1493 wird in Nürnberg ein bilderreiches, großes Buch gedruckt: die Schedelsche Weltchronik. Die Chronik ist eine Manifestation des mittelalterlichen - frühneuzeitlichen Wissens. Eine Kompilation aus biblischen, sagenhaften und zeitgeschichtlichen Ereignissen und geographischen Angaben. Sie birgt umfangreiche Städte- und Länderbeschreibungen und liefert für mehrere mittelalterliche Städte erste, der Realität einigermaßen entsprechende, Abbildungen, an denen unter anderen Albrecht Dürer mitgewirkt hatte.
Das mittelalterliche Verständnis von Geographie ist unserem heutigen weit entfernt. Geographisches Wissen beruhte meist auf Topoi und diente vor allem als Untermalung von Geschichten. Mit den neuen Entdeckungen und der Vergrößerung der bekannten Welt stieg das Interesse und es häufen sich neue erdkundliche Erkenntnisse und Erfindungen. Die Schedelsche Weltchronik steht ganz zu Beginn dieser neuen Entwicklung und zeigt ein großes Interesse an landeskundlichem Wissen. Doch inwieweit ist die Darstellung noch dem Mittelalter verhaftet? Zeigen sich tatsächlich schon Spuren eines neuen geographischen Ansatzes? Diese Arbeit beleuchtet die Raumkonzepte im späten Mittelalter und die Schedelsche Weltchronik wird hinsichtlich ihrer geographischen Ansätze untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Raumkonzepte und geographisches Wissen im späten Mittelalter
3. Die Schedelsche Weltchronik – Ein Buchunternehmen am Ende des 15. Jahrhunderts
4. Die Länderbeschreibungen
4. 1. Die Auswahl der Länder im Allgemeinen
4. 2. lant, gegent, volck oder reich – Die Namen der Länder
4. 3. Lageangaben und Grenzziehungen
4. 4. Landschaftsmerkmale
4. 5. Natürliche Ressourcen
5. Die Landschaftsbilder
5. 1. Aufbau und Verwendung der Bilder innerhalb der Chronik
5. 2. Beschreibung der Bilder und ihre topographischen Faktoren
6. Die „Deutschlandkarte“
6. 1. Karten im späten Mittelalter
6. 2. Beschreibung der „Deutschlandkarte“ und ihre topographischen Faktoren
7. Die Raumkonzepte im Vergleich von Text, Bild und Karte
8. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Raumkonzepte in der Schedelschen Weltchronik (1493), um zu klären, inwiefern die geographischen Darstellungen in Text, Bild und Karte den Übergang vom mittelalterlichen zum frühneuzeitlichen Weltbild widerspiegeln. Dabei wird analysiert, ob die Charakterisierung von Ländern auf individuellen Beobachtungen oder auf tradierten, mittelalterlichen Topoi basiert und wie die Konzeption von Raum durch die Verknüpfung von geographischem und historischem Wissen konstruiert wird.
- Analyse der Länderbeschreibungen hinsichtlich Benennung, Grenzwahrnehmung und Ressourcen.
- Untersuchung der topographischen Struktur und Symbolik in den Landschaftsbildern.
- Vergleichende Betrachtung der "Deutschlandkarte" und ihrer Rolle im geographischen Gefüge.
- Einordnung der Schedelschen Weltchronik im Kontext des Humanismus und des medialen Umbruchs.
Auszug aus dem Buch
Die Schedelsche Weltchronik – Ein Buchunternehmen am Ende des 15. Jahrhunderts
Zum Ende des 15. Jahrhunderts war Nürnberg eine blühende Stadt. Als Freie Reichstadt profitierte sie von der Lage im Herzen des Heiligen Römischen Reichs und war im Spätmittelalter eine der größten Städte des Reiches. Sie war zwar nicht der Sitz einer Universität, doch sie bot vielen Bürgern in wirtschaftlicher Hinsicht sehr gute Perspektiven. Das wirtschaftliche Hoch wirkte sich auf die Bildung und die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Arbeit aus. So „bestand ein auffälliger Zusammenhang zwischen dem Wohlstand einzelner Patrizierhäuser und der Ausdehnung des Humanismus. Dieser Wohlstand ermöglichte Bildungsreisen, gab freie Zeit, besonders am Lebensabend, gab die Mittel, um opulente Bibliotheken zu sammeln, Stipendien zu vergeben, begabte Familienmitglieder ganz freistellen für Studien.“ Patriziersöhne, darunter auch Hartmann Schedel, reisten nach Italien und kamen angefüllt mit humanistischen Ideen zurück. Nürnberg avancierte zum Zentrum des Humanismus in Deutschland.
Für das „größte Buchunternehmen der Dürer-Zeit“, wie Elisabeth Rücker ihr Buch über die Schedelsche Weltchronik untertitelt, bot die Stadt somit „wohl die idealste Umwelt in Deutschland schlechthin“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit anhand der Schedelschen Weltchronik ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Konzeption von Ländern und Raum zu untersuchen.
2. Raumkonzepte und geographisches Wissen im späten Mittelalter: Das Kapitel behandelt die Forschungsgeschichte, insbesondere den Spatial Turn, und erläutert den Stellenwert geographischen Wissens in der mittelalterlichen Wissenschaftstradition.
3. Die Schedelsche Weltchronik – Ein Buchunternehmen am Ende des 15. Jahrhunderts: Hier wird der Entstehungskontext des Werkes in Nürnberg, die Rolle der beteiligten Akteure sowie die Enzyklopädik des Buches als Manifestation des Wissens der Zeit beleuchtet.
4. Die Länderbeschreibungen: Dieser Abschnitt analysiert die geographischen Ausführungen der Chronik unter den Gesichtspunkten der Namensgebung, Grenzziehung, Landschaftsmerkmale und der Darstellung natürlicher Ressourcen.
5. Die Landschaftsbilder: Das Kapitel befasst sich mit dem Aufbau, der symbolischen Verwendung und der topographischen Zerlegung der Landschaftsbilder, um das Verständnis von Raum bei den zeitgenössischen Künstlern zu ergründen.
6. Die „Deutschlandkarte“: Der Autor untersucht die Bedeutung und Einzigartigkeit der „Deutschlandkarte“ (Germania Magna) in der Chronik sowie deren Bezug zum antiken Wissenserbe und zur zeitgenössischen Kartographie.
7. Die Raumkonzepte im Vergleich von Text, Bild und Karte: Zusammenführung der Ergebnisse, um ein finales Urteil über die zugrunde liegenden Raumkonzepte zu fällen und das Verhältnis von Textvorgaben zu bildlichen und kartographischen Darstellungen zu bewerten.
8. Schlussbemerkung: Zusammenfassende Einschätzung der Schedelschen Weltchronik als Werk des Übergangs, das trotz neuer geographischer Ansätze stark in der mittelalterlichen Tradition verhaftet bleibt.
Schlüsselwörter
Schedelsche Weltchronik, Spätmittelalter, Humanismus, Raumkonzepte, Kartographie, Geographie, Buchherstellung, Landesbeschreibung, Landschaftsbild, Germania Magna, Weltbild, Wissensgeschichte, Inkunabel, Nürnberg, Spatial Turn.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Ländern und Räumen in der Schedelschen Weltchronik von 1493, um zu bestimmen, ob das Werk dem mittelalterlichen Denken verhaftet ist oder bereits Ansätze für ein modernes, geographisch-wissenschaftliches Weltbild aufzeigt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die textlichen Länderbeschreibungen, die Verwendung symbolischer Landschaftsbilder und die Analyse der beigelegten "Deutschlandkarte" im Kontext des spätmittelalterlichen und frühhumanistischen Wissens.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Konzeption von Raum und Ländern innerhalb der Chronik zu beleuchten, ohne diese nach heutigen Standards zu bewerten, sondern um zu verstehen, wie das Weltwissen der damaligen Zeit strukturiert und visualisiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt durch die Auswertung der Länderbeschreibungen nach spezifischen Parametern (Namen, Grenzen, Ressourcen), die ikonographische Analyse von Landschaftsbildern und den Vergleich von Text- und Karteninhalten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die geographischen Länderbeschreibungen gefiltert und nach Kategorien wie Größe, Bodenqualität und Wasserverfügbarkeit sortiert. Zudem werden Bildanalysen durchgeführt und die Entstehungsgeschichte der Karte "Germania Magna" betrachtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Raumkonzepte, Weltchronik, Geographie, Humanismus und mittelalterliche Kartographie charakterisieren.
Wie geht die Autorin mit dem Begriff "Landschaft" um?
Die Autorin stellt fest, dass in den Landschaftsbildern der Chronik keine realistische Wiedergabe angestrebt wird, sondern dass Landschaftsbilder wie Embleme mit festen Komponenten wie Städten, Burgen und Felsen konstruiert werden, um Ideallandschaften zu erzeugen.
Welche Rolle spielt die "Deutschlandkarte" im Werk?
Die Karte nimmt eine Sonderstellung ein, da sie im Vergleich zu Text und Bild die stärkste Annäherung an eine wissenschaftliche Geographie darstellt, obwohl sie dennoch auf älteren ptolemäischen Traditionen aufbaut.
- Arbeit zitieren
- Franziska Koch (Autor:in), 2010, Raumkonzepte in der Schedelschen Weltchronik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229581