Shakespeares Konzeption von Liebe und Leidenschaft am Beispiel der Sonette 116 und 129


Seminararbeit, 2004

18 Seiten, Note: 1,5

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Die Liebesidee in Shakespeares Sonettzyklus
2.1 Das Vorbild Petrarca
2.2 Die Freundschaftssonette 1 - 126
2.3 Die „Dark Lady“- Sonette 127

3. Sonett 116: Idealbild der ewigen Liebe
3.1 Vollkommene Liebe in Sonett 116
3.2 Eingeständnis des Scheiterns des Liebesideals

4. Sonett 129: Verwerfliche Leidenschaft
4.1 Emotionale Phasen erotischen Begehrens
4.2 Liebe und Leidenschaft als Gegensatz

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur

1. Einführung

Liebe - was ist Liebe? Diese Frage beschäftigt die Menschen seit langer Zeit und man wird sie nie endgültig beantworten können. Jede Epoche, jede Nation, jeder Mensch denkt und empfindet anders darüber. Und dennoch verbindet alle der Wunsch dieses Gefühl mit sämtlichen Höhen und Tiefen, seien es Trauer, Sehnsucht, Verzweiflung oder auch tiefes Glück und Freude, zu erleben. Eine stark damit einhergehende Emotion ist die Leidenschaft, die die Menschen oft zu willenlosen Wesen werden lässt. Wenn sie nicht ausgelebt werden kann, ruft sie psychische Schäden hervor oder verändert den Betroffenen.

Auch in der englischen Renaissance war die Liebe ein wichtiger Teil des Lebens, obgleich die damaligen Ansichten darüber sich doch stark von heute unterscheiden. Glück und Liebe bestand darin, dass die Frauen ihre Rolle in der ehelichen Partnerschaft erfüllten, während die Männer ihre Gefühle auch anders ausleben konnten. Doch trotz aller Einschränkungen war die damalige Zeit, verglichen mit später folgenden Epochen, erstaunlich offen.

Liebe wurde vor allem in der Dichtung ein zentrales Thema, das viele Dichter auf verschiedenste Weise verwendeten. Besonders bei William Shakespeare findet man in seinen Werken diese Thematik auf unterschiedlichste Weise verarbeitet, sei es in seinen Dramen, wie Romeo und Julia, oder besonders in seinen Liebessonetten.

Es stellt sich nun die Frage, wie dachte er über Liebe und Leidenschaft? Welche Empfindungen verband er damit? Waren Liebe und erotisches Begehren für ihn eine feste Einheit oder trennte er diese beiden?

Da es schwierig ist, im Rahmen dieser Arbeit den gesamten Sonettzyklus auf diese Problematik hin zu untersuchen, sollen zwei Sonette als Beispiele herausgegriffen werden. Diese Sonette, 116 und 129, zählen zu den Bekanntesten und greifen die Motive der Liebe und Leidenschaft klar auf.

Um jedoch Shakespeares Sichtweise der Liebe besser zu verstehen, sollen im ersten Teil der Arbeit die Zusammenhänge mit Petrarca noch mal kurz aufgezeigt und anschließend ein kurzer Überblick über die Gesamtkonzeption seines Sonettzyklus gegeben werden.

Im zweiten Teil der Arbeit wird sein Liebesideal am Beispiel des Sonetts 116 genauer analysiert, während im dritten Teil die Leidenschaft und ihre Verbindung mit der Liebe am Beispiel des Sonetts 129 dargestellt wird.

