Reformen im Islam am Beispiel Nigeria


Seminararbeit, 2003
38 Seiten, Note: 11 Punkte

Leseprobe

Gliederung

1.Einleitung
1.1.Problemaufriss
1.2.Lösung der Konflikte
1.3.Ziel der Arbeit

2. Islam in der westafrikanischen Welt
2.1. Verbreitung des Islam
2.1.1. Islam in Westafrika
2.1.2. Lokale Verbreitung in Nigeria
2.1.3. Geschichte des Islam in Westafrika, speziell Nigeria
2.2. Islam in Nigeria
2.2.1. Rechtsschulen des Islam
2.2.2. Sharia
2.3. Ausbreitung und Verwurzelung des Islam in Nigeria
2.3.1. Ursachen für die Ausbreitung
2.3.1.1. Historische Ursachen
2.3.1.2. Ökonomische Lage
2.3.1.3. Soziale Strukturen
2.3.2. Verwurzelung des Islam
2.3.2.1. Politik
2.3.2.2. Recht
2.3.2.3. Gesellschaft

3. Kollisionen
3.1. Politische Differenzen: Demokratie contra Religionshörigkeit
3.2. Kultureller Zusammenprall
3.3. Sharia versus Constitution of Nigeria
3.3.1. Konkurrenz zu staatlichem Recht
3.3.2. Sharia contra Menschenrec

4. Reformansätze
4.1. Islam als Integrationshilfe
4.2. Religionsfreiheit in der Verfassung
4.3. Religionsfreiheit im Islam
4.4. Reformansätze
4.5. Stellungnahme

1. Einleitung

Nigeria befindet sich derzeit in einem Ausnahmezustand: Dauernde Straßenkämpfe fordern viele Opfer. Grund hierfür sind unüberbrückbare Barrieren zwischen Muslimen und Christen, die durch gegenseitige Provokationen immer wieder neu aufgerichtet werden. Die schwerste Provokation der islamischen Machthaber war sicherlich die Einführung der Sharia als Zeichen der Missachtung und Nichtakzeptanz der derzeitigen Regierung. Diese wird von den hauptsächlich im Süden des Landes lebenden christlichen Nigerianern unterstützt. An den Urteilen der Sharia-Gerichte entzündet sich aufgrund deren Strafmaß und Schärfe so manche Schlacht:

Über die Urteile der Sharia-Gerichte und die Folgen für die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen berichtet Nigerias Tagespresse:

Nigeria's first Sharia execution

General news - 4.1.01

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Thousands were killed in protests against Sharia

A 27-year-old man has been hanged for murder in Nigeria in the first execution since Islamic law - or Sharia - was introduced in much of the north of the country. Sani Yakubu was convicted of killing a woman and her two young children during a robbery at their home in the northern state of Katsina.

Reports suggest the Sharia authorities changed their minds to avoid triggering renewed outbreaks of violence between Muslim and Christians in Kaduna, where more than 2,000 people died two years ago during protests against the introduction of Sharia.

Living on Nigeria's death row

General news - 5.12.01

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Safiya says her daughter was the result of rape

In the northern Nigerian state of Sokoto, a woman is awaiting the outcome of an appeal against a conviction for adultery (Ehebruch) by an Islamic, or Sharia, court. If the appeal fails, Safiya Husaini will be stoned to death.

Under a revised Sharia criminal code recently introduced in the mainly Muslim states of northern Nigeria, the punishments of amputation for theft, stoning for adultery and flogging for the drinking of alcohol are all now on the statute books. (…)

It is not difficult to see why, in a country with overall as many Christians as Muslims, the introduction of these punishments into law has created a great deal of controversy and anger. Although Christians are not directly subject to Sharia laws, there is still the feeling that the imposition of Islamic law in the northern states serves to enforce the political will of Muslim leaders over the substantial minority of non-Muslims living there. More than 3,000 have been killed in riots since the introduction of Sharia criminal punishments two years ago. It is a situation that seriously threatens the country's stability particularly in the run up to parliamentary and presidential elections next year and in 2003. It also threatens to become a major source of contention between the federal government in Abuja, and the dozen northern states which have adopted the harsh Sharia penal code. The federal Minister of Justice, Bola Ige, has condemned the stoning verdict as "harsh and crude" and said that stoning to death must not happen in Nigeria in 2001. (…).

