Mit dem Datum des 30. Januar 1933 verbindet sich eine entscheidende Zäsur in der jüngeren deutschen Geschichte: Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler an diesem Tag war Auftakt einer zwölfjährigen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit nachhaltigsten Folgen für Deutschland und Europa bis in die Gegenwart hinein.
Während der historisch-politische Stellenwert des Stichtags 30. Januar in der untersuchten Literatur gleichermaßen hoch eingeschätzt wird, kommt die Fachwelt jedoch bei der qualitativen Bewertung dieses „Regierungswechsels“ zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die verwendeten Begriffe der „Machtergreifung“ einerseits und der „Machtübertragung“ andererseits markieren dabei zwei wesentliche Positionen in der Kontroverse über das Thema.
Fand Anfang 1933 eine Übertragung der Macht an, – oder eine Ergreifung der Regierungsgewalt durch – Hitler statt? In dieser Arbeit sollen beispielhaft Vertreter der jeweiligen Positionen mit ihrer Argumentation vorgestellt und diskutiert werden. Anschließend wird untersucht, welchen Stellenwert der „30. Januar“ derzeit im öffentlichen Bewusstsein hat und auch, wie weit gesellschaftliches Handeln auch heute noch im Kontext der NS-Vergangenheit beurteilt wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Weg zur Macht
3 Ein politisches Ereignis und seine Deutung
3.1 Die Problematik von Begriff, Inhalt und Deutung
3.1.1 Problematik des Begriffs „Machtübertragung“
3.1.2 Problematik des Begriffs „Machtergreifung“
3.1.3 Problematik der Interpretation
3.2 „Machtergreifung“ im wissenschaftlichen Diskurs
3.3 „Machtübertragung“ im wissenschaftlichen Diskurs
3.4 Grundkonsens
3.5 Begriffs-Alternativen
4 Stellungnahme
4.1 Grundproblematik
4.2 Reflexion zur Machtübernahme
4.3 „30. Januar“ und NS-Vergangenheit heute
4.4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die historiographische Kontroverse um die Begriffe „Machtergreifung“ und „Machtübertragung“ im Kontext der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und reflektiert deren Stellenwert in der heutigen gesellschaftlichen Erinnerungskultur.
- Analyse der semantischen und ideologischen Unterschiede der Begriffe „Machtergreifung“ und „Machtübertragung“.
- Gegenüberstellung verschiedener wissenschaftlicher Positionen und Interpretationsansätze zur NS-Machtübernahme.
- Untersuchung der politischen Situation am Vorabend des 30. Januars 1933.
- Reflektion über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der heutigen Zeit.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Problematik von Begriff, Inhalt und Deutung
Bei der folgenden Darstellung von Fachmeinungen zum Thema „30. Januar 1933“ sind verschiedene Fragen zum Grundverständnis offenbar geworden, wobei ich zumindest auf eine, zum besseren Verständnis, eingangs hinweisen möchte: Die Frage, ob „Machtergreifung“ oder „Machtübertragung“ die zutreffendere Bezeichnung für das Geschehen dieses Tages sei, scheint auf den ersten Blick ein rein semantisches Problem, eine sprachwissenschaftliche Angelegenheit zu sein. In der historischen Betrachtung sind die konkurrierenden Begriffe offenbar mit weitaus mehr Konnotationen befrachtet. Dazu der Historiker Wolfgang Schieder: „...Jedoch sollten wir uns darüber im klaren sein, daß wir auch in diesem Fall „die Geschichte durch ihre jeweiligen Begriffe" (Reinhart Koselleck) interpretieren. […] Es ist deshalb beispielsweise nicht bloß eine metaphorische Variante, ob man Hitlers Machtübernahme von 1933 als ,Wende‘, ,Umsturz‘ oder als ,Revolution‘ bezeichnet.“ Der jeweils verwendete Begriff kann bereits Deutung und Wertung enthalten; bisweilen lässt er sogar deutliche Rückschlüsse auf den Verwender des Begriffs – seinen ideologischen Standort und die Zielrichtung seiner Argumentation – erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die historische Zäsur des 30. Januars 1933 und Darstellung der Kontroverse um die Terminologie der NS-Machtübernahme.
2 Der Weg zur Macht: Skizzierung der politischen Instabilität der Weimarer Republik und der Ereignisse, die zur Ernennung Hitlers führten.
3 Ein politisches Ereignis und seine Deutung: Analyse der semantischen Problematik und der verschiedenen wissenschaftlichen Diskurse um die Begriffe Machtergreifung und Machtübertragung.
4 Stellungnahme: Persönliche Reflexion des Autors zum Umgang mit der NS-Vergangenheit und deren Bedeutung für die Gegenwart.
Schlüsselwörter
30. Januar 1933, Machtergreifung, Machtübertragung, Nationalsozialismus, Weimarer Republik, NS-Vergangenheit, Historiographie, Erinnerungskultur, Adolf Hitler, politischer Diskurs, Regierungswechsel, Diktatur, historische Deutung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der historischen und sprachlichen Kontroverse um die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die historiographische Begriffsbildung, die Analyse politischer Machtprozesse in der Endphase der Weimarer Republik und die heutige gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Ziel ist es, die unterschiedlichen Deutungsmuster der Begriffe „Machtergreifung“ und „Machtübertragung“ aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen, wie Geschichte durch Begrifflichkeiten interpretiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor wählt einen literaturwissenschaftlich-historischen Ansatz, indem er verschiedene Fachmeinungen und Historiker gegenüberstellt und diskutiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Skizzierung des Weges zur Macht, eine detaillierte Analyse der Fachbegriffe und eine abschließende Stellungnahme zur aktuellen Bedeutung der NS-Vergangenheit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Machtergreifung, Machtübertragung, Weimarer Republik, NS-Vergangenheit und politische Deutung bestimmt.
Inwiefern beeinflussen Ideologien die Wahl des Begriffs?
Der Autor zeigt auf, dass die Begriffswahl oft den ideologischen Standort des Verwenders verrät, wobei etwa marxistische Historiker eher von Machtübertragung durch die Großbourgeoisie sprachen.
Wie bewertet der Autor den aktuellen Umgang mit der NS-Vergangenheit?
Der Autor mahnt einen sachlichen, objektiven Blick an und kritisiert Tendenzen zur Verdrängung, Bagatellisierung oder Instrumentalisierung der Geschichte in der aktuellen politischen Diskussion.
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- Hans-Joachim Birk (Author), 2002, Machtergreifung oder Machtübertragung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22705