Die deutsche Kurzgeschichte ist eine vergleichsweise junge literarische Gattung. Sie
entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts und setzte sich im 20. Jahrhundert durch. Ihre
Blütezeit erlebte die deutschsprachige Kurzgeschichte nach dem 2. Weltkrieg. (vgl. Lorbe
1957) Aus technischer Sicht lässt sich dies dadurch erklären, dass Druckmaterial in der
Nachkriegszeit knapp war, die Autoren unter Zeitdruck schrieben, da neu ins Leben gerufene
Zeitungen und Magazine schnell kurze und abgeschlossene Erzählungen zur Veröffentlichung
benötigten und der Leser nicht mehr die Zeit und Muße hatte, sich in der Hektik des
Nachkriegsalltags mit "großen" Formen epischer Prosa, wie der Novelle oder dem Roman,
auseinander zu setzen.
Aus historischer Sicht taucht die Kurzgeschichte mit dem Beginn der Moderne auf. Die
Erkenntnisse im Mikro- und Makrokosmos ließen den Menschen erkennen, dass es mehr gibt
als das, was er zu begreifen im Stande war und ist, und ihn seine Kleinheit und
Unbedeutsamkeit in Relation zum gesamten Universum einsehen. Dazu schreibt Ruth Lorbe:
„Die menschliche Zeit erscheint nicht mehr als die Mittelpunktszeit, die Entwicklungen
innerhalb der menschlichen Zeit schrumpfen zusammen ins Punktuelle, sie erscheinen nicht
mehr wichtig, ja, die Wichtigkeit, die man ihnen bisher zumaß wird desillusioniert. Das
bedeutet das Ende der Entwicklungsromane, das Ende von Erzählungen, die Entwicklungen
darbieten.(...) Die Einzelgegenstände bekommen Gewicht.“ (Lorbe 1957, S. 64) Der Mensch
wird also auf sich selbst zurückgeworfen. Es findet eine Rückbesinnung auf den Augenblick
statt.
Ein dritter Erklärungsversuch - eine auch im Seminar entwickelte These - geht davon aus,
dass die deutsche Kurzgeschichte aus der Extremsituation kurz nach Beendigung des
2. Weltkrieges hervorgehen musste - so wie die amerikanische Short Story nach dem
amerikanischen Bürgerkrieg entstand. Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches, den Leiden
des Krieges und den menschenverachtenden Grausamkeiten der Hitlerdiktatur, war kein Platz
mehr für groß angelegte Romane und Erzählungen, die versuchten die Welt zu deuten oder zu
erklären, denn das, was geschehen war, konnte nicht aus dem Schock der Nachkriegszeit
heraus erklärt werden. Was blieb, war der Versuch sich mit dem Erlebten dadurch
auseinander zu setzen, es mitzuteilen und zu beschreiben, sei es aus Schuld, als Anklage oder aus Verzweiflung. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Theorie der Kurzgeschichte
1.1. Entstehung
1.2. Merkmale der Kurzgeschichte
1.2.1. Versuche einer Definition
1.2.2. Abgrenzung zur Erzählung, Novelle, Anekdote
1.2.3. Themen
1.2.4. Sprache und Erzählhaltung
1.3. Ziele des Autors
2. Wolfgang Borchert
2.1. Biographie
2.2. Borcherts Werk
2.2.1. Gedichte
2.2.2. das Schauspiel „Draußen vor der Tür“
2.2.3. Kurzgeschichten
3. 3. Die Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“
3.1. Inhalt - Handlung
3.2. Interpretation
3.3. Parallelen zur Bibel
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattung der deutschen Nachkriegs-Kurzgeschichte sowie das literarische Schaffen Wolfgang Borcherts mit einem spezifischen Fokus auf die Analyse und Interpretation seines Werks „Die drei dunklen Könige“, um dabei die Verbindung zwischen existentieller Not und biblischer Symbolik aufzuzeigen.
- Theoretische Grundlagen und Entstehungsgeschichte der deutschen Kurzgeschichte nach 1945.
- Biografischer Kontext und literarische Einordnung des Werks von Wolfgang Borchert.
- Detaillierte Analyse der Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“ hinsichtlich Handlung und Symbolik.
- Untersuchung der intertextuellen Bezüge und Parallelen zur biblischen Weihnachts- und Schöpfungsgeschichte.
Auszug aus dem Buch
3.2. Interpretation
„Er tappte durch die dunkle Vorstadt. Die Häuser standen abgebrochen gegen den Himmel. Der Mond fehlte und das Pflaster war erschrocken über den späten Schritt.“ Typisch für die Kurzgeschichte, beginnt auch diese ohne Einleitung. Der Leser wird unvermittelt in die Szenerie und Handlung eingeführt. Ein Mann - „Er“ - geht spät in der Nacht - „das Pflaster war erschrocken über den späten Schritt“ -, durch die Straßen einer Vorstadt. Die Häuser sind vom Krieg und den Bombenangriffen zerstört, denn sie „standen abgebrochen gegen den Himmel.“ „Dunkel“, öde und verlassen ist diese Vorstadt, „der Mond fehlte“ und „Sterne waren auch nicht da.“ Mit knappen Worten nimmt Borchert alles weg, was die Straßen dieser Vorstadt doch noch erhellen könnte, was sie ein Stück angenehmer, vertrauter machen könnte. Was bleibt sind dunkle, ungewisse, leblose Straßenschluchten zwischen zerstörten Häusern. Die Umgebung ist so auf Trostlosigkeit und Tod reduziert, dass in allem Leben gesucht wird, in dem Pflaster, das „erschrak“ oder in der Latte, die der Mann findet, die unter dem Fußtritt, den er ihr versetzt, „aufseufzte“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Theorie der Kurzgeschichte: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der Gattung als literarische Antwort auf die Extremsituation der Nachkriegszeit sowie deren zentrale Merkmale wie die Fixierung auf Augenblicke und die knappe Sprache.
2. Wolfgang Borchert: Ein Abriss über das Leben des Autors, seine Erfahrungen im Krieg und im Gefängnis sowie ein Überblick über sein lyrisches und dramatisches Werk.
3. 3. Die Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“: Eine detaillierte inhaltliche und interpretatorische Auseinandersetzung mit der Kurzgeschichte, die deren Symbole und die tiefgreifenden biblischen Analogien beleuchtet.
Schlüsselwörter
Wolfgang Borchert, Kurzgeschichte, Nachkriegsliteratur, Trümmerliteratur, Interpretation, Die drei dunklen Könige, Biblische Analogien, Weihnachtsgeschichte, Kriegsheimkehrer, Existenzielle Not, Symbolik, Literaturwissenschaft, Nachkriegszeit, Hoffnung, Menschlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Gattung der deutschen Kurzgeschichte nach 1945 und widmet sich im Hauptteil der Interpretation von Wolfgang Borcherts Werk „Die drei dunklen Könige“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert sich auf die literarischen Merkmale der Nachkriegs-Kurzgeschichte, die Biografie Borcherts sowie die Verknüpfung von kriegsbedingtem Leid mit christlichen Symbolen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Borchert in einer trostlosen Nachkriegskulisse durch biblische Parallelen Hoffnung und Zukunftsperspektiven in das Elend integriert.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl die Textstruktur (Sprache, Aufbau) als auch den kulturhistorischen Kontext der Entstehungszeit einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einbettung, die biografische Vorstellung Borcherts und die explizite Interpretation der Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“ unter Berücksichtigung biblischer Bezüge.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Schlagworten gehören Borchert, Nachkriegsliteratur, Kurzgeschichte, Biblische Symbolik, Existenzielle Not und Menschlichkeit.
Wie deutet der Autor die Figur des „Esels“ in der Kurzgeschichte?
Der Esel wird als obligatorische Requisite eines Krippenspiels interpretiert, weist aber zugleich über die Weihnachtsgeschichte hinaus auf den bei Sacharja angekündigten, friedvollen und demütigen König hin.
Warum interpretiert die Frau das Schreien des Kindes als Lachen?
Die Interpretation zeigt, dass die Frau in der Lebenskraft des Kindes einen Ausdruck von Freude und Hoffnung sieht, der den tristen und hoffnungslosen Zustand ihres Mannes bewusst kontrastiert.
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- Rüdiger-Philipp Rackwitz (Author), 2003, Zur Kurzgeschichte mit einer Interpretation der Kurzgeschichte "Die drei dunklen Könige" von Wolfgang Borchert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22724