Ein Teil des Bismarck’schen Bündnissystems ist Thema der vorliegenden Arbeit, die ‚Dreikaiserpolitik‘. Darunter sind die Beziehungen des Deutschen Reiches zu Österreich-Ungarn und Russland zu verstehen, die für die Jahre nach der deutschen Reichsgründung von 1871 bis zum Abschluss des Rückversicherungsvertrages von 1887 untersucht werden. Die strukturierende Leitfrage lautet:
War Bismarcks ‚Dreikaiserpolitik' erfolgreich oder scheiterte sie?
Bei der Beschäftigung mit der einschlägigen Forschungsliteratur zur Außenpolitik Bismarcks und dem Abgleich mit seinen eigenen Aussagen dazu, fiel eine erhebliche Diskrepanz ins Auge. Diese Verschiedenheit in den Ansichten führte zu der hier untersuchten These:
Wird das Politikverständnis Bismarcks als Maßstab zur Beurteilung seiner ‚Dreikaiserpolitik‘ genutzt, lässt sich ein Scheitern derselben nicht konstatieren.
Aus der Leitfrage und der These leitet sich der Gang der Arbeit ab. Im ersten Schritt werden die Forschungsergebnisse zur Außenpolitik Bismarcks allgemein und zur ‚Dreikaiserpolitik’ im Speziellen vorgestellt. Das folgende Kapitel versucht, anhand der umfangreichen Quellenlage, Bismarcks eigenes Verständnis von (Außen-) Politik zu erfassen. Danach wird die ‚Dreikaiserpolitik‘ in ihrer konkreten historischen Gestalt näher beleuchtet, immer unter der Beachtung von Bismarcks eigenen Kriterien und dem Kontext, in dem sie vollzogen worden ist. Den Schluss bildet eine geraffte Zusammenfassung der Ergebnisse sowie eine Bewertung von Bismarcks Politik.
Es ist verführerisch, die Folgen, die Bismarcks Wirken nach seinem Abgang zeitigte, als Grundlage der Betrachtung zu machen und von dieser Position ausgehend sein Handeln zu charakterisieren. Genau das soll hier allerdings vermieden werden. Vielmehr gilt das „Grundgesetz historischer Forschung, an jedes Zeitalter keine anderen Maßstäbe anzulegen, als diejenigen, welche gemäß den in ihm lebendigen Kräften entscheidend sein konnten und mussten.“ Hier geht es darum, „Bismarck an der richtigen Stelle historisch einzuordnen, nicht etwa ihn zu rechtfertigen oder gar eine <<Ehrenrettung>> vorzunehmen.“ In der Tat ist weder eine Bismarck-Apologie noch eine Bismarck-Dämonisierung vonnöten, sondern eine ‚gerechte‘ Standortbestimmung, welche die Grenzen und Möglichkeiten des Akteurs aufzeigt und in Verbindung setzt zu seinen eigenen Zielen und Überzeugungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Quellenlage/Forschungsstand und -kontroverse
3. Bismarcks Politikverständnis
3.1 Die politische Philosophie Bismarcks
3.2 Außenpolitische Prämissen
4. Dreikaiserpolitik Bismarcks
4.1 Dreikaiserpolitik von 1871 bis 1879
4.2 Dreikaiserpolitik von 1879 bis 1887
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sogenannte "Dreikaiserpolitik" Bismarcks in der Zeit von 1871 bis 1887 mit dem Ziel zu klären, ob diese Strategie vor dem Hintergrund von Bismarcks eigenen politischen Prämissen als Erfolg zu werten ist oder als gescheitert betrachtet werden muss.
- Analyse des Politikverständnisses und der außenpolitischen Leitlinien Bismarcks
- Untersuchung der Bündnisdynamiken zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Russland
- Bewertung der Stabilitätssicherung durch bilaterale und multilaterale Verträge
- Kritische Auseinandersetzung mit der historischen Forschung zur Bismarck-Ära
- Einordnung des "Rückversicherungsvertrages" als Abschluss der untersuchten Periode
Auszug aus dem Buch
3.1 Die politische Philosophie Bismarcks
Die Basis aller Politik von Bismarck war die stets enge und unauflösbare Bindung an den Staat, zunächst Preußen und ab 1871 das Deutsche Reich. Was als ‚Staatsräson‘ bezeichnet wird, fasste Bismarck in seiner Reichstagsrede vom 16. Februar 1885 folgendermaßen zusammen: „Ich bin mir darin stets gleich geblieben, dass ich immer darüber nachgedacht habe, was im Dienste meines Königs und im Dienst meines Vaterlandes augenblicklich das Nützlichste und Zweckmäßigste wäre. Das ist nicht in jedem Jahr dasselbe gewesen.“ Nur auf dieser Grundlage lässt sich das Wirken Bismarcks verstehen. Ihm ging es nicht um die Verwirklichung hoher idealer Ziele, was ihm häufig als Prinzipienlosigkeit angerechnet wurde. Das alleinig Bedeutsame waren die Interessen des Staates: „Die einzig gesunde Grundlage eines großen Staates […] ist der staatliche Egoismus und nicht die Romantik, und es ist eines großen Staates nicht würdig, für eine Sache zu streiten, die nicht seinem eigenen Interesse angehört.“
Die Absage an alle, nicht unmittelbar aus den Staatsinteressen ableitbaren, weltanschaulichen, ethischen oder religiösen Ziele haben ihn in der Konsequenz sowohl den konservativen als auch den liberalen Vertretern entfremdet. Für Werte und Prinzipien war in Bismarcks Denken und Handeln kein Platz, wenn sie seine Handlungsmöglichkeiten beschnitten: „Wenn ich mit Grundsätzen durchs Leben gehen soll, so komme ich mir vor, als wenn ich durch einen engen Waldweg gehen sollte, und müsste eine lange Stange im Munde halten.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die Analogie zwischen Bismarcks Bündnissystem und dem Labyrinth des Dädalos und formuliert die Leitfrage nach dem Erfolg oder Scheitern der Dreikaiserpolitik.
2. Quellenlage/Forschungsstand und -kontroverse: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die umfangreiche Literatur zu Bismarck und stellt die divergierenden Einschätzungen der Historiker zur Qualität und Kontinuität seiner Außenpolitik gegenüber.
3. Bismarcks Politikverständnis: Hier werden die theoretischen Grundlagen und die politische Philosophie Bismarcks analysiert, die maßgeblich durch das Primat der Staatsräson und eine pragmatische Interessenpolitik geprägt waren.
4. Dreikaiserpolitik Bismarcks: Dieses Kapitel untersucht die praktische Umsetzung der Bündnispolitik in zwei Phasen (1871-1879 und 1879-1887) unter Berücksichtigung der Interessenkonflikte zwischen den Partnern.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die These, dass die Dreikaiserpolitik unter Berücksichtigung von Bismarcks eigenen Prämissen als Erfolg zu werten ist.
Schlüsselwörter
Otto von Bismarck, Dreikaiserpolitik, Außenpolitik, Staatsräson, Bündnissystem, Deutsches Reich, Interessenausgleich, Europäisches Mächtekonzert, Diplomatie, Rückversicherungsvertrag, Sicherheitspolitik, Historische Analyse, 19. Jahrhundert, Machtbalance, Pragmatismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Außenpolitik Otto von Bismarcks zwischen 1871 und 1887, speziell mit dem Konzept der sogenannten Dreikaiserpolitik und dem Verhältnis zu Russland sowie Österreich-Ungarn.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die diplomatischen Beziehungen der Großmächte, das Verständnis von Staatsräson, die Flexibilität von Bündnisverträgen sowie die Frage der Sicherheit des Deutschen Reiches im europäischen Gefüge.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Leitfrage ist, ob Bismarcks Dreikaiserpolitik als erfolgreich oder gescheitert zu bewerten ist, wobei die Bewertung explizit an Bismarcks eigenen politischen Kriterien gemessen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Quellenanalyse, die unter anderem offizielle diplomatische Akten, Briefe und Reden Bismarcks sowie eine kritische Auseinandersetzung mit existierender Forschungsliteratur einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung von Bismarcks Politikverständnis und eine empirische Prüfung, wie er diese Prämissen in konkreten außenpolitischen Manövern von der Reichsgründung bis zum Rückversicherungsvertrag umgesetzt hat.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Staatsräson, Interessensphären, Diplomatie, Flexibilität und europäisches Gleichgewicht charakterisiert.
Wie definiert Bismarck nach dieser Arbeit "Politik"?
Bismarck verstand Politik als eine Kunst, bei der es darum ging, die Interessen des Staates zu wahren und durch flexibles Handeln auf veränderte politische Konstellationen zu reagieren, ohne sich an starre, langfristige Ideologien zu binden.
Warum wird die Dreikaiserpolitik im Schlusswort als Erfolg gewertet?
Weil sie den Sicherheitsinteressen des Deutschen Reiches entsprach, den Frieden in Europa durch geschickten Interessenausgleich förderte und die Bündnisse so flexibel gestaltete, wie es Bismarcks Verständnis von "Politik auf Zeit" erforderte.
- Arbeit zitieren
- Jörg Wiegner (Autor:in), 2013, Bismarcks Dreikaiserpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229658