Safiya Husaini wurde später wegen des Rückwirkungsverbots der Sharia, die zum Tatzeitpunkt noch nicht eingeführt war, freigesprochen.

Sharia: Stoning appeal fails!

General news- 19.08.02- Daily Vanguard

Zwischenzeitlich wird über einen neuen Fall berichtet:

An Islamic appeal court has upheld a sentence of death by stoning for adultery against a Nigerian woman. Amina Lawal, 30, was found guilty by a court in Katsina state in March after bearing a child outside marriage. (…)

The BBC´s Dan Isaac, reporting from the court in Funtua, northern Nigeria, says that the court´s ruling can only serve to heighten tensions between Christians and Muslims in Nigeria. (…).

Dieser Fall ist noch nicht abgeschlossen.

1.1. Problemaufriss:

In den hier vorliegenden Berichten über Verurteilungen von Personen nach islamischem Recht durch Sharia–Gerichte wird deutlich, welche Folgen die unterschiedlichen Lebensauffassungen von Christen und Muslimen in einem einheitlichen Staatsgebilde haben können.

Konkreter Konfliktpunkt ist die Einführung der Sharia in 12 nördlichen Staaten des Landes, zunächst am 27.1.00 im Staat Zamfara, dessen Vorbild die übrigen folgten.

Zur Begründung wird angeführt, dass der Islam nicht nur eine Religion, sondern auch eine Art zu leben sei, dass es folglich Recht und Pflicht eines jeden Muslimen sei, sein Leben nach den göttlichen Vorschriften der Sharia zu führen und sich im zivil- und strafrechtlichen Verfahren keinem andern Gericht zu stellen, als einem islamischen[1].

Zwar richtet sich die Sharia direkt nur an Muslime, durch ihre Gebote sind jedoch faktisch alle im Land lebenden Menschen betroffen. Dies schafft einen immensen Konfliktstoff, da die Sharia die ausdrückliche Verwirklichung islamischer Lebensweise darstellt und darin in klarem Widerspruch zu westlich, häufig christlich geprägten Rechtssystemen steht. Ihre Rechtsgrundsätze beziehen sich auf den Inhalt der vom Koran geprägten Gebote und Verbote des Islam. Teilweise wäre dies nach unserem Verständnis rechtlich tragbar, etwa im Teilen des Familien- oder Handelsrecht, in anderen Rechtssätzen sind jedoch auffällige Unterschiede zur Verfassung Nigerias und deren Rechtsgrundsätzen enthalten. Auch Verstöße gegen höherrangiges Recht, etwa konstitutive und ungeschriebene Menschenrechte, sind erkennbar.

Besonders deutlich wird dies im Strafrecht der Sharia:

Gerade die auffällige Härte des Strafmaßes in den vor Sharia-Gerichten geführten Strafprozessen (s.o.) ist immer wieder Anlass zu Protesten und Gewalt auf den Straßen Nigerias.

Durch die Bilder und Berichte über gewalttätige Auseinandersetzungen ist die Außenwelt, vertreten durch Menschenrechtsorganisationen und Politiker verschiedener Nationen, auf Nigeria aufmerksam geworden.

Aufgrund der weitreichenden Folgen ist aber auch im Land selbst heftige Kritik an der Einführung der Sharia entbrannt: "Nigeria´s central government yesterday described the use of strict Islamic law in Muslim areas as discriminatory and illegal. The move is a response to international criticism following the imposition of a death sentence on a female adulterer. It threatens the already delicate balance between the mainly Christian south and the Muslim north.”[2]

Die befürchteten Folgen der ohnehin bereits bestehenden Konflikte in Form von weitergehender gesellschaftlicher und politischer Distanzierung, Flucht und Vertreibung von Christen aus islamischen Wohngebieten in den liberaleren Süden des Landes und Verhärtung der bereits bestehenden Fronten zwischen Muslimen und Andersgläubigen durch weitere Gewalt sind bereits eingetreten.

Auch Konflikte juristischer Art bestehen: Für die Bürger führen Unsicherheiten bezüglich des geltenden Rechts, sowie die Konkurrenz innerhalb der bestehenden verschiedenen Rechtssysteme, speziell des Strafrechts und hier des Strafmaßes dazu, dass der Rechtschutz unberechenbar, lückenhaft und teilweise völlig aufgehoben wird. Gerade in einem durch soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Bestechlichkeit und durch politische Instabilität geprägten Land wie Nigeria ist der Schutz des Einzelnen aber besonders wichtig.

Die fehlende Übereinstimmung mit allgemein gültigen Rechtsgrundsätzen, wie sie zum Beispiel in der Charta der vereinten Nationen in den Menschenrechten zum Ausdruck kommt, drängen Nigeria weltpolitisch ins Abseits. „At a time when Islam is under the international spotlight through the American-led war against terrorism, the president does not want Nigeria to earn a reputation as a base for Islamic fundamentalism.”[3]

1.2. Lösung der Konflikte:

Die Lösung der Konflikte ist nicht zuletzt wegen der bestehenden wirtschaftlichen Situation und der innergesellschaftlichen Probleme in Nigeria schwierig. Ein Entschärfen der Glaubenskämpfe kann möglicherweise hierzu beitragen:

Konkret käme zunächst die generelle Abschaffung der Sharia, die Auslöser für viele akute Streitigkeiten ist, durch ein Anwendungsverbot in Betracht.

Allerdings gestaltet sich dies schwierig: 45% der nigerianischen Bevölkerung sind Muslime[4]. In einem politisch instabilen System ist die Religion als oft einziger fester Bezugspunkt wichtiger Bestandteil des Lebens und seiner Gestaltung: Da dies auch in der Unterwerfung unter die Sharia Ausdruck findet, wird ihre Abschaffung von vielen Nigerianern als echte Bedrohung ihrer Existenz empfunden. Die Regierung hat bereits ein solches Dekret erlassen, das von den Machthabern der 12 islamischen Staaten ignoriert wird.

Kompliziert wird die Sache auch noch dadurch, dass die Sharia auch eine Menge positiver Aspekte enthält, die allgemein begrüßt werden. Zum Beispiel ziehen auch nigerianische Nichtmoslems in Familienangelegenheiten und handelsrechtlichen Streitigkeiten vor Sharia-Gerichte, weil die Gerichte gesetzliche Formvorschriften nur eingeschränkt anwenden und deshalb schneller in der Bearbeitung sind und außerdem als fair gelten[5].

Auch enthält die Sharia Rechtsätze über Korruption; diese werden aber von den Sharia-Gerichten dann doch nicht angewandt.

Zu fragen ist, ob es nicht einfach ausreichen würde, das Strafmaß und andere divergierende Rechtsbereiche der Sharia an das Common Law des geltenden nigerianischen Rechts anzupassen.

Dies wird vermutlich jedoch nicht umsetzbar sein: Denn nach der Sharia werden ja auch Tatbestände, die Nichtmoslems als Straftaten unbekannt sind, wie z.b. außerehelicher Geschlechtsverkehr, Alkoholverbot oder das Zinsnahmeverbot verurteilt.

Da die Sharia sich nur an Muslime richtet, diskriminiert sie Andersgläubige. Auch unter diesem Gesichtspunkt verstößt sie gegen das Gebot der Gleichheit vor Gesetz, vgl. Abschnitt 42 der Constitution of Nigeria:

42. (1) A citizen of Nigeria of a particular community, ethnic group, place of origin, sex, religion or political opinion shall not, by reason only that he is such a person:-

(a) be subjected either expressly by, or in the practical application of, any law in force in Nigeria or any executive or administrative action of the government, to disabilities or restrictions to which citizens of Nigeria of other communities, ethnic groups, places of origin, sex, religions or political opinions are not made subject; or
(b) be accorded either expressly by, or in the practical application of, any law in force in Nigeria or any such executive or administrative action, any privilege or advantage that is not accorded to citizens of Nigeria of other communities, ethnic groups, places of origin, sex, religions or political opinions.

Aufgrund der täglich neuen Konflikte und der ansteigenden Todesrate ethnisch begründeter Gewalt in Nigeria, aber auch in Anbetracht der derzeit weltweiten Ausschreitungen radikal-islamischer Fundamentalisten in aller Welt zeigt sich, dass Reformen des Islam unbedingt nötig sind.

1.3. Ziel der Arbeit

Die vorliegende Arbeit versucht, mögliche Reformansätze innerhalb des Islam am Beispiel Nigeria aufzuzeigen.

