Die Auseinandersetzung über Zuwanderung, Migration und Flucht ist in der BRD geprägt
von Abschottung, Nützlichkeitsüberlegungen und Fremdenfeindlichkeit. In der Regel
wird von Ausländern gesprochen, ohne dass diese als konkrete Subjekte und handelnde Individuen
wahrgenommen werden. Die Situation jedoch, in der sich Migrant/innen, insbesondere
ohne festen Aufenthaltsstatus, in Deutschland wiederfinden, fordert geradezu heraus, Stellung
zu beziehen: Wie könnte ein Umgang mit Menschen anderer Herkunft aussehen, der nicht
geprägt ist von Rassismus, Vorurteilen, Instrumentalisierung und Verwertung?
Die entscheidende Kategorie muss die Würde des einzelne Menschen sein. Die Abstraktionen,
denen wir im täglichen Leben unterworfen sind, die Subtrahierung von unseren
konkreten Bedürfnissen und Wünschen, Gefühlen und Träumen sind Zeichen der Entmenschlichung
und als solche Vorstufen von Barbarei und Vernichtung. Die Bestimmung eines Wertes
von Menschen, abhängig von einseitigen Beurteilungskriterien, und die sich anschließende
Ver-Wertung stellen die Negation der Individualität und Würde des Einzelnen dar.
Für eine umfassende Wahrung der Würde und Einzigartigkeit jedes Menschen muss
jedoch die Gesellschafts-Bezogenheit der Menschen mitgedacht und mitbeachtet werden. Die
universellen Rechte der Menschen, mithin das „Recht auf Rechte“, die Selbstentfaltung und
Würdigkeit müssen auf ihre Durchsetzbarkeit und Verwirklichung hin überprüft werden. Und
die gesellschaftlichen Bedingungen verhindern die Würdigkeit einiger Menschen in Deutschland,
oder schränken sie eklatant ein. Mithilfe von Gesetzen werden Menschen zu Bürger/
innen zweiter, dritter oder vierter Klasse gemacht oder ganz aus der Gesellschaft ausgeschlossen.
Migrant/innen werden nicht nur verbal in „nützliche“ und „überflüssige“, in berechtigt
und unberechtigt Zugewanderte eingeteilt. Am unteren Ende dieser Einteilung stehen
die sogenannten „Illegalen“, denen jegliche Rechte und ein würdevolles und menschliches
Leben verweigert werden. Gleichzeitig werden Außengrenzen verstärkt und neue, innere
Grenzen geschaffen:
„Die Grenzen differenzieren und vervielfältigen sich: Sie begrenzen den gesellschaftlichen
Raum nicht mehr lediglich von außen, der gesellschaftliche Raum
wird vielmehr zunehmend mit einem Kontrollnetz überzogen, das ihm seine spezifische
Form gibt und wie eine allgegenwärtige Grenze funktioniert.“1 [...]
