Psychische Traumatisierung am Beispiel sexualisierter Gewalterfahrungen in der Kindheit.

Folgen für die psychosoziale Entwicklung - Bindungsqualität - Therapeutische Arbeit


Bachelorarbeit, 2012
83 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtliche Aspekte
2.1 Geschichte der Psychotraumatologie
2.2 Geschichte des sexuellen Missbrauchs

3. Definitionen / Begriffserklärungen
3.1 Kindheit
3.2 Psychisches Trauma
3.3 Sexueller Missbrauch

4. Die Bedeutung der elterlichen Bindung für das Kind

5. Die pathogene Dynamik des sexuellen Missbrauchs
5.1 Ohnmacht
5.1.1 Die lieblose Familienstruktur
5.1.2 Wehrlosigkeit / Ausgeliefertsein
5.1.3 Der seelische Schmerz
5.2 Verrat / Vertrauensbruch
5.2.1 Die Rolle des passiven Elternteils
5.3 Schuldgefühle / Selbsthass
5.4 Ambivalenzen
5.5 Parentifizierung
5.5.1 Die Rolle des Kindes bzw. deren Verlust
5.5.2 Die Rolle der „Geliebten“
5.5.3 Die Rolle als Elternersatz

6. Langzeitfolgen durch sexuelle Gewalterfahrung
6.1 Psychische Folgen
6.1.1 Posttraumatische Belastungsstörung
6.1.1.1 Intrusionen
6.1.1.2 Vermeidungsverhalten / emotionale Taubheit
6.1.1.3 Hyperarousal
6.1.2 Körperbewusstsein
6.1.3 Selbstwertgefühl / Opferidentität
6.1.4 Sprachlosigkeit
6.1.5 Nähe und Intimität
6.2 Körperliche bzw. psychosomatische Folgen
6.2.1 Konzentrationsstörungen
6.2.2. Schlafstörungen
6.2.3 Hauterkrankungen
6.2.4 Bauch- und Unterleibsschmerzen / Magen- und Darmprobleme
6.2.5 Atemwegserkrankungen
6.2.6 Zwanghaftes Essen, Anorexie und Bulimie
6.3 Emotionale Folgen
6.3.1 Ängste
6.3.2 Aggressivität und Regressivität
6.3.3 Überangepasstes Verhalten
6.3.4 Depressionen
6.3.5 Regression / Infantilismus
6.3.6 Täter- und Opferintrojekte – Die Identifikation mit dem Aggressor
6.4 Persönlichkeitsstörungen
6.4.1 Borderline-Persönlichkeitsstörung
6.4.2 Dissoziative Identitätsstörung
6.5 Autoaggressionen
6.5.1 Drogen- und Alkoholmissbrauch – Sucht
6.5.2 Selbstverletzung
6.5.3 Suizidalität
6.6 Sexualität
6.6.1 Negierung sexueller Bedürfnisse
6.6.2 Sexualisieren sozialer Beziehungen
6.6.3 Promiskuität
6.6.4 Prostitution
6.6.5 Sado-masochistisches Sexualverhalten

7. Bindungsqualität im Erwachsenenalter

8. Die Ego-State-Therapie
8.1 Konzeption der Ego-State-Therapie
8.2 Definition und Merkmale von Ego-States
8.3 Entstehung von Ego-States
8.4 Ziele der Ego-State-Therapie
8.5 Kontaktaufnahme mit Ego-States
8.6 Die therapeutische Arbeit mit verletzten kindlichen Ego-States

9. Schlussfolgerung für die Soziale Arbeit

10. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Sexuelle Gewalt ist ein globales Problem. Durch mediale Berichterstattung sind wir über die Kinderprostitution in Drittweltländern gut informiert. Täglich werden Kinder, als Folge extremer sozialer Ungerechtigkeit in asiatischen und lateinamerikanischen Ländern, Opfer des Sextourismus. Dabei müssen wir den Blick nicht ins Ausland richten, denn die Zahlen sexuellen Missbrauchs in Deutschland sind erschreckend.

Die polizeiliche Kriminalstatistik 2011 belegt, dass die erfassten Fälle von Sexualverbrechen an Kindern erneut zugenommen haben. Insgesamt wurden 2010 in Deutschland 12.444 Taten registriert. Diese Zahl erhöhte sich, im Vergleich zur vorhergehenden Kriminalstatistik, um 4,9 Prozent. Die Dunkelziffer wird weiterhin als sehr hoch eingeschätzt. Der Besitz und die Beschaffung von Kinderpornografie haben mit fast 3900 registrierten Fällen, ebenfalls drastisch zugenommen und im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 23,3 Prozent erfahren.[1]

Sexualisierte Gewalt bedeutet immer einen massiven Eingriff in die Persönlichkeit eines Menschen unsd stellt ein tiefes, traumatisches Erlebnis dar, welches die seelische Integrität immens bedroht und auf Dauer schädigen kann. Viele Betroffene entwickeln im Laufe ihres Lebens die unterschiedlichsten Symptome und Krankheitsbilder. So suchen sie Therapien auf wegen Identitätsproblemen, Sexualproblemen, Depressionen, psychosomatischen Beschwerden, selbstverletzendem Verhalten, gestörtem Essverhalten, Bulimie, Magersucht sowie Suchtkrankheiten wie Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabhängigkeit. Die Bandbreite an Folgeerscheinungen ist äußerst vielfältig und von Mensch zu Mensch sehr individuell zu betrachten, denn jeder Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte, Ressourcen und Coping-Strategien vorzuweisen, um das traumatisch Erlebte zu verarbeiten und zu reintegrieren. Bei der Schwere einer sexuellen Traumatisierung gelingt dies meist nur bedingt, wodurch sich häufig die obigen Krankheitsbilder, im Sinne von Langzeitfolgen, herausbilden können. Die Schamschwelle ist hoch. Oft liegt ein Tabu, ein Familiengeheimnis, über diesem Thema, welches einige Betroffene dazu veranlasst, nie über ihre Missbrauchserfahrung zu berichten.

Fakt ist, dass das Thema des sexuellen Missbrauchs allgegenwärtig ist, politisches und soziales Interesse und Engagement benötigt, damit die Zahl der sexuellen Vergehen sowie der Ausbeutung von unbedarften Kinderseelen, Einhalt geboten werden kann.

Fragestellung dieser Bachelorarbeit ist es, was mit einem Kind passiert, dass sexuelle Gewalt erleben musste? Was löst das traumatisch Erlebte in ihm aus? Wie weitreichend sind die Folgen einer so frühen und so tiefgreifenden seelischen Verletzung, im Hinblick auf ihr Erwachsenenleben und möglichen Langzeitfolgen? Werden es diese Kinder durch den Missbrauch schwerer haben als andere?

Diese Bachelorarbeit richtet sich primär an die Folgen, die durch sexuelle Gewalt verursacht werden können. Zu Beginn wird die geschichtliche Entwicklung der Psychotraumatologie im Kern erfasst. Anschließend werden geschichtliche Aspekte von sexueller Gewalt gegenüber Kindern angesprochen, um die Reichweite dieses Problems aufzuzeigen. Danach werden die Begrifflichkeiten „Kindheit“, „Trauma“ und „Sexueller Missbrauch“ ausreichend definiert, da sie für das Verständnis dieser Arbeit unabdingbar sind.

Im nächsten Schritt wird es mit Hilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse von John Bowlby darum gehen, die Bedeutsamkeit der Bindung zwischen Kindern und deren Eltern herauszuarbeiten, damit die extreme psychische Belastung des Kindes nach dem sexuellem Missbrauch und der Vertrauensbruch durch einen nahestehenden Menschen (Elternteil), der vom Kind geliebt wird und eine enge Bezugsperson darstellt, klar nachvollzogen werden kann.

Fortfahrend wird auf das Ausmaß dieser Erfahrung, der eigentlichen Traumatisierung, mit ihren möglichen Langzeitfolgen eingegangen. Es werden psychische, psychosomatische, emotionale und autoaggressive Folgen dargestellt sowie welche Auswirkungen ein früher sexueller Missbrauch auf die eigene sexuelle Identität haben kann. Dabei wird versucht Ursachen und Funktionen der möglichen Langzeitfolgen zu ergründen und sie als Anpassungsleistung und Überlebensstrategie Betroffener anzusehen.

Weiterführend wird der Fokus, auf die partnerschaftliche Bindungsqualität im Erwachsenenalter gerichtet.

Um dieses ernste Thema möglichst ganzheitlich zu betrachten, wird mit der Ego-State-Therapie eine Therapieform aus der tiefenpsychologisch-psychodynamischen Kurzzeitpsychotherapie vorgestellt, die Betroffene dabei unterstützen kann, mit den Folgeerscheinungen im Erwachsenenleben besser umzugehen, vorhandene Ressourcen zu aktivieren, die den Blick wieder auf die positiven Aspekte des Lebens richten und das innere System wiederum verstärkt in Einklang zu bringen, im Hinblick auf eine ganzheitliche Persönlichkeit, die meist als Folge von Verdrängung, Abspaltung und Dissoziation verloren ging.

