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Gewalt, Modernität und Pathologie. Stereotypen über Ostdeutsche im Prozess westdeutscher Identitätsbildung

Title: Gewalt, Modernität und Pathologie. Stereotypen über Ostdeutsche im Prozess westdeutscher Identitätsbildung

Seminar Paper , 1998 , 19 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Christiane Reichart-Burikukiye (Author)

Ethnology / Cultural Anthropology
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Seit mehr als einem halben Jahrzehnt ist das Motiv der Ost-Identität, der Ost-Nostalgie oder Ostalgie ein immer wieder gern aufgegriffenes Modethema der deutschen Medienlandschaft. So mancher Journalist fühlt sich als Entdecker des Phänomens, diagnostiziert, diskutiert und kommentiert es. Als bestimmende Indizien findet man die auf allen Ebenen stattfindende Rückkehr in altvertrautes aus DDR-Zeiten und die gleichzeitige Abkehr von den zuvor bejubelten westlichen Neuerungen. Die Diskurse über die Eigenheiten der Ostdeutschen und deren identitätsstiftende Eigenschaften verlieren dabei meist einen wichtigen Punkt aus dem Auge. Im außereuropäischen Kontext ist es längst keine neue Erkenntnis mehr, dass die Betonung der Differenz vor allem einen Zweck hat und stets damit einher geht: im Anderen, im Fremden, den Abgrenzungspunkt zu schaffen, um die eigene Identität zu festigen und zu bestätigen. 1 Hinter dem Interesse für das neue Selbstbewusstsein des Ostens aber bleibt oft zurück, dass nicht nur die Ostdeutschen im Westdeutschen einen Abgrenzungspunkt sehen, sondern dass auch umgekehrt die Distanzierung in einer allumfassenden und machtvollen Form geschah und geschieht. Die Ostdeutschen wurden in den Jahren nach der Wiedervereinigung von den Medien zu einer Form von Exoten stilisiert, was sicher zur Stärkung eines ostdeutschen Gemeinschaftsgefühls beitrug, andrerseits aber vor allem zur Bestätigung der westdeutschen Identität. Durch die Dominanz westdeutscher Journalisten und Journalistinnen in den Medien blieben westliche Werte konstante, unabänderliche Faktoren, Selbstverständlichkeiten, offiziell nicht hinterfragt und kaum einen Kommentar wert. Die Existenz dieses Gegenübers, der Ostdeutschen, bestärkt vor allem den Identifikationsmechanismus mit dem Eigenen, mit westdeutschen Normen und Werten.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. WIR UND DIE ANDEREN

1.1. Fremde im eigenen Land

1.2. (Ost-West) Deutsche Stereotypen

2. BAUSTEINE DER GRENZZIEHUNG

2.1. Die Kategorie Gewalt

2.2. Modernität und Rückständigkeit

2.3. Die Macht der Kindheit

SCHLUß

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht, wie durch die mediale Konstruktion von Stereotypen über Ostdeutsche ein westdeutscher Identitätsbildungsprozess vollzogen wird, bei dem der Osten als „Fremder“ zur Abgrenzung und Selbstbestätigung dient.

  • Konstruktion des „Anderen“ in der Ethnologie und Medienpraxis
  • Westdeutsche Identitätsstiftung durch Abgrenzung vom Osten
  • Die Kategorie „Gewalt“ als Instrument der Diskursivierung und Stigmatisierung
  • Zuschreibung von „Rückständigkeit“ und „pathologischer Kindheit“
  • Die Rolle von Medien (speziell des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“) bei der Identitätskonstitution

Auszug aus dem Buch

2.1. Die Kategorie Gewalt

Ihr wichtigstes Ziel, so schrieb sich im Sommer 1989 die bundesdeutsche Partei Die Grünen bei ihrem Parteitag auf die Fahnen, sei der Kampf gegen die immer häufiger, direkter und gewalttätiger werdenden Ausschreitungen gegen Mitbürger nichtdeutscher Herkunft. Ein Spiegel-Artikel dokumentiert Anfang 1989, nach einem Brandanschlag im bayrischen Schwandorf, bei dem drei Türken und ein DKP-Mitglied starben, die Höhepunkte rechtsradikaler Ausschreitungen der vorangehenden Jahre in der Bundesrepublik. Es geht um Brandanschläge auf Asylbewerberheime und Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen, um Angriffe auf Ausländer auf offener Straße.

Ein Jahr nach der Wende, am 25. November 1990, wird in Eberswalde der Angolaner Amadeu Antonio das „erste Todesopfer rassistischer Gewalt im Osten“, wie es Der Spiegel 1998, knapp zehn Jahre später, in einer ähnlichen „Chronik des Terrors“ kommentierte. In dieser Chronik jedoch geht es ausschließlich um rechtsradikale Ausschreitungen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Der Artikel entwirft, populistischer, aber in der Grundaussage nicht abweichend von vielen ähnlichen Veröffentlichungen, eine Denkfigur, die sich innerhalb der letzten Jahre immer mehr etabliert hat: In einem Akt von kollektiveem Gedächtnisverlust kristallisierte sich das Jahr 1989 zum Jahre Null in Sachen Ausländerfeindlichkeit und der Osten zum Ort, an dem er sich abspielt.

Die Gewalt im Osten ist ein Phänomen in den Medien, das besondere Beachtung, Erklärung und Deutung verlangt. Untersuchungen, die sich umgekehrt in besonderer Weise mit Rechtsradikalismus auf dem Gebiet der ehemaligen BRD befassen und dafür eine spezifische Erklärung vorlegen, gibt es nicht; Rechtsradikale in Westdeutschland bleiben ein integriertes - wenn auch negative besetztes - Element der Gesellschaft.

Zusammenfassung der Kapitel

1. WIR UND DIE ANDEREN: Einführung in die ethnologische Perspektive auf die Konstruktion des Fremden und die These, dass diese Abgrenzung zur Festigung der eigenen Identität dient.

1.1. Fremde im eigenen Land: Analyse, wie das Fremde als negativer Gegenentwurf zum Selbst konstruiert und für die Identitätsstärkung instrumentalisiert wird.

1.2. (Ost-West) Deutsche Stereotypen: Untersuchung der historischen Abgrenzungspunkte der Bundesrepublik und des Standortwechsels dieser Stereotypen auf den Osten nach der Wiedervereinigung.

2. BAUSTEINE DER GRENZZIEHUNG: Übergeordnete Analyse der Mechanismen, mit denen der Osten als „anderer“ Raum außerhalb einer modernen, westlichen Norm markiert wird.

2.1. Die Kategorie Gewalt: Untersuchung der medialen Verknüpfung von Gewalt als „ostdeutsches Phänomen“, um den Westen als friedliche Gesellschaft zu legitimieren.

2.2. Modernität und Rückständigkeit: Analyse der Darstellung des Ostens als evolutionär zurückgeblieben und unfähig zur modernen Demokratie.

2.3. Die Macht der Kindheit: Untersuchung der sozialpsychologischen Argumentationsmuster, die das Verhalten von Ostdeutschen auf ihre Sozialisation in der DDR pathologisieren.

SCHLUß: Zusammenfassung der Ergebnisse: Der mediale Diskurs nutzt Stereotypen, um eine westdeutsche Identität als „Lehrer“ und „Heiler“ zu konstruieren und eigene gesellschaftliche Mängel auszublenden.

Schlüsselwörter

Identitätsbildung, Stereotypen, Ethnologie, Medienanalyse, Ost-West-Differenz, Gewaltdiskurs, Fremdbild, Selbstbild, Modernität, Rückständigkeit, Sozialpsychologie, Pathologisierung, Konstruktivismus, DDR, Identität.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert, wie Medien – am Beispiel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ – Stereotypen über Ostdeutsche nutzen, um eine westdeutsche Identität zu konstruieren, die sich über die Abgrenzung zum Osten als tolerant und fortschrittlich definiert.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die Arbeit befasst sich mit der ethnologischen Konstruktion des „Anderen“, der Instrumentalisierung von Gewalt als Unterscheidungsmerkmal zwischen Ost und West sowie der sozio-psychologischen Pathologisierung ostdeutscher Sozialisationsbiografien.

Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist aufzuzeigen, wie durch die diskursive Ausgrenzung des Ostens die westdeutsche Gesellschaft ihre eigene Identität festigt und sich gleichzeitig von der Verantwortung für eigene rechtsradikale Tendenzen entlastet.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?

Die Arbeit nutzt einen ethnographischen Ansatz, um Diskursmuster zu dekonstruieren. Sie greift dabei auf theoretische Konzepte der Fremdbild- und Stereotypenforschung zurück (u.a. Edward Said, Sander L. Gilman, Helge Gerndt).

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Kategorie Gewalt, die Zuschreibung von Rückständigkeit sowie die sozialpsychologische „Erklärung“ ostdeutschen Verhaltens durch die „Macht der Kindheit“ in der DDR.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Zentrale Begriffe sind Identitätsstiftung, Konstruktion des Anderen, mediale Stereotypisierung, pathologische Zuschreibungen und der gesellschaftliche Diskurs um die innerdeutsche Einheit.

Warum spielt die „Kategorie Gewalt“ eine so zentrale Rolle in der Argumentation?

Gewalt wird in den untersuchten Medien als Indiz für eine ostdeutsche Rückständigkeit stilisiert. Dies ermöglicht es der westdeutschen Gesellschaft, sich als Hort von Frieden und Toleranz zu stilisieren und rechtsradikale Vorfälle im eigenen Raum als „wesensfremd“ auszublenden.

Wie erklärt die Autorin die Rolle des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“?

Die Autorin sieht den „Spiegel“ als ein symptomatisches Leitmedium, das an der Rekonstruktion eines offiziellen kollektiven Gedächtnisses arbeitet, welches negative Aspekte der westdeutschen Geschichte ausblendet und den Osten als „fremden“ Raum markiert.

Was ist mit der „Macht der Kindheit“ in diesem Kontext gemeint?

Die Autorin beschreibt, wie ostdeutsches Verhalten auf eine vorgebliche „Fehlsozialisation“ im DDR-Regime zurückgeführt wird. Diese Pathologisierung macht die ostdeutsche Bevölkerung zum „Fall“, während Westdeutsche als verantwortliche „Lehrer“ und „Heiler“ agieren können.

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Details

Title
Gewalt, Modernität und Pathologie. Stereotypen über Ostdeutsche im Prozess westdeutscher Identitätsbildung
College
Humboldt-University of Berlin  (Institut für Europäische Ethnologie)
Course
Seminar: Sind die Ostdeutschen eine ethnische Gruppe?
Grade
1,3
Author
Christiane Reichart-Burikukiye (Author)
Publication Year
1998
Pages
19
Catalog Number
V22849
ISBN (eBook)
9783638260947
Language
German
Tags
Gewalt Modernität Pathologie Stereotypen Ostdeutsche Prozess Identitätsbildung Seminar Sind Ostdeutschen Gruppe
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Christiane Reichart-Burikukiye (Author), 1998, Gewalt, Modernität und Pathologie. Stereotypen über Ostdeutsche im Prozess westdeutscher Identitätsbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22849
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