationen subsummiert, die das öffentliche Interesse repräsentieren, keine kommerziellen Ziele verfolgen und politisch durch Instrumente der Gesetzgebung und Regulierung, Steuereinnahmen und –ausgaben, Raumplanung und sonstige exekutive Maßnahmen den Tourismus beeinflussen können (vgl. SWARBROOKE 1999, 87f.)

- Die Tourismusindustrie

Darunter fallen alle (privaten) Organisationen des touristischen Angebotes bzw. Unternehmungen mit Gewinnbestrebung, die diverse touristische Dienstleistungen anbieten. Swarbrooke unterscheidet nach geographischen Aspekten folgende Sektoren der Tourismusindustrie:

- Erzeugende Zone (Generating Zone)
- Unternehmen, die in den touristischen Quellgebieten agieren, wie Reisegesellschaften, Reisebüros, Reisemedienbranche, Reisemarketingagenturen etc.
- Übergangszone (Transition Zone)
- Unternehmen der Transportindustrie, die die Touristen von den Quell- in die Zielgebiete transportieren wie Flug-, Bus-, Bahn- und Fluggesellschaften
- Zielzone (Destination Zone)
- Unternehmen, die Dienstleistungen an den touristischen Zielorten anbieten, wie Hotellerie, Gastronomie, Touristenführer und –informationsbüros, lokale Verkehrsdienstleister etc.

(vgl. SWARBROOKE 1999, 104f.)

Bezüglich der Größe und Eigentümerstruktur von Tourismusunternehmen wird häufig zwischen transnationalen (TNC) und lokalen Unternehmen differenziert. Merkmal ersterer ist es, dass sie von einem Stammland aus global tätig sind und eine Akkumulation wirtschaftlicher und politischer Macht darstellen . Weitere Merkmale sind mangelndes Wissen über das Zielgebiet und die Gewinne der TNC fließen i.d.R. dem Stammland und nicht dem touristischen Zielgebiet zu. Insbesondere für Entwicklungsländer wird dies als Problem angesehen (vgl. VORLAUFER 1996a, 91). Demgegenüber zeichnet lokale, kleine Tourismusunternehmen aus, dass die Erträge den Zielgebieten zugute kommen, eine erhöhte Sensibilität bezüglich der sozialen und ökologischen Probleme der Zielorte haben und die Profitorientierung eher langfristiger Art ist. Generell wird häufig davon ausgegangen, dass die Arbeits- und Entgeltbedingungen bei TNC besser sind als bei lokalen, kleingewerblichen Tourismusunternehmen (vgl. SWARBROOKE 1999, 107f.)

- Die Touristen

Das sind die Nachfrager nach touristischen Dienstleistungen. Die Nachfrage wird beeinflusst durch individuelle, gesellschaftliche, ökologische, ökonomische, Anbieter- und staatliche Einflüsse. (FREYER 1995, 50). Im wesentlichen werden also durch die touristische Nachfrage alle im Sinne des Prinzips der Nachhaltigkeit auftretenden Probleme induziert. Das wird insbesondere augenscheinlich, wenn man die Entwicklungen der touristischen Nachfrage (hier in Deutschland 1991 im Vgl. zu 1994) in Tabelle 1 betrachtet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1991 1994

Reiseintensität 67% 78%

Regelmäßig Reisende 43% 51%

Anzahl zusätzlicher Urlaubsreisen 10,2 Mio. 18,2 Mio.

Reisen nach Außereuropa 8,7% 10,6%

Haupturlaubsreisen mit dem Flugzeug 21,9% 26,5%

- Pressure Groups

Das sind Gruppen von Individuen, die bezüglich des Tourismus bzw. der Nachhaltigkeit spezielle, nicht profitorientierte Ziele verfolgen (z.B: Naturschutzorganisationen wie BUND, Greenpeace etc.) Ihre Einwirkungen können z.B. die Sensibilisierung von Nachfragern und Anbieter für bestimmte Sachverhalte sein oder die Beeinflussung bzw. Beratung von lokalen Behörden und anderer Institutionen des öffentlichen Sektors. (vgl. SWARBROOKE 1999, 115ff.)

- Experten

Hierbei handelt es sich um Individuen oder Organisationen, die diverse Akteure des Tourismus (hier) insbesondere in Bezug auf eine Nachhaltige Entwicklung beraten können. Experten sind entweder Wissenschaftler oder kommerzielle Berater (vgl. SWARBROOKE 1999, 17)

- Medien

Das sind alle Arten von Medien: Printmedien (v.a. Reiseliteratur), Fernsehen, Rundfunk, Internet usw. Generell können sie bei den Nachfragern Reisebedürfnisse v.a. nach bestimmten Zielgebieten wecken oder verhindern (wie Bürgerkriegs- oder Naturkatastrophenberichterstattung). Eine andere Rolle kann ebenfalls wie bei den Pressure Groups das Sensibilisieren von anderen Akteuren für eine Bewusstseinsbildung zur Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung im Tourismus sein (vgl. SWARBROOKE 1999, 135)

2. Raumwirksamkeit des Tourismus und Implikationen für eine nachhaltige Entwicklung

Wie bereits erwähnt, hat das Konzept der Nachhaltigkeit drei Dimensionen:

- ökologische
- ökonomische
- soziokulturelle (soziale)

Im Folgenden soll die Raumwirksamkeit des Tourismus auf diese Dimensionen in touristischen Zielgebieten dargestellt werden und es soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten es in diesem Zusammenhang gibt, die zu einem nachhaltigen Tourismus führen können.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden die Dimensionen zunächst einzeln analysiert und auch die Implikationen für eine nachhaltige Entwicklung werden dimensionenintern dargestellt. Nach der Einzelerörterung werden dann die Nachhaltigkeitsaspekte ,dem Konzept der Nachhaltigkeit folgend, integrierend diskutiert und zwei komplementäre Strategien bzw. Politikansätze vorgestellt.

2.1. Die ökonomische Dimension

Die Wirkung des Tourismus hat nach Velissariou bzw. Vorlaufer auf eine Volkswirtschaft folgende Determinanten

- Zahlungsbilanzeffekt (Leistungsbilanzeffekt)
- Produktions-, Wertschöpfungseffekt
- Beschäftigungseffekt
- Einkommens-, Multiplikatoreffekt
- Abbau räumlicher Disparitäten
- Saisonalität der Nachfrage und Herkunft der Touristen

(VELISSARIOU 1991, 6 und vgl. VORLAUFER 1996a, 30ff.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Nachhaltige Entwicklung und Tourismus. Ein Widerspruch?
Untertitel
Probleme, räumliche Muster und Lösungsmöglichkeiten anhand ausgewählter Beispiele
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Unterseminar zur Wirtschafts- und Sozialgeographie
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
34
Katalognummer
V2218
ISBN (eBook)
9783638113571
ISBN (Buch)
9783638678223
Dateigröße
1003 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr umfangreiche, dichte Arbeit - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Tourismus
Arbeit zitieren
Daniel Gromotka (Autor), 2002, Nachhaltige Entwicklung und Tourismus. Ein Widerspruch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2218

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