Gegen Ende wird die Bedeutung der Profession Soziale Arbeit mit der Problematik sexueller Gewalt in Verbindung gebracht und abschließend ein Gesamtfazit präsentiert.

2. Geschichtliche Aspekte

2.1 Geschichte der Psychotraumatologie

Traumatische Erlebnisse gehören seit jeher zu den Grunderfahrungen des Menschen. Bereits in den ältesten religiösen, literarischen und philosophischen Texten der Menschheit wird ausführlich von Gewalt, Katastrophen und Krieg berichtet sowie schwere psychische Erschütterungen und schmerzliche Verluste beschrieben. Aufgrund der psychischen Folgen dieser Traumata, versuchte der Mensch diese abzumildern und auszugleichen.[2] Zahlreiche frühe Völker entwickelten kulturelle Erfindungen wie Rituale, Sitten und Gebräuche. Einige entstanden aus der Not heraus, um psychische Traumatisierungen besser kompensieren zu können. Trauerrituale gelten als ein gutes Beispiel, da sie in allen Zeiten und bei allen Völkern verbreitet sind. Es folgten Mythen und Religionen und später die Literatur und Philosophie, welche sich mit Leiden und Tod auseinandersetzten.[3] Sie alle sind Ausdruck zentraler kultureller Leistungen, die oftmals aus der Konfrontation mit Traumata entstanden und die Funktion hatten, Ursachen, Verlauf und Folgen zu erklären, als auch Möglichkeiten aufzuzeigen, mit dem schrecklichen Erlebnis weiterzuleben. Fortfahrend dienten diese kulturellen Leistungen dazu, traumatischen Ereignissen einen Sinn zu geben, um das menschliche Bedürfnis der Sinnfindung zu bedienen, als auch Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.[4] Diese intuitiven Versuche unterscheiden sich gegenüber wissenschaftlichen Ansätzen im Umgang mit Traumata durch bewusste Reflexion, Klassifikationsversuche und systematische Forschung. Weder die natürliche noch die wissenschaftliche Geschichte der Psychotraumatologie sind allein aus sich heraus zu verstehen. Sie müssen im Zusammenhang mit erschütternden Ereignissen in der Sozialgeschichte betrachtet und analysiert werden.[5] Die wissenschaftliche Beschäftigung mit psychischen Traumatisierungen begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ging einher mit voranschreitenden Entwicklungen in Medizin, Psychologie und Technik. Durch die Einführung der Eisenbahn kam es vermehrt zu schweren Unfällen mit einer Vielzahl an Betroffenen. Ihre nachfolgenden Verhaltensauffälligkeiten wurden anfangs rein organisch erklärt und als „railroad spine syndrome“ abgetan. Ebenso wurden psychovegetative Störungen bei Soldaten nach Fronteinsätzen zunächst organisch begründet und sie standen unter Verdacht, ihre Symptome nur vorzutäuschen, um Entschädigung zu erhalten. Pierre Briquet (1859), Jean-Martin Charcot (1887) und Pierre Janet (1889) verwiesen als Erste auf die psychischen Folgen traumatischer Ereignisse. Janet prägte den Begriff der „Dissoziation“ und beschrieb, wie Erinnerungen an ein Trauma vom Bewusstsein abgespalten werden und später vom Unbewussten her psychische und/oder physische Symptome verursachen können. Weiterführend betonte Janet, dass die Reintegration des Traumas in das Bewusstsein des Betroffenen, für die Bewältigung der traumatischen Erfahrung erforderlich ist. Er entwarf ein erstes Phasenmodell der Traumatherapie (Stabilisierung und Symptomreduktion; Modifikation der traumatischen Erfahrung; Integration und Rehabilitation). Sigmund Freud entwickelte Janets Phasenmodell in seinem psychoanalytischen Traumakonzept weiter. Er interpretierte das Trauma vorerst als reales Ereignis, welches die bewusste Verarbeitung überfordert und spätere Neurosen bewirkt.[6] In Freuds Studien zur Hysterie kam er zu der Schlussfolgerung, dass hysterische Störungen in jedem Fall sexuelle Verführung zugrunde liegen müsse.[7] Nach seiner Ansicht würden sehr viele Kinder überwiegend von ihren Vätern sexuell missbraucht. Diese Entdeckung war damals skandalös und stieß auf heftigen Protest.[8] 1905 relativierte Freud lediglich diese Auffassung und gestand, dass er die Ätiologie, die Häufigkeit oder die Bedeutung überschätzt habe. Als mögliche Ursache späterer Störungen durch eine reale Verführung hielt Freud weiterhin fest. Anschließend widmete er sich stärker der Erforschung des Innenlebens, in denen er die Phasen der sexuellen Entwicklung erforschte. Durch die Erkenntnisse des infantilen Sexuallebens und die Rolle infantiler Triebwünsche und Phantasiebildungen bei der Entstehung neurotischer Störungen, wurde Freud vorgeworden, dass er seine Verführungstheorie aufgegeben hätte, um der sozialen Ächtung zu entgehen.[9] Dieses Missverständnis führte dazu, dass viele praktizierende Psychoanalytiker reale Äußerungen über Missbrauchserfahrungen ihrer Klienten als infantile Triebwünsche und Phantasiebildungen abtaten und die Bedeutung einer realen Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch vernachlässigt wurde.[10] Freud ist die Erkenntnis zu verdanken, dass Kinder eigene sexuelle Wünsche, Bedürfnisse und Phantasien haben, was sie gegenüber missbräuchlichem Verhalten besonders verletzlich macht. Der Entwicklungsaspekt dieser Bedürfnisse wird durch die Missbrauchshandlung übergangen und Kinder werden gezwungen, sich den egoistischen Interessen der Erwachsenen zu unterwerfen.[11]

Zu Zeiten des Ersten Weltkrieges begannen einzelne Militärpsychiater die psychischen Auswirkungen kriegsbedingter Traumatisierungen wie Zittern, unkontrollierte Affekte, vorübergehende Lähmungen, Apathie oder Stupor psychologisch zu behandeln, mit teilweise überraschenden Erfolgen. Im Zweiten Weltkrieg wurden psychovegetative Symptome an Soldaten, Zivilisten und Kindern untersucht. Einer der dunkelsten Momente des Zweiten Weltkrieges stellte der Völkermord durch den Holocaust dar. Durch die Therapie von Überlebenden wurde sichtbar, in welchem Ausmaß schwerwiegende Traumatisierungen nachwirken konnten. Das betrifft das individuelle Erleben der Holocaust-Überlebenden, ebenso wie ihre Partnerschaftsdynamiken und die Nachwirkungen des Traumas auf nachfolgende Generationen. Daneben konnten Erfahrungen bezüglich Schutzfaktoren, Selbstheilungskräfte und psychischer Stabilität erworben werden. Die Erfahrungen des Vietnamkrieges, mit dem Einhergehen erneuter psychischer und sozialer Symptome heimgekehrter amerikanischer Soldaten, brachten weitere neue Erkenntnisse und untermauerte die Notwendigkeit einer entsprechenden Betreuung. Die Soldaten des Vietnamkrieges trugen essentiell dazu bei, dass es 1980 zu der offiziellen Anerkennung und Aufnahme der Posttraumatischen Belastungsstörung, als eigenständige psychische Störung, in das Diagnosemanual (DSM-III) der American Psychiatric Association kam und stellte gleichzeitig einen Höhepunkt in der Geschichte der Psychotraumatologie dar. Das steigende Interesse führte zu vermehrten wissenschaftlichen Studien und weiteren wichtigen Feststellungen. Seit 1991 ist die Posttraumatische Belastungsstörung auch im ICD-10, dem Klassifizierungssystem der Weltgesundheitsorganisation, fest verankert. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts rückte der Forschungsschwerpunkt wieder verstärkt in den Fokus sexueller Traumatisierungen von Frauen und Minderjährigen sowie Missbrauch in der Kindheit. Betroffenen wurde in damaligen Gerichtsverfahren ein vermeintliches Defizit zugeschrieben und sie sollten belegen, dass ihre physischen und psychischen Symptome wirklich als eine Folge der sexuellen Gewalt durch den Täter zu verstehen sind. Das führte oft zu sehr demütigenden Verfahren für die Opfer. Der Frauenbewegung und der Forschung ist es zu verdanken, dass sich die Sichtweise der Öffentlichkeit und der Behörden im Umgang mit Betroffenen von sexueller Gewalt drastisch geändert hat. In den 1980er Jahren differenzierten sich die Behandlungsmethoden und Interventionen maßgeschneidert nach traumatischen Ereignissen, zu klar umschriebenen Präventions-, Akut- und Nachbetreuungsprogrammen. Verschiedene psychotherapeutische Verfahren entwickelten sich weiter zu speziellen Formen der Traumatherapie. Der Beginn des 21. Jahrhunderts war geprägt durch eine Reihe von Terroranschlägen und Unglücksfällen, wie etwa der Anschlag 2001 auf das World Trade Center in New York, der Tsunami 2004 in Südasien oder der Super-GAU im Atomkraftwerk von Fukushima 2011, der die breite Öffentlichkeit erreichte und die Notwendigkeit professioneller psychologischer Betreuung erneut ins Bewusstsein der Menschen rückte.[12] In der heutigen Zeit erleben zwischen 30 und 60 Prozent aller Menschen, im Laufe ihres Lebens, ein schweres Trauma.[13]

2.2 Geschichte des sexuellen Missbrauchs

Beschäftigt man sich spezifisch mit der Geschichte des sexuellen Missbrauchs, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Problematik der sexuellen Gewalt zeitgeschichtlich immer eine Präsenz vorzuweisen hatte und so alt wie die Menschheit selbst ist.

Erste Hinweise über sexuelle Kontakte mit Kindern und Kinderehen, im Sinne einer Verehelichung von kleinen Mädchen mit Männern, lassen sich bereits in über fünftausend Jahre alten Gesetzestexten des Volkes der Sumerer und im babylonischen Talmud, eines der bedeutendsten Schriftstücke des Judentums, nachweisen.[14] Im „Codex Hammurabi“, einer der ältesten uns erhaltenen Gesetzessammlungen, steht geschrieben, dass ein Mann, der mit seiner Tochter sexuell verkehrte, lediglich der Stadt verwiesen wurde. Vergewaltigung galt in der Rechtsprechung als Diebstahlsdelikt. Ein Mann, der jedoch der Tochter eines anderen Mannes die Unschuld raubte, konnte dafür hingerichtet werden. Frauen und Mädchen galten als Eigentum der Männer und Vergewaltigung war ein Eigentumsdelikt unter Männern. Verheiratete Frauen, die im damaligen Babylon das Unglück einer Vergewaltigung erfuhren, wurde die gleiche Strafe auferlegt wie dem Täter, unabhängig davon, ob die Tat gegen ihren Willen stattgefunden hat.[15]

Sowohl im antiken Griechenland als auch in Rom war sexuelle Gewalt an Kindern weit verbreitet. In Griechenland galt die Praxis der Päderastie, der Knabenliebe, als Zeichen von Ansehen und Macht. Dieses Statussymbol hatte nur wenig mit Romantik gemein und in dieser Sklavengesellschaft gehörte es zum Prestige, abhängige Jugendliche in seinem Gefolge zu haben. Auch schnitt man Kindern bereits nach ihrer Geburt die Geschlechtsorgane ab, um ihre kindlichen Eigenschaften zu erhalten und verkaufte sie anschließend an Bordelle. Mit der Verbreitung des Christentums wurde im „Codex Theodosianus“, einer weiteren Gesetzessammlung, immerhin Vätern die Prostitution der eigenen Töchter verboten.[16] Mit der Durchsetzung des Christentums im Abendland wurde dem sexuellen Missbrauch keineswegs Einhalt geboten. Es begann die größte und gewaltsamste Expansion des patriarchalen Zeitalters. Die Verbindung zwischen Sexualität, Macht und Herrschaft lässt sich in der Kirchengeschichte bis an ihre Ursprünge zurückverfolgen. Sexualität wurde im Verlauf der Kirchengeschichte in den Bereich des Teuflischen verbannt und sie galt gegenüber dem göttlichen Prinzip als feindliche Gegenkraft, die mit dem Dunklen und Bösen assoziiert wurde. Der Ausschluss der Sexualität aus der männlichen Existenz, findet ihren Niederschlag in der Übertragung auf das weibliche Geschlecht. Diese „perversen Projektionen“ finden ihren Höhepunkt in der Zeit der Hexenverbrennung und enden mit der Ermordung von Millionen von Frauen und Mädchen. In dieser mittelalterlichen Gesellschaft, in der Menschen an böse Geister glaubten, konnten Sexualdelikte ungehindert stattfinden und einem überirdischen Geist zugeschrieben werden. Im „Hexenhammer“, ein Werk zur Legitimation der Hexenverfolgung, wurden Symptome der „Hexen“ beschrieben, die denen der Opfer sexueller Gewalt stark glichen, wie beispielsweise Schmerzen im Unterleib. Durch die Verfolgung und Ermordung konnte die reale sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen vertuscht werden.[17] Auffällig ist, dass sowohl in der Antike als auch in der mittelalterlichen Kunst kaum Darstellungen von Kindern zu finden sind. Das mangelnde Interesse an Kindern schlug sich auf den Umgang mit ihnen nieder. So wurden sie unzureichend gepflegt, misshandelt, ausgesetzt, versklavt, getötet und sexuell ausgebeutet. Die Forschung geht in diesen Zeiten von einer hohen Kindersterblichkeit aus, sodass etwa die Hälfte aller Kinder in einem Zustand zwischen Leben und Tod dahinvegetierten.[18] Erste Gesetze zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung wurden im 13. Jahrhundert in England erlassen, sie fanden aber kaum Anwendung. Im 18. Jahrhundert wurde die Kritik am sexuellen Missbrauch lauter und als schädlich und unmoralisch eingestuft. In der Renaissance entwickelte sich überhaupt erst eine Vorstellung von Kindheit und Kinder wurden nicht mehr als „kleine Erwachsene“ betrachtet. Während des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das Bild des unschuldigen Kindes, welches durch sämtliche Medienformen bis ins frühe 20. Jahrhundert bestehen blieb. Das frühe 20. Jahrhundert trat einige Diskussionen über die Glaubwürdigkeit kindlicher Zeugen los und Freuds Entdeckungen über die psychosexuelle Entwicklung, die bereits bei der Geschichte der Psychotraumatologie thematisiert wurden, führten zu neuen Erkenntnissen und Betrachtungsweisen.[19] Bei Betrachtung der letzten hundert Jahre wird deutlich, dass jeder Versuch sexuellen Missbrauch zu problematisieren – besonders auch von professioneller Seite her - erfolgreich bagatellisiert oder als nicht existent abgetan wurde.[20]

Grundsätzlich hat der sexuelle Missbrauch heute eine starke Eindämmung erfahren, was größtenteils am veränderten Menschenbild des Kindes, den härteren Gesetzen, der besseren und kontinuierlichen Verfolgung von Sexualdelikten, einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Eindämmung einer systematischen Opferbeschuldigung liegt. Nichtdestotrotz ist sexueller Missbrauch eine weitverbreitete Praxis, deren gesellschaftliche Duldung geschichtlich weit zurückreicht und noch heute das Leben vieler Kinder belastet.

3. Definitionen / Begriffserklärungen

3.1 Kindheit

Als Kindheit wird die Lebensphase eines Menschen bezeichnet, die mit der Geburt beginnt und sich bis zum Erhalt der geschlechtlichen Reife erstreckt, wodurch der Mensch in die Phase der Adoleszenz eintritt. Die Kindheit ist stark von Wachstums- und Entwicklungsvorgängen geprägt, die sich auf körperliche, seelische und geistige Reifeprozesse beziehen. Eine möglichst ungestörte kindliche Entwicklung bildet die essentielle Grundlage für die spätere Entwicklung des reifen Menschen.[21] Kindheit ist keine biologisch-genetisch vorgegebene Größe, sondern als ein geschichtlich geprägtes Konstrukt zu verstehen.[22] Unter soziologischen Aspekten gilt die Kindheit als Schutz- und Sozialisationsphase.[23]

Im § 7 des 8. Sozialgesetzbuches wird Kindheit folgendermaßen definiert: „Kind [ist], wer noch nicht 14 Jahre alt ist […].“ Diese Bachelorarbeit bezieht sich bei der Benutzung der Begriffe „Kind“ und „Kindheit“ auf die Altersgrenze von 14 Jahren.