1 Förderverein Niedersächsischer Flüchtlingsrat e.V. (Hg.) 1998, S. 13
Gliederung
1 „...dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei...“
2 Konkretisierung des Themas
3 Politische Rahmenbedingungen
3.1 „Illegalität“ in Deutschland
3.1.1 Dauermigration und Pendelmigration
3.1.2 Andere Formen der Papierlosigkeit
3.1.3 Art der Einreise
3.1.4 Quantifizierung
3.2 Asylrechtsbeschneidung und Abschreckung im Inneren
3.2.1 Einschränkungen des Rechts auf Asyl
3.2.2 Leistungskürzungen
3.2.3 Weitere gesetzliche Regelungen
3.3 Abschottung nach außen und „Grenzsicherung“
3.3.1 Maßnahmen der BRD
3.3.2 Europäische Maßnahmen
3.4 „Menschenhändler“ und Fluchthelfer
3.5 Frauen auf der Flucht
4 Zur Situation von Papierlosen in Deutschland
4.1 Rechtliche Ansprüche und faktische Rechtlosigkeit
4.1.1 Arbeit und Ausbeutung
4.1.2 Unterkunft
4.1.3 Gesundheitsfürsorge
4.1.4 Bildung
4.1.5 Soziale Beziehungen und Netzwerke
4.2 Illegalisierte Frauen
4.3 Kinder von Papierlosen und papierlose Kinder
4.4 Zusammenfassung
5 Politische und rechtliche Ebene der Verbesserung der Situation Papierloser
5.1 Maßnahmen zur Verhinderung von Illegalität
5.2 Legalisierungsvorschläge nach dem Vorbild anderer europäischer Staaten
5.3 Konkrete Vorschläge zur Verbesserung der rechtlichen Stellung Papierloser
6 Sozialpädagogische Ebene der Hilfe
6.1 Anspruch und Wirklichkeit
6.2 Hindernisse bei der Hilfe für Papierlose
6.3 Kirchliche Positionen
6.4 Praxis in den Beratungsstellen
6.5 Projekte und (Selbst-)Organisationen
6.5.1 Projekt :ZAPO:
6.5.2 Medizinische Projekte
6.5.3 Kirchenasyl
6.5.4 Die Kampagne „kein mensch ist illegal“
7 Zusammenfassung: Chancen und Grenzen professioneller Hilfsangebote
Zielsetzung und Themenfelder der Arbeit
Die Arbeit untersucht die Lebenssituation von in Deutschland lebenden Papierlosen und analysiert die Möglichkeiten sozialpädagogischer Intervention. Das Hauptziel besteht darin, die Notwendigkeit einer menschenwürdigen Hilfe aufzuzeigen, Forderungen zur Verbesserung ihrer rechtlichen Lage zu formulieren und praktische Ansätze der Unterstützung und Selbsthilfe zu erörtern.
- Politische Rahmenbedingungen von Migration und Illegalität in Deutschland
- Rechtliche Situation und faktische Rechtlosigkeit papierloser Menschen
- Herausforderungen in der Migrationssozialarbeit und Hilfspraxis
- Ansätze zur politischen und rechtlichen Verbesserung der Situation
- Projekte und (Selbst-)Organisationen als Interventionsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Andere Formen der Papierlosigkeit
Auch die „Entscheidung“ für ein Leben in der Heimlichkeit ist im Einzelfall von höchst unterschiedlichen Faktoren bestimmt.
Eine Gruppe innerhalb der Papierlosen ist die der Asylbewerber/innen, die sich ihrer drohenden Abschiebung bereits während oder nach Abschluss ihres Verfahrens entziehen oder solche, die erst gar keinen Asylantrag stellen, weil sie sich keine Chancen ausrechnen. Der Gefahr ihrer Abschiebung oder der Inhaftierung in einer Abschiebehaftanstalt entziehen sich diese Flüchtlinge, indem sie in die Illegalität „untertauchen“.
Andere entziehen sich dem bundesweiten Verteilungsverfahren nach dem Asylverfahrensgesetz, auch „EASY-Verfahren“ (Erst-Aufnahme-System) genannt. Es sieht die zentrale Verteilung der Asylantragssteller/innen auf die Bundesländer durch die Außenstellen des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge vor. Maßgebliche Kriterien bei der Verteilung sind die gesetzlich festgelegten Aufnahmequoten der Länder und freie Kapazitäten der Einrichtungen, nicht jedoch die Wünsche der Antragssteller/innen. Flüchtlinge, die bereits Familienangehörige in Deutschland haben, aber nicht in deren Nähe verlegt werden, verweigern sich dem Transport, der zudem oftmals noch am selben Tag der Einreise stattfindet oder Flüchtlingsgruppen auseinanderreißt und somit eine Härte für die Flüchtlinge bedeutet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 „...dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei...“: Das Kapitel führt in die Thematik ein und betont die Notwendigkeit, Papierlose als Subjekte mit Würde anzuerkennen, statt sie nur als Randerscheinung zu betrachten.
