Fernab von Nationalismus und Deutsch- oder sonstiger „Tümelei“ wird von Sprachwissenschaftlern, Journalisten und schnell wachsenden „Sprachvereinen“ in den letzten Jahren eine zunehmende Gefährdung der sprachlichen Vielfalt beklagt. Besonders in den hochentwickelten Industriestaaten scheinen die zunehmende Vernetzung und die steigende Mobilität der Bevölkerung, die unterschiedliche Bewertung von Dialekten und Standardsprachen sowie der wachsende Einfluß des Englischen als Lingua franca dazu zu führen, dass sprachliche Unterschiede immer weiter nivelliert werden. Während schon lange in verschiedenen Ländern Warnungen zu hören sind, dass die dialektale Vielfalt zugunsten der jeweiligen übergeordneten Standardsprache schwindet, wird mittlerweile auch deren Bestand von bestimmten Kreisen nicht mehr als völlig gesichert betrachtet.
Insbesondere der stetig wachsende Einfluß der englischen Sprache ruft immer mehr Widerspruch hervor. Denn neben der Funktion als „Brücke“ zwischen Sprechern verschiedener Sprachen dringt das Englische über Mischformen („Denglisch“, „Franglais“, „Spanglish“) und zunehmend auch in Reinform in die Kommunikation zwischen Sprechern ein, die eigentlich dieselbe (andere) Sprache sprechen.
Auch in Polen wird über den Zustand der Sprache und die Notwendigkeit zum Schutz derselben diskutiert. Gegenstand dieser Arbeit ist nicht nur der Einfluß von Fremdsprachen auf das Polnische, sondern auch das neue Verhältnis von Standard und Dialekten in Folge des Zweiten Weltkrieges, die Sonderfälle "Kaschubisch" und "Schlesisch" sowie politische Bestrebungen zum Schutze der polnischen Sprache.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Zum Verhältnis von Dialekten und Standardsprache
1.1. Der Stadt-Land-Gegensatz
1.2. Die „Neuen Mischdialekte“
2. Die Sonderfälle „Schlesisch“ und „Kaschubisch“
2.1. Das Schlesische
2.2. Das Kaschubische
3. Die Entwicklung des Hochpolnischen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts
4. Das öffentliche Interesse an der Sprache
5. Sprachpolitik in Polen
III. Schluß
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Sprachsituation in Polen, wobei sie insbesondere das Spannungsfeld zwischen der polnischen Standardsprache, den regionalen Dialekten und dem zunehmenden Einfluss fremder Sprachen analysiert. Ziel ist es, die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf den Sprachgebrauch sowie die Rolle der staatlichen Sprachpolitik bei der Bewahrung der nationalen Identität zu beleuchten.
- Verhältnis zwischen Dialekten und polnischer Standardsprache
- Status der Dialekte Schlesisch und Kaschubisch
- Einfluss der gesellschaftlichen Transformation auf das Standardpolnische
- Öffentliche Sprachpflege und institutionelle Sprachberatung
- Sprachgesetzgebung als Instrument zum Schutz des Polnischen
Auszug aus dem Buch
2.2 Das Kaschubische
Beim Kaschubischen liegen die Dinge etwas anders. Dieser Code wird im Norden Polens in der Region um Danzig gesprochen, ungefähr dort, wo in der Zwischenkriegszeit der Polnische Korridor lag. Schätzungen gehen von 200.000 bis 500.000 Sprechern aus, wobei etwa 60% das Kaschubische regelmäßig gebrauchen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kodifizierung des Kaschubischen versucht. Seitdem gab es mehrere Anläufe, und so ist die orthographische Normierung des Kaschubischen mittlerweile weit vorangeschritten. In der Lautung sind allerdings Schwierigkeiten aufgrund der erheblichen Unterschiede zwischen den nordkaschubischen und den südkaschubischen Mundarten zu beobachten. So ist die Betonung im Norden absolut frei, wird dann aber zum Süden hin immer fixierter, bis man im Süden schließlich auf einen fixen, initialen Akzent trifft.
Weiterhin gibt es keine normierenden Werke zu Wortschatz und Grammatik, so dass trotz der weit gediehenen Kodifizierung im orthographischen Bereich bisher nicht von einer umfassenden Normierung/Kodifizierung des Kaschubischen gesprochen werden kann. Im Gegensatz zum Schlesischen ist im Kaschubischen besonders in den letzten Jahren eine zunehmende funktionale Differenzierung erkennbar. So ist die Domäne hochsprachlicher Ansätze die schöne Literatur, besonders die Dichtung. Weiterhin gibt es im Bereich der Publizistik Druckmedien auf Kaschubisch, seit den 1990er Jahren auch Radio und Fernsehen. Außerdem gibt es ein Lektorat an der Danziger Universität und ein kaschubisches Lyceum in Brusy. Das Kaschubische wird auch verstärkt im philologisch sprachwissenschaftlichen Bereich, in der Liturgie und in neuen Bibelübersetzungen benutzt. Dementsprechend ist für das Kaschubische auch eine stilistische Differenzierung durchaus erkennbar.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die allgemeine Sorge um den Verlust sprachlicher Vielfalt und definiert den Fokus auf die polnische Sprachkultur und Politik.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert das Verhältnis von Dialekten zu Standardsprache, beleuchtet Sonderfälle wie Schlesisch und Kaschubisch, die Entwicklung des Hochpolnischen sowie das öffentliche und politische Interesse am Schutz der Sprache.
1. Zum Verhältnis von Dialekten und Standardsprache: Hier wird der historische Stadt-Land-Gegensatz und die daraus resultierende „Bilingualität“ sowie die Entstehung von Substandards diskutiert.
1.1. Der Stadt-Land-Gegensatz: Dieses Kapitel erläutert den Wandel der einst klaren räumlichen Trennung zwischen städtischem Standardpolnisch und ländlichen Dialekten durch soziale Umbrüche.
1.2. Die „Neuen Mischdialekte“: Es werden die Sprachverhältnisse in Gebieten beschrieben, die nach 1945 durch massive Bevölkerungsverschiebungen neu strukturiert wurden.
2. Die Sonderfälle „Schlesisch“ und „Kaschubisch“: Es erfolgt eine wissenschaftliche Prüfung dieser Idiome anhand von Standardsprachenkriterien wie Normierung und Polyfunktionalität.
2.1. Das Schlesische: Das Kapitel stellt dar, warum Schlesisch trotz großer Sprecherzahl eher als Diasystem von Dialekten denn als eigenständige Standardsprache zu betrachten ist.
2.2. Das Kaschubische: Es wird die abweichende Entwicklung des Kaschubischen analysiert, das trotz einiger funktionaler Fortschritte mit einer schwindenden Sprecherbasis kämpft.
3. Die Entwicklung des Hochpolnischen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts: Der Text beschreibt den Aufstieg des Polnischen zur Massensprache sowie den Einfluss von Ideologie und Anglizismen.
4. Das öffentliche Interesse an der Sprache: Dieses Kapitel widmet sich der traditionell hohen Bedeutung der Sprache für die polnische Identität und den Institutionen der Sprachpflege.
5. Sprachpolitik in Polen: Es wird die Intention und Umsetzung des polnischen Sprachgesetzes von 1999 sowie die Rolle des Rats der Polnischen Sprache erläutert.
III. Schluß: Das Fazit fasst die dynamische Entwicklung der polnischen Sprache zusammen und betont den weiteren Forschungsbedarf in Bezug auf Sprachgesetzgebung und Dialektentwicklung.
Schlüsselwörter
Polen, Sprachpolitik, Standardsprache, Dialekte, Sprachkultur, Schlesisch, Kaschubisch, Sprachgesetz, Anglizismen, Sprachpflege, Identität, Substandard, Sprachwissenschaft, Kodifizierung, Mehrsprachigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der polnischen Standardsprache, den regionalen Dialekten und den verschiedenen Einflüssen auf die polnische Sprache nach 1945.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Stadt-Land-Gegensatz, die Einstufung von Mundarten als Sprachen oder Dialekte, die Auswirkungen der politischen Geschichte auf die Sprache und die staatliche Sprachgesetzgebung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, ein Verständnis für die komplexe Dynamik der polnischen Sprachkultur zu vermitteln und aufzuzeigen, wie der polnische Staat versucht, die Sprache als nationales Identitätsmerkmal zu schützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Anwendung soziolinguistischer Kriterien, insbesondere der Kriterien der Prager Schule für Standardsprachen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse dialektaler Strukturen, die Untersuchung von Schlesisch und Kaschubisch, die Entwicklung des Standardpolnischen und die staatliche Sprachpolitik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Sprachpolitik, Standardsprache, Dialekte, Sprachkultur, Schlesisch, Kaschubisch und das polnische Sprachgesetz.
Was unterscheidet das Schlesische vom Kaschubischen in Bezug auf ihre Anerkennung?
Während das Schlesische weitgehend als Kontinuum von Dialekten ohne Normierung betrachtet wird, zeigt das Kaschubische Ansätze einer funktionalen Differenzierung und Kodifizierung, auch wenn die Sprecherbasis derzeit gefährdet ist.
Welche Rolle spielen ausländische Konzerne für die Sprachentwicklung in Polen?
Ausländische Konzerne haben laut der Arbeit einen bedeutenden Einfluss auf den Zuwachs von Anglizismen, insbesondere im Bereich der Wirtschaft und der Werbesprache.
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- Thomas Winter (Author), 2004, Sprachkultur und Sprachpolitik in Polen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22676