3.2 Psychisches Trauma

Nach dem Duden der deutschen Rechtschreibung ist der Begriff des Traumas aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet „Wunde“ als auch „seelische Erschütterung“.[24]

Fischer und Riedesser definieren ein psychisches Trauma als ein „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“[25]

Huber beschreibt eine „traumatische Zange“, die ein äußeres Ereignis zu einem traumatischen Erlebnis werden lässt, welches sich von einem belastenden Lebensereignis abhebt. Ausschlaggebend ist auch hier ein extremer, von außen auf den Menschen einwirkender Stressor, der vom Gehirn als eine Annihilationsdrohung erkannt wird. Ist ein Mensch auf diese äußere Extremsituation nicht angemessen vorbereitet und werden alle Bewältigungsmechanismen überfordert, wird das Informationsverarbeitungssystem Gehirn, welches von der Person als das eigene Selbst wahrgenommen wird, mit aversiven Reizen überflutet. Tritt eine solche lebensbedrohliche Situation ein, hat das Stammhirn den Menschen mit zwei meist gänzlich unbewussten und automatisch ablaufenden Reflexen des Fight or Flight ausgestattet, dem Kämpfen oder Fliehen. Durch eine Fight-or-Flight-Reaktion wäre es noch möglich, ein Trauma erfolgreich abzuwenden. Kann der Mensch vor dem Stressor nicht reflexartig fliehen (no flight) und auch nicht dagegen ankämpfen (no fight), greift die „traumatische Zange“ mit der Konsequenz des Freeze und Fragment.[26] Mit Freeze ist eine Lähmungsreaktion gemeint und im Moment dieser Reaktion, findet das Ereignis für den Menschen als Trauma statt. Das Gehirn schüttet eine Flut von Noradrenalin und Endorphinen aus, um der akuten Todesangst entgegenzuwirken. Diese Freeze-Reaktion erlaubt es dem Organismus, sich zu betäuben, sich innerlich zu distanzieren und ruft eine Entfremdung vom Geschehen hervor, die den Vorgang des Fragment begünstigt. Beim Fragment, was mit dissoziativen Prozessen gleichgesetzt werden kann, wird die traumatische Erfahrung zersplittert. Diese Splitter werden so verdrängt, dass das äußere Ereignis, ohne gezielte Anstrengungen, nicht mehr zusammenhängend wahrgenommen und erinnert werden kann.[27]

Traumata lassen sich nach der Auftretenshäufigkeit in zwei verschiedene Trauma-Typen klassifizieren. Bei einem Typ-I-Traumata handelt es sich um eine kurz dauernde, einmalige traumatische Erfahrung, die meist durch akute Lebensgefahr, Plötzlichkeit und Überraschung gekennzeichnet ist. Ein Typ-II-Traumata wird durch eine lang dauernde bzw. wiederholte traumatische Erfahrung charakterisiert und stellt somit eine Serie verschiedener traumatischer Einzelerlebnisse mit geringer Vorhersehbarkeit weiterer traumatischer Ereignisse dar, wie sie etwa durch langjährigen sexuellen Missbrauch verursacht werden können. Aufgrund der unterschiedlichen Folgen wurde das Trauma erneut untergliedert in zufällige Traumata (Katastrophen, Unfalltraumata) und menschlich verursachte Traumata (körperliche und sexuelle Misshandlung, Vergewaltigung, Kriegserlebnisse, Folter). Gezielte, durch Menschenhand verursachte Traumata wirken sich dabei viel verheerender auf die Persönlichkeit der Betroffenen aus und begünstigen eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung.[28]

Wichtig ist, dass traumatische Symptome nicht die Folge eines äußeren Ereignisses sind. Dennoch stellt das Ausmaß der Belastung einen bedeutsamen Faktor dar, jedoch definiert dieser Faktor das Trauma nicht, denn ein Trauma liegt nicht im Ereignis, sondern es befindet sich im Nervensystem der Betroffenen.[29] Folglich ist ein Trauma ein biologisches Ereignis und die Definition Trauma richtet sich nach der Reaktion, welche im Nervensystem eines Menschen ausgelöst wird – nicht zwangsläufig nach der Art oder Intensität der Umstände.[30]

Die Besonderheit speziell bei Traumatisierungen in der frühen Kindheit ist, dass Säuglinge und Kleinkinder nur begrenzte sprachliche und motorische Ausdrucksfähigkeiten besitzen und noch nicht über die gleichen Schutzmöglichkeiten verfügen, wie ein älteres Kind oder ein Erwachsener.[31] Jedoch müssen Probleme im späteren Leben, verursacht durch frühe missbräuchliche Erlebnisse, nicht unausweichlich sein. Forschungen haben ergeben, dass positive Erfahrungen in der Kindheit die Resilienz erhöhen können. So haben manche Kinder zwar sexualisierte Gewalt erleben müssen, entwickeln aber im Erwachsenenleben keine Folgestörungen, weil ihr Wohlbefinden von anderen Faktoren beeinflusst wird. Damit verursacht ein früher Missbrauch kein bestimmtes Problem oder eine Reihe von Problemen, er erhöht vielmehr die Vulnerabilität eines Menschen, die ihn empfänglicher für verschiedenste Schwierigkeiten werden lässt.[32] „Die persönliche Bedeutung, die eine traumatische Erfahrung für einen Menschen hat, ist ausschlaggebend, denn sie steht in enger Beziehung zu den Problemen des Menschen im Erwachsenenalter.“[33] Ein Mensch wird umso wahrscheinlicher Probleme entwickeln, je schwerer und häufiger die Missbrauchserfahrungen gewesen sind.[34]

3.3 Sexueller Missbrauch

Für sexuellen Missbrauch an Kindern gibt es keine allgemein gültige Definition.[35] Grund dafür ist, dass Kindesmissbrauch von vielen Faktoren abhängt, die über das Ereignis und die beteiligten Personen hinaus gehen sowie die Umstände der Tat und deren Folgen sehr vielfältig ausfallen.[36] Der Begriff steht in der Kritik, da die Wortbedeutung „Missbrauch“ einen „legitimen Gebrauch“ von Kindern suggeriere und einen stigmatisierenden Effekt habe, indem er die Betroffenen schmutzig erscheinen lasse. Für diesen Terminus spricht, dass er sich in der Fachsprache, in der Öffentlichkeit und in der juristischen Terminologie durchgesetzt hat und jeglicher Assoziationen bezüglich einer Verantwortung der betroffenen Kinder an den Geschehnissen entgegenwirkt.[37]

„Sexueller Missbrauch an Kindern ist jede Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“[38]

Sexueller Missbrauch ist Machtmissbrauch. Er stellt eine sexuelle Instrumentalisierung des Kindes dar und ist ein vorsätzliches Vergehen. Die Täter sind überwiegend Männer, nur zu einem geringen Teil auch Frauen. Mädchen sind in einem höheren Ausmaß betroffen als Jungen. Mehrheitlich findet sexueller Missbrauch innerhalb der Familie und im sozialen Nahraum statt, da dort zwischen Kindern und Erwachsenen eine Vertrauensbasis besteht und sie in höchstem Maße von ihnen abhängig sind.[39] Saller klassifiziert drei Bereiche der sexuellen Ausbeutung:

Eindeutige Formen:

- Genital- und Oralverkehr (Cunnilingus, Fellatio)
- Eindringen in den After des Kindes mit Finger(n), Penis oder Fremdkörpern
- Eindringen in die Scheide des Kindes mit Fringer(n), Penis oder Fremdkörpern
Andere ausbeutende Formen, die ebenfalls eine Benutzung des kindlichen Körpers zur Befriedigung des Erwachsenen darstellen:
- Berührung oder Manipulation der Genitale des Kindes
- Veranlassung des Kindes, die Genitale des Erwachsenen zu berühren oder zu manipulieren
- Masturbation in Anwesenheit des Kindes
- Veranlassung des Kindes, im Beisein des Erwachsenen zu masturbieren
- Reiben des Penis am Körper des Kindes
- Zeigen von pornographischen Abbildungen
Verhaltensweisen, die im Nachhinein häufig als Beginn einer sexuellen Ausbeutung erkannt werden:
- Der Erwachsene zeigt sich nackt vor dem Kind.
- Der Erwachsene zeigt dem Kind seine Genitale.
- Der Erwachsene möchte den Körper des Kindes „begutachten“.
- Beobachten des Kindes beim Ausziehen, Baden, Waschen, auf der Toilette, eventuelle Hilfsangebote dazu
- Küssen des Kindes aus intime Weise („Zungenkuss“)
- Altersunangemessene Aufklärung des Kindes über Sexualität, die nicht den kindlichen Interessen entspricht, sondern den exhibitionistischen und / oder voyeuristischen Bedürfnissen des Erwachsenen dient[40]

Betrachtet man sexuellen Missbrauch aus juristischer und strafrechtlicher Sicht, enthält der dreizehnte Abschritt des deutschen Strafgesetzbuches die Strafvorschriften gegen die sexuelle Selbstbestimmung (§§ 174 - 184c StGB). Kinder genießen absoluten gesetzlichen Schutz vor sexuellem Missbrauch bis zum vollendeten vierzehnten Lebensjahr durch den Paragraf 176 StGB[41]:

§ 176 Sexueller Missbrauch an Kindern

(1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer ein Kind dazu bestimmt, daß es sexuelle Handlungen an einem Dritten vornimmt oder von einem Dritten an sich vornehmen läßt.
(3) In besonders schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr zu erkennen.
(4) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer

1. sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt,
2. ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen vornimmt, soweit die Tat nicht nach Absatz 1 oder Absatz 2 mit Strafe bedroht ist,
3. auf ein Kind durch Schriften (§ 11 Abs. 3) einwirkt, um es zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einem Dritten vornehmen oder von dem Täter oder einem Dritten an sich vornehmen lassen soll, oder
4. auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts oder durch entsprechende Reden einwirkt.
(5) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer ein Kind für eine Tat nach den Absätzen 1 bis 4 anbietet oder nachzuweisen verspricht oder wer sich mit einem anderen zu einer solchen Tat verabredet.
(6) Der Versuch ist strafbar; dies gilt nicht für Taten nach Absatz 4 Nr. 3 und 4 und Absatz 5.

Nach Paragraf 176 StGB kommt es auf die Willensrichtung des Kindes nicht an und es ist unerheblich, ob das Kind die Sexualbezogenheit der Handlungen erkennt, sie vielleicht sogar selbst möchte und/oder freiwillig macht. Die Paragrafen 176a StGB (Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern) und 176b StGB (Sexueller Missbrauch von Kindern mit Todesfolge) sind ebenfalls Verbrechenstatbestände mit Mindeststrafen von einem Jahr. Zu schwerem sexuellem Missbrauch zählt vaginaler, oraler und analer Geschlechtsverkehr mit Kindern, wenn die Tat von mehreren gemeinschaftlich begangen wird und der Täter das Kind durch die Tat in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung oder einer erheblichen physischen oder psychischen Entwicklungsschädigung bringt. Wird ein Kind dabei schwer misshandelt oder in die Gefahr des Todes gebracht, greift Paragraf 176b StGB und es wird eine Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren angedroht. Die Höchststrafe beträgt fünfzehn Jahre.[42]

4. Die Bedeutung der elterlichen Bindung für das Kind

Der Mensch ist ein soziales Wesen und von Geburt an auf Mitmenschen und soziale Beziehungen angewiesen. Er kann nur durch soziale Interaktion zu einem Menschen im humanen Sinne werden. Ohne emotionale Zuwendung durch eine Bezugsperson verkümmert er, wie es Forschungen und Erkenntnisse über Hospitalismus und Deprivation, bis hin zum Tod, belegen. Die Bedeutung einer stabilen, dauerhaften, verlässlichen und emotionalen Bindung an und durch eine oder mehrere Bezugspersonen, besonders in den ersten Lebensjahren, wird als sehr hoch eingestuft und stellt im Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Bindungstheorie von John Bolwby und Mary Ainsworth ein grundlegendes, biologisch tief im Menschen verankertes, Bedürfnis dar. Da der Mensch von Natur aus noch nicht auf eine bestimmte Lebensform festgelegt ist, benötigt die Ausprägung der menschlichen Lebensweise eine langjährige Anregung und Lernhilfe, mit der Konsequenz, dass Versäumnisse in der Kindheit nur sehr schwer kompensiert werden können. Mit den ersten Lebensjahren eines Menschen wird über das Ausmaß seiner späteren Lernfähigkeit und Erziehbarkeit weitgehend vorentschieden.[43] Martin Buber fasst all dies in einem Satz bemerkenswert zusammen: „Der Mensch wird am ‘Du‘ zum ‘Ich‘.“

Als Bindungsverhalten wird jene angeborene Tendenz eines Kleinkindes bezeichnet, die Nähe seiner Bezugsperson zu suchen und zu bewahren, besonders in Situationen der Unsicherheit und Angst. In solchen Situationen wird beim Kind ein Verhalten einsetzen (Weinen, Anklammern, Hinterherlaufen), welches die Nähe zur Bezugsperson erhält.[44] Die Funktion des Bindungsverhaltens besteht darin, dass es Schutz vor Gefahren gewährleistet, die das Kind noch nicht kennt. Evolutionsbedingt dient es dazu, dass das Kind in Gesellschaft seiner Mutter, Tätigkeiten und Dinge erlernt, die es für sein Überleben und seine Rolle in der Gemeinschaft benötigt.[45] Auch die Bezugspersonen besitzen evolutionsbedingt ein komplementäres System, welches auf die Signale des Kindes reagiert, ihm Schutz bietet, Sicherheit bietet und als Fürsorgesystem bezeichnet wird. Das Bindungsverhalten des Kindes und das Fürsorgesystem der Eltern bilden zusammenfassend das Bindungssystem.[46] Kindesmissbrauch, ausgeübt durch ein Elternteil, bricht dieses Fürsorgesystem.

Die ersten Bindungen sind geprägt von Mutter und Vater und bilden die Hauptressource eines jeden Kindes. Die Familie gilt als primäre Erziehungsinstanz und ihr unterliegt die Verantwortung, ein familiäres Klima zu schaffen, in welchem das Kind einen liebevollen, geschützten und entwicklungsfördernden Rahmen erfährt.

Bowlby betont, dass beide Elternteile dafür zuständig sind, dem Kind eine sichere Basis zu bieten. Studien belegen, dass eine sichere, stabile, ausgewogene und verbalisierungsfähige Bindungsdisposition im Erwachsenenalter erheblich von väterlichen Beiträgen geleistet wird.[47] Bindungserfahrungen sind bei der Entwicklung von Fremd- und Selbstregulation, bei der Affekt- und Impulskontrolle und bei der Steuerung von Aufmerksamkeit und Verhalten maßgeblich beteiligt und beeinflussen das spätere, daraus resultierende Bindungsmuster.[48] Die emotionale Zuwendung durch die Eltern erzeugt beim Kind eine Atmosphäre der Geborgenheit. Diese löst jenes Vertrauen zu sich selbst, zu den Mitmenschen und der Umwelt aus, die das Kind überhaupt erst dazu befähigt, aus einer eigenen inneren, emotionalen Sicherheit heraus, den Mut aufzubringen, sich mit unbekannten Personen und Dingen einzulassen. Diese emotionale Fundierung, aufgrund ausreichender emotionaler Zuwendung, vermittelt den sozialen Optimismus, der für die geistige, emotionale und soziale Entwicklung eines Kindes sehr wichtig ist. Die Art und Weise der frühkindlichen emotional-affektiven Erlebnisse entscheidet darüber, ob es zur Ausprägung des Urvertrauens bei einem Menschen kommt.[49] Ein starkes Urvertrauen ist die Grundlage, dass ein Mensch vertrauen kann. Es stärkt die Selbstwirksamkeit, fördert die Entwicklung des Selbstwertgefühls und der Liebesfähigkeit. Urvertrauen befähigt den Menschen in Freundschaften und Liebesbeziehungen zu vertrauen und Nähe zulassen zu können.[50] Kinder, die Liebe und Zuwendung vermissen müssen, beginnen früh, Ersatz zu suchen. Beispielsweise über die Nahrungsaufnahme, indem Süßigkeiten als Seelentröster fungieren und bereits in der frühen Kindheit Essstörungen entstehen, die zum lebenslänglichen Problem werden können. Das entwickelte Vertrauen eines Kindes zu seinen Eltern, ist für seine seelische Stabilität unabdingbar und von zentraler Bedeutung. Die Beziehung zu den Eltern prägt das generelle Sicherheitsgefühl von Kindheit an, bis ins Erwachsenenleben hinein. Wird dieses Sicherheitsgefühl nicht genügend aufgebaut, bestimmt Angst das Leben, welche sich in verschiedensten Formen und mit den unterschiedlichsten Auswirkungen zeigen kann.[51] „Die Sehnsucht nach Nähe, Sicherheit, Geborgenheit und dauerhafte Bindung bestimmt die Lebensgestaltung des Menschen.“[52]

Der Verlauf der ersten menschlichen Bindungen in der Kindheit an Mutter und Vater stellt durchaus eine tiefgreifende Erfahrung dar, die die Kraft besitzt, im Positiven wie im Negativen nachzuwirken und Bindungen jeglicher Art im Erwachsenenleben entscheidend zu beeinflussen, zusätzlich dann, wenn an dieser frühen Bindung ein Trauma haftet.

5. Die pathogene Dynamik des sexuellen Missbrauchs

5.1 Ohnmacht

5.1.1 Die lieblose Familienstruktur

Menschen, die sexuell missbraucht wurden, berichten oft von ihren liebevollen Eltern und ihrer glücklichen Kindheit. Viele Merkmale in ihrer Geschichte weisen darauf hin, dass es so gerade nicht gewesen sein kann. Ein Kind möchte lieber einen bösen Vater oder eine böse Mutter haben als gar keinen. Es wird sich lieber selbst beschuldigen, ein schlechtes Kind zu sein, als dass es die Bösartigkeit eines Elternteils wahrhaben will, von dem es abhängig ist. Ein Kind kann nicht überleben, wenn es sich eingestehen würde, dass sein Leben in der Hand eines Menschen liegt, der seine legitimen Bedürfnisse nach Schutz und einer geborgenen Beziehung niemals befriedigen wird. Folglich wird die erfahrene Kälte und Lieblosigkeit geleugnet. Dieses Leugnen wird dadurch erleichtert, da oft der Vergleich fehlt, denn viele Kinder haben nie etwas anderes erlebt als tote und inhaltsleere Beziehungen. Diese Routine prägt die Vorstellung des Kindes von Normalität und Betroffene benötigen oft Jahrzehnte, um zu erkennen, dass ihre Vorstellung von Normalität stark verzerrt ist. Vielen betroffenen Kindern und auch Erwachsenen ist nicht bewusst, wie viel Energie sie bei dem Versuch verbrauchen, eine Welt zu ändern, die ihnen zwar normal erscheint, die sie aber doch als unbehaglich und leer erleben. Sexueller Missbrauch beginnt vorwiegend schon vor der ersten sexuellen Handlung. In den meisten Fällen gilt die Familie bereits vor dem Missbrauch als ein unerträglicher Ort, in dem Gefühlskälte, ein gestörtes Rollenbild, Schroffheit, Sprachlosigkeit, Strenge und durch Furcht erzeugte Loyalität aufeinander treffen. Ein solches Familiensystem kann der Sehnsucht des Kindes nach Stabilität, Nähe und Respekt nicht gerecht werden. Im Kind entsteht der Druck und das Verlangen nach einer Änderung der Situation, dass der Traum von einer glücklichen Familie doch noch wahr werden kann. Es wird ein Gefangener seiner Hoffnung. Dieser tiefe Wunsch motiviert das Kind, in der Schule, im Sport und im Freundeskreis zu glänzen, mit dem Ziel, eine positive Veränderung im Familiensystem herbei zu führen. Egal ob sich durch diese Bemühungen ein Erfolg einstellt oder nicht, es wird unvermeidlich enttäuscht. Es geht davon aus, dass der Grund dafür, dass die Veränderung ausbleibt, in ihm liegt. Das Kind gibt sich selbst die Schuld und es entstehen Selbstzweifel und Selbstverachtung.[53] „Das Kind kann niemals genug leisten, um eine dysfunktionale Familie ins Lot zu bringen. Die Einsicht in dieses Unvermögen erzeugt ein Urgefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht.“[54]

5.1.2 Wehrlosigkeit / Ausgeliefertsein

Eine weitere zerstörerische Konsequenz des Missbrauchs, die ebenfalls unweigerlich zur Ohnmacht führt, ist, dass der Mensch seiner Entscheidungsfreiheit beraubt wird. Der missbrauchte Mensch erfährt einen überwältigenden Angriff auf seine Würde. Die Unvorhersehbarkeit und die Unmöglichkeit sich dem Missbrauch zu entziehen und ihn zu stoppen, löst Ohnmacht aus und erschüttern das seelische Gleichgewicht. Die verübte Gewalt an Leib und Seele führt zu dem Gefühl, klein, hilflos und einsam zu sein. Im Anschluss an die Tat schüchtert der Täter das Opfer oft ein, damit es zum Schweigen gebracht wird. Dem Kind wird Gewalt, eine Abschiebung ins Kinderheim oder gar der Tod angedroht. Meist sind solche harten Androhungen nicht nötig, da das Kind gewöhnt ist, auf die Autorität des Älteren zu gehorchen. Auch Gefühle der Scham können vom Täter genutzt werden, damit der Missbrauch weiterhin unentdeckt bleibt. Diese strategischen Maßnahmen des Täters können das Gefühl der Hoffnungslosigkeit massiv verstärken.[55] Gerade bei einem sexuellen Missbrauch innerhalb der Familie, ist Schweigen das oberste Gebot. Viele Kinder schweigen, weil sie sich fürchten, die Familie zu zerstören, wenn sie einem Elternteil Schwierigkeiten bereiten. So ist der Inzest zwar angsterregend, aber der Gedanke, für die Zerstörung der Familie verantwortlich zu sein, ist mächtiger. Familienloyalität ist bei den meisten Kindern eine sehr starke Kraft.[56]

5.1.3 Der seelische Schmerz

Neben der Unfähigkeit des Kindes die dysfunktionale Familie zu verändern und der Unfähigkeit den Missbrauch zu stoppen, ist der dritte Faktor intrapersonell und bezieht sich auf die Unfähigkeit, den Schmerz in der eigenen Seele zu lindern. Durch das Fehlen einer Beziehung, in der sich das Kind geborgen fühlen kann, entsteht ein Gefühl des Mangels, welches durch die Erfahrung der sexuellen Gewalt exponentiell verstärkt wird. Der seelische Schmerz sitzt tief und es gibt keine unmittelbare Möglichkeit der Entlastung, außer der Option, die Seele zu betäuben. Wollen die Betroffenen frei von Schmerzen leben, müssen sie sich entscheiden, nicht mehr lebendig zu sein. Dies geschieht über psychische als auch biologische Vorgänge der Verdrängung, Abspaltung und Dissoziation, welche im späteren Verlauf der Arbeit ausführlicher angesprochen werden. Alle drei Aspekte der Ohnmacht – die Familie, der Täter, der seelische Schmerz – verdeutlichen die Unfähigkeit, aus dieser gefallenen Welt zu entkommen und sich vor den Konsequenzen dieses Lebens zu schützen. Eine tief empfundene Ohnmacht und Hilflosigkeit ist fast immer zerstörerisch und ihr folgen meist Selbstzweifel, Verzweiflung, eine innere Leblosigkeit und Totenstarre, gefolgt von einem Prozess, der die noch verbliebenen Beziehungen bedroht und oft zu weiteren Missbrauchserfahrungen führt.[57]

5.2 Verrat / Vertrauensbruch

Missbraucht beispielsweise ein Vater sein Kind sexuell, erfolgt ein Vertrauensbruch, der ein inneres Chaos auslöst, das Gefühlsleben zutiefst durcheinander bringt und das Kind in extreme Widersprüche stürzt. Indem er sich gegenüber seinem Kind sexuell nähert, verliert er seine Vaterschaft. Er ist plötzlich jemand, der sich schwach, gierig, bedürftig und rücksichtslos zeigt. Gleichzusetzen mit einem Monster, das etwas Verbotenes tut, Grenzen verletzt sowie Schmerz, Angst und Panik verursacht.[58] Die verräterische Dimension des sexuellen Missbrauchs liegt auf der Hand und ist offensichtlich. Der Verrat findet auf drei Ebenen statt. Einerseits das Versagen der Familie, dem Kind nicht die nötige Zuwendung zu vermitteln, andererseits die verräterische Handlung des Täters und der nicht gewährte Schutz des passiven Elternteils. Durch das Fehlen einer liebevollen Familienatmosphäre erhält der Missbrauch seinen Nährboden, denn man kann unmöglich jemanden missbrauchen, den man liebt. So führt der Verrat zwangsläufig zu tiefen Schuldgefühlen und daraus entstehenden Selbsthass.[59] Der erlebte Verrat durch eine nahestehende und wertvolle Person, bewirkt ebenfalls ein Gefühl der Ohnmacht, welches letztlich zur Selbstaufgabe führt. Der Verrat erzeugt zusätzlich eine übersteigerte Wachsamkeit und führt schließlich zu einem tief verinnerlichten Misstrauen.[60]

5.2.1 Die Rolle des passiven Elternteils

Eine weitere gewichtige Rolle wird dem passiven Verrat zuteil. Der passive Elternteil muss nicht einmal den Verdacht haben, dass das eigene Kind sexuell missbraucht wird und trotzdem wird dieses Nichtwissen vom Kind als Verrat gedeutet werden. Diese Auffassung des Verrats entsteht, wenn das betroffene Kind keinen Menschen findet, an den es sich wenden könnte, weil der Vater oder die Mutter zu charakterschwach ist. Eine weitere Form ist die Komplizenschaft, in dem ein Elternteil dem anderen das Kind zum Missbrauch überlässt. Eine Komplizenschaft kann auch eine direkte Beteiligung beinhalten. Das bewusste Ignorieren und Leugnen der Tat, vom passiven Elternteil ausgehend, stellt ebenfalls einen tiefen Verrat am Kind dar.[61] Häufig reagieren Mütter, die vom Missbrauch ihrer Tochter durch den eigenen Vater erfahren so, als wären sie für ihr Kind nicht zuständig. Die Mutter sieht sich als eigentliches Opfer in der Rolle der betrogenen Ehefrau. Durch diese Sichtweise fehlt ihr jegliches Verständnis und Mitgefühl in Bezug auf ihre eigene Tochter. Anstelle von Verständnis, Schutz und Solidarität, erfährt ein missbrauchtes Kind Aggression, Vorwürfe und Schuldzuweisungen, in diesem Falle, durch die Mutter. Die schwerwiegende Folge dieser Familiendynamik, ist, dass das Kind nun das Vertrauensverhältnis zu beiden Elternteilen verliert. Die Bindung zu beiden Elternteilen ist nun immens gestört. Es ist auf sich allein gestellt und hat Mutter und Vater auf radikale Weise verloren, was als zentrales Problem anzusehen ist. So erlebt ein missbrauchtes Kind tiefe Kränkungen seitens der Eltern. Einerseits durch den Vater, der die Tat beging und die Seele des Kindes ermordete und andererseits durch die Mutter, die in einer Situation tiefster Verzweiflung unerreichbar blieb und ihrer Beschützerrolle nicht nachkommen konnte. Viele Betroffene vom familiären sexuellen Missbrauch hassen den passiven Elternteil und nicht den Täter, der mit seinem Verhalten das Leid verursacht hat. Durch den Verrat des passiven Elternteils, wird dieser als nicht mehr existent wahrgenommen, als wäre er gestorben. Das Einzige was bleibt, ist die Beziehung zum Täter, die natürlich gestört ist und dem Kind nicht gerecht werden kann, aber zunächst das Bedürfnis nach Zuwendung befriedigt. So idealisiert das Kind den Täter als wichtigste Bezugsperson. Sexueller Missbrauch ist als Ausdruck einer Krankheit der gesamten Familie zu verstehen, da immer mehrere Familienmitglieder direkt oder indirekt beteiligt sind. In vielen Missbrauchsfällen, die psychotherapeutisch behandelt wurden, kam man zu der Erkenntnis, dass eine frühe Störung der Mutter-Kind-Beziehung vorlag und aus diesem Mangelerlebnis heraus der Nährboden für familiären sexuellen Missbrauch gelegt wurde. Es lässt sich feststellen, dass wenn die Beziehung zwischen Mutter und Kind stimmig ist, sexueller Missbrauch eher unwahrscheinlich ist.[62]

5.3 Schuldgefühle / Selbsthass

Der Täter entlastet sich damit, dass er das Opfer zum Schuldigen macht und die Tendenz des Kindes, die Schuld bei sich selbst zu suchen durch Einreden massiv unterstützt. Er selbst empfindet meist keine Schuldgefühle, da sie durch den Missbrauch in das Opfer hineinprojiziert werden. Dies ist auch der Grund, warum Menschen, die sexuellen Missbrauch erleben mussten, sich schlecht, verdorben, schuldig und schmutzig fühlen. Das Selbstwertgefühl, um sich gegen diese ungerechtfertigten Schuldzuweisungen zu wehren, wird durch den Missbrauch völlig ausgelöscht. Betroffene suchen ununterbrochen nach Motiven, um sich selbst schuldig zu fühlen. Oft genügt es, dass ein Mensch fest daran glaubt, schuldig zu sein. Besonders Kinder sind für die Entwicklung von Schuldgefühlen anfällig. Beispielsweise ein Kind, das von Geburt an nicht erwünscht war, spürt die offene oder unterschwellige Ablehnung und wird sein ganzes Leben glauben, sich für sein Dasein rechtfertigen zu müssen. Auch ein Nachweis, der belegt, dass die Schuldgefühle nicht realistisch und somit nicht gerechtfertigt sind, wird nicht ausreichen, um sie zu beseitigen. Quälende Schuldgefühle stellen ein Hauptproblem sexuell missbrauchter Menschen dar. Ein weiterer Grund, warum das Kind alle Schuld auf sich bezieht, ist, weil die Persönlichkeit des Kindes durch die existenzielle Angst, im Beisein von Schmerz und Brutalität, so tief verunsichert wird, dass es nicht in der Lage ist, die Realität zu erkennen. Häufig entstehen Schuldgefühle dadurch, dass Betroffene selbst sexuelle Lust und Erregung verspüren, ohne diese verhindern zu können. Der Körper reagiert auf sexuelle Stimulierung reflexartig mit Erregung und nicht immer sind andere Gefühle wie Angst, Ekel und Schmerz so stark, dass eine sexuelle Erregung verhindert werden kann. Es entsteht ein tiefer Zwiespalt der Selbstvorwürfe auslöst, obwohl Betroffene keine Möglichkeit hatten anders zu empfinden. Eine erotische Stimulation überfordert Kinder, da die ausgelösten Gefühle nicht richtig zugeordnet, nicht integriert und verarbeitet werden können. Diese Überforderung erzeugt Verwirrung, weil für das Kind etwas geschieht, dessen Steuerung und Kontrolle ihm nicht unterliegt. Auch dafür wird es sich schämen, schuldig fühlen und es wird zur Selbstabwertung beitragen.[63]

5.4 Ambivalenzen

Ambivalenz kann als gleichzeitiges Empfinden zweier gegensätzlicher Gefühle definiert werden.[64] Wie bereits im obigen Abschnitt erwähnt, stellt das Erleben von sexueller Lust während des Missbrauchs eine solche Ambivalenz dar. Die Missbrauchssituation erzeugt Gefühle der Missachtung, Erniedrigung, Ohnmacht und Ekel, die mit Gefühlen von sexueller Lust keinesfalls kongruent sind und in Konflikt zueinander stehen. Diese Gefühlsdiskrepanz bewirkt große Scham. Betroffene schämen sich dafür, dass sie als Kind bei diesen sexuellen Praktiken mitmachten und dabei noch Lust empfanden, auch wenn es unter psychischem und/oder physischem Druck oder Zwang geschah.[65] Eine Betroffene drückt es wie folgt aus:

„Das Schlimmste war, daß das, was mein Vater mit mir machte, auch erregend für mich war. Meine Lust machte mir Schuldgefühle, weil ich glaubte, daß ich schlecht und verwerflich sei.“[66]

Entscheidend für das Verständnis der Ambivalenz ist die Konstellation, dass das widerwärtige Erleben des Missbrauchs gleichzeitig auch eine gewisse schöne und erstrebenswerte Komponente aufweist. Die ambivalente Sicht des erlebten Wohlbehagens erklärt wahrscheinlich, warum sich Betroffene eine irrationale Mitschuld vorwerfen und sich für den Missbrauch selbst verantwortlich fühlen. Besonders dann, wenn sie ihre sexuelle Erregung als Einwilligung zum Missbrauch deuten.[67] Die Ambivalenz im Hinblick auf die empfundene Lust, Macht oder anderweitigen Gefühlen, die mit dem Missbrauch fest in Verbindung stehen, kann mit ihrer destruktiven Kraft bis in die Gegenwart hineinreichen.[68] Sexueller Missbrauch durch ein Elternteil, der vom Kind geliebt wird und zu dem das Kind Vertrauen hat, verursacht noch viele weitere ambivalente Empfindungen und Gedanken, die das Kind in seinen Gefühlen extrem verwirren und überfordern:

- Ich werde bevorzugt. – Ich werde ausgenutzt.
- Ich bekomme eine besondere Zuwendung. – Ich werde misshandelt.
- Ich werde aufgewertet. – Ich werde erniedrigt.
- Ich stehe im Mittelpunkt. – Ich bin isoliert.
- Ich möchte schreien. – Ich muss schweigen.
- Ich möchte mich wehren. – Ich mache mit.
- Ich bin groß und trage Verantwortung. – Ich bin klein und hilflos.
- Ich werde verklärt. – Ich werde verleumdet.
- Ich brauche Schutz. – Ich muss andere schützen.
- Ich muss erhalten. – Ich möchte zerstören.
- Ich erlebe angenehme Gefühle. – Ich erlebe Ekel.[69]

Der sexuelle Missbrauch eines Kindes geht immer mit einem emotionalen Missbrauch einher. Die kindlichen Bedürfnisse nach Zuneigung, Liebe, Wärme und Halt werden vom Täter missbraucht und das kindliche Mitgefühl ausgebeutet. Dadurch kann ein Kind nicht zu seiner Identität finden. Es findet seinen Platz als Kind in der Familie nicht. Es wird in seiner moralischen Orientierung verwirrt und weiß nicht, was richtig und was falsch ist. Es weiß nicht, ob es ein Kind oder ein Erwachsener ist.[70]

5.5 Parentifizierung

Parentifizierungsprozessen unterliegt, in gewisser Weise, jedes Kind und sie können als funktional betrachtet werden. In vielen Familien tragen Kinder durch die Übernahme elterlicher Aufgaben zu einer positiven Familiengestaltung bei, die den familiären Zusammenhalt fördert. Das Kind bekommt ein Verantwortungsbewusstsein und Organisationsfähigkeiten vermittelt, die sich in der Regel im Erwachsenenleben positiv auswirken. Durch sexuellen Missbrauch gerät das Kind in einen Funktionalisierungsprozess und es erfährt eine verstärkte, in Bezug auf Alter, Geschlecht, Reife, Psyche und Leistungsfähigkeit unangemessene und überfordernde Parentifizierung mit pathogenem Gehalt. Es entsteht eine verzerrte, soziale Rollenzuweisung oder sogar eine völlige Rollenumkehr, verbunden mit einer Störung der Generationsgrenzen.[71] Parentifizierung bedeutet nun, dass Eltern die Erfüllung ihrer eigenen, nicht gestillten Bedürfnisse nach elterlicher Liebe und Wärme durch ihre Kinder erwarten. So projektieren Eltern ihre eigenen, unbewältigten Liebesansprüche und Aggressionen, die eigentlich an ihre Eltern gerichtet sind, auf ihre Kinder.[72]

Die Gründe für das nicht erwachsene und unreife Verhalten der Eltern, welches als ein erhebliches Element für die Entstehung von sexualisierter Gewalt in der Familie verstanden werden kann, liegen meist eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen zugrunde. Häufig waren sie selbst sexueller Gewalt, Misshandlungen oder Vernachlässigungen ausgesetzt. Deshalb können diese Eltern ihre Elternrolle nicht adäquat ausfüllen, sind außerstande Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen, konnten im Erwachsenenalter keine reifen, sexuellen Beziehungen aufbauen und gelten als Ursache für die familiäre Rollenkonfusion, was die Traumaweitergabe stark begünstigt. Sexueller Missbrauch ist ein Teufelskreis, der über Generationen hinweg Bestand haben kann.[73] Beim Vater-Tochter-Inzest muss die Tochter die Rolle des Kindes, die Rolle der „Geliebten“ für den Vater und die Rolle des Elternersatzes, meist für die Mutter, erfüllen.[74] Eine 10-jährige Betroffene drückt es in kindlichen Worten folgendermaßen aus:

„Papi hat gesagt, daß ich den Haushalt schon so richtig gut wie die Mutti machen kann, hat auch gesagt: >Ich hab´ die Mutti nicht so lieb wie Dich<, und dann hat er mich immer umarmt und überall so gestreichelt.“[75]

[...]


[1] Vgl. www.zeit.de, abgerufen am 22.05.2012

[2] Vgl. Hausmann, C. (2006), S. 11.

[3] Vgl. Fischer, G.; Riedesser, P. (2003), S. 32.

[4] Vgl. Hausmann, C. (2006), S. 11.

[5] Vgl. Fischer, G.; Riedesser, P. (2003), S. 31.

[6] Vgl. Hausmann, C. (2006), S. 12.

[7] Vgl. Fischer, G.; Riedesser, P. (2003), S. 36.

[8] Vgl. www.lexikon-psychologie.de, abgerufen am 26.05.2012.

[9] Vgl. Fischer, G.; Riedesser, P. (2003), S. 36f.

[10] Vgl. Hausmann, C. (2006), S. 12.

[11] Vgl. Fischer, G.; Riedesser, P. (2003), S. 37.

[12] Vgl. Hausmann, C. (2006), S. 12ff.

[13] Vgl. Huber, M. (2009), S. 66.

[14] Vgl. von Eichborn, V. (2010), S. 22.

[15] Vgl. Gahleitner, S.-B. (2000), S. 15f.

[16] Vgl. www.focus.de, abgerufen am 31.05.2012.

[17] Vgl. Gahleitner, S.-B. (2000), S. 17f.

[18] Vgl. www.markus-salhab.de, abgerufen am 01.06.2012.

[19] Vgl. Gahleitner, S.-B. (2000), S. 18.

[20] Vgl. ebd., S. 26.

[21] Vgl. www.wissen.de, abgerufen am 01.12.2012.

[22] Vgl. Lange, A. (2007), S. 555.

[23] Vgl. Abels, H.; König, A. (2010), S. 243.

[24] Vgl. Drosdowski, G. et al. (1996), S. 749, Stichwort Trauma.

[25] Fischer, G.; Riedesser, P. (2003), S. 82.

[26] Vgl. Huber, M. (2009), S. 39ff.

[27] Vgl. ebd., S. 43.

[28] Vgl. Morschitzky, H. (2004), S. 127.

[29] Vgl. Levine, A. P.; Kline, M. (2005), S. 22.

[30] Vgl. Levine, A. P.; Kline, M. (2005), S. 36.

[31] Vgl. ebd., S. 64.

[32] Vgl. Kennerley, H. (2003), S. 25.

[33] Ebd., S. 22.

[34] Vgl. ebd., S. 25.

[35] Vgl. Bange, D. (2002), S.48.

[36] Vgl. Linder, N.; Thießenhusen, S. (2007), S. 6.

[37] Vgl. Bange, D. (2002), S.47.

[38] Bange, D.; Deegener, G. (1996), S. 105. zitiert nach Hartwig, L.; Hensen, G. (2008), S. 20.

[39] Vgl. www.familienhandbuch.de, abgerufen am 27.06.2012.

[40] Saller, H. (1987), S. 29ff. zitiert nach Linder, N.; Thießenhusen, S. (2007), S. 6f.

[41] Vgl. Blumenstein, H.-A. (2002), S. 614.

[42] Vgl. ebd., S. 614f.

[43] Vgl. Hobmair, H. et al. (1996), S. 40ff.

[44] Vgl. Butollo, W.; Hagl, M. (2003), S. 93.

[45] Vgl. Grossmann, E. K.; Grossmann, K. (2009), S. 31.

[46] Vgl. Butollo, W.; Hagl, M. (2003), S. 93.

[47] Vgl. Holmes, J. (2008), S. VII.

[48] Vgl. www.castagna-zh.ch, abgerufen am 04.07.2012.

[49] Vgl. Hobmair, H. et al. (1997), S. 296f.

[50] Vgl. www.vaterfreuden.de, abgerufen am 05.07.2012.

[51] Vgl. Röhr, H.-P. (2006), S. 29.

[52] Linder, N.; Thießenhusen, S. (2007), S. 62.

[53] Vgl. Allender, B. D. (2011), S 102ff.

[54] Ebd., S. 104.

[55] Vgl. ebd., S. 104f.

[56] Vgl. Forward, S. (1993), S. 145f.

[57] Vgl. Allender, B. D. (2011), S. 105ff.

[58] Vgl. Röhr, H.-P. (2006), S. 30.

[59] Vgl. Allender, B. D. (2011), S. 119f.

[60] Vgl. ebd., S. 124.

[61] Vgl. Allender, B. D. (2011), S. 122f.

[62] Vgl. Röhr, H.-P. (2006), S. 67ff.

[63] Vgl. Röhr, H.-P. (2006), S. 51ff.

[64] Vgl. Allender, B. D. (2011), S. 133.

[65] Vgl. www.aufrecht.net, abgerufen am 02.08.2012.

[66] Röhr, H.-P. (2006), S. 55.

[67] Vgl. Allender, B. D. (2011), S. 136.

[68] Vgl. ebd., 138.

[69] Ruppert, F. (2007), S. 142.

[70] Vgl. Ruppert, F. (2007), S. 142.

[71] Vgl. www.bmfsfj.de, abgerufen am 06.08.2012.

[72] Vgl. Haag, K. (2006), S. 33.

[73] Vgl. www.derlangeweginslicht.de, abgerufen am 09.08.2012.

[74] Vgl. www.bmfsfj.de, abgerufen am 06.08.2012.

[75] Deegener, G. (2005), S. 103.

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Psychische Traumatisierung am Beispiel sexualisierter Gewalterfahrungen in der Kindheit.
Untertitel
Folgen für die psychosoziale Entwicklung - Bindungsqualität - Therapeutische Arbeit
Hochschule
Fachhochschule Nordhausen
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
83
Katalognummer
V229719
ISBN (eBook)
9783656446538
ISBN (Buch)
9783656446590
Dateigröße
818 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt, Gewalt, Gewalterfahrung, Trauma, Kindheit, Kindheitstrauma, Traumata, psychosozial, Therapie, Ego-State, Ego-State-Therapie, Missbrauch, psychisches Trauma, Bindung, Bindungsverhalten, Bindungsqualität, Psychotraumatologie, Opferidentität, Folgen, Traumatisierung
Arbeit zitieren
Christoph Bärwald (Autor), 2012, Psychische Traumatisierung am Beispiel sexualisierter Gewalterfahrungen in der Kindheit., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229719

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