Hierzu bedarf es zunächst einer Untersuchung der Gesamtsituation des Islam in Nigeria vor dem Hintergrund aller maßgeblichen Umstände. Im folgenden werden verschiedene Reformansätze vorgestellt und auf ihre Wirksamkeit untersucht.

2. Islam in der westafrikanischen Welt

2.1. Verbreitung des Islam

2.1.1. Islam in Westafrika

In Westafrika und darüber hinaus ist der Islam weit verbreitet, wie die nachfolgende Karte zeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.2. Lokale Verbreitung in Nigeria

Nigeria besteht aus 36 Staaten, ähnlich unseren Bundesländern, sowie dem Territorium der Bundeshauptstadt Abuja.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Norden Nigerias ist traditionell von den überwiegend muslimischen Ethnien Hausa, Fulani, Kanuri und Nupe besiedelt. In zwölf muslimischen Staaten ist die Sharia eingeführt. Im Süden leben vorwiegend christliche, bzw. traditionell-gläubige Yoruba und Igbo.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.3. Geschichte des Islam in Westafrika, speziell Nigeria

Im späten zehnten und zu Beginn des elften Jahrhunderts brachten Händler aus Nordafrika und dem Mittleren Osten auf ihren Handelsreisen den Islam erstmalig nach Westafrika. In den folgenden fünf Jahrhunderten wurden die religiösen Bräuche vor allem von westafrikanischen Herrschern und lokalen Kaufleuten, die mit den muslimischen Händlern Geschäfte schlossen, übernommen und eingeführt. Allerdings beschränkte sich die neue Glaubensrichtung noch auf die Bevölkerung der Städte und hier vor allem auf die wirtschaftliche Elite, bis im 18. und 19. Jahrhundert der heilige Krieg, der Jihad, ausbrach. Dieser von muslimischen Schülern und Lehrern zum Zweck der Missionierung geführte Krieg verwandelte die ehemals kleinen islamischen Kolonien zu muslimischen Staaten im Gebiet des heutigen Chad bis Benin. Nach zahlreichen Kriegen konvertierten auch angrenzende Stämme zum Islam.[6]

Der entscheidende Jihad wurde von `Uthmân Dan Fodiye ab dem Jahre 1804 geführt. Dieser kämpfte gegen die damaligen muslimischen Herrscher, weil sie ihm nicht religiös genug waren. Sie hatten nämlich inzwischen ungerechte und illegale Steuern sowie den Handel mit muslimischen Sklaven und die illegale Konfiszierung von Eigentum und Besitz der Bürger eingeführt. Gleichzeitig ließen sie die Entwicklung einer annähernden Gleichstellung von Männern und Frauen zu. Gegen andersgläubige Religionen und deren Ausübung im Lande gingen sie ebenfalls nicht vor. Mit der Unterstützung einer bis dahin unterdrückten Minderheit von fulanischen Schafhirten entstand unter der Herrschaft von `Uthmân Dan Fodiye nach dem Jihad im heute nördlichen Nigeria und nördlichen Kamerun das Kalifat von Sokoto, auch Hausaland genannt, das mit der Zeit auch den Süden von Nigeria beeinflusste.

[...]


[1] Oko, “Die Scharia in den ethnisch-religiösen Konflikten in Nigeria“, p.1 (HP: www.uni-bonn.de/~afrika/deutartikel/scharia.htm)

[2] Butcher, „ Nigeria moves to ban Islamic law”, Daily Vanguard vom 22.3.02

[3] Butcher, „ Nigeria moves to ban Islamic law”, Daily Vanguard vom 22.3.02

[4] Nzeh, „From Clash to Dialogue of Religions“, p. 47.

[5] Ahmad, „Die Scharia aus nigerianischer Sicht“, Die Welt, 24.8.02

[6] Lapidus, “A history of Islamic societies”, (HP:www.westafrica.com)

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Reformen im Islam am Beispiel Nigeria
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
11 Punkte
Autor
Jahr
2003
Seiten
38
Katalognummer
V22185
ISBN (eBook)
9783638255981
Dateigröße
1046 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Reformen, Islam, Beispiel, Nigeria
Arbeit zitieren
Sophia Opoku-Pare (Autor), 2003, Reformen im Islam am Beispiel Nigeria, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22185

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