Der erste Grundsatz von Fichtes 'Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre' (1794)


Zwischenprüfungsarbeit, 1996

24 Seiten, Note: sehr gut (1,3)


Leseprobe

INHALT

EINLEITUNG
Die Beschaffenheit eines Grundsatzes

HAUPTTEIL
I. Der absolut-erste Grundsatz und die Methoden seiner Auffindung
1. Reflexion und Abstraktion
1.1 Reflektierende Abstraktion vom Satz der Identität
1.1.1 Reflexion über die formal-gehaltliche Verfaßtheit des Identitätssatzes
1.1.2 Abstraktion vom Gehalt der Identität
1.1.3 Reflexion über die Form der Identität
1.1.4 Abstraktion von der formal variabeln Identität des A = A bei gleichzeitiger Reflexion über die gehaltlich konstante Identität des 'Ich bin Ich'
II. Tathandlung - Tatsache
1. Das 'Ich bin' als schlechthin gesetzte Tatsache
2. Das 'Ich bin' als schlechthin setzende Tathandlung
III. Das Ich als absolutes Subjekt
1. Das absolute Selbstbewußtsein des Ich
2. Das Sein des Ich als Für-sich-Sein
3. Die kategoriale Beschaffenheit des sich setzenden Ich
3.1 Das 'Ich bin' als logische Aussageweise
3.2 Das 'Ich bin' als kategoriale Seinsweise
4. Das 'Ich denke' als 'Ich bin'

AUSBLICK
Ich versus Substanz

EINLEITUNG

Die Beschaffenheit eines Grundsatzes

Der § 1 der Grundlage der gesamten Wissenschafslehre kann wohl mit einiger Berechtigung als Fokus desjenigen Denkens gelten, das die programmatische Bezeichnung einer 'Grundsatzphilosophie' trägt. Ist es doch der Grundsatzcharakter selbst, der hier zum Grundsatz erhoben wird. Wie aber muß ein systembegründender Grundsatz beschaffen sein?

Fichtes Begriffsschrift nimmt ihren Ausgang bei dem Postulat, es müßte in einer Wissenschaft "wenigstens Ein Satz gewiss seyn, der etwa den übrigen seine Gewissheit mittheilte".[1] Gewissheit also scheint das schlechthin notwendige Attribut eines Grundsatzes zu sein. Doch wird diese erste Bedingung noch erweitert: Der aufzustellende Grundsatz "kann seine Gewißheit nicht erst durch die Verbindung mit den übrigen erhalten, sondern muss sie vor derselben vorher haben"[2]. Erst "ein solcher vor der Verbindung vorher und unabhängig von ihr gewisser Satz heisst ein Grundsatz".[3]

Sofern ein Grundsatz der absolut-erste eines Denksystems sein soll, muß er demnach nicht nur Gewißheit, sondern unbedingte, ja, schlechthin unbedingte Gewißheit vermitteln. Dieses letztgültig zu leisten, stellt sich der § 1 der Grundlage der gesamten Wissenschafslehre zur Aufgabe:

"Wir haben den absolut-ersten, schlechthin unbedingten Grundsatz alles menschlichen Wissens aufzusuchen. Beweisen oder bestimmen läßt er sich nicht, wenn er absolut-erster Grundsatz sein soll".[4]

Es liegt notwendig im Begriff der Unbedingtheit, unmittelbar gewiß, nicht deduzierbar, lediglich auffindbar zu sein, denn ein Grundsatz, der sich be-gründen ließe, wäre nicht mehr Grund-, sondern bereits Folgesatz und somit bedingt.

Nun soll der gesuchte Grundsatz eine "Tathandlung" ausdrücken, und zwar eine solche, "die unter den empirischen Bestimmungen unseres Bewußtseins nicht vorkommt"(ebd.). Auch dies ist eine zwingende Konsequenz des Unbedingtheitsattributs - wie nämlich könnte ein auf ding-lich-objektiver Erfahrung beruhendes Wissensprinzip jemals un-bedingt sein?

Andererseits aber muß dieses Wissensprinzip ein wissbares, d. h. bewußtseinsfähiges sein, soll es doch Gewißheit systematisierbar, und nicht etwa Intuitionen erahnbar machen. Also darf Fichtes erster Grundsatz zwar nicht empirisch sein, er muß aber doch "allem Bewußtsein zum Grunde" liegen, es allererst ermöglichen (ebd.).

Der § 1 der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre muß, um zu pointieren, die unbedingte Bedingung der Möglichkeit alles Wissens formulieren. Das hierdurch erzeugte Spannungsfeld wird am Ende vorliegender Interpretation skizzenhaft umrissen werden.

HAUPTTEIL

I. Der absolut-erste Grundsatz und die Methoden seiner Auffindung

1. Reflexion und Abstraktion

Hervorgehen soll der "Grundsatz allen menschlichen Wissens" aus einer Art Filtrationsprozess, bei dem r e f l e k t i e r t wird über das, "was man zunächst dafür [für einen solchen Grundsatz] halten könnte", um so - nach A b s t r a k t i o n von allen "empirischen Bestimmungen unseres Bewußtseins" - den Boden-satz, das eigentliche Substrat zu gewinnen, wie man es "notwendig denken müsse" (edb.).

Nun kann diese Suche nach dem Grund alles Denkens nicht von den Gesetzen des Denkens selbst losgelöst werden. "Dies ist ein Zirkel; aber es ist ein unvermeidlicher Zirkel"(12), weil Reflexion und Abstraktion auf eben den Gesetzen beruhen, deren Gültigkeit durch den absolut-ersten Grundsatz erst erwiesen werden soll: den Gesetzen der Logik.

Um dasjenige, was "allem Bewußtsein zum Grunde" liegt, sedimentieren zu können, ist also zunächst auf ein durchaus empiriegesättigtes, dafür aber unmittelbar "logisches" Wissenskonzentrat zurückzugreifen:

"Irgendeine Tatsache des empirischen Bewußtseins wird aufgestellt; und es wird eine empirische Bestimmung nach der andern von ihr abgesondert, so lange, bis dasjenige, was sich schlechthin selbst nicht wegdenken und wovon sich nicht absondern läßt, rein zurückbleibt" (12).

1.1 Reflektierende Abstraktion vom Satz der Identität

Als eine "Tatsache des empirischen Bewußtseins" (ebd.), die jeder zugibt, bringt Fichte den Satz der Identität A = A zur Darstellung: "Man erkennt ihn für völlig gewiß und ausgemacht" (ebd.).

1.1.1 Reflexion über die formal-gehaltliche Verfaßtheit des Identitätssatzes

"Dasjenige, was der Grundsatz selbst haben, und allen übrigen Sätzen [.] mitteilen soll, nenne ich den inneren Gehalt des Grundsatzes und der Wissenschaft überhaupt; die Art, wie er dasselbe den anderen Sätzen mitteilen soll, nenne ich die Form der Wissenschaft".[5]

Unter der methodischen Prämisse, daß anstelle des Grundsatzes vorderhand ein empirischer Satz zu denken ist, wäre diese Definition der Begriffsschrift auch auf den logischen Satz A ist A zu übertragen. Nun soll an dieser Stelle weder das Verhältnis rivalisierender logischer Sätze noch das synthetische Potential der drei Grundsätze betrachtet werden, vielmehr ist herauszustellen, wie sich aus der formal-gehaltlichen Verfaßtheit logischer Identität die Struktur des ersten Grundsatzes herauszukristallisieren vermag.

1.1.2 Abstraktion vom Gehalt der Identität

Gemäß dem Verfahren reflektierender Abstraktion wäre hierbei zunächst vom Gehalt des Satzes A = A zu abstrahieren: "davon, ob überhaupt A sei": dem "Sein, ohne Prädikat gesetzt"(13). Inwiefern diese Abstraktion den Blick auf formale Beschaffenheiten eröffnet, veranschaulicht Fichte an einer geometrischen Überlegung:

"Man nehme an, A bedeute einen in zwei geraden Linien eingeschloßnen Raum, so bleibt jener erstere Satz [A ist A] immer richtig; obgleich der Satz: A ist offenbar falsch wäre" (ebd.).

Falsch wäre dieser Satz deswegen, weil einem durch zwei Linien bestimmten Raum ein "Sein, ohne Prädikat gesetzt" nicht mehr zukommt. Gehaltlich also würde der Satz der Identität in diesem Beispiel nicht greifen, wohl aber formal: Ein solcherart konstruierter Raum ist, sofern er mit sich identisch ist, aber er ist nicht schlechthin. Um die Bildlichkeit aufzugreifen: A ist (räumlich) dann und nur dann, wenn es ein zwischen zwei Linien Ausgedehntes darstellt. Daß A mit sich identisch ist, gilt aber unabhängig davon, "ob überhaupt A [also Raum] sei": Die Identität bliebe noch dann gewahrt, wenn der Zwischenraum der beiden Linien in einen Punkt zusammenfiele, der Satz 'A ist Raum' also "offenbar falsch wäre".

1.1.3 Reflexion über die Form der Identität

"Es ist nicht die Frage vom Gehalte des Satzes, sondern bloß von seiner Form; nicht von dem, wovon man etwas weiß, sondern von dem, was man weiß" (ebd.).

Dieses Wissen vom Was-Sein der Identität als dem "Sein mit einem Prädikate" (ebd.) konstituiert sich allein durch den "notwendige[n] Zusammenhang" der Subjunktion, durch den als X bezeichneten, schlechthin gesetzten Bezug von 'Wenn' und 'Dann' - gemäß: "Wenn A sei, so sei A" (ebd.). Das Wissen vom Wovon-Sein des A = A als dem nicht prädizierten Sein dagegen ist bedingt durch die Frage, "ob es [A] sei" (ebd.).

1.1.4 Abstraktion von der formal variabeln Identität des A = A bei gleichzeitiger Reflexion über die gehaltlich konstante Identität des 'Ich bin Ich'

Die Frage, ob A sei, also die Frage nach dem Gehalt der Identität beantwortet Fichte, indem er das als Variable gesetzte A durch das Setzen des konstanten Ich ersetzt. Hierbei wird die Form X des subjunktiven Urteils auf das urteilende Subjekt bezogen: "X wenigstens ist im Ich, und durch das Ich gesetzt - denn das Ich ist es, welches [.] urteilt" (13). Da X aber an das identische A gebunden ist, "muß auch A im Ich gesetzt sein, insofern X darauf bezogen wird". Wenn nun das Urteil 'A ist A' im Ich gesetzt ist, so wird das als Subjekt fungierende erste A mit dem prädikativen zweiten vereinigt - aufgrund des "dem Ich durch das Ich selbst" gegebenen Bezugsgrund X. Insofern eröffnet der "ohne allen weitern Grund" gewisse formallogische Zusammenhang des Identitätssatzes die Möglichkeit, "etwas schlechthin zu setzen" (13): "Das im Prädikate wird, unter der Bedingung, daß das im Subjekte gesetzt wird, schlechthin gesetzt" (S. 14) - sofern es im Ich gesetzt ist, denn

"das urteilende Ich prädiziert etwas, nicht eigentlich von A, sondern von sich selbst, daß es nämlich in sich ein A vorfinde. und daher heißt das zweite A das Prädikat" (16, Anm.).

[...]


[1] Fichte, Johann Gottlieb: Über den Begriff der Wissenschaftslehre. In: Ders.: Werke. Hrsg. von Immanuel Hermann Fichte. Band I. Über den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie. Berlin: de Gruyter, 1971, S. 40.

[2] Ebd., S. 41.

[3] Ebd.

[4] Ders.: Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre als Handschrift für seine Zuhörer (1794). Hamburg: Meiner, 1988, S. 11. Nach dieser Ausgabe wird im fortlaufenden Text mit einfachen Seitenangaben in Klammern zitiert.

[5] Fichte, Johann Gottlieb: Über den Begriff der Wissenschaftslehre, a.a.O. S. 43.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der erste Grundsatz von Fichtes 'Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre' (1794)
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Interpretationskurs Fichte
Note
sehr gut (1,3)
Autor
Jahr
1996
Seiten
24
Katalognummer
V22749
ISBN (eBook)
9783638260183
ISBN (Buch)
9783638647618
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse ohne Sekundärliteratur.
Schlagworte
Grundsatz, Fichtes, Grundlage, Wissenschaftslehre, Interpretationskurs, Fichte
Arbeit zitieren
Sandra Kluwe (Autor), 1996, Der erste Grundsatz von Fichtes 'Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre' (1794), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22749

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der erste Grundsatz von Fichtes 'Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre' (1794)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden