Abenteuer, Risiko oder Wagnis? "Le Parkour" im Schulsport


Masterarbeit, 2011

99 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildung sverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Le Parkour
2.1 Bewegungsziel
2.2 Grundlegende Bewegungsformen
2.3 David Belle und die Entstehung von „Le Parkour“
2.3.1 Méthode Naturelle
2.3.2 Raymond Belle
2.4 Philosophie
2.5 Entwicklung, Ableger und ähnliche Bewegungsformen
2.5.1 Freerunning
2.5.2 Parcouring
2.5.3 Trakour
2.5.4 Tricking
2.6 Die Aneignung urbaner Räume
2.7 Le Parkour als jugendkulturelles Trendphänomen
2.8 Mediale Inszenierung und Kommerzialisierung
2.8.1 Mediale Inszenierung
2.8.2 Kommerzialisierung

3 Abenteuer - Risiko - Wagnis
3.1 Definitionen
3.1.1 Abenteuer
3.1.2 Risiko
3.1.3 Wagnis
3.2 Soziologische Betrachtung des sportlichen Wagnisses

4 Trend- und Wagnissport
4.1 Trends und Trendsportarten
4.2 Vom Risiko- zum Wagnissport

5 Schulsport
5.1 Forderungen an den Schulsport
5.2 Konzept der Handlungsfähigkeit nach Kurz
5.3 Wagnis- und Trendsport im Schulsport
5.4 Das pädagogische Potenzial der Wagniserziehung
5.5 Pädagogische Ziele der Wagniserziehung

6 Le Parkour im Schulsport
6.1 Parkour im mehrperspektivischen Sportunterricht
6.1.1 „Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen“
6.1.2 Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln
6.1.3 Kooperieren, wettkämpfen und sich verständigen
6.1.4 Sinneswahrnehmung verbessern, Bewegungserlebnis