2. Die Liebesidee in Shakespeares Sonettzyklus

2.1 Das Vorbild Petrarca

In der Liebesdichtung der Renaissance sind verschiedene Ideologien zu finden. Einen sehr großen Einfluss hatte das Werk von Francesco Petrarca (1304 – 74)[1], das zugleich als Ursprung der Sonettdichtung zu sehen ist. Sehr viele der damaligen Dichter, wie z.B. Wyatt oder Surrey, orientierten sich an Petrarcas Liebesideologie und entwickelten seine Sonettform weiter. So begehrt in seiner Liebesauffassung „der Sprecher, ein Mann, den Inbegriff des Vollkommenen, eine Frau, in prinzipiell unerfüllbarer Liebe, da die Frau, eben weil vollkommen, absolut keusch, verheiratet oder tot, ihm irdische, sinnliche Erfüllung nicht gewähren kann.“[2]

Die Liebe wird zur Schmerzliebe, denn der Mann weiß, dass sie niemals erfüllt werden kann. Dies ist die vordergründige Idee der Liebe. Genauer betrachtet wird die Frau bei den Petrarkisten „als Projektionsfläche für die eigenen Phantasmen“[3]missbraucht, was bedeutet, dass sie nach den Vorstellungen des Mannes konstruiert wird und vollkommen ihre Eigenständigkeit verliert.

Es stehen demzufolge in der petrarkistischen Dichtungstradition zwei Grundeinstellungen im Mittelpunkt: Zum einen ein Lobpreis der Schönheit und vollkommenen Tugend der Geliebten, zum anderen die Klage des Liebenden über seine Abweisung und Vergeblichkeit seiner Liebe. Von dieser Grundidee ausgehend entwickeln sich in der Renaissance sowohl Verschiebungen dieser Ansicht als auch Strömungen, die versuchen, sich davon zu lösen.

Bei Shakespeares Sonetten geht die Forschungsmeinung oft weit auseinander, wie weit und ob er sich an Petrarca orientierte. Grundy fasst diese Ambivalenz der Meinungen in folgende Aussage: „This is, and is not, a Petrarchan sonnet-sequence.“[4]

Es zeigen sich bei ihm viele Elemente des Petrarkismus, die jedoch durch starke Tendenzen dagegen überlagert werden. So kann man Shakespeares Sonettzyklus in zwei Hauptgruppen aufteilen. Die erste umfasst die Sonette 1-126 und kann als eher konstruktive Kritik am Petrarkismus gesehen werden. Die zweite Gruppe, die Sonette 127-154[5], wird hingegen als eine anti-petrarkistische Satire auf die Gattung des Sonetts betrachtet.

2.2 Die Freundschaftssonette 1 - 126

Die Sonette 1 bis 126 werden als ein thematisch zusammengehöriger Komplex gesehen.[6]Sie sind alle an einen jungen, blonden Aristokraten adressiert, den der Sprecher der Sonette in Liebe und Freundschaft verehrt.

In dieser Gruppe nehmen die sogenannten „Prokreationssonette“ 1-17 eine Sonderstellung ein. In ihnen warnt der Sprecher den jungen Aristokraten davor, seine Schönheit und Vollkommenheit zu verschwenden und rät ihm diese durch die Zeugung von Nachkommen zu vervielfältigen. Die Frau wird in diesen Sonetten ausschließlich als Medium zur Weitergabe der männlichen Perfektion verwendet. Durch diese Herabsetzung ist klar ersichtlich, dass die Sonette in der ersten Gruppe alle an einen jungen Mann gerichtet sind.

Besonders auffällig ist das homoerotische Potential des ersten Teils. Der Sprecher gelangt ausgehend von einer tiefen Bewunderung des Geliebten über starke Selbstzweifel und einer Klage über den Verrat durch den Freund zu der Erkenntnis, „dass der Freund seine einzigartigen Gaben vergeudet und die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt.“[7]Man kann also feststellen, dass Shakespeare „von dem Themenkreis „Freundschaft“ mit seinen „basic assumptions“ ausgeht und erst dann die petrarkistische Liebeskonzeption aufgreift.“[8]Es ist jedoch falsch aus dieser homo-sexuellen Liebe Rückschlüsse auf Shakespeare zu ziehen. Vielmehr waren in der englischen Renaissance die Grenzen zwischen ‚homoerotischer’ Liebe und ‚homosozialer’ Männerfreundschaft[9]nicht so eng. Das bedeutet, dass damals engere Beziehungen zwischen Männern bei weitem nicht so kritisch gesehen wurden wie in späteren Epochen.

Shakespeare übernimmt in den Sonetten 1-126 das idealtypische Dichterlob des Geliebten nicht vollkommen, sondern er erkennt und zeigt immer wieder deutlich die menschliche Unvollkommenheit und Vergänglichkeit. Hierin unterscheidet er sich stark vom petrarkistischen Vorbild seiner Zeitgenossen.

2.3 Die „Dark Lady“- Sonette 127 – 154

Der zweite größere Komplex des Sonettzyklus ist gekennzeichnet durch das sexuelle Begehren des Sprechers nach seiner Geliebten, der mysteriösen „Dark Lady“. Sie ist dennoch nicht als direktes Gegenbild zu dem jungen Geliebten des ersten Teils zu sehen; durch sie wird das Idealbild der Vollkommenheit aufgelöst und in die Realität verschoben. Aus dieser Darstellung der „Dark Lady“ resultiert die satirische Missachtung des petrarkistischen Bildes einer perfekten Schönheit. Die beiden wichtigsten Eigenschaften einer Geliebten waren immer Schönheit und Tugend. Diese werden hier negiert. So sieht der Sprecher seine Geliebte in Sonett 130 sehr kritisch:

„My mistress’ eyes are nothing like the sun [...]” (130, Z.1)[10]

Und doch machen gerade dieses nicht idealtypische Aussehen und vor allem ihre Verwerflichkeit und Mangel an Moral die Anziehungskraft der geheimnisvollen Dame aus. Der Sprecher verzehrt sich „angesichts des Zwiespalts zwischen offensichtlicher Unzulänglichkeit und zwanghafter Liebe.“[11]

Dieser Teil des Zyklus darf nicht rein als Satire des Petrarkismus gesehen werden, denn zwischen den beiden Teilen der Sonettabfolge besteht ein starkes Spannungs- und Ergänzungsverhältnis. Während der Dichter dem Freund in tiefer Liebe verbunden ist, zwingt ihn sein Begehren nach der mysteriösen Lady zu einem Zustand, der schon mit Hörigkeit bezeichnet werden kann. Diese Spannung zwischen Liebe und sexuellem Verlangen durchzieht den gesamten Zyklus. Ein wichtiges Merkmal für eine Abwendung von der petrarkistischen Tradition in den Sonetten Shakespeares ist, dass das Hauptgewicht nicht mehr auf dem Lobpreis einer vollkommenen Geliebten liegt, sondern diese als unvollkommenes Gegengewicht nur eine Ergänzung zum eigentlichen Hauptthema, die Vergötterung eines männlichen Idealwesens, darstellt.

Auf Grund der enormen Komplexität von Shakespeares Sonetten und seiner verschiedenartigen Ansätze kann nur ein kurzer Überblick über formalen und thematischen Aufbau gegeben werden. Dies soll dennoch die Einordnung der beiden folgenden Sonette erleichtern.

3. Sonett 116: Idealbild der ewigen Liebe

Das Sonett 116 gehört bis heute zu einem der bekanntesten und bewundersten Sonetten Shakespeares. Es wird oft als Shakespeares Definition der wahren Liebe verstanden und so als Zugang zu den tiefsten Gefühlen. Dieser Sichtweise ist jedoch vor allem in der neueren Forschung[13]immer wieder widersprochen worden, denn erst durch eine Berücksichtigung des literarischen Kontexts im Sonettzyklus kann das Sonett wirklich hinterfragt werden.[12]

3.1 Vollkommene Liebe in Sonett 116

Bei einer Analyse des Sonetts als einzelnes Gedicht erscheint es als eine wunderbare Definition der perfekten und ewigen Liebe. Shakespeare versucht hier die Prämissen und Ursachen für eine vollkommene Liebe aus seiner Sicht zu beschreiben.

Peter Hyland beschreibt diese Idee folgendermaßen:

The sonnet makes a powerful statement for a human love that is transcendent, not to be changed by the vagaries of circumstance or time, and its couplet suggests that the speaker sees his own love in such terms […].[14]

Vollkommene, ewig dauernde Liebe ist hier etwas Konstantes und Unveränderliches, die bis zum Jüngsten Gericht reicht bzw. reichen soll. Diese kann durch nichts zerstört werden, sie steht als „ever-fixed mark“ (116, Z. 5)[15]im Leben der beiden Liebenden.

Es stellt sich hier die Frage wer zu dieser Liebe geschaffen ist und wie sie diese Festigkeit erlangen kann. Shakespeare gibt durch diese Formulierung die Antwort darauf: „Let me not to the marriage of true minds [...]” (116, Z. 1)

Der negative Wunsch „Let me not” (116, Z. 1) drückt den Wunsch oder sogar die Aufforderung des Sprechers an sich aus, sich nicht der Ansicht der meisten Menschen anzuschließen, dass es keine ewige Liebe gibt. Er will daran glauben und den Lesern diese Hoffnung auch vermitteln. Denn er fühlt sich mit seinem Partner durch eine „marriage of true minds“ (116, Z. 1) zutiefst verbunden. Dies ist für ihn keine Hochzeit im herkömmlichen christlichen Sinn, sondern er setzt diese Verbindung weit darüber, als etwas Geistig-Ideelles, das auf ewig konstant und ehrlich bleiben wird. Die völlige Verschmelzung zweier Seelen stellt die vollkommene Liebe für den Sprecher, aber vielleicht auch für Shakespeare dar. Mit dieser Liebe können alle „impediments“ (116, Z. 2) überwunden werden.

[...]


[1]Titel des Werks:Canzoniere

[2]Schabert, Ina (2000),Das Shakespeare-Handbuch, 4. Auflage, Stuttgart: Kröner, S. 583

[3]Ebd., S. 584

[4]Puschmann-Nalenz, Barbara (1974),Loves of comfort and despair, Frankfurt am Main: Akademische

Verlagsgesellschaft, S. 91

[5]Diese Gruppe wird bei einigen Forschern bereits nach dem Sonett 152 beendet, da den Sonetten 153 und

154 oft eine Sonderstellung zugeschrieben wird.

[6]Diese Einteilung der Sonette ist jedoch nicht unumstritten. " vgl. Schabert, Ina (1978),Shakespeare-

Handbuch, 2. Auflage, Stuttgart: Kröner, S. 658ff

[7]Schabert (1978), S. 662

[8]Puschmann-Nalenz (1974), S. 92

[9]vgl. Schabert, Ina (1997),Englische Literaturgeschichte, Stuttgart: Kröner, S. 144

[10]Shakespeare, William (2001),Sonette und Versepen: Zweisprachige Ausgabe, Düsseldorf: Artemis und

Winkler Verlag, S. 136

[11]Schabert (1978), S. 663

[12]Die gesamte Textversion des Sonetts ist im Anhang zu finden.

[13]z. B. durch Helen Vendler oder Stephen Booth

[14]Hyland, Peter (2003),An Introduction to Shakespeare’s Poems, New York: Palgrave MacMillan,

S. 164

[15]Shakespeare (2001), S. 122 ðAlle folgenden Zitate sind dieser Ausgabe und Textstelle entnommen.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Shakespeares Konzeption von Liebe und Leidenschaft am Beispiel der Sonette 116 und 129
Veranstaltung
Proseminar: The Poetry of William Shakespeare
Note
1,5
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V22635
ISBN (eBook)
9783638259170
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Shakespeares, Konzeption, Liebe, Leidenschaft, Beispiel, Sonette, Proseminar, Poetry, William, Shakespeare
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Shakespeares Konzeption von Liebe und Leidenschaft am Beispiel der Sonette 116 und 129, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22635

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Shakespeares Konzeption von Liebe und Leidenschaft am Beispiel der Sonette 116 und 129



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden