Die Rolle der Protektor Lebensversicherungs-AG und der BaFin im Zusammenhang mit der Zahlungsunfähigkeit der Mannheimer Lebensversicherung AG - Eine Fallstudie


Diplomarbeit, 2003

75 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Mannheimer Lebensversicherung AG
2.1 Funktion im Konzern und Geschäftstätigkeit
2.2 Bedeutung im Markt
2.3 Geschäftsentwicklung und Krise
2.3.1 Bestandsentwicklung
2.3.2 Kapitalanlagepolitik
2.3.3 Bedeutung und Entwicklung der Bewertungsreserven
2.3.4 Entwicklung und Finanzierung der Überschussbeteiligung
2.3.5 Ergebnisauswirkungen und Kapitalmaßnahmen

3. Die Aufsicht über die Mannheimer Lebensversicherung AG
3.1 Regulierungszweck, -gegenstand und -behörden
3.2 Die Rolle der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
3.2.1 Vorgehensweise bei der Mannheimer Lebensversicherung AG
3.2.2 Überwachung der Aktienquote der Mannheimer Lebensversicherung AG
3.3 Stresstests als Regulierungsinstrument
3.3.1 Zur Bedeutung der Solvabilität von Lebensversicherern
3.3.2 Konzeption und Bedeutung von Stresstests
3.3.3 Solvabilität und Stresstest bei der Mannheimer Lebensversicherung AG
3.4 Beurteilung der Aufsicht über die Mannheimer Lebensversicherung AG

4. Die Protektor Lebensversicherungs-AG
4.1 Zweck und Konzeption der Protektor Lebensversicherungs-AG
4.2 Rolle im Fall der Mannheimer Lebensversicherung AG
4.3 Konsequenzen für die Lebensversicherungsbranche
4.4 Abschließende Beurteilung der Protektor Lebensversicherungs-AG

5. Zusammenfassung und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bedeutung der Mannheimer Leben im Markt zum 31.12.2002

Tabelle 2: Versicherungsbestand der Mannheimer Leben nach Versicherungsarten 1999-2002

Tabelle 3: Die Kapitalanlagearten der Mannheimer Leben und der Branche im Vergleich..

Tabelle 4: Kapitalanlagen und Bewertungsreserven der Mannheimer Leben 1998- 2002...

Tabelle 5: Entwicklung von Kapitalanlagenrendite, Überschüssen und Sicherheitsmitteln der MLV AG...

Tabelle 6: Ergebnisentwicklung der Mannheimer Leben 1998-2002..

Tabelle 7: Entwicklung der Eigenkapitalbestandteile der Mannheimer Leben...

Tabelle 8: Kapitaladäquanz ausgewählter Lebensversicherer in den Jahren 2001 und 2002

Tabelle 9: Stresstestergebnis bei der Mannheimer Leben zum 31.12.2002 (Basis: 31.12.2001)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Nach unserer Ansicht handelt es sich bei der Börsenentwicklung um kurzfristige Schwankungen, die sich […] mittelfristig auf unsere Zusagen, insbesondere die Zinsgarantie, nicht auswirken.“ Public und Investor Relations (2002a)

Lebensversicherungen galten lange Zeit als sichere Alternative zur gesetzlichen Rente. Seit den 20er Jahren, in denen die Frankfurter Allgemeine Versicherung AG Insolvenz anmelden musste, hat die Aufsichtstätigkeit deutscher Regulierungsbehörden Schief- lagen in der Lebensversicherungsbranche erfolgreich vermeiden bzw. beseitigen helfen können. Sowohl die Hinterbliebenensicherung als auch die private Altersvorsorge waren gewährleistet. Lebensversicherungen wurde, auch in Zeiten sich verschlech- ternder Kapitalmarktbedingungen, die Eigenschaft einer sicheren und rentablen Kapitalanlage zugesprochen.1 Zudem schienen die Steuerreform des Jahres 2000, die es Versicherern in der Rechtsform der Kapitalgesellschaft untersagte, Kursverluste steuerlich geltend zu machen, sowie die verheerenden Kurseinbrüche der vergangenen Jahre an der Lebensversicherungsbranche ohne weitere Konsequenzen vorübergegangen zu sein. Im Jahr 2002 gründete die Branche eine Auffanggesellschaft für insolvente Lebensversicherer, die Protektor Lebensversicherungs-AG. Offenbar war voraus zu sehen, dass deutsche Lebensversicherer schwierigeren Zeiten entgegenblicken als gemeinhin angenommen. Im Juni 2003 war es dann soweit: Die Mannheimer Lebensversicherung AG musste das Neugeschäft einstellen und ihren Vertragsbestand an die Protektor Lebensversicherungs-AG übertragen. Weitere Problemfälle in der Lebensversicherungsbranche werden vermutet.2

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Zahlungsunfähigkeit der Mannheimer Lebensversicherung AG, der in diesem Zusammenhang stehenden Tätigkeit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sowie der Rolle der Protektor Lebensversicherungs-AG. Ziel der Arbeit ist es, dem Leser einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es zu der Krise der Mannheimer Lebensversicherung AG kommen konnte, welches Instrumentarium der BaFin im Rahmen der Versicherungsaufsicht zur Verfügung steht und inwiefern ihr dieses bei der Schieflage der Mannheimer Lebensversicherung AG zu helfen vermochte. Zudem soll der Leser eine Vorstellung von der Konzeption und der Tätigkeit der Protektor Lebensversicherungs-AG im Fall der Mannheimer Lebensversicherung AG erhalten.

Die Arbeit ist wie folgt gegliedert:

Zunächst wird die Mannheimer Lebensversicherung AG vorgestellt; ihre Bedeutung im Konzern und ihre Tätigkeit werden erläutert. Daraufhin werden die Funktionen von Lebensversicherungen im Allgemeinen sowie die Stellung der Mannheimer Lebensversicherung AG im Markt beleuchtet. Es wird gezeigt, wie es zu der Krise der Mannheimer Lebensversicherung AG kommen konnte, welche Auswirkungen diese insbesondere für die Versicherungsnehmer hatte und welche Maßnahmen ergriffen wurden, um die negativen Auswirkungen abzufangen.

Im zweiten Teil wird die Tätigkeit der BaFin untersucht. Zu diesem Zweck werden ihre gesetzlich geregelten Befugnisse dargestellt und ihre Rolle im Fall der Mannheimer Lebensversicherung AG erläutert. Anschließend wird geprüft, ob die Mannheimer Lebensversicherung AG gegen die zu erläuternden Kapitalanlagevorschriften für Lebensversicherer verstoßen hat. Sodann werden Funktionsweise und Bedeutung des aufsichtsrechtlichen Stresstests erörtert, zu dessen Verständnis eine Beschreibung der Solvabilität von Lebensversicherern vorgenommen wird. Die Solvabilität der Mannheimer Lebensversicherung AG wird untersucht und ein Stresstest durchgeführt. Abschließend wird die Tätigkeit der BaFin im Fall der Mannheimer Lebens- versicherung AG beurteilt.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Protektor Lebensversicherungs-AG. Ihre Konzeption wird dargelegt und ihre Rolle im vorliegenden Fall beschrieben. Eine Diskussion möglicher Konsequenzen ihrer Inanspruchnahme folgt. Abschließend wird die Konzeption der Protektor Lebensversicherungs-AG im internationalen Vergleich beurteilt.

Der letzte Teil fasst die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit zusammen.

2. Die Mannheimer Lebensversicherung AG

2.1 Funktion im Konzern und Geschäftstätigkeit

Die Mannheimer Lebensversicherung AG (Mannheimer Leben) bildete bis Anfang Juli 2003 zusammen mit dem Online-Versicherer Mamax Lebensversicherung AG (Mamax Leben) die Lebensversicherungssparte des Mannheimer Versicherungskonzerns. Der börsennotierten Holding des Konzerns sind ferner die Schaden- und Unfall- versicherungssparte (Mannheimer Versicherung AG Deutschland/Schweiz) sowie der Krankenversicherer Mannheimer Krankenversicherung AG untergeordnet. Das Management der Kapitalanlagen im Konzern betreibt die Mannheimer Asset Management KAG. Eine Übersicht über die Konzernstruktur zum 31.12.2002 enthält Anhang 1.

Wesentliche Aktionäre der Holding sind mit Anteilen von 12,9% und 10% die Uniqa sowie die Münchener Rück Versicherung AG. Mit Anteilen von je knapp 5% folgen Swiss Re Germany, GE Frankona Rück, Nürnberger, Gerling Globale Rück, Wüstenrot & Württembergische sowie die uniVersa Versicherung AG. Die Aktionärsstruktur besteht zu knapp 75% aus inländischen institutionellen Investoren; weitere 14,8% entfallen auf ausländische institutionelle Investoren, gut 10% machen Privatanleger aus.3 Mit allen Tochtergesellschaften wurden Gewinnabführungs- und Beherrschungs- verträge (§ 291 AktG) abgeschlossen.

Die Lebensversicherungssparte war ihrer Größe wegen in den letzten Jahren ausschlaggebend für die Entwicklung des Mannheimer Konzerns.4 Zum 30.06.2003 waren beispielsweise noch ca. 83% der Kapitalanlagen der Lebensversicherungssparte zuzuordnen. Ferner entfielen die Aufwendungen für Versicherungsleistungen (59,4% der Konzernaufwendungen für Versicherungsleistungen) und die versicherungs- technischen Rückstellungen (67,5% der versicherungstechnischen Konzernrück- stellungen) im ersten Halbjahr des Jahres 2003 vorwiegend auf die Mannheimer und die Mamax Leben.5 Dabei kommt der erst seit dem Jahr 2000 bestehenden Mamax Leben in der Lebensversicherungssparte nur eine untergeordnete Bedeutung zu. So machten zum 31.12.2002 die Kapitalanlagen der Mamax Leben nur 0,2% derjenigen der Mannheimer Leben aus; die Anzahl der Lebensversicherungsverträge der Mamax Leben belief sich auf unter 1% der Lebensversicherungsverträge der Mannheimer Leben, und auch die Beitragseinnahmen stellten nur 0,5% derjenigen der Mannheimer Leben dar.6 Nicht zuletzt wegen der Abhängigkeit des Konzerns von der Mannheimer Leben befindet sich dieser derzeit in einer äußerst prekären Lage.7 Den größten positiven Ergebnisbeitrag leistete in den letzten Jahren hingegen die Mannheimer Versicherung AG.8 Einen Überblick über die Bedeutung der einzelnen Versicherungssparten im Konzern gibt Anhang 2 anhand ausgewählter Größen.

Als Lebensversicherer war die Mannheimer Leben Finanzintermediär im engeren Sinne. Im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit erbrachte sie Losgrößen-, Fristen-9 und Risikotransformationsleistungen.10 Letztere standen dabei im Mittelpunkt des Leistungsangebotes11: Wie andere Lebensversicherer gewährte die Mannheimer Leben Versicherungsschutz als Gegenleistung für die erhaltenen Prämien (Risikogeschäft) und investierte diese in (riskante) Aktiva (Kapitalanlagegeschäft). Diese beiden Geschäftsarten stellen für Lebensversicherer im Allgemeinen das Kerngeschäft dar. Ergänzend bieten sie sonstige Dienstleistungen an, die in „Beratungs- und Vermittlungsgeschäften, […] Geschäften über Management-, […] Datenverarbeitungs- […] sowie Risk Management-Dienstleistungen“12 bestehen. Die Mannheimer Leben erbrachte hingegen lediglich in geringem Umfang sonstige Dienstleistungen.13 Ihre Geschäftsentwicklung war damit wesentlich vom Kapitalmarkt abhängig. Einen genaueren Einblick in die Geschäftstätigkeit der Mannheimer Leben vermittelt Kapitel

2.3. Zunächst wird jedoch die Stellung der Mannheimer Leben in der Lebensversicherungsbranche dargestellt.

2.2 Bedeutung im Markt

Der Lebensversicherungsmarkt hat in Deutschland große volkswirtschaftliche Bedeutung, die sich aus den Funktionen ergibt, die eine Lebensversicherung erfüllen soll. Diese sind insbesondere die Absicherung des Todesfallrisikos (Hinterbliebenen- sicherung) sowie die Gewährleistung der Altersvorsorge der Versicherungsnehmer selbst durch Versicherung des Erlebensfallrisikos.14 Neben der Risikoübertragungsfunktion (Versicherungskomponente) kann die Lebensversicherung auch eine Kapitalbildungsfunktion (Sparkomponente) erfüllen. Sie ergänzt damit die Regel- und Zusatzsicherung15 zwecks eigenverantwortlicher Deckung des Vorsorgebedarfs und kann als Kreditsicherheit oder der Kredittilgung dienen.16

Schon im Jahr 2001 besaßen daher „mehr als 55% der deutschen Haushalte […] eine oder mehrere Lebens- und Rentenversicherungspolicen.“17 Zum 31.12.2002 bestanden rund 91,1 Mio. Lebensversicherungsverträge (Einzel- und Kollektivversicherungen) sowie ca. 38,7 Mio. Zusatzversicherungen.18 Im Jahr 2002 wurden ca. 56,3 Mrd. € an Versicherungsleistungen ausgezahlt, die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer beliefen sich auf rund 65 Mrd. €. Mit Kapitalanlagen in Höhe von 582 Mrd. € stellte die Lebensversicherungsbranche bereits in 2002 einen bedeutenden Tragpfeiler der Kapitalmärkte dar.19 Ende Juni 2003 beliefen sich die Kapitalanlagen der Lebens- versicherungsbranche sogar auf 595,4 Mrd. € und damit auf knapp 60% der Kapital- anlagen aller Versicherungsunternehmen in Deutschland.20 Doch nicht allein ihr Umfang macht diese Kapitalanlagen volkswirtschaftlich bedeutsam. Vielmehr ist entscheidend, dass sie wegen der in der Regel vorliegenden „Langfristigkeit der Verträge und eines vergleichsweise beständigen Mittelzuflusses auch langfristig und stetig zur Verfügung gestellt werden können.“21

Eine Gegenüberstellung der angeführten Daten im Branchendurchschnitt mit denen der Mannheimer Leben kann Tabelle 1 entnommen werden. Deutlich wird darin, dass die Mannheimer Leben Ende 2002 eine eher bescheidene Rolle in der aus 121 deutschen und 17 ausländischen Lebensversicherern bestehenden Branche spielte (die Ursache für die hohen Aufwendungen für Versicherungsleistungen wird in Abschnitt 2.3.1 erläutert).22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Bedeutung der Mannheimer Leben im Markt zum 31.12.200223

Die angegebenen Branchendurchschnittszahlen werden jedoch wesentlich von den Marktführern angehoben. So repräsentierten im Jahr 2002 nach einer Studie von McKinsey 50 führende Lebensversicherer einen Marktanteil von 93%24 ; demnach hatten 88 Lebensversicherer zusammen lediglich einen Marktanteil von 7%. Der Anteil der führenden fünf Lebensversicherer (Allianz, Aachener und Münchener, Deutscher Herold, Volksfürsorge und Hamburg-Mannheimer) am Neugeschäft wurde auf 55% geschätzt. Für die Zukunft wird von 70-80% als Folge von Konsolidierungen ausgegangen.25 Die Mannheimer Leben hatte mit 0,3% nur einen geringen am Neugeschäft 2002 bemessenen Marktanteil.

2.3 Geschäftsentwicklung und Krise

2.3.1 Bestandsentwicklung

In den vergangenen Jahren verzeichnete die Mannheimer Leben einen beständigen Neuzugang an Versicherungsverträgen. Während sich der durchschnittliche Versicherungsbestand der Gesellschaft in den Jahren 1995-1998 auf 314.425 Verträge belief, konnten in den Jahren 1999-2002 durchschnittlich aus 333.201 Verträgen Beiträge erzielt werden.26 Die Tendenz war dabei, auch am durchschnittlichen Versicherungsvolumen gemessen, überwiegend positiv, obwohl die Stornoquote in den letzten drei Jahren zunahm und im Jahr 2002 wegen der „Stornierung mehrerer Großverträge“27 bei 8,9% lag (vgl. Tabelle 2). Dadurch fielen auch die ausgezahlten Leistungen an Versicherungsnehmer als Bestandteil der Aufwendungen für Versicherungsleistungen im Jahr 2002 hoch aus (vgl. Tabelle 1).

Während Risiko-, Renten- und Kollektivversicherungen in den letzten Jahren einen relativ konstanten Anteil am Versicherungsbestand ausmachten, nahm die Bedeutung von Einzelversicherungen zugunsten von Berufsunfähigkeitsversicherungen, die im Jahr 2002 fast 50% des Bestandes ausmachten, immer weiter ab.28

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Versicherungsbestand der Mannheimer Leben nach Versicherungsarten 1999-200229

An der Bestandsentwicklung war im Jahr 2002 eine Krise der Mannheimer Leben - abgesehen von der hohen Stornoquote, die im Branchendurchschnitt 2002 nur bei 4,91%30 lag - nicht abzulesen. Nicht zuletzt wird dies darauf zurück zu führen sein, dass die Zukunftsaussichten seitens des Vorstands stets beschönigt wurden. So sei die Mannheimer Leben durch „Rückführung des kapitalbildenden Geschäfts […] zunehmend unabhängig vom Kapitalmarkt“31, ferner sei das „Aktienmarktrisiko weit- gehend abgesichert gewesen.“32 Aus dem Zwischenbericht des Mannheimer Konzerns zum 30.06.2003 geht dagegen deutlich hervor, dass das Neugeschäft der Mannheimer Leben „bei den laufenden Beiträgen einen Rückgang von 38,9%“33 im ersten Halbjahr 2003 aufwies. Ergänzend sei bereits an dieser Stelle angemerkt, dass das Neugeschäft nach Absprache mit der BaFin am 26.06.2003 eingestellt wurde.

2.3.2 Kapitalanlagepolitik

Die Lebensversicherungsbranche sah sich in den vergangenen Jahren einer „historisch [fast] einmalig schlechten Kapitalmarktsituation“34 ausgesetzt. Der MSCI World Total Return büßte ab März 2000 innerhalb von zweieinhalb Jahren 43% seines Wertes ein35, und auch der Deutsche Aktienindex (DAX) sank in den vergangenen Jahren drastisch:

Im Jahr 2001 verlor er 19,8% seines Wertes, in 2002 brach er sogar um 44% ein.36 Die Umlaufrendite 10-jähriger Staatsanleihen hatte sich von knapp 8% 1992 auf ca. 4% zur Mitte des Jahres 2003 halbiert.37

Dennoch setzte die Mannheimer Leben zu dieser Zeit in ihrer Kapitalanlagepolitik den Schwerpunkt auf Aktien, Investmentanteile und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere. Diese Position machte in den vergangenen drei Jahren jeweils mehr als 40% der gesamten Kapitalanlagen aus, während Grundst ü cke, grundst ü cksgleiche Rechte und Bauten durchschnittlich nur 1,6% darstellten. Auch Kapitalanlagen in verbundenen Unternehmen und Beteiligungen repräsentierten im Durchschnitt der letzten Jahre nur 0,7% der Kapitalanlagen. Einen bedeutenden, wenn auch im Zeitablauf abnehmenden Anteil an den Kapitalanlagen hatten die sonstigen Ausleihungen 38, die im Jahr 2002 nur noch 21,6% darstellten, nachdem sie sich im Jahr 2000 noch auf 41,6% belaufen hatten. Inhaberschuldverschreibungen und andere festverzinsliche Wert- papiere hingegen erreichten in den letzten Jahren einen zunehmenden Stellenwert. Von 6,85% im Jahr 2000 stieg der Anteil dieser Position in Prozent der gesamten Kapitalanlagen der Mannheimer Leben auf 19,43% im Jahr 2002, was insbesondere auf Neuzugänge (und weniger auf Zuschreibungen, nicht hingegen auf Währungskurs- veränderungen) zurückzuführen war.39 Die Entwicklung der (relativen und absoluten) Buchwerte in den vergangenen drei Jahren kann Anhang 3 entnommen werden. Ein Vergleich mit der Bedeutung der Kapitalanlagearten in der Branche verdeutlicht die überdurchschnittlich riskante Anlagepolitik der Mannheimer Leben (vgl. Tabelle 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Die Kapitalanlagearten der Mannheimer Leben und der Branche im Vergleich40

Während in den Jahren 2000-2002 im Branchendurchschnitt insgesamt ca. 26,3% auf Aktien, Investmentanteile und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere entfielen, waren ca. 64,1% in sonstige Ausleihungen und festverzinsliche Wertpapiere investiert. Im Jahr 2001 betrug die Aktienquote im Branchendurchschnitt 17%, im Jahr 2002 hingegen nur noch 10%.41 Zur Jahresmitte 2003 gliederten sich die Kapitalanlagen in der Branche zu „81% in festverzinsliche Titel und sonstige Ausleihungen, zu rund 3% in Immobilien und zu rund 7% in Beteiligungen und sonstige Kapitalanlagen.“42 Die Aktienquote wurde auf durchschnittlich rund 7% gesenkt.43 Die Branche reagierte offenbar auf die negative Kapitalmarktentwicklung der Jahre 2001 und 2002 durch Umschichtungen.44

Auch wenn bei der Mannheimer Leben eine Erhöhung des Anteils festverzinslicher Wertpapiere festgestellt werden kann, wurde dies durch eine Verringerung sonstiger Ausleihungen wieder ausgeglichen. Dass die Gesellschaft einen deutlich über dem Branchendurchschnitt liegenden Anteil an nicht festverzinslichen Wertpapieren beibehielt, rechtfertigte der Vorstand damit, dass eine Erholung am Kapitalmarkt zu erwarten sei.45 Daher betrug die Aktienquote der Mannheimer Leben zum Ende des Jahres 2002 noch 13%, nach 21,2% im Jahr 2001.46 Im Jahr 2002 wurden der Position Aktien, Investmentanteile und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere noch 131,5 Mio. € an neuen Mitteln zugeführt.47 Selbst zum 31.03.2003 wies der gesamte Konzern noch Aktien, Investmentanteile und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere in Höhe von 40,5% der gesamten Kapitalanlagen aus, zum 30.06.2003 waren es noch 39%.48 Von einer ausreichenden Diversifikation kann angesichts dieser Zahlen sowie vor dem Hintergrund der Entwicklung der Kapitalmärkte nicht gesprochen werden. Auch der Vorstand räumte Ende August 2003 ein, dass zu stark in europäische Standardwerte, entnommen werden. Andere Kapitalanlagen sind nach § 12 RechVersV Ausgleichsforderungen aus der Währungsreform von 1948. insbesondere in Finanztitel, investiert worden sei.49 Interessant ist es daher zu erfahren, welche Auswirkungen diese Strategie hatte und wie die Mannheimer Leben damit umging.

2.3.3 Bedeutung und Entwicklung der Bewertungsreserven

Der Buchwert der Kapitalanlagen der Mannheimer Leben nahm bis zum Jahr 2001 ständig zu, und auch im Jahr 2002 kann nur von einem relativ leichten, als „Folge rückläufiger Beitragseinnahmen, steigender Leistungsauszahlungen und hoher Abschreibungen“50 Rückgang gesprochen werden (vgl. Tabelle 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Kapitalanlagen und Bewertungsreserven der Mannheimer Leben 1998-200251

Die vermeintlich erfolgreiche Kapitalanlagepolitik und der relativ geringe Rückgang des Buchwertes der Kapitalanlagen im Jahr 2002 sind darauf zurückzuführen, dass ergebnismindernde Abschreibungen unter Verwendung des wohl als Folge des 11. Septembers 200152 verabschiedeten § 341b HGB unterlassen wurden.53 § 341b HGB eröffnet den Versicherungsunternehmen die Möglichkeit, vom strengen Niederst- wertprinzip bei der Bewertung der Kapitalanlagen abzuweichen, indem Wertpapiere wie bei Kreditinstituten (subjektiv) dem Anlagebuch zugeordnet werden können, wenn sie dazu bestimmt sind, dauernd dem Geschäftsbetrieb zu dienen. Dadurch entfällt die Pflicht zur Abschreibung bei voraussichtlich nur vorübergehenden Wertminderungen (Wahlrecht nach § 253 Abs. 2 S. 3 HGB). Zwar sind nach Maßgabe des Instituts der Wirtschaftsprüfer bei der Beurteilung der Dauer einer Wertminderung Wert erhellende Kenntnisse bis zum Zeitpunkt der Aufstellung der Bilanz zu berücksichtigen, und im Zweifel ist von einer dauerhaften Wertminderung auszugehen.54 Dennoch ermöglicht die subjektive Zuordnung zum Anlagevermögen sowie die Einschätzung der Dauer der Wertminderung bilanzpolitischen Spielraum. So wurden im Jahr 2002 sogar Pauschalverfahren zur Ermittlung des den Wertpapieren beizulegenden Wertes angewandt.55 Durch Verabschiedung von § 341b HGB wurde Lebensversicherern der Weg geebnet, Kapitalanlageerträge zu glätten und Renditegarantien zu geben.56 Die Einführung von § 341b HGB wirkte sich maßgeblich auf die Bilanzierung und damit die Geschäftsergebnisse der Lebensversicherer im Jahr 2002 aus. Nicht zuletzt weil die Wirtschaftsprüfer (VFA) die Ansicht vertraten, die Jahresendkurse 2002 „spiegelten nicht den vollen Wert der Wertpapiere wider“57 und rechtfertigten deshalb die Annahme einer nur vorübergehenden Wertminderung, wurden rund 16,3 Mrd. € negative Bewertungsreserven (stille Lasten) generiert.58 Auch die Mannheimer Leben nutzte dieses Wahlrecht, indem sie bereits im Jahr 2001 „Aktien, Investmentzertifikate und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere […] neben Spezialfonds“59 wie Anlagevermögen behandelte, wodurch in dieser Position, die fast 45% der gesamten Kapitalanlagen 2001 ausmachte, 96,6 Mio. € (2,8% des Buchwertes der gesamten Kapitalanlagen) an stillen Lasten gebildet wurden. Dies hinderte den Vorstand jedoch nicht daran, die Aktienquote weiterhin relativ hoch zu belassen und im Jahr 2002 erneut in Aktien zu investieren60, obwohl zu dieser Zeit eine Erholung der Aktienmärkte nicht abzusehen war.61 Sogar Mitarbeiter der Mannheimer Asset Management KAG hatten „zur Vorsicht gemahnt und dem Konzernvorstand eine Kursabsicherung des gesamten Aktienportfolios empfohlen.“62 Der Vorstand sah jedoch davon ab, weil „die Kosten der Absicherung die damals erkennbaren Risiken eindeutig übertroffen hätten.“63 Ferner gab der Vorstand bekannt, er sehe die Entwicklung am Aktienmarkt nur kurzfristigen Schwankungen ausgesetzt, „die sich im Rahmen [der] langfristig angelegten Strategie mittelfristig auf [die gegebenen] Zusagen, insbesondere die Zinsgarantie, nicht auswirken“64 würden.

Zum 31.12.2002 (der DAX war inzwischen von 5.160 Punkten zum 31.12.2001 auf 2.892 Punkte gefallen) bewertete die Mannheimer Leben den „überwiegenden Teil der Aktien und den gesamten Spezialfondsbestand nach den Bewertungsvorschriften des Anlagevermögens.“65 Damit erhöhte sie die stillen Lasten in dieser Position auf 245,5 Mio. € (7,5% des Buchwertes der gesamten Kapitalanlagen), obwohl bereits knapp 114 Mio. € abgeschrieben worden waren, die vollständig auf stille Lasten aus dem Jahr 2001 zurückgeführt werden konnten.66 Insgesamt betrugen die stillen Lasten der Mannheimer Leben zum 31.12.2002 215,97 Mio. € oder 6,6% der gesamten Kapitalanlagen, nachdem sie in den Vorjahren noch 1,1% betragen hatten.67 Zum 31.03.2003 wurden die stillen Lasten sogar auf 238 Mio. € geschätzt.68 Diese hätten, wäre die Protektor Leben nicht zum Einsatz gekommen (vgl. Ziffer 4), zum Geschäftsjahresende 2003 wegen der Dauerhaftigkeit der Wertminderung (zwei aufeinander folgende Geschäftsjahre) nachgeholt werden müssen und voraussichtlich nach § 302 AktG die Holding erfolgsmindernd belastet. Anhang 3 gewährt einen Einblick in die Entwicklung stiller Reserven und Lasten einzelner Kapitalanlagearten bei der Mannheimer Leben.

In der gesamten Branche hingegen verblieben 16,3 Mrd. € an stillen Lasten, denen rund 20 Mrd. € an stillen Reserven auf Immobilien und festverzinsliche Wertpapiere gegenüber standen, so dass saldiert noch Reserven in Höhe von 0,63% der gesamten Kapitalanlagen verblieben.69 Im Jahr 1999 hingegen hatte die Branche noch Bewertungsreserven in Höhe von 14,4% der Kapitalanlagen ausweisen können, von denen 86% auf Aktien, Investmentanteile, Beteiligungen und übrige Kapitalanlagen zurückgeführt werden konnten.70

Im Folgenden wird gezeigt, wie sich die Rendite der Versicherungsnehmer unter der Kapitalanlagepolitik und Bilanzierungsweise der Mannheimer Leben entwickelte und wie sie erwirtschaftet wurde.

2.3.4 Entwicklung und Finanzierung der Überschussbeteiligung

Die konsequente Befolgung einer stark auf Aktien basierenden Kapitalanlagepolitik schlug sich wegen der negativen Entwicklung der Kapitalmärkte in einer Verringerung der Nettoverzinsung der Kapitalanlagen der Mannheimer Leben nieder. Diese belief sich 1998 noch auf 8,3%, betrug 2002 jedoch nur noch 3%.71 Damit war die Mannheimer Leben im Branchenvergleich zunächst erfolgreich. Im Jahr 1998 betrug die Nettoverzinsung in der Branche 7,57%, 1999 7,58%, und im Jahr 2000 7,51%. In 2001 sah sich die Branche mit 6,12% einer weiteren Verringerung der Nettoverzinsung ausgesetzt, übertraf damit jedoch, wie auch in 2002, als sie eine Nettoverzinsung von 4,60% aufzuweisen hatte, die der Mannheimer Leben (vgl. Tabelle 5).72 Gleichwohl wurde die Überschussbeteiligung73, die neben der vom Bundesministerium der Finanzen festgelegten Zinsgarantie eine wesentliche Ertragskomponente für die Versicherungsnehmer ist und maßgeblich vom Kapitalanlageergebnis beeinflusst wird74, bei der Mannheimer Leben kaum gesenkt.75 Sie fiel verhältnismäßig „stets üppig aus und stimulierte das Neugeschäft“76 (vgl. Abschnitt 2.3.1). Zudem übertraf sie die eigene Nettoverzinsung der Kapitalanlagen in den letzten Jahren und teilweise sogar die durchschnittliche Ü berschussbeteiligung der Branche, die im Jahr 2002 bei 5,88% und im Jahr 2001 bei 6,74% gelegen hatte, bevor sie in 2003 auf 4,6% gesenkt wurde.77

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: Entwicklung von Kapitalanlagenrendite, Überschüssen und Sicherheitsmitteln der MLV AG78 Während die Zinslücke (Differenz von Überschussbeteiligung und Umlaufrendite 10- jähriger Staatsanleihen) in den 90er Jahren noch durch Aktiengewinne geschlossen werden konnte79, musste die Branche insbesondere seit dem Jahr 2001 andere Wege finden, um die Überschussbeteiligung weiterhin auf einem hohen Niveau halten zu können. Bei der Mannheimer Leben hätte die Aktienperformance bereits im Jahr 2000 19,5% betragen müssen, um die Überschussbeteiligung in Höhe von 7,5% finanzieren zu können.80

Tabelle 5 lässt vermuten, dass die Mannheimer Leben die Überschussbeteiligung daher in den vergangenen zwei Jahren zu Lasten stiller Reserven und/oder freier Teile der Rückstellungen für Beitragsrückerstattung (RfB)81 finanziert hat. Während 1999 noch fast 31 Mio. € an freien RfB für die Verwendung der Überschüsse vorhanden waren, konnte die Mannheimer Leben zum 31.12.2002 nur noch 1 Mio. € an freien RfB ausweisen. Auch die RfB selbst wurden um 71,1 Mio. € = 49,8% im Vergleich zum Vorjahr gemindert, und die Zuführung zu diesen nahm ab dem Jahr 2000 zusehends ab, bis in 2002 gar nichts mehr zugeführt wurde.82

Auch die Ratingagentur Fitch hat ermittelt, dass die Überschussbeteiligung der Mannheimer Leben aus den eigenen Sicherheitsmitteln unter anderem wegen des Ausmaßes der stillen Lasten bereits im Jahr 2001 nicht mehr zu finanzieren war. In ihrer Studie prüfte sie zum 31.12.2001 auf Basis der Jahresabschlüsse von 75 Lebensversicherern, ob die den Versicherungsnehmern zugesagten Überschussbeteiligungen trotz sinkender Nettoverzinsungen bei den Kapitalanlagen gezahlt werden konnten, indem sie annahmegemäß nur durch Sicherheitsmittel finanziert wurden.83 Die Mannheimer Leben schnitt dabei am schlechtesten ab.

Der Sicherheitsmittelbestand ergibt sich in dieser Studie als Summe aus dem Nettobestand an stillen Reserven (stille Reserven abzüglich stiller Lasten nach § 341b HGB), den freien RfB sowie dem Eigenkapital. Die zu finanzierende Zinsspanne wird aus der Nettorendite zu Marktwerten abzüglich der in Aussicht gestellten Überschussbeteiligung ermittelt. Die Ergebnisse für ausgewählte Lebensversicherer sowie für den Branchendurchschnitt können Anhang 4 entnommen werden.

Bei der Mannheimer Leben war demnach die in Aussicht gestellte Rendite nur zu 20% finanziell abgedeckt, laufende Kapitalerträge hätten 80% der Rendite aufbringen müssen. Ferner lag die Zinsspanne (Nettorendite zu Marktwerten abzüglich der Überschussbeteiligung) der Mannheimer Leben im Jahr 2002 bei -5,7%, im Branchendurchschnitt hingegen bei -2,8%.84 Der Vorstand ging offenbar, wie in Abschnitt 2.3.2 angemerkt, von einer Erholung der Kapitalmärkte aus, weil die Überschussbeteiligung andernfalls aus laufenden Kapitalerträgen hätte finanziert werden müssen.85 Dass dies eine Fehleinschätzung war, zeigt die weitere Entwicklung der Mannheimer Leben. So war sie gezwungen, „in Teilbereichen die Überschuss- beteiligung [für das Jahr 2002] auszusetzen“86 und im November 2002 bekannt zu geben, dass im Jahr 2003 nur noch der Garantiezins von 3,25% gezahlt werden könne.87 Vermutlich hätte die Überschussbeteiligung jedoch schon früher gesenkt werden müssen, wie der am 13.06.2003 zurückgetretene Vorstandsvorsitzende der Mannheimer Leben, Hans Schreiber, bekannte, nachdem er noch Ende Januar 2003 den Aktionären „die Wiederaufnahme der Dividendenzahlung für 2003 in Aussicht“88 gestellt hatte. Im April 2003 wies die Konzernholding deutlich darauf hin, dass die Mannheimer Leben den „Schwerpunkt in Zukunft noch klarer auf Versicherungen ohne Zinsgarantien legen“89 wolle. Die „Erfüllung der Zinsgarantie für 2003 [sei aber] in jedem Fall gesichert“90, da die Mannheimer AG Holding wegen des bestehenden Gewinn- abführungs- und Beherrschungsvertrages zum Verlustausgleich verpflichtet sei (§ 302 AktG). Selbst am 04.02.2003 gab der Vorstand daher noch bekannt, dass alle Gesellschaften des Mannheimer Konzerns uneingeschränkt die Verträge mit den Kunden erfüllen könnten.91 Dass es zu dem Verlustausgleich jedoch nie kommen konnte, wird im folgenden Abschnitt vor dem Hintergrund der Auswirkungen auf die Ergebnisse erläutert.

2.3.5 Ergebnisauswirkungen und Kapitalmaßnahmen

Wesentliche Ergebnisse der Mannheimer Leben waren jahrelang positiv, bevor sie sich ab dem Jahr 2001 in Folge der Entwicklung der Kapitalmärkte, der Kapitalanlagepolitik (vgl. Abschnitt 2.3.2) und offenbar nicht haltbarer Renditeversprechen (vgl. Abschnitt 2.3.4) ins Negative verkehrten. So wurde per 31.12.2002 erstmals ein Jahresfehlbetrag von fast 60 Mio. € ausgewiesen. Die Beitragseinnahmen brachen im Geschäftsjahr 2002 nach Jahren kontinuierlicher Steigerungen „wegen des Ausbleibens von Geschäften mit Einmalbeiträgen“92 um 17,6% im Vergleich zum Vorjahr ein, während sich die ausgezahlten Leistungen in Folge der Stornierung mehrerer Großverträge (vgl. Abschnitt 2.3.1) erheblich erhöhten und mit 509,4 Mio. €93 um 24,88% über dem Branchendurchschnitt lagen.

Wie in Abschnitt 2.3.3 beschrieben, wurde eine Belastung des Kapitalanlage- ergebnisses durch Inanspruchnahme des § 341b HGB unterlassen, so dass selbst im Jahr 2002 noch ein positiver Saldo ausgewiesen werden konnte. In den Jahren 1999 bis 2001 konnte die Mannheimer Leben (daher) auch noch positive versicherungstechnische Ergebnisse ausweisen. Hingegen wurde das versicherungstechnische Ergebnis des Jahres 2002 außerordentlich stark durch hohe Leistungen an Versicherungsnehmer sowie durch Abschreibungen auf Kapitalanlagen belastet und war in Folge dessen negativ (vgl. Tabelle 6).

Das nicht-versicherungstechnische Ergebnis der Mannheimer Leben war durchweg negativ, da die sonstigen Aufwendungen die sonstigen Erträge (aus Dienstleistungen für verbundene Unternehmen) in den letzten Jahren überstiegen. Aufwendungen fielen dabei insbesondere für Dienstleistungen von verbundenen Unternehmen, aber auch für IT-Systeme sowie für die Rechts- und Steuerberatung, an.94 Das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit wurde daher direkt belastet und belief sich nach Jahren positiver Saldi erstmals deutlich negativ auf knapp -59 Mio. €. Steuern vom Einkommen und Ertrag sowie sonstige Steuern in einer Höhe von insgesamt gut 940.000 € bewirkten, dass die Mannheimer Leben erstmals einen auftretenden Jahresfehlbetrag in Höhe von fast 59,8 Mio. € auszuweisen hatte, der vollständig aus der Kapitalrücklage der Mannheimer Leben gedeckt wurde.95

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 6: Ergebnisentwicklung der Mannheimer Leben 1998-200296

[...]


1 Vgl. v. Hammerstein et al. (2003), S. 27.

2 Vgl. Schäfer (2003), S. 22.

3 Vgl. Mannheimer AG Holding (2003b), S. 5.

4 Vgl. Public und Investor Relations (2003a), S. 82 ff. sowie Public und Investor Relations (2002b), S. 108 ff.

5 Vgl. Public und Investor Relations (2003a), S. 13.

6 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 1 sowie Public und Investor Relations (2003e), S. 1.

7 Vgl. Rathmann (2003b), S. 17.

8 Vgl. Public und Investor Relations (2003d), S. 2.

9 Im Bereich der Fristentransformation kann es bei Versicherungen sogar zu negativer Kapitalbindungs- transformation kommen, vgl. Schierenbeck/Hölscher (1998), S. 24.

10 Vgl. Schierenbeck/Hölscher (1998), S. 21 ff.

11 Vgl. Süchting (1988), S. 37.

12 Wagner (2000), S. 178.

13 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 32.

14 Der Begriff „Erlebensfallrisiko“ wird in der versicherungswissenschaftlichen Literatur verwendet. Das Risiko im Erlebensfall kann dabei als der abnehmende - wenn auch vorhersehbare - Verdienst im Alter angesehen werden.

15 Die Bedeutung der Lebensversicherung als Alterssicherungskomponente ist jedoch eher gering, vgl. Deutscher Bundestag (2001), S. 92 ff.

16 Vgl. dazu Lührs (1997), S. 20 ff.

17 Fitch Ratings (2002), S. 2.

18 Durch Zusatzversicherungen lassen sich ergänzend zur Absicherung des Todes- und Erlebensfall- risikos weitere Risiken absichern, vgl. dazu etwa Theis (2001), S. 83.

19 Vgl. GDV (2003a), S. 24f.

20 Vgl. Deutsche Bundesbank (2003), S. 61.

21 Schwebler (1988), S. 418.

22 Die Anzahl der in Deutschland tätigen Lebensversicherer wurde der Homepage der BaFin, http://www.bafin.de, entnommen (Zugriff am 10.09.2003).

23 Eigene Berechnung auf Basis von GDV (2003a) und Public und Investor Relations (2003c).

24 Vgl. McKinsey (2003), S. 8.

25 Vgl. McKinsey (2003), S. 23f.

26 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 1.

27 Public und Investor Relations (2003c), S. 5.

28 Zur Systematisierung unterschiedlicher Lebensversicherungsformen und zur Charakterisierung von Renten- und Kapitallebensversicherungsformen vgl. Schierenbeck/Hölscher (1998), S. 700 ff. sowie Theis (2001), S. 81f.

29 Public und Investor Relations (2003c, 2002a, 2001).

30 Vgl. GDV (2003a), S. 15.

31 Mannheimer AG Holding (2002c), S. 2.

32 Mannheimer AG Holding (2002b), S. 3.

33 Public und Investor Relations (2003a), S. 5.

34 McKinsey (2003), S. 4; Klammerzusatz vom Verfasser.

35 Vgl. http://www.msci.com/equity/index2.html, Zugriff am 04.10.2003.

36 Vgl. http://www.deutsche-boerse.com, Zugriff am 04.10.2003.

37 Vgl. Deutsche Bundesbank (2003), S. 39.

38 Die unter die Position „sonstige Ausleihungen“ fallenden Wertpapiere sind in § 10 RechVersV enumerativ aufgeführt.

39 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 29.

40 Public und Investor Relations (2003c, 2002a, 2001) und GDV (2003a). Die zu den (nicht) festverzinslichen Wertpapieren zählenden Wertpapiergattungen können den §§ 7 und 8 RechVersV

41 Vgl. Erlenbach (2003c), S. 15.

42 Börsen-Zeitung (2003b), S. 13.

43 Vgl. Fitch Ratings (2003b), S. 2.

44 Anzumerken ist allerdings, dass teilweise durch Abschreibungen in Höhe von 35 Mrd. € in 2002 eine vermeintliche Umschichtung herbeigeführt wurde, vgl. Fitch Ratings (2003b), S. 2.

45 Vgl. Public und Investor Relations (2002a), S. 7.

46 So Günter Himstedt, Vorstandsvorsitzender der Protektor Leben, in einem Vortrag zum Thema „Protektor Lebensversicherung AG: Erfahrungen im Fall Mannheimer“ am 07.11.2003 in Frankfurt am Main.

47 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 29. Soweit in den Investmentanteilen auch festverzinsliche Wertpapiere gehalten werden, geht deren Umfang nicht aus den Jahresabschlüssen hervor.

48 Vgl. Public und Investor Relations (2003a), S. 8.

49 Vgl. Mannheimer AG Holding (2003d), S. 4. Zur Frage, ob statt in europäische Blue Chips in aktiendominierte Spezialfonds investiert wurde, vgl. Preuss (2003), S. 14.

50 Public und Investor Relations (2003c), S. 6.

51 Public und Investor Relations (2003c, 2002a, 2001).

52 Vgl. Rauscher et al. (2002), S. 53.

53 Dem Versicherungskapitalanlagen-Bewertungsgesetz (VersKapAG) zufolge fand die Neuregelung des § 341b HGB bereits für Geschäftsjahre, die am 30.09.2001 oder später endeten, Anwendung.

54 Zu Anhaltspunkten für die Frage, ob eine Wertminderung voraussichtlich nur vorübergehend ist, vgl. IDW (2002), Tz. 19 ff. sowie Kloos (2001), S. 51.

55 Vgl. GDV (2003e), S. 36.

56 Vgl. auch Albrecht (2002), S. 7.

57 Fitch Ratings (2003a), S. 2.

58 Vgl. Fitch Ratings (2003b), S. 2.

59 Public und Investor Relations (2002a), S. 7.

60 Vgl. Mannheimer AG Holding (2002a), S. 2.

61 Vgl. Wiebe (2002), S. 16.

62 Balzli/Pauly (2003), S. 96.

63 Balzli/Pauly (2003), S. 96.

64 Public und Investor Relations (2002a), S. 12; Klammerzusatz vom Verfasser.

65 Public und Investor Relations (2003c), S. 6.

66 Vgl. Mannheimer AG Holding (2003a), S. 1.

67 Vgl. Public und Investor Relations (2002a), S. 26.

68 Vgl. Börsen-Zeitung (2003c), S. 17.

69 Vgl. Fitch Ratings (2003b), S. 1.

70 Vgl. Tillinghast-Towers Perrin (2001), S. 2.

71 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 1.

72 Vgl. GDV (2003a), S. 26.

73 Die Versicherungsnehmer nehmen am Risiko-, Kosten- und Zinsüberschuss wegen der während der Vertragslaufzeit bestehenden Unsicherheit bezüglich der Höhe und des zeitlichen Anfalls der ausstehenden Leistungen teil. Zuviel erhobene Beiträge werden dadurch an die Versicherungsnehmer zurückgezahlt, vgl. Ebers (2001), S. 69.

74 Vgl. Schierenbeck/Hölscher (1998), S. 728.

75 Die Zinsgarantie darf nicht mehr als 60% des Zehnjahresdurchschnitts der Umlaufrendite festverzinslicher Wertpapiere erster Bonität betragen und hängt damit von der Zinsentwicklung auf dem Kapitalmarkt ab. Sie liegt derzeit bei 3,25% und soll ab dem 01.01.2004 auf 2,75% gesenkt werden.

76 Balzli/Pauly (2003), S. 96.

77 Vgl. Erlenbach (2003c), S. 15.

78 Public und Investor Relations (2003c, 2002a, 2001).

79 Vgl. McKinsey (2003), S. 5.

80 So Günter Himstedt, Vorstandsvorsitzender der Protektor Leben, in einem Vortrag zum Thema „Protektor Lebensversicherung AG: Erfahrungen im Fall Mannheimer“ am 07.11.2003 in Frankfurt am Main.

81 Freie RfB sind zwar grundsätzlich zur Verwendung für Überschüsse vorgesehen, jedoch nicht einzelnen Verträgen zugeordnet und dürfen damit zur Abwendung eines Notstandes herangezogen werden (§ 56a S. 5 VAG).

82 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 45.

83 Vgl. Fitch Ratings (2002), S. 6 ff.

84 Eigene Berechnung auf Basis von Fitch Ratings (2003b), S. 18 ff.

85 Dies war bei dem Großteil der Konkurrenten der Mannheimer Leben nicht anders: Im Jahr 2002 haben nur 21 Lebensversicherer eine die zugesagte Überschussbeteiligung übertreffende Rendite erwirtschaftet, vgl. Wiebe (2003), S. 15.

86 Public und Investor Relations (2003c), S. 42; Klammerzusatz vom Verfasser.

87 Vgl. Börsen-Zeitung (2002), S. 17.

88 Börsen-Zeitung (2003e), S. 1.

89 Mannheimer AG Holding (2003c), S. 3.

90 Public und Investor Relations (2003c), S. 13; Klammerzusatz vom Verfasser.

91 Vgl. Mannheimer AG Holding (2003a), S. 1.

92 Mannheimer AG Holding (2003c), S. 3.

93 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 1.

94 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 32.

95 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 3.

96 Eigene Berechnung auf Basis von Public und Investor Relations (2003c, 2002a, 2001).

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Protektor Lebensversicherungs-AG und der BaFin im Zusammenhang mit der Zahlungsunfähigkeit der Mannheimer Lebensversicherung AG - Eine Fallstudie
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl Banken)
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
75
Katalognummer
V22549
ISBN (eBook)
9783638258470
Dateigröße
1785 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Protektor, Lebensversicherungs-AG, BaFin, Zusammenhang, Zahlungsunfähigkeit, Mannheimer, Lebensversicherung, Eine, Fallstudie, Krise, Schulden, Insolvenz, Pleite
Arbeit zitieren
Wolfgang Baums (Autor), 2003, Die Rolle der Protektor Lebensversicherungs-AG und der BaFin im Zusammenhang mit der Zahlungsunfähigkeit der Mannheimer Lebensversicherung AG - Eine Fallstudie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22549

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Rolle der Protektor Lebensversicherungs-AG und der BaFin im Zusammenhang mit der Zahlungsunfähigkeit der Mannheimer Lebensversicherung AG - Eine Fallstudie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden