Sichtung und Aufriss der Sekundärliteratur zum Thema des klassischen Kriminalromans

Versuch der Übertragung auf den Kriminaltypen des Romans "Am Freitag schlief der Rabbi lang" von Harry Kemelman und "Sherlock Holmes, Der Hund von Baskerville" von Sir Conan Doyle - Parallelen und Dissonanzen


Seminararbeit, 2003

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Vorgehensweise und Gliederung der Ausarbeitung

2. Sichtung und Aufriss der Sekundärliteratur
2.1 Formen und Ideologien des Kriminalromans: Ein gattungs- geschichtlicher Essays
2.2 Morde, Meister und Mysterien: Die Geschichte des Kriminalromans
2.3 Der Detektivroman: Studien zur Geschichte und Form der englischen und amerikanischen Detektivliteratur
2.4 Mord ist ihr Beruf: Eine Geschichte des Kriminalromans
2.5 Beeinflussung und Steuerung des Lesers in der englischsprachigen Detektiv- und Kriminalliteratur: Eine vergleichende Untersuchung zur Beziehung Autor-Text-Leser in Werken von Doyle, Christie und Highsmith

3. Beziehung der Sekundärliteratur auf Harry Kemelman „Am Freitag schlief der Rabbi lang“

4. Beziehung der Sekundärliteratur auf Sir Arthur Conan Doyle „Sherlock Holmes – Der Hund von Baskerville“

5. Vergleich der Typen „Kemelman“ und „Conan Doyle“. Parallelen und Dissonanzen

6. Fazit

7. Abschließende Betrachtungen und Aussicht

Literaturangabe

Anhang
Zum Inhalt des Romans„Am Freitag schlief der Rabbi lang“ (Kurzfassung)
Zum Inhalt des Romans „Sherlock Holmes - Der Hund von Baskerville“ (Kurzfassung)

1. Einleitung

"Eine Leiche wird gefunden. Wer ist es? Antwort: Abel. - Wie ist er umgekommen? Durch Gewalt. - Ein Unglücksfall? Nein. - Also Mord! Wer ist der Täter? Nun, die Menschheitsfamilie war damals noch klein. Es kommen nur drei in Frage: Adam, Eva, Kain. Sie werden nacheinander befragt. Wer konnte zur Tatzeit am Tatort gewesen sein? Wer hatte ein Motiv zur Tat? Ergebnis: Kain allein hat kein Alibi. Er allein hat ein Motiv. Er war der Täter." [1]

Das vierte Kapitel des ersten Buchs Moses beschreibt einen der ältesten Kriminalfälle unserer Überlieferung. Adam und Eva hatten zwei Söhne, Kain und Abel. Kain war ein Ackermann, Abel Schäfer. Beide erbrachten dem Herrn ein Opfer. Der Herr sah Abels Opfer, Erstlinge seiner Herde, gnädig an. Kains Opfer hingegen, Früchte des Feldes, würdigte er nicht. Kain wurde darüber sehr wütend. Als er mit seinem Bruder Abel auf dem Felde sprach, erhob sich Kain gegen seinen Bruder und erschlug ihn.[2]

Alle klassischen Elemente eines Kriminalromans sind in verkürzter Form vorhanden. Ein Mörder und sein Opfer, das Motiv, der Tathergang und -ausgang. Das am Anfang aufgeführte Zitat von Richard Alewyn, beginnt mit dem erschlagenen Abel an der Stelle, wo die Überlieferung der Bibel aufhört und endet dort, wo die andere angefangen hat, bei dem Täter und seinem Motiv. Würde man eine Einteilung nach Detektiv- und Kriminalroman vornehmen, dann wäre die Bibelgeschichte ein Kriminalroman, das Zitat von Alewyn ein Detektivroman.

Kurz gefasst erzählt der Kriminalroman die Geschichte eines Verbrechens, der Detektivroman die der Aufklärung. Beide Erzählweisen sind eng miteinander verknüpft. Fast jeder Kriminalroman lässt sich in einen Detektivroman umwandeln und umgekehrt.

