Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“. Kritik an Napoleon Bonaparte


Hausarbeit, 2012
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das historische Material zur literarischen Inszenierung eines Kampfes

2. Die französische Kolonisation in Saint Domingue und ihr geschichtlicher Hintergrund

3. Als die Schwarzen zur Büchse griffen
3.1. Der rassistische Erzähler bei Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“
3.2. Der Weg von der „Schwarze Hure“ zur „Weißen Heiligen“

4. Wie versteckt Kleist seine Kritik an Napoleon?
4.1 Kleist und der „Allerwelts-Konsul“
4.2 Napoleon und Santo Domingo
4.3 Die retroperspektiven Erzählungen von der Französischen Revolution

5. Einige Schlussbemerkungen

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Das historische Material zur literarischen Inszenierung eines Kampfes

Die 1811 erschienene Novelle „die Verlobung in St. Domingo“, von Heinrich von Kleist, spielt vor dem Hintergrund der Revolution auf Haiti. Durch eine, seit 1790, ausführlich stattfindende Berichterstattung, über die Verhältnisse auf Haiti, sind nicht nur Kleist, sondern auch seine Leser weitestgehend informiert. Die Erzählung von Kleist ist aber keineswegs eine historische, sondern vielmehr aufgegriffenes historisches Material zur literarischen Inszenierung eines Kampfes, bei dem es um komplizierte Beziehungen zwischen Geschlechtern, Rassen und Klassen geht. So ist Kleists Novelle auch häufig das Verhältnis von Liebe und Politik:[1]

„Schwarze sind dabei, Weiße zu vernichten, Neger Franzosen, Sklaven ihre Herren, Kolonisierte die Kolonisten, Untere Obere, Guerilleros Angehörige einer regulären Armee, Mandate Gesetze, die Barbarei die Zivilisation, die Französische Revolution ihre Kinder und die ‚Kinder‘ die ‚Eltern‘, vor allem aber, in einem ‚Haus‘, in dem die ‚Wildnis‘ herrscht, nicht-weiße Frauen weiße Männer.“[2]

Die ältere Forschung setzte Kleists Position unmittelbar mit dem Erzähler gleich, heutzutage ist es jedoch unstrittig, dass in dieser Novelle vom Erzähler eine konservative und gelegentlich rassistische Perspektive eingenommen wird, die nicht ausschließlich identisch ist mit der des Autors.[3]

So pointiert auch Bernd Fischer in seiner Forschung, dass die Verlobung in St. Domingo eine politische Dekonstruktion enthalte und es Kleist gelungen sei, sich

„von der kolonialistischen Schwarz-Weiß-Brille einer vermeintlichen Überlegenheit der europäischen Zivilisation und dem damit einhergehenden Missionsanspruch zu befreien.“[4]

Gegenstand dieser Hausarbeit soll sein, nachzuweisen, wie Kleist diese rassistische Perspektive des Erzählers benutzt, um der Zensur, der französischen Besatzungsmacht, im Erscheinungsjahr 1811, zu umgehen und somit antinapoleonische Anspielungen äußern zu können. Hierzu werde ich erst die geschichtlichen Hintergründe erläutern und mich dann auf die Rassismen beziehen, die in der Erzählung stattfinden, um diese abschließend, anhand von Textbelgen, auf die kritische Haltung Kleists gegenüber der französischen Revolution und der Hegemonial- und Okkupationspolitik von Napoleon Bonaparte anzuwenden.

2. Die französische Kolonisation in Saint Domingue und ihr geschichtlicher Hintergrund

Um die Novelle von Kleist richtig einzuordnen und um damit die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, muss man den geschichtlichen Hintergrund Haitis verstehen. Hierzu dient das folgende Kapitel, es soll einen kurzen Überblick über die Entstehung der französischen Kolonie bis zum Aufstand der Schwarzen geben.

Im Jahre 1492 wurde die Insel Haiti von Christoph Kolumbus entdeckt und war zunächst unter dem Namen Hispaniola (kleines Spanien) bekannt, wurde dann aber später nach ihrer Hauptstadt Santo Domingo benannt. Der spanische Kaiser Karl V. veranlasste im 16. Jahrhundert afrikanische Negersklaven - um dem damaligen Wortlaut zu entsprechen - zu importieren. Als die Insel von den Spaniern fast gänzlich ausgeplündert war, erlosch das Interesse und die Spanier verließen Santo Domingo wieder. Seit Beginn des 17. Jahrhunderts siedelten sich immer mehr Franzosen, meist französische Seeräuber, im Westteil der Insel an. Aufgrund des Friedens von Ryswijk trat Spanien den westlichen Teil der Insel 1697 offiziell an Frankreich ab und wurde fortlaufend Saint Domingue genannt. Durch die Einführung des Zuckerrohrs aus Java wurde Saint Domingue zur reichsten Übersee-Kolonie Frankreichs.[5]

„1789 gab es in Saint Domingue 793 Zuckerrohrmanufakturen, 3117 Kaffeepflanzungen, 3150 Indigo- und 789 Baumwollplantagen, 182 Rumbrennereien und 50 Kakaopflanzungen.“[6]

Dadurch belief sich der Ein- und Ausfuhrhandel auf jährlich 250 Millionen Francs, was ein Viertel, nach manchen Schätzungen sogar ein Drittel des gesamten französischen Handels ausmachte. Um dies zu erwirtschaften wurden jährlich 30000 Sklaven eingeschifft.[7]

Im Jahre 1791 wurde auf St. Domingue die Freilassung aller Sklaven beschlossen. Der ehemalige Sklave Toussaint Louverture wurde, durch verschiedene Verdienste (z.B. Vertreibung von Spaniern und Engländern), 1796 zum Divisionsgeneral ernannt und seine Kinder wurden in Frankreich auf Regierungskosten erzogen. Unter seiner Führung wurde im Januar 1801 der spanische Teil der Insel annektiert und im Juni trat eine Verfassung in Kraft, die ihn zum Gouverneur auf Lebenszeit machte. Napoleon Bonaparte, der 1799 zum ersten Konsul Frankreichs und später zum Kaiser ernannt wurde, missfiel diese Entwicklung der aktuellen Lage der Kolonie, so wollte er:

„die nur noch formal zum ‘Mutterland‘ sich bekennende reiche Kolonie zurückgewinnen und schickte Anfang 1802 eine Invasionsarmee nach St. Domingue, der es auch gelang, Toussaint Louverture und Dessalines [„seine rechte Hand“] zur Kapitulation zu bringen“.[8]

Durch die wiedereingeführte Sklaverei kam es zu einem Aufstand, der von Dessalines geführt wurde. Unter seinem Kommando vereinigten sich die Mulatten mit den Schwarzen und konnten die französischen Truppen besiegen, sodass im Januar 1804 die Unabhängigkeit proklamiert wurde. Im März gleichen Jahres verfügte Dessalines die Ermordung aller noch lebenden Franzosen auf der Insel und ließ sich im Oktober zum Kaiser von Haiti krönen. Zwei Jahre später wurde er von aufständischen Mulatten ermordet.[9]

3. Als die Schwarzen zur Büchse griffen

Obwohl es heutzutage eher in Vergessenheit geraten ist, sind die Befreiungskämpfe der Sklaven in Saint Domingue ein welthistorisch einmaliges Ereignis von politischer und nicht zuletzt symbolischer Signifikanz auch für Europa.[10]

„Mündend in die Unabhängigkeit eines ‚Negerstaates‘ markierten sie nicht nur die erste große Niederlage der napoleonischen Weltmacht, sondern eine Tiefe Zäsur in der Kolonialgeschichte“.[11]

In Europa wurde der Aufstand der ‘St. Domingischen Neger‘ mit großem Interesse verfolgt und breit diskutiert, man sprach von einer traumatischen Erfahrung die die französische Kolonialmacht davontrug.[12]

Genau diese traumatische Erfahrung Frankreichs greift Kleist auf und schreibt in seiner Erzählung, bezüglich auf die Befreiungskämpfe, von Rassenkämpfen die reichlich mit Rassismen bestückt sind. Herrschend ist die Abstrakte Entgegensetzung in der Äußerlichkeit, der „Farbe“, jedoch wie wenig solche Äußerlichkeit den Menschen charakterisiert, wird schon daran deutlich, dass es möglich ist „die Farbe“ zu „wechseln“.[13]

Im folgenden Kapitel will ich keineswegs so weit gehen, wie etwa Peter Horn, der anhand der Frage „Hatte Kleist Rassenvorurteile?“[14], die Rassismen Kleists beurteilt und seine Frage anschließend verneint. Ich will lediglich die Rassismen in der Novelle herausarbeiten, um sie im nächsten Kapitel im Kontext mit der Einstellung Kleist gegenüber Napoleon zu setzen.

[...]


[1] Vgl. Uerlings, Herbert: Poetiken der Interkulturalität. Haiti bei Kleist, Seghers, Müller, Buch und Fichte, Tübingen 1997, S. 13.

[2] Ebenda.

[3] Vgl. Uerlings, Herbert: Preußen in Haiti?; In: Kreutzer, Hans Joachim: Kleist Jahrbuch 1991, Stuttgart 1991, S. 187.

[4] Fischer, Bernd: Ironische Metaphysik. Die Erzählungen Heinrich von Kleists, München 1988. Zitiert nach Uerlings, Herbert: Preußen in Haiti?; In: Kreutzer, Hans Joachim: Kleist Jahrbuch 1991, Stuttgart 1991, S. 186.

[5] Müller-Salget, Klaus: Heinrich von Kleist, Sämtliche Erzählungen, Mainz 2005, S. 828ff.

[6] Buch, Hans Christoph: Haiti. Nachruf auf einen gescheiterten Staat, Berlin 2010, S. 21.

[7] Vgl. ebenda.

[8] Müller-Salget, Klaus: Heinrich von Kleist, Sämtliche Erzählungen, Mainz 2005, S. 829f.

[9] Vgl. ebenda.

[10] Vgl. Bay, Hansjörg: „Als die Schwarzen die Weißen ermordeten“; In: Blamberger, Günter: Kleist Jahrbuch 1998, Stuttgart 1998, S. 80.

[11] Ebenda.

[12] Vgl. Ebenda.

[13] Vgl. Reuß, Roland: „Die Verlobung in St. Domingo“ – eine Einführung in Kleists Erzählen; In: Reuß, Roland/ Staengle, Peter (Hrsg.): Berliner Kleist Blätter 1, Stroemfeld 1988, S. 18.

[14] http://peterhorn.kilu.de/books/Domingo.htm.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“. Kritik an Napoleon Bonaparte
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V229604
ISBN (eBook)
9783656454694
ISBN (Buch)
9783656457114
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich von Kleist, Napoleon Banaparte, Die Verlobung in St. Domingo
Arbeit zitieren
Jesse Bochert (Autor), 2012, Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“. Kritik an Napoleon Bonaparte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229604

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“. Kritik an Napoleon Bonaparte


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden