Homosexualität in der frühen Neuzeit


Seminararbeit, 2002
22 Seiten, Note: bestanden / entfällt

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Forschungssituation

3. Zur Abgrenzung des Begriffs „Homosexualität“

4. Christliche Sexualmoral und weltliches Sittlichkeitsrecht

5. Die Säkularisierung des moralischen und juristischen Disputes über „Sodomiter“ im 18. Jahrhundert

6. Schlussbemerkung

Anhang: Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Auch nach Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes im Sommer 2001 brach die Debatte über die gesellschaftliche Legitimation der sogenannten Homo-Ehe in Deutschland nicht ab. Was in anderen europäischen Ländern schon seit Jahren Normalität ist – dass Männer mit Männern und Frauen mit Frauen zusammenleben, gemeinsam Kinder aufziehen und füreinander sorgen wie die heterosexuelle Paare – wird in Deutschland von Teilen der Politik mit moralischen Entrüstungen und aberwitzigen Begründungen abgelehnt. Die aktuell noch geführte Klage vor dem Bundesverfassungsgericht läuft zwar der Realität und auch der mehrheitlichen Meinung in der Bevölkerung zuwider, zeigt jedoch, dass auch acht Jahre nach der endgültigen Streichung des Paragraphen 175 aus dem Strafgesetzbuch in weiten Teilen der Gesellschaft noch die gleichen voraufklärerischen christlich-moralischen Wertvorstellungen und abergläubischen Ängste vor Homosexualität verbreitet sind. Die politisch Verantwortlichen geben sich tolerant und sind darauf bedacht, keine offensichtlich diskriminierenden Gründe für ihre Ablehnung der eingetragenen Lebenspartnerschaft anzugeben. Begriffe wie die mittelalterliche „widernatürliche Sünde“, die frühneuzeitliche „Knabenschänderei“ oder die bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts vermutete „Verwirrtheit“ fallen heutzutage nur noch in Äußerungen einzelner Bundestagsabgeordneter, aber trotzdem muss man beängstigenderweise feststellen, dass Homosexualität für viele immer noch keine zu tolerierende Lebensweise einer Minderheit ist.

Im Rahmen des Proseminars „Devianz und Kriminalität in der frühen Neuzeit“ bei Dr. Klingebiel an der Universität Göttingen war das Ziel meiner Arbeit die Darstellung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation Homosexueller in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft von der christlich-theologischen Zwangsjacke des Hochmittelalters über Renaissance, Reformation und Humanismus zur säkularisierten und zumindest teil- und zeitweise aufgeklärten Denkart des 19. Jahrhunderts entwickelte. Die Institutionalisierung der weltlichen Strafverfolgung und -gerichtsbarkeit sowie der einhergehenden Zurückdrängung der kirchlichen Inquisition spielen ebenso eine Rolle wie die Umwandlung der gesellschaftlichen Normen von der scholastischen Sexualtheologie hin zur reformierten puritanisch-naturrechtlichen Moralvorstellung.

2. Die Forschungssituation

Schon nach kurzer Zeit des Bibliographierens muss der interessierte Historiker feststellen, dass in der Erforschung der Geschichte der Homosexualität ein gewaltiges Loch von der Randgruppenforschung des späten Mittelalters bis zum Beginn der Sexualitätsdiskurse im 19. Jahrhunderts klafft. Bernd-Ulrich Hergemöller[1], Brigitte Spreitzer[2] und einige anglizistische Forscher haben zwar Pionierarbeit zur Erforschung von Gleichgeschlechtlichkeit im Mittelalter geleistet, und zahlreiche Historiker haben sich an der Untersuchung der psychosozialen und pathologischen Diskursivierung von Homosexualität ab dem 19. Jahrhundert versucht. Aber obwohl gerade die Devianz- und Kriminalitätsforschung in letzten Jahren immer mehr Beachtung fand und zahlreiche Erkenntnisse über die Randgruppenproblematik der frühen Neuzeit geliefert hat, „schweigt sich die deutsche Frühneuzeitforschung über das Alltagsleben und die Strafverfolgung der ‚Sodomiter’ noch immer eisern aus.“[3]

Gerd Schwerhoff hat in seiner umfangreichen Untersuchung von Verhörprotokollen im frühneuzeitlichen Köln den „Verbotenen Leidenschaften“ ein ganzes Kapitel gewidmet, aber Homosexualität handelt er auf einer Seite meiner Meinung nach unterproportional kurz ab, und das, obwohl in Köln als einer der größten Städte des Reiches diesseits der Alpen Sodomie bestimmt nicht unbekannt war.[4]

Es tröstet nur wenig, wenn Hergemöller meint, dass man Mittelalter und frühe Neuzeit „unter randgruppenspezifischen Aspekten nicht voneinander trennen“ kann – für eine Darstellung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation Homosexueller im 16.-18. Jahrhundert reicht die Abgrenzung der einen Randgruppe von der anderen nicht aus. Leider hat er aber recht damit, dass „Frühneuzeitlerinnen dazu genötigt sind, zum Zweck der Kausalanalyse auf das Mittelalter zurückzugreifen.“[5]

Die wenigen Abhandlungen über Gleichgeschlechtlichkeit in dem benannten Zeitraum von Gisela Bleibtreu-Ehrenberg[6], Martin Dinges[7], Sven Limbeck[8], Christina Reinle[9] und Angela Steidele[10] beziehen sich entweder nur auf die strafrechtlichen Aspekte oder die allgemeine Sexualitätsmoral. Eine weiterführende Darstellung sozialer Lebensformen gleichgeschlechtlich Lebender sucht man vergebens, wahrscheinlich auch deswegen, da die Devianzforschung noch am Anfang steht und man gerade bei der Untersuchung von z.B. Verhörprotokollen von Sodomitern aufgrund von Erwähnungsverboten oder –scheu auf Zufallsfunde angewiesen ist.

3. Zur Abgrenzung des Begriffs „Homosexualität“

Bernd Ulrich Hergemöller wirft im Kapitel „Grundfragen zur Terminologie“ in seiner 1998 erschienenen Monographie „Sodom und Gomorrha“[11] grundsätzliche Fragen zur Problematik der Begriffsbestimmung gleichgeschlechtlich handelnder Menschen und deren Verhalten auf. Auch wenn sich Hergemöller hier auf die Situation im Mittelalter bezieht, sind die von ihm angesprochenen Phänomene grundsätzlich auch für die frühe Neuzeit von Bedeutung. Es gilt zu klären, inwieweit sich in den Jahrhunderten vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert, als der Terminus „homosexuell“ von Karol Maria Benkert 1869 „erfunden“ wurde, das Verständnis und damit auch die Begriffsbildung von gleichgeschlechtlicher Sexualität und gleichgeschlechtlichem Verhalten verändert hat.

Es stellt sich zuerst die Frage, ob man aus wissenschaftlicher Sicht den Begriff „Homosexualität“ für die frühe Neuzeit anwenden kann, dabei spielt seine heutige Definition eine grundlegende Rolle. Aus moderner Sicht kann man diesen Begriff mehrfach auslegen: Auf der einen Seite die reine sexuelle Orientierung bzw. Handlungsweise, auf der anderen Seite aus soziologischer Sicht das gleichgeschlechtliche Zusammenleben im Gegensatz zur klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie. Es ist sicherlich nicht zuviel vorweggenommen zu sagen, dass der zweite Aspekt in der frühen Neuzeit noch keine Rolle spielte, sondern es für gleichgeschlechtlich orientierte Menschen höchstens regelmäßige heimliche Treffen zum Nachgehen ihrer Neigungen möglich waren, an ein Ausleben ihrer Homosexualität, wie es in den meisten Industrieländern seit der Mitte des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger möglich ist, durften gleichgeschlechtlich orientierte Männer und Frauen selbst im 19. Jahrhundert noch nicht einmal denken.

Es liegt auch in der Natur Homosexueller, dass bei diesen Menschen – übrigens genauso wie bei angeblichen „Hexen“ - keine eindeutige Zuordnung zu einer spezifischen sozialen Unterschicht oder Minderheit im heutigen Verständnis möglich ist, wie man dies bei zum Beispiel bei Armen, Juden, Ausländern oder Gauklern tun kann. Es gibt ja bei gleichgeschlechtlich orientierten Menschen keine medizinischen, ökonomischen oder sozialen Ursachen für ihr abweichendes Verhalten, der Vorwurf der Sodomie konnte in der Frühen Neuzeit Männer (seltener auch Frauen) jeder sozialen Schicht treffen.[12] Deswegen ist es fraglich, ob man überhaupt vom Phänomen der Homosexualität als soziale Randgruppe sprechen kann, oder ob man sich nicht darauf beschränken muss, von einzeln auftretenden homosexuellen Handlungen zu sprechen.[13]

Aber wenn man den Begriff der Homosexualität auf die bei einzelnen Personen mehr oder weniger stark vorhandene Neigung zum eigenen Geschlecht an sich reduziert, dann ist es auch nach Meinung von Hergemöller durchaus berechtigt, von Homosexualität zu sprechen.[14]

[...]


[1] Hergemöller, Bernd Ulrich: Sodom und Gomorrha – Zur Alltagswirklichkeit und Verfolgung Homosexueller im Mittelalter, Hamburg 1998, und: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Wege und Ziele der Forschung, S. 1-57 und: Sodomiter. Erscheinungsformen und Kausalfaktoren des spätmittelalterlichen Kampfes gegen Homosexuelle, S. 388-426, in: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, hrsg. von Bernd-Ulrich Hergemöller. Warendorf 2001.

[2] Spreitzer, Brigitte: Die stumme Sünde. Homosexualität im Mittelalter. Mit einem Textanhang. Göppinger Arbeiten zur Germanistik, hrsg. von Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer; Nr. 498. Göppingen 1988.

[3] Hergemöller: Randgruppen, S. 28.

[4] Schwerhoff, Gerd: Köln im Kreuzverhör. Kriminalität, Herrschaft und Gesellschaft in einer frühneuzeitlichen Stadt. Bonn, Berlin 1991.

[5] Hergemöller: Randgruppen, S. 26.

[6] Bleibtreu-Ehrenberg, Gisela: Tabu Homosexualität. Die Geschichte eines Vorurteils. Frankfurt am Main 1978.

[7] Dinges, Martin: Sexualitätsdiskurse in der frühen Neuzeit. In: Sozialwissenschaftliche Informationen, Jg. 24 (1995) Heft 1, S. 12-20.

[8] Limbeck, Sven: Bedrohte Gemeinschaften. Homosexuelle Utopien und heterosexuelle Diktaturen in Antike, Mittelal- ter und früher Neuzeit, in: Forum Homosexualität und Literatur 37 (2000), S. 7-34.

[9] Reinle, Christine: Zur Rechtspraxis gegenüber Homosexuellen. Eine Fallstudie aus dem Regensburg des 15. Jahr- hunderts, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 44 (1996), Heft 4, S. 307-326.

[10] Steidele, Angela: Von keuschen Weibern und lüsternen Tribaden. Der Diskurs über sexuelle Handlungen zwischen Frauen im 18. und 19. Jahrhundert, in: Forum Homosexualität und Literatur 35 (1999), S. 5-34.

[11] Hergemöller: Sodom und Gomorrha, S. 15ff.

[12] Hergemöller: Randgruppen S. 11ff.

[13] Reinle , S.320f.

[14] Hergemöller: Sodom und Gomorrha, S. 33ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Homosexualität in der frühen Neuzeit
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Devianz und Kriminalität in der Frühen Neuzeit
Note
bestanden / entfällt
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V22726
ISBN (eBook)
9783638259989
ISBN (Buch)
9783638647571
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit wurde vom Dozenten inhaltlich als gut befunden, aber sie wurde - wie üblich - nicht benotet.
Schlagworte
Homosexualität, Neuzeit, Proseminar, Devianz, Kriminalität, Frühen
Arbeit zitieren
Robert Rädel (Autor), 2002, Homosexualität in der frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22726

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