Auch wenn der Kriminalliteratur ein Hang zur Trivialität nachgesagt wird, so ist sie doch zu einem viel gelesenen Genre geworden. Der Kriminalroman gehört zu der wohl am meist verbreiteten Literaturform des 20. Jahrhunderts.[3] Autoren wie Agatha Christie oder Erle Stanley Gardner erreichten mit ihren Gesamtwerken Millionenauflagen. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Anfang des 20. Jahrhunderts Romane von Nick Carter in Amerika oder Jerry Cotton in Deutschland. Die Kriminalliteratur will vornehmlich der Unterhaltung dienen.[4]

Im Englischen aufgeschlüsselt in „mystery story“, „detective novel“, „detective story“ und „crime story“, konzentriert sich die Diskussion in Deutschland hingegen auf die Terminologie Kriminal- und Detektivroman und wird kurz als „Krimi“ tituliert. Der Detektivroman stellt dabei eine „Unterordnung“ des Kriminalromans dar.

1.1 Vorgehensweise und Gliederung der Ausarbeitung

Auf den nachfolgenden Seiten wird der Versuch unternommen, die Sekundärliteratur auf die Kriminalromane von Harry Kemelman „Am Freitag schlief der Rabbi lang“ welcher 1964 erschien und den Roman „Sherlock Holmes - Der Hund von Baskerville“, der zwischen 1901/02 herausgebracht und vom Autor Sir Arthur Conan Coyle verfasst wurde zu beziehen. Die Sekundärliteratur beschränkt sich auf Aufsätze, die die Analyse von kriminalliterarischen Texten zum Inhalt haben. Diese Auswahl an Literatur stellt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll vielmehr als zufälliger, beschränkter Ausschnitt vorhandener Aufsätze verstanden werden, aus denen einzelne interessante Gesichtspunkte herausgegriffen wurden.

Die Auswahl des Romans „Am Freitag schlief der Rabbi lang“ erfolgte anhand des Kriteriums einer vorhandenen Serie, in Anlehnung an Georges Simenons ermittelnden Kommissar Maigret. Es sollte sich bei dem Roman mindestens um eine Trilogie handeln. Mit sechs Büchern dieser Serie erfüllt der Roman dieses Kriterium.

Der Roman „Sherlock Holmes - Der Hund von Baskerville“ wurde als Pendant ausgewählt, da er sich im Spannungsaufbau, Erzählstil, Ermittlungsstil und in den Charakterzügen der Ermittler grundsätzlich zu Kemelmans Roman unterscheiden lässt.

Die vorliegende Hausarbeit gliedert sich in vier größere Bereiche. Im ersten Abschnitt der Ausarbeitung geht es um die Sichtung und den Aufriss der ausgewählten Sekundärliteratur. Angefangen mit einer kurzen, prägnanten Zusammenfassung, der jeweiligen Sekundärliteratur, die nach ihrem chronologischen Erscheinungsdatum geordnet ist. Die Literatur wird mit circa zwei Sätzen beschrieben, mit dem Sinn, einen groben Überblick dessen zu geben, womit sich das jeweilige Werk im Einzelnen auseinandersetzt. Im zweiten Abschnitt wird der Versuch unternommen, die Sekundärliteratur auf die Typen „Kemelman“ oder „Conan Doyle“ zu beziehen und dabei Unterschiede und Parallelen zwischen den beiden Romanen herauszustellen. Im dritten Abschnitt werden die auffälligsten Dissonanzen und Parallelen zwischen Kemelman und Conan Doyles Romanen aufgezeigt. Das Fazit und die abschließende Betrachtung stellen den vierten Abschnitt dar. Hier wird der Versuch unternommen, diese Ausarbeitung abzurunden und einen allgemein gehaltenen Ausblick der wirtschaftlichen Lage der Kriminalliteratur in Deutschland zu geben.

Im Anhang befinden sich zwei bündige Inhaltsangaben der verwendeten Romane von Harry Kemelman und Sir Arthur Conan.

2. Sichtung und Aufriss der Sekundärliteratur

Im Folgenden wird der Inhalt der Sekundärliteratur in wenigen Sätzen wiedergegeben, die zur genaueren Betrachtung ausgewählt und herangezogen wurde.

- „Formen und Ideologien des Kriminalromans: Ein gattungsgeschichtlicher Essays“

Dieses Werk wurde von dem Autor Ulrich Schulz-Buschhaus im Jahre 1975 herausgebracht und setzt seinen Schwerpunkt in den Grundelementen der Gattungsstruktur von Kriminalromanen. Die einzelnen Gattungen werden anhand von Autoren, wie Edgar Allan Poe, Raymond Chandler oder Georges Simenon dargestellt.

