Die großen Sammler von Kunstwerken im 19. Jahrhundert und ihre Bedeutung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Zum einzelnen Sammeln gehört Liebe, Kenntnis und gewisser Muth, den Augenblick zu ergreifen.

Goethe (Lit. 3)

1. Die Geschichte des Kunstsammelns reicht zurück bis zum Altertum. Das Sammeln gehört seit jeher zur menschlichen Kultur und zu den zentralen humanen Tätigkeiten. Doch das Sammeln bleibt weiter ein Charakteristikum menschlicher Aktivität. Der „homo collektor“ ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Schon in der Antike betätigen sich die Herrscher von Ägypten und Babylonien als Kunstsammler. In Rom wurde der Sammlertrieb durch die Berührung mit der griechischen Kultur geweckt. Ganze Schiffsladungen von Kunstgut kamen nicht nur aus Griechenland, sondern auch aus der römischen Provinzen von Afrika und dem vorderen Orient.

Im März 1899 hielt der große deutsche Archäologe Adolf Furtwängler eine noch im gleichen Jahre gedruckte Rede über Kunstsammlungen in alter und neuer Zeit. Es war bisher die einzige zusammenhängende Darlegung über das Gebiet in deutscher Sprache.

In den letzten Jahren ist sehr viel über das Phänomen Sammeln geschrieben und auch gerätselt worden. Klarer und systematischer untersucht wurde die spezielle Form des Im Laufe der Zeit bildete sich eine reichhaltige Literatur über Sammelns in den klassischen Institutionen Museum und Archiv.

2. Das Sammeln ist eine menschliche Leidenschaft. Der Trieb zum Kunstsammeln hat viele Ursachen. Man unterscheidet vier Typen von Sammlern:

- der reine Sammler, der seine Räume mit Kunstwerken schmückt. Seine Seele ist rein;
- der Ansammler, der im übrigen harmlos und für den Handel umsatzfördernd ist;
- der Geldsammler, der weniger harmlos und mehr sachlich ist. Der Kunstspekulant;
- der Schatzzwerg, der seine Kunstwerke in Pappschachteln hat. Der genießt sie nie, aber verkauft auch nie. Schatzzwerg lebt bescheiden, kleidet sich ärmlich.

Also, neben den leidenschaftlichen Sammeln, die ein Spezialgebiet pflegen, hat es von jeher jenen anderen, häufigeren Typus gegeben, der das Sammeln schöner Dinge vom Stadtpunkte einer dekorativen Ausschmückung des eigenen Heims aus betrachtete. Diese Art von Sammlern (ein reiner Sammler) ist die bei weitem zahlreichste. Zu allen Zeiten wurden durch sie vornehmlich das zeitgenössische Kunsthandwerk gefördert.

Die leidenschaftlichsten Sammler aber, die geborenen Sammlernaturen, haben sich fast immer der alten Kunst zugewandt. Dieses Gebiet ist größer, geheimnisvoller, reicher an ungehobenen, phantastischen Schätzen, als die zeitgenossische Kunst jemals gewesen ist und jemals sein wird. Denn, was ein echter Sammler sein will, der muss Jägerblut haben. Das Wild will abseits vom Wege entdeckt, eingekreist, gestellt, erlegt werden, in mühsamer Arbeit und mit Hilfe einer nie versagenden, weidgerechten Tüchtigkeit.

Wo findet ein Sammler seine Leidenschaftsobjekte? Gibt es eine köstlichere Beschäftigung als, durch die Londoner Antiquariate zu wandern, in Paris von Laden zu Laden zu pilgern, erst zu den großen Häusern im Zentrum der Stadt und dann zu den ungezählten kleinen und kleinsten Geschäften des Quartier Latin, wo man immer und immer wieder erstaunliche Funde machen kann. Nicht zu vergessen der regelmäßige Besuch der heimischen Auktionen, auf denen mancher Sammler das eine oder andere wertvolle Stück für ein geringes Entgelt erwerben konnte. Es geht nicht immer nur um der Geldfrage. Wie häufig erzählen selbst große Sammler, dass ihre schönsten Erwerbungen ein Nichts gekosten haben und dies deshalb, weil keiner von ihnen die Stücke in ihrem wahren Werte erkannt hatte. Noch eine Sammelnsmethode ist erfolgreich: die jungen talentierten Mallern zu unterstutzen und ihre Bilder zu kaufen. Aber das ist ein Privileg der Reichen. Es gibt auch die Sammler, die Balzak in seinem Roman vom „ Vatter Pons“ geschildert hat.

Ein ernsthafter Sammler opfert der Beschäftigung mit den von ihm zusammengetragenen Schätzen sein halbes Leben. Ganz abgesehen von den oft schwierigen Ankaufsverhandlungen, erfordern die Aufstellung, die Konservierung, die Katalogisierung einer großen Sammlung dauernde und mühevolle Beschäftigung. Man darf nicht glauben, dass das Sammeln ein rein egoistisches Vergnügen sei. Gerade den großen Sammlern hat auch die Allgemeinheit viel zu danken. Sie waren von jeher Pioniere der Wissenschaft, sie erschlissen immer wieder künstlerisches Neuland.

3. Lothar Brieger1 nennt die größten Sammler der alle Zeiten: die Römer2, Konstantin der Große3, Karl der Große4, St. Bernward von Hildesheim5 , Herzog von Berry6 , Onkel und Neffe Castiglione7, Margarete von Savoyen8 , Haus Fugger9 , Albrecht von Bayern10, Philipp der Zweite und Rudolf der Zweite11 , Erzherzöge Ferdinand von Tirol und Leopold Wilhelm12 , drei Generationen der Familie Amerbach13 , Sieur Agard14 , Graf Arundel15 , der Kardinal Mazarin16, Michel de Marolles17, Bankier Michel Eberhard Jabach18 ; Crozat, Caylus und Mariette (die Geburt der Archäologie);19 die Walpoles20 ; die Gräfin de Verrue21 ; August der Starke und sein Sohn22 ; Friderikus Rex23 ; Philipp von Stosch24 ; Vivant-Denon25 ; der Baron Hüpsch, der Kanonikus Wallraf und die Brüder Boisseree26 , die Brüder Goncourts27 , Albert von Lanna28, der Bankier Morgan29 .1

Diese Liste kann man noch anhand der folgenden allgemeinbekannten Namen ergänzen: Vatikan in Rom; Medici in Florenz; Peter der Große und Katharina II. in Sankt Petersburg; Rudolf II. in Prag; Philipp II. in Madrid; Habsburger Haus in Wien; Windsors Haus in London; Napoleon in Paris; sächsischer Kurfürst August; der Bankier Rotschild u.a.

4. Im 16./17. Jahrhundert wurden erste Initiativen ergriffen, die großen Kunstsammlungen einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zuerst gingen die Kunstsammlungen der Medici in Staatsbesitz über (Uffizien 1580, Palazzo Pitti 1640). In Basel ging zum ersten Mal eine private Sammlung in öffentlichen Besitz über (1662).30

Umfangreiche „Kunstkammern“ der Fürstenhöfen und bedeutende Kunstsammlungen entstanden später den Grundstock oder wesentlichen Bestandteil nachfolgenden öffentlichen Museen. Im 19. Jahrhundert begründeten Privatsammler bedeutenden Museen: Kanonikus F.F. Wallraf, er errichtete anhand seiner Sammlung und der Geldstiftung des Kaufmanns J.H. Richartz im Jahr 1824 in Köln ein Wallraf-Richartz-Museum31 ; Bankier Johann Friedrich Städel (1728-1816) begründete mittels eigener Sammlung und eigenem Geld im Jahr 1815 Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main32 ; die großzügige Schenkung des Bankiers Johann Heinrich Wagener im Jahr 1861 gründete die Nationalgalerie in Berlin33 ; Adolf Friedrich Graf von Schack machte seine Sammlung Kaiser Wilhelm II. zum Geschenk (1876). Das ist heutige Schack-Galerie in München34.

Im 20. Jahrhundert bildeten weiter wichtigen Museen, deren Sammlungswurzel im 19. Jahrhundert aufgekeimt sind: die Sammlungen35 von J.P.Getty (1892-1976, der Gründer des J.Paul Getty Museums in Malibu, California, 1953);36 Peggi Guggenheim (1898-1979, sie baute eine der bedeutenden Privatsammlungen moderne Plastik und Malerei auf. Am 1947 übersiedelte sie mit der Sammlung in den Palazzo Venier die Leoni in Venedig, der seit 1979 öffentlich zugänglich ist);37 Solomon Guggenheim (1861-1949, er gründete das Guggenheim-Museum in New-York, 1937); Irene und Peter Ludwig (ihre Kollektion der Gegenwartskunst befand sich seit 1983 teilweise im Wallraf-Richartz-Museum in Köln und im Museum Ludwig, teilweise im J. Paul Getty Museum);38 Henri Nannen (1913-1996, der Gründer der Kunsthalle in Emden);39 Bernhard Sprengel (1899-1985, am 1969 schenkte die Sammlung seiner Vaterstadt Hannover und damit begründete das neue Museum der modernen Kunst);40 Baron Heinrich Thyssen-Bornemisza (1875-1947, seit 1937 öffnete seine Kollektion fürs Publikum in der Villa Favorita in Lugano) u.a.41

Zu den großen Kunstsammler im 19. Jahrhundert gehören viele bekannten und sehr geehrten Namen. Im Deutschland sind am meistens die folgenden Kunstsammler beliebt: König Ludwig I. (1786 – 1868), er baute München zur Kunststadt aus42 ; Joseph Benzino (1819 – 1991), der Gründer der Sammlung, die sich in der Neuen Pinakothek befindet43 ; Maximilian Speck von Sternburg (1776 – 1856), der Gründer der Stiftung in Leipzig44 ; König Friedrich Wilhelm III. (1795 – 1861), der die Sammlungen Giustiniani und Boisseree für das zukünftige königliche Kunstmuseum erworben und damit das Berliner Museum zu dem europäischen Kunstmuseum nähergeschoben hat45 ; Victoria von Preußen (1840 – 1901), sie hat der Witwensitz Schloss Friedrichshof als Sammlungsschloss errichtet, der später in den Berliner Museen umgesetzt wurde46 ; Alfred Thieme (1830 – 1914), seiner Kunstsammlung lag im Grund des Museums seiner Vaterstadt Leipzig47 ; Alfred Lichtwark (1852 – 1914), mittels seiner Sammlung bekam die Kunsthalle im Hamburg ein eigenständiges, in Deutschland einzigartiges Profil48 ; Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz, der Begründer des Mannheimer Kupferstich- und Zeichnungskabinetts, dessen Sammlung später die Münchner Pinakothek schmücktet.49

[...]


1 Brieger, Lothar:Die große Kunstsammler.

2 ebda., S.5-6.

3 ebda., S. 14-21.

4 ebda., S.21-29.

5 ebda., S.31, 32.

6 ebda., S. 39-48.

7 ebda., S. 65-72.

8 ebda., S. 75-81.

9 ebda., S. 82-91.

10 ebda., S. 93-102.

11 ebda., S. 103-113.

12 ebda., S. 114-122.

13 ebda., S. 123-132.

14 ebda., S. 139-141.

15 ebda., S. 143-152.

16 ebda., S. 153-162.

17 ebda., S. 163-170.

18 ebda., S. 171-176.

19 ebda., S. 177-189.

20 ebda., S. 190-197.

21 ebda., S. 198-201.

22 ebda., S. 202-212.

23 ebda., S. 215- 222.

24 ebda., S. 223-233.

25 ebda., S. 235-242.

26 Brieger, Lothar: Die große Kunstsammler. S. 243-257.

27 ebda., S.257- 266.

28 ebda., S. 267-274.

29 ebda., S. 275-2280.

30 Museum. In:Der Brockhaus. 9. Band, S. 431.

31 Wallraf-Richarz-Museum. In: ebda., 15. Band, S. 84.

32 Städelsches Kunstinstitut. In: ebda., 13. Band, S. 253.

33 Museum. In: Der Brockhaus. 9. Band. S. 431.

34 Lenz, Christian: Adolf Friedrich von Schack. S. 209.

35 Kunstsammlung. In: Der Brockhaus, 8. Band, S-139.

36 Getty. In: ebda., 5. Band, S. 261.

37 Guggenheim, Peggy (Marguerite). In: ebda, 6. Band, S. 13.

38 Guggenheim – Museum. In: Der Brockhaus, 6. Band, S. 13.

39 Nannen. In: ebda, 9. Band, S. 473.

40 Sprengel, Bernard. In: ebda, 13. Band, S. 232.

41 Thyssen-Bornemisza. In: ebda, 14. Band, S. 109.

42 Lenz, Christian:Adolf Friedrich Graf von Schack. S. 160.

43 Eine Reise ins 19. Jahrhundert mit Joseph Benzino. In: http://www.rosenheimer-nachrichten.de/kultur/zet-report-49-1799.html, 05.11-2002.

44 Seemann, E.A.: Maximilian Speck von Sternburg. S. 39.

45 Vortrag Christoph M.Vogtherr (Potsdam): Die Erwerbungen Friedrich Wilchelms III. für die Berliner Museen und die königlichen Sammlungen. In: http://www.fu-berlin.de/giove/giove-audio/vogtherr.html, 03.11.2002.

46 Reinhard: Viktoria von Preußen – Prinzipessa Pittrice in Berlin. In: http://www.keiserinfriedrich.de/rein-14.html, 07.11-2002.

47 Alfred Thime (1830-1914).In: http://notes.leipzig.de/amtsdaten/alle/amt.nsf/pages/Thime.htm, 07.11.2002.

48 Die Hamburger Kunsthalle. In: http://www.hamburger-kunsthalle.de/seiten/G1991.htm, 05.11.2002.

49 Wegner, Wolfgang: Kurfürst Carl Thoedor von der Pfalz als Kunstsammler, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die großen Sammler von Kunstwerken im 19. Jahrhundert und ihre Bedeutung
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie)
Veranstaltung
Die Struktur des aktuellen nationalen und internationalen Kunstmarktes
Note
1.7
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V22391
ISBN (eBook)
9783638257435
ISBN (Buch)
9783638788717
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sammler, Kunstwerken, Jahrhundert, Bedeutung, Struktur, Kunstmarktes
Arbeit zitieren
Antonina Kostretska (Autor), 2003, Die großen Sammler von Kunstwerken im 19. Jahrhundert und ihre Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22391

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