Nach meiner Ausmusterung entschloß ich mich, als freiwilliger Helfer in einem Dorf für behinderte erwachsene Menschen im Ausland zu arbeiten. Die Erfahrungen, die ich dort machen durfte, haben mein Leben in gravierender Weise verändert und beeinflußt - bis heute. Ich entschloß mich, diesen wichtigen Aspekt in meiner Biographie erkennend, am Seminar «"Schulen der Nation". Zivildienst und Militärdienst als Sozialisationsinstanzen im männlichen Lebenslauf» teilzunehmen, um mein Wissen über die Bedeutung eines solchen Dienstes zu erweitern, auch war die geschlechtsspezifische Komponente von mir noch nicht reflektiert worden.
In dem Bewußtsein der Nützlichkeit einer sozialen Tätigkeit im Übergangsalter vom Jugendlichen zum Erwachsenen, stand ich zunächst auch dem Thema "Dienstpflicht" offen gegenüber, als ich mich für die Bearbeitung dieses Gegenstandes entschloß. Ich befand mich in dem (naiven) Glauben, die Wehrpflicht könnte, über den meiner Ansicht nach viel sinnvolleren Zivildienst, durch eine allgemeine Dienstpflicht, der, nach Abschaffung des FSJ, auch auf die jungen Frauen ausgedehnt werden sollte, ersetzt werden; ich betonte für mich die Komponente des Dienstes, wohinge gen ich die Pflicht im selben Wort als vernachlässigbare Größe ansah. Das Ergebnis des Wandels bzw. Ausweitung meiner (Er-) Kenntnisse ist in vorliegender Hausarbeit zu sehen, in der ich versucht habe, die von mir vorher noch nicht erkannte Komplexität des Themas zu zeigen.
Inhaltsverzeichnis
0. Persönliche Vorbemerkung
1. Einleitung
2. Wurzeln der Dienstpflichtdiskussion
2.1 Die Wiedereinführung der Wehrpflicht
2.2 Der Zivildienst aus sozialpolitischer Sicht
2.3 Der Zivildienst - ein Erfolgskonzept?
3. Die Dienstpflicht - systematische Darlegung der "pros and cons"
3.1 Die Ergebnisse aus Kap.2 im Vergleich zu Seminar-Argumenten
4. Argumente FÜR- und GEGEN ein Pflichtjahr
5. Mögliche sozialpolitische Konsequenzen
6. Zum Schluß
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die sozialpolitische Relevanz und die Implikationen einer allgemeinen Dienstpflicht in Deutschland vor dem Hintergrund der Entwicklung des Zivildienstes. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, ob eine staatliche Zwangsverpflichtung als Mittel zur Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse und zur Lösung von Pflegenotständen legitim und sinnvoll ist.
- Historische Entwicklung der Wehr- und Zivildienstpflicht
- Sozialpolitischer Stellenwert des Zivildienstes im Wohlfahrtsstaat
- Mehrebene-Analyse der Pro- und Contra-Argumente einer Dienstpflicht
- Analyse von Individualisierung und Entsolidarisierung in der modernen Gesellschaft
- Entwicklung von freiwilligen Alternativstrukturen statt Zwangsverpflichtung
Auszug aus dem Buch
2.3 Der Zivildienst - ein Erfolgskonzept?
Am Anfang des zivilen Ersatzdienstes läßt sich das Ansehen desselben wie folgt zusammenfassen: "Die Bekloppten haben verweigert, also schickt man sie zu den Bekloppten" (ebd. S.92; zit. n. STAUFFER 1990). Dieser Ausspruch eines Ersatzdienstleistenden der ersten Stunde zeigt, daß die Intention der Politik, die Kriegsdienstverweigerung unattraktiv zu gestalten, zunächst Erfolg hatte. Die Einrichtungen, die die ersten Zivis aufnahmen, beäugten die als suspekt eingeschätzten jungen Männer vorsichtig, und das soziale Umfeld der Verweigerer hatte ebensolche Probleme mit der Tatsache, daß sich jemand aus ihrer Mitte mit bislang als weiblich bezeichneten und somit relativ gering geschätzten Tätigkeiten beschäftigt.
Die obigen Zahlen belegen jedoch eindrücklich, daß sich diese Einstellung zutiefst gewandelt hat. Die ZDL wurden als hochmotivierte, engagierte Mitarbeiter erfahren und zunehmend geschätzt, und ihnen wurden immer mehr auch verantwortungsvolle Aufgaben zugewiesen. Ebenso wichtig für die zunehmende Wertschätzung der KDV´ler durch die Einrichtungen war, neben dem Engagement, m.E. die betriebswirtschaftliche Komponente. Die Verschränkung des ZD mit der Wehrpflicht führt dazu, daß heute die einzelnen Institutionen bis zu 33 000 DM pro ZDL Nettogewinn haben können, wohingegen der Staat, als Bezahler des Soldes, zwischen 20 000 u. 30 000 DM pro Zivi aufwenden muß (LIPPERT 1994, S.5). Die Entdeckung, in den ZDL billige Arbeitskräfte ohne arbeitsrechtlichen Schutz (aufgrund des Pflichtcharakters des Dienstes) zu finden, dürfte mit eine der Ursachen für die extreme Ausweitung des sozialen Sektors sein.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Persönliche Vorbemerkung: Der Verfasser erläutert seine persönliche Motivation und den Wandel seiner Einstellung zum Thema Dienstpflicht durch seine Erfahrungen im sozialen Bereich.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des Seminars ein und beschreibt den staatlichen Zwangseingriff in männliche Biographien durch den Zivildienst.
2. Wurzeln der Dienstpflichtdiskussion: Hier werden die historische Wiedereinführung der Wehrpflicht sowie die sozialpolitische Entwicklung des Zivildienstes analysiert.
3. Die Dienstpflicht - systematische Darlegung der "pros and cons": Dieses Kapitel verknüpft die zuvor erarbeiteten Ursachenkomplexe mit den gängigen Argumentationslinien in der Dienstpflichtdebatte.
4. Argumente FÜR- und GEGEN ein Pflichtjahr: Eine systematische Gegenüberstellung der sicherheitspolitischen und sozialen Argumente unter Berücksichtigung von Kosten-Nutzen-Faktoren.
5. Mögliche sozialpolitische Konsequenzen: Der Autor plädiert gegen die allgemeine Dienstpflicht und für den Aufbau flexibler, freiwilliger Strukturen im sozialen Bereich.
6. Zum Schluß: Ein zusammenfassendes Resümee, das die Komplexität des Themas betont und auf die Schwierigkeit hinweist, in einer bereits weitgehend diskutierten Materie neue Aspekte zu finden.
Schlüsselwörter
Dienstpflicht, Wehrpflicht, Zivildienst, Sozialisation, Pflegenotstand, Wohlfahrtsstaat, Individualisierung, Entsolidarisierung, Freiwilligenarbeit, Kriegsdienstverweigerung, Sozialpolitik, Mehrebenenanalyse, Arbeitsmarktneutralität, Schlüsselkompetenzen, Männlichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Hintergründe und die gesellschaftlichen Auswirkungen der Debatte um eine allgemeine Dienstpflicht in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Rolle des Zivildienstes als Sozialisationsinstanz, den Pflegenotstand, sicherheitspolitische Notwendigkeiten und den gesellschaftlichen Wandel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Komplexität der Dienstpflichtdebatte aufzuzeigen und zu erörtern, ob eine gesetzliche Zwangsverpflichtung ein angemessenes Mittel für die heutige Gesellschaft darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine auf Seminarerkenntnissen basierende Mehrebenenanalyse angewandt, die makro-, meso- und mikrosoziologische Perspektiven integriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ursachen für die Dienstpflichtdiskussion, vergleicht Pro- und Contra-Argumente und bewertet sozialpolitische Konsequenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Dienstpflicht, Zivildienst, Sozialisation, Pflegenotstand und Freiwilligkeit.
Warum kritisiert der Autor das Konzept der Dienstpflicht als "Schule der Nation"?
Der Autor bemängelt den undemokratischen Zwangscharakter und die Vernachlässigung rechtlicher und pädagogischer Kriterien bei dieser Art der staatlichen Indoktrination.
Welche Bedeutung hat das Beispiel der Niederlande für den Autor?
Die Niederlande dienen als positives Referenzmodell für ein System von Freiwilligenagenturen, das den heutigen Flexibilitätsanforderungen besser gerecht wird als eine staatliche Zwangsverpflichtung.
- Quote paper
- Anonym (Author), 1998, Die allgemeine "Dienstpflicht", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22947