2 Konkretisierung des Themas: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Wandel der Migrationspolitik und die zunehmende staatliche Einschränkung von Fluchtmöglichkeiten.
3 Politische Rahmenbedingungen: Hier werden die restriktiven gesetzlichen Bestimmungen, die Verschärfung des Asylrechts und die Abschottung nach außen als Ursachen für die Entstehung von Illegalität analysiert.
4 Zur Situation von Papierlosen in Deutschland: Das Kapitel dokumentiert die faktische Rechtlosigkeit und die prekären Lebensumstände in Bereichen wie Arbeit, Wohnen, Gesundheit und Bildung.
5 Politische und rechtliche Ebene der Verbesserung der Situation Papierloser: Es werden Strategien wie Legalisierung und die Schaffung menschenwürdiger Mindeststandards diskutiert, um die Lebenslage zu verbessern.
6 Sozialpädagogische Ebene der Hilfe: Das Kapitel befasst sich mit den praktischen Herausforderungen für Berater und Hilfsorganisationen, die zwischen rechtlichen Grenzen und emanzipatorischem Anspruch vermitteln.
7 Zusammenfassung: Chancen und Grenzen professioneller Hilfsangebote: Das Fazit fasst die Ambivalenz sozialpädagogischer Arbeit zusammen und fordert ein grundsätzliches Umdenken hin zu einer Politik der offenen Grenzen.
Schlüsselwörter
Papierlose, Migration, Asylrecht, Illegalität, Flüchtlinge, Sozialpädagogik, Menschenwürde, Abschiebung, Lebensbedingungen, Migrationspolitik, Netzwerke, Hilfe, Rechtlosigkeit, Fremdenfeindlichkeit, soziale Ausgrenzung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Lebenssituation von Menschen in Deutschland, die keinen geregelten Aufenthaltsstatus besitzen, und erörtert, wie Sozialpädagogik auf ihre Bedürfnisse reagieren kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die politischen Rahmenbedingungen, die rechtliche Situation der Betroffenen, die sozialen Folgen der Illegalisierung sowie Interventionsmöglichkeiten in der Migrationssozialarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Notwendigkeit einer menschenwürdigen Unterstützung für Papierlose zu verdeutlichen und politische sowie rechtliche Forderungen zur Verbesserung ihrer Lebenssituation aufzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine systematische Analyse der rechtlichen und politischen Bedingungen sowie der sozialen Lebensrealität von Papierlosen auf Basis von Fachliteratur und Berichten von Hilfseinrichtungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der politischen Restriktionen, der prekären Lebensverhältnisse der Papierlosen (Arbeit, Wohnen, Gesundheit) und eine Untersuchung der sozialpädagogischen Praxis und Netzwerkarbeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören "Papierlosigkeit", "Rechtlosigkeit", "Migrationssozialarbeit", "Asylrecht" und "gesellschaftliche Partizipation".
Wie unterscheidet sich die Lage von Frauen im Vergleich zu Männern?
Frauen sind laut der Untersuchung auf der Flucht und im Aufnahmeland häufiger mit geschlechtsspezifischer Gewalt, sexueller Ausbeutung und ökonomischer Abhängigkeit konfrontiert.
Warum wird die Hilfe für Papierlose oft als "Drahtseilakt" bezeichnet?
Weil Hilfskräfte und Institutionen sich durch ihre Unterstützung oft in eine rechtliche Grauzone begeben und Gefahr laufen, aufgrund von Gesetzen zur Beihilfe zur illegalen Einreise oder zum Aufenthalt kriminalisiert zu werden.
- Quote paper
- Andreas Beisbart (Author), 2002, Zur Situation von Papierlosen in Deutschland und den Möglichkeiten sozialpädagogischer Intervention, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22647