- „Morde, Meister und Mysterien: Die Geschichte des Kriminalromans“

Inhalt dieses Buches ist eine Sammlung von Essays, die die wichtigsten Stadien der Entwicklung in der Kriminalliteratur skizzieren und die bedeutendsten Vertreter des Genres mit ihren Werken vorstellen. Erschienen ist dieses Buch im Jahre 1988.

- „Der Detektivroman: Studien zur Geschichte und Form der englischen und amerikanischen Detektivliteratur“

Die Autoren Paul G. Buchloh und Jens P. Becker unternehmen den Versucht, in zwölf Essays die englische und amerikanische Detektivliteratur neu zu ordnen, um damit auf der einen Seite einen geschichtlichen Überblick zu gewähren, auf der anderen Seite Einzelfragen zu erläutern. Veröffentlicht wurde dieses Buch im Jahre 1990.

- „Mord ist ihr Beruf: Eine Geschichte des Kriminalromans“

Die Anfänge der Kriminalliteratur werden von Ulrike Leonhardt untersucht. In diesem Buch, welches 1990 veröffentlicht wurde, erfährt der Leser darüber hinaus einiges über die Entstehung des klassischen und modernen Kriminalromans.

- „Beeinflussung und Steuerung des Lesers in der englischsprachigen Detektiv- und Kriminalliteratur“

In diesem, 1991 erschienenen Buch, welches von Michael Dunker verfasst wurde, geht es um eine Gegenüberstellung zwischen der klassischen Detektiverzählung von Conan Doyles und Agatha Christie und der modernen Kriminalliteratur von Patricia Highsmith. Die Beziehung zwischen dem Autor, dem Text und dem Leser wird analysiert.

2.1 Formen und Ideologien des Kriminalromans: Ein gattungsgeschichtlicher Essays

Herausgegriffen aus dieser Literatur wurde ein Entwurf von Jean-Pierre Colin, der die Gattungsstruktur von Kriminalromanen beschreibt. Die Figur des Detektivs und eine allgemeine Figurenkonstellation treten in den Hintergrund. Stattdessen beschäftigt er sich mit dem Bruch und der Wiederherstellung des sozialen Gleichgewichts, die charakteristisch für den Ausgangs- und Endpunkt des Kriminalromans sind. Das soziale Gleichgewicht stellt sich auf zwei Wegen wieder ein. Durch einen „intellektuellen“, und einen „materiellen“ Weg. In der Literatur werden die Begriffe „poursuite“ und „enquête“ benutzt, welche Colin als Synonym für die englischen Begriffe „action“ und „analysis“ verwendet. Der Begriff „poursuite“ (action) bezeichnet die eigentlichen Handlungselemente des Kriminalromans, bestehend aus zum Beispiel Verbrechen, Kampf und Flucht. Colins Begriff „enquête“ (analysis) umfasst die Elemente, die den Leser dazu animieren sollen mitzurätseln. Sie werden im Allgemeinen durch Dialoge oder sogar als erklärende Zeichnungen oder Skizzen eingebracht. Schulz-Buschhaus ergänzt dieses Konstrukt mit dem Element „mystery“ und lässt damit einen wichtigen Aspekt einfließen, der dafür sorgt, dass der Kriminalfall verschleiert und nicht zu leicht vom Leser aufgedeckt wird. Bekannt als „red herring“ Motiv, bei dem am Ende eine Lösung präsentiert wird, die der Leser so wahrscheinlich nicht vorhergesehen hätte. Wörtlich übersetzt bedeutet „red herring“ „Roter Hering“ und bezeichnet eine falsch gelegte Spur, die vom Autor als solche beabsichtigt wurde. Für gewöhnlich fällt der Leser auf diese herein. Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem Jägerjagon. Bei der Fuchsjagd wurde ein Bückling quer über die Fährte gezogen, um die Meute abzulenken.[5] Würde das „mystery“ Element fehlen, wäre die Aufklärung des Rätsels zu simpel.

Indizien und Analysen sind im „wahren“ Kriminalroman verstreut, so dass der Leser nicht der Lösung näher gebracht wird, sondern auf eine falsche Fährte gelockt wird, um so am Ende überrascht zu werden. Über eine als real wahrgenommene Handlung und eine eher unrealistische Konstruktion, entscheidet das Verhältnis von „analysis“ und „mystery“.

Der erzählerische Aufbau bestimmt sich hauptsächlich durch das Verhältnis von „analysis“ und „action“.[6]

2.2 Morde, Meister und Mysterien: Die Geschichte des Kriminalromans

In John Balls Sammlung von Essays verschiedener Autoren, arbeitet Hillary Waugh in ihrem Essay über „Mystery und konventioneller Roman – Eine Gegenüberstellung“, einen Regelkatalog heraus, der aus sechs Grundsätzen besteht. Alle Anhaltspunkte die vom Detektiv entdeckt werden, müssen nach der ersten Regel auch dem Leser zur Verfügung stehen. Ereignisse, die sich in der Zukunft abspielen, müssen im Voraus erläutert und vorbereitend eingeführt werden. Der Leser muss wissen, dass beispielsweise eine Frau Kindermädchen ist, bevor sie mit zwei Kindern beim Spazierengehen beschrieben wird. Der Leser könnte sonst fälschlicherweise annehmen, es wären ihre eigenen. Der Weg muss vorbereitet werden, so dass der Leser nicht „überrumpelt“ wird. Von Außen eingebrachte Überraschungen sind zu vermeiden. Sie sollten sich aus der Geschichte ergeben und sich auf das beziehen, was vorher geschah. Die Anhaltspunkte sind fair einzusetzen. Diese Regel ist in der Literatur bekannt als „Fair Play Rule“.

Nach Regel Nummer zwei muss der Mörder frühzeitig ins Geschehen eingebracht werden. Je eher die Beteiligten erscheinen, desto besser. Dennoch ist es nicht erforderlich, dass alle Personen von Anfang an in Erscheinung treten, aber es ist notwenig, dass der Weg hinzukommender Person vorbereitet wird. Da sich ein Kriminalroman immer auf einen geschlossenen Raum, wie zum Beispiel eine Gemeinde, einen Ort etc. bezieht, ist es wichtig, nicht ständig neue Personen, die dem Leser unbekannt sind, einzuführen. Wenn es geschieht, hat es vor dem Hintergrund der „Fair Play Rule“ zu erfolgen.

[...]


[1] Alewyn, Richard: Anatomie des Kriminalromans. In: Vogt, Jochen (Hrsg.): Der Kriminalroman. München 1998, S. 53.

[2] Vgl.: Die Bibel: Kains Brudermord, 1. Mose 3.4 - 4.5. Stuttgart 1985, S. 6-7.

[3] Vgl.: Buchloh, Paul G.; Becker, Jens P.: Der Detektivroman: Studien zur Geschichte und Form der englischen und amerikanischen Detektivliteratur. Darmstadt 1990, S. 1.

[4] Ebenda, S. 1-4.

[5] Vgl.: Reclams Kriminalromanführer. Hrsg. von Armin Arnold und Josef Schmidt. Stuttgart 1978, S. 11.

[6] Vgl.: Schulz-Buschhaus, Ulrich: Formen und Ideologien des Kriminalromans: Ein gattungsgeschichtlicher Essays. Frankfurt a. M. 1975, S. 1-5, 42-57.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Sichtung und Aufriss der Sekundärliteratur zum Thema des klassischen Kriminalromans
Untertitel
Versuch der Übertragung auf den Kriminaltypen des Romans "Am Freitag schlief der Rabbi lang" von Harry Kemelman und "Sherlock Holmes, Der Hund von Baskerville" von Sir Conan Doyle - Parallelen und Dissonanzen
Hochschule
Universität Lüneburg  (Angewandte Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Geschichte und Theorie des Kriminalromans
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V22936
ISBN (eBook)
9783638261593
ISBN (Buch)
9783638647755
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sichtung, Aufriss, Sekundärliteratur, Thema, Kriminalromans, Seminar, Geschichte, Theorie
Arbeit zitieren
Miriam Herbst (Autor), 2003, Sichtung und Aufriss der Sekundärliteratur zum Thema des klassischen Kriminalromans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22936

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