Die Frau bei Rousseau zwischen antiker Demokratie und moderner Privatheit

Zu Jean-Jacques Rousseaus Frauenbild in „Émile oder Über die Erziehung“


Essay, 2013

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Ist Rousseaus Frauenbild grundsätzlich neu oder der Antike entlehnt?

2.) Zur Rolle der Frau in der attischen Demokratie

3.) Rousseaus Frauenbild im Émile
3.1) Attisch-demokratische Elemente in Rousseaus Frauenbild
3.2) Moderne Elemente und Neues in Rousseaus Frauenbild

4.) Fazit: Moderne Begründung und Konzeption der Frauenrolle bei Rousseau mit antiken Kontexten und Zielen

5.) Verwendete Literatur

1.) Ist Rousseaus Frauenbild grundsätzlich neu oder der Antike entlehnt?

„Wie sehr das auch nach einer Rückkehr zu einer früheren ethischen Einstellung klingen mag, handelt es sich bei […] Rousseau in Wirklichkeit um etwas grundsätzlich Neues […]. Das [subjektivierte] Moralgesetz läßt sich nicht mehr durch eine äußere Ordnung definieren, sondern es kommt aus dem Inneren. Aber nicht durch Regungen der Natur in einem Inneren wird es bestimmt, sondern nur durch die Natur des Denkens, sozusagen durch die Verfahren des vernünftigen praktischen Denkens“.[1]

So interpretierte Charles Taylor die ethischen Moralquellen und –gesetze von Jean-Jacques Rousseaus praktischer Philosophie, was insofern logisch ist, als dass etwa Rousseaus politisch-kontraktualistisches Konzept grundsätzlich emanzipativ und neu begründet ist und sein pädagogisches Konzept neuartig auf Innerlichkeit, Selbstverwirklichung und freie Entfaltung des Menschseins pocht. Gleichzeitig legitimiert und unterstreicht er seine Aussagen aber oft mit Bezügen auf antike politische Systeme und Philosophen. Sie wirken dann eher wie eine antike Rezeption.

Besonders scheint sein Frauenbild zwischen die Fronten von antiker Wiederbelebung und neuzeitlichem Ethos zu geraten. So ruft etwa Rousseau im Émile die Frauen auf, ihrer Natur nachzukommen und die Mutterrolle zu übernehmen und beschränkt die Rolle der Frau auf dieses Private. Legitimiert wird das mit verschiedenen moralischen Argumenten, die auf die weibliche Natur hinweisen.[2] Dieses Private, worin der Frau in Abhängigkeit vom Ehemann eine bedeutsame Position zukäme, scheint an die aristotelische Trennung von Polis, also dem politischen Gemeinwesen, und Oíkos, dem Haushalt, zu erinnern. In der attischen Demokratie bedeutete diese Trennung, dass sich in der Polis die Bürger als Freie und Gleiche versammelten und basisdemokratisch entschieden - wie auch im Gesellschaftsvertrag - und im Oíkos die sozioökonomische Ungleichheit fortbestand. Gleichzeitig ist Rousseau aber bekannt für seine moderne Konzeption der Romantik und der Privatheit.

So soll der vorliegende Essay assoziativ und ansatzweise untersuchen, ob Rousseaus Frauenbild im Émile der attischen Demokratie entlehnt ist oder vielmehr neuartig für Romantik, Innerlichkeit und Privatheit steht und so der Frau im Privaten - wie auch dem Edukanten Émile allgemein - eine Selbstverwirklichung ermöglicht, unter Berufung auf Moral, Vernunft und innerliche Natur. Dazu ist die Arbeit folgendermaßen aufgebaut: Erst wird kurz die Frauenrolle der attischen Demokratie erläutert; es folgen zwei assoziative Teile, die je ausgewählte Belege und Ähnlichkeiten suchen, für die attische und moderne Konzeption des Frauenbildes im Émile; ein Fazit rundet das Ganze ab.

2.) Zur Rolle der Frau in der attischen Demokratie

Die Rolle der Frau gilt heute oft als Schwachstelle der athenischen Demokratie, da das Patriarchat erhalten blieb und die Frau nicht politisch partizipieren durfte. Denn zunächst war ihre Rolle auf den Haushalt beschränkt, während der Mann als Vollbürger an der Polis teilnehmen konnte. Bald jedoch wurden die Frauen für ihre freie öffentliche Erwerbstätigkeit - als Gehilfin des Ehemannes oder auch selbstständig - geehrt und das Schema, die Frau im Innenbereich und der Mann im Außenbereich, veränderte sich, da die freiheitlich orientierte Demokratie den Oíkos als Quelle des männlichen Prestiges unbrauchbar machte. So zog sich der Vollbürger zunehmend aus dieser Sphäre zurück und überließ sie der Ehefrau, die schließlich das Hauswesen unter ihrer organisatorischen Kontrolle hatte, inklusive vieler Finanzmittel und eventueller Sklaven. Ergo wurden auch neue Begrifflichkeiten eingeführt: Während Oíkos den privaten Familienbesitz meinte, bedeutete der neue Begriff Oikía nun das Haus als Wohn- und Wirtschaftsraum und war eng mit der Frau verbunden.[3]

Durch diese (eigen)verantwortliche Position bescheinigte die Demokratie der Frau Denkfähigkeiten. So durfte sie zwar weiterhin nicht politisch partizipieren, aber wurde als Bürgerin (Polítis), als weibliche „Hälfte der Polis“ (to hémisy tes póleos) anerkannt, laut Aristoteles. So geriet sie nicht nur als Frau oder Tochter eines Vollbürgers in die Polis, sondern auch ihre Staatsangehörigkeit war bei der Frage nach derjenigen ihres Kindes relevant. Via Bürgerstatus war sie auch staatlich geschützt vor Verleumdungen. Die klassische Trennung von Oíkos und Polis blieb so zwar erhalten und der Mann repräsentierte weiterhin den Oíkos, aber durch die leichte Mischung und die Zugehörigkeit der Frau zur Polis als Polítis zeigte die Aufweichung der getrennten Sphären. Die Frau erhielt als politisches Wesen ergo mehr Eigenständigkeit als in undemokratischen Systemen.[4]

3.) Rousseaus Frauenbild im Émile

3.1) Attisch-demokratische Elemente in Rousseaus Frauenbild

Zwar ist die Grundidee des Émile emanzipativ und neu, da das Kind sich selbstverwirklichen solle, jedoch ist die Rolle der Mutter dazu eher nicht emanzipiert und auf den Haushalt beschränkt. So ist es zwar neu, wenn Rousseau die Erziehung häuslich-privat ablaufen lassen will, um dem Kind die Lebenskunst vom Erzieher praktisch vermitteln zu lassen; aber dazu solle die Mutter ihren ursprünglichen, natürlichen Platz einnehmen und sich auf den privaten Haushalt beschränken. Dort solle sie sich dem Baby selbst annehmen und es nicht von Hebammen festwicklen lassen, damit die Glieder sich frei und natürlich entfalten können – von einer Freiheit der Frauen ist nicht die Rede, vielmehr werden diese, die keine Kinder kriegen wollen oder sie Ammen überlassen, kritisiert, denn „für die mütterliche Sorgfalt findet sich […] kein Ersatz“[5] und lehnt die Mutter diese Sorgfalt ab, leide „alle sittliche Ordnung darunter“[6]. Freilich solle die Frau nicht die moderne Erzieherin sein, sondern es sei ihre „süße Pflicht“[7], sich um die natürlichen Bedürfnisse des Kindes, wie durch Stillen, zu kümmern. Dann würde sich ein demographisches Gleichgewicht wiederherstellen. In die direkten häuslichen Erziehungsaufgaben wird sie nur sehr geringfügig involviert, etwa dadurch, dass sie das Kind nicht verhätscheln, sondern gegen die Gefahren des Lebens abhärten soll[8]. Ansonsten fungiert in der ersten Erziehungsphase - bevor das Kind seinen eigentlichen Erzieher erhält - der Vater als Lehrer, die Mutter lediglich als Amme. Diese muss für Rousseau folgende Attribute besitzen: „Eifer, Geduld, Sanftmut und Reinlichkeit“[9], Kenntnisse zu körperlichen Leiden und ein Feingefühl für die Bedürfnisse der Babys.[10] Rousseau sieht ergo im Ersten Buch die Frau auf den Haushalt beschränkt. Dort soll sie sich aber nicht frei entfalten, sondern den Haushaltspflichten nachgehen, wobei hier erst nur die natürliche Mutter- und Ammenfunktion expliziert wird. Die genannten Elemente sind keine neuen oder modernen, sondern viel basaler auf die Kindesversorgung ausgelegt, welche - der Natur nach - nur die Mutter übernehmen könne. Die Aufgaben lassen sich mit eher dem athenischen Oíkos assoziieren. Jedoch ist noch nicht die Rede von anderen Haushaltspflichten oder der Intelligenz erfordernden Verantwortungsfunktion, die etwa die Organisation der Sphäre Oikía voraussetzte; eine emotionale Intelligenz gegenüber dem Kind ist dennoch nötig. Für einen näheren Aufschluss - ob diese Funktion attisch oder doch etwas ganz anderes, also womöglich viel weniger (wenn die Frau auf die nichterziehende Mutterrolle reduziert wird) und somit auch nicht neu ist - muss das Fünfte Buch betrachtet werden.

[...]


[1] Zit. Nach: Taylor, Charles: Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 1233), übersetzt von Schulte, Joachim, Frankfurt a. M. 1996, S. 634.

[2] Vgl. Rousseau, Jean-Jacques: Émile oder Über die Erziehung, übersetzt von Denhardt, Hermann, Köln 2010, Erstes Buch, S. 20-40, Fünftes Buch, S. 699-775. Dass in diesem Werk die Rolle der Frau als Mutter eine unverzichtbare ist, zeigt schon die Widmung für eine „gute denkende Mutter“, nämlich Madame de Chenonceaux (Vorrede, S. 7).

[3] Vgl. Pabst, Angela: Die athenische Demokratie (= C. H. Beck Wissen, Bd. 2308), München 22010, S. 93-96.

[4] Vgl. Ebd., S. 96-99; Dies: Die Hälfte der Polis. Zur frauenspezifischen Dimension der klassischen Demokratie und Oligarchie, in: Ulf, Christopher/Rollinger, Robert (Hgg.): Frauen und Geschlechter, Bd. 1: Bilder – Rollen – Realitäten in den Texten antiker Autoren der römischen Kaiserzeit, Wien/Köln/Weimar 2006, S. 169-186, hier: S. 170 f./179-185.

[5] Zit. nach Rousseau: Émile, erstes Buch, S. 31.

[6] Zit. nach Ebd., S. 32: Denn dann nimmt die allgemeine Rücksichtnahme und die Familienbande ab, so Rousseau.

[7] Zit. nach Ebd., S. 33.

[8] Belegt wird dies mit dem mythischen Verweis auf Thetis, die ihren Sohn Achilles in den Styx tauchte, also einer Gefahr aussetzte, um ihn unverwundbar zu machen. Schon solche Verweise zeigen seine Vorliebe für antik-griechische Bezüge.

[9] Zit. nach, Ebd., S. 58.

[10] Vgl. Ebd., S. 20-39/56-62.

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Details

Titel
Die Frau bei Rousseau zwischen antiker Demokratie und moderner Privatheit
Untertitel
Zu Jean-Jacques Rousseaus Frauenbild in „Émile oder Über die Erziehung“
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V229725
ISBN (eBook)
9783656449287
ISBN (Buch)
9783656450085
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jean-Jacques Rousseau, Gender, Frau, Frauenbild, Antike, Athenische Demokratie, Polis, Oikos, Oikia, Charles Taylor, Émile, Pädagogik, Sophie
Arbeit zitieren
Philip J. Dingeldey (Autor), 2013, Die Frau bei Rousseau zwischen antiker Demokratie und moderner Privatheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229725

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