Die Betrachtung der Weimarer Republik beinhaltet auch immer zugleich deren Scheitern zugunsten der Nationalsozialisten. Das Interesse an der ersten deutschen Demokratie ist auch heute noch stark ausgeprägt. Im Aufbau der Bundesrepublik, ihrer Verfassung und Institutionen spiegelt sich der Geist des Untergangs von Weimar wider. Diese historische Erfahrung als Warnung der Geschichte begleitet die politischen Entscheidungen bis in die heutige Zeit. Die im deutschen Grundgesetz verankerte „Ewigkeitsklausel“ zeugt von tiefem Misstrauen des Parlamentarischen Rates in die Bevölkerung. Die Frage, warum es zum Untergang der Weimarer Republik kam, beschäftigt eine Vielzahl von Historikern. In dieser Arbeit soll beleuchtet werden, inwiefern der deutsche Katholizismus zur Aushöhlung von Weimar beigetragen hat. Kann die politische Vertretung der Katholiken im Deutschen Reich, das Zentrum, nach heutigen Maßstäben als staatstragende Partei bezeichnet werden?
Der politische Katholizismus genießt seit der Zeit Bismarcks im Deutschen Reich eine Außenseiterrolle. Die Katholiken wurden als „Reichsfeinde“ bezeichnet, allerdings spielte die Zentrumspartei im Laufe des Kaiserreichs eine immer größer werdende politische Rolle, während die Zusammenarbeit der Konservativen mit den Nationalliberalen zunehmend problematischer wurde.
Zum Ende des Ersten Weltkriegs hatten sich die monarchistischen Ideen fest im katholischen Weltbild verankert. Wie reagierten die Katholiken nun auf die Revolution von 1918 und die neu entstandene Republik? Gemeinhin wird das Zentrum, im Gegensatz zur BVP, als staatstragende Partei bezeichnet. Konnte die Partei diesem Anspruch gerecht werden, obwohl sie prinzipiell ein Sammelbecken katholischer Wähler unterschiedlicher politischer Couleur war? Zum Ende der Republik verkörperte die Zentrumspartei immer stärker autoritäre Tendenzen, namentlich in der Person Brüning, der zwar Politik immer auf dem Wege der Verfassung betreiben wollte, trotzdem aber Regierungsgespräche mit den Nationalsozialisten einging. Kann der katholischen Partei eine Mitverantwortung für die „Machtübernahme“ der NSDAP zugesprochen, oder kann die Annäherung an die Rechtsaußenpartei anders verstanden werden? Ist der abnehmende Widerstand des Zentrums zu den nationalistischen Ideen allein in der traditionellen Nähe zum autoritären Staatsgedanken verankert? Auch muss kurz skizziert werden, wie der deutsche Episkopat der nationalsozialistischen Lehre gegenübersteht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Vom Kulturkampf in Bismarck’scher Ära bis zum Ende des Ersten Weltkriegs
2. Das Zentrum – Demokratische Partei oder vernunftrepublikanisch?
2.1. Innerparteiliche Dilemmata – das Zentrum als heterogene Partei
2.2. Revision oder Erfüllung? – Das Zentrum und der Friedensvertrag von Versailles
2.3. Katholiken und Republik
2.4. Die Abspaltung der Bayrischen Volkspartei vom Zentrum
3. Der deutsche Katholizismus am Ende der Weimarer Republik
3.1. Wechsel im Parteivorsitz 1928 – Beginn der geistlichen Führerschaft
3.2. „Universalismus“ und das Anwachsen von Autoritätsgedanken
3.3. Politischer Richtungswechsel seit der Amtszeit Brünings
3.4. Der Sturz Brünings und die Problematik der Person von Papen
3.5. Das Verhältnis des Zentrums zur NSDAP
3.6. Die Stellung des deutschen Episkopats
4. Das Verhältnis Roms zur Weimarer Republik und zum politischen Katholizismus im Zeichen der Konkordatsverhandlungen
4.1. Länderkonkordate und Reichsnuntiatur als Basis für ein Reichskonkordat
4.2. Pacelli und die Nationalsozialisten
4.3. Das Reichskonkordat nach italienischem Vorbild
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle des deutschen Katholizismus bei der Aushöhlung der Weimarer Republik und hinterfragt, inwiefern die Zentrumspartei als staatstragende Partei fungierte oder durch autoritäre Tendenzen und ihre Annäherung an den Nationalsozialismus zum Untergang der Demokratie beitrug.
- Die Entwicklung des politischen Katholizismus vom Kaiserreich zur Weimarer Republik.
- Die innerparteiliche Heterogenität und die Rolle der „Verfassungspartei“ Zentrum.
- Einfluss autoritärer Strömungen und geistlicher Führerschaft auf die Parteipolitik.
- Die Haltung Roms und die Bedeutung der Konkordatsverhandlungen im Kontext des NS-Aufstiegs.
Auszug aus dem Buch
3.2. „UNIVERSALISMUS“ UND DAS ANWACHSEN VON AUTORITÄTSGEDANKEN
Besonders das letzte Drittel der Weimarer Republik war gekennzeichnet von zunehmenden autoritären Tendenzen in den Parteien, auch in der Zentrumspartei. Vor allem nationalistische Begriffe wie „Volk“, „Führerschaft“ und „Volksgemeinschaft“ fanden nicht nur im Deutschen Reich zunehmend Anhänger, insbesondere, weil das damit verbundene romantische Denken, entsprungen in vorindustrieller Zeit, sich gegen die Massengesellschaft des Industrie- und Städtezeitalters absetzte. Auch bildeten diese Begrifflichkeiten eine klare Abgrenzung gegen Liberalismus und Parlamentarismus, schließlich wurde Geschlossenheit der ewigen Zerstrittenheit des Reichstages vorgezogen. Dieses Gedankengut äußerte sich in einer Stärkung von Reichspräsident („Ersatzkaiser“) und Reichskanzler (besonders seit Heinrich Brüning).
Die zunehmende Tendenz zur Autorität verkörperte vor allem das Weltbild des „Universalismus“, begründet durch Othmar Spann. Diese Lehre wendet sich gegen jedwede Form der Parlamentarisierung und der vom Volk ausgehenden Staatsgewalt. Die „Ganzheitlichkeit“ dieser Gesellschaftsphilosophie greift das Prinzip des hierarchischen Ständesystems auf. Ein (elitärer) „staatstragender Stand“ wird geleitet durch „den schöpferischen Gedanken des Organisators, den staatsgestaltenden Gedanken“.
Dieser Universalismus fand seine Anhängerschaft auch im Katholizismus. Leitprinzip dieser geistlichen Bewegung war die „Erziehung zum organischen Volkstumsdenken“ mit dem Ziel, Deutschland von Demokratie, Parteigeist und Parlamentarismus zu befreien und den Geist der Volksgemeinschaft an diese Stelle zu setzen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt die Fragestellung nach der Mitverantwortung des deutschen Katholizismus und der Zentrumspartei am Scheitern der Weimarer Republik.
1. Vom Kulturkampf in Bismarck’scher Ära bis zum Ende des Ersten Weltkriegs: Analysiert die historische Entwicklung der Zentrumspartei als katholische Interessenvertretung im Kaiserreich und deren Entstehung als politische Kraft.
2. Das Zentrum – Demokratische Partei oder vernunftrepublikanisch?: Beleuchtet die Zerrissenheit der Partei zwischen demokratischem Anspruch und traditionell-autoritären Werten in der frühen Weimarer Zeit.
3. Der deutsche Katholizismus am Ende der Weimarer Republik: Untersucht die zunehmende Klerikalisierung und autoritäre Ausrichtung der Führung unter Ludwig Kaas sowie die Annäherung an nationalistische Kreise.
4. Das Verhältnis Roms zur Weimarer Republik und zum politischen Katholizismus im Zeichen der Konkordatsverhandlungen: Beschreibt das zielstrebige Bestreben Eugenio Pacellis, ein Reichskonkordat zu schließen, und die damit verbundene Vernachlässigung der politischen Stabilität der Republik.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Zentrumspartei, Politischer Katholizismus, Nationalsozialismus, Reichskonkordat, Eugenio Pacelli, Heinrich Brüning, Autoritarismus, Parlamentarismus, Reichspräsident, Ludwig Kaas, Kirchengeschichte, Machtübernahme, Universalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verhalten des deutschen Katholizismus und speziell der Zentrumspartei während der Weimarer Republik, um zu klären, inwieweit diese Akteure durch ihre politische Ausrichtung den Untergang der Demokratie begünstigten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die ideologische Transformation des politischen Katholizismus, die Rolle des Klerus, der Einfluss des Vatikans durch Konkordatsverhandlungen sowie die Annäherung der Zentrumspartei an autoritäre Konzepte und den Nationalsozialismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Vorwurf zu untersuchen, ob die Zentrumspartei als staatstragende Partei dem demokratischen Anspruch gerecht wurde oder ob sie durch interne Widersprüche und eine Affinität zu autoritären Staatsformen zur Destabilisierung der Republik beitrug.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse, die Primärquellen sowie politikwissenschaftliche und kirchenhistorische Fachliteratur auswertet, um die Handlungsspielräume und Entscheidungsmotive der beteiligten Akteure zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Entwicklung vom Kulturkampf über das programmatische Dilemma der Zwischenkriegsjahre bis hin zum Aufstieg des autoritären „Universalismus“ und der Rolle der römischen Kurie, insbesondere unter Nuntius Pacelli, bei der Etablierung des Reichskonkordats.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Weimarer Republik, Zentrumspartei, Politischer Katholizismus, Reichskonkordat und Autoritarismus.
Welche Bedeutung hatte die Person Matthias Erzberger für die Zentrumspartei?
Erzberger wird als eine Schlüsselfigur dargestellt, die während der frühen Jahre der Republik für den parlamentarischen Weg eintrat, wobei seine Rolle innerhalb einer ansonsten eher konservativ und monarchistisch geprägten Partei besonders hervorgehoben wird.
Wie veränderte sich die Rolle von Prälat Ludwig Kaas?
Ludwig Kaas verkörperte den Wechsel hin zu einer geistlichen Führerschaft, die eine autoritäre Umgestaltung des Zentrums vorantrieb und maßgeblich zur Zustimmung des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz von 1933 beitrug.
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- Benjamin Heilmann (Author), 2003, Die Affinität der Kirchen zum nationalen Obrigkeitsstaat: Der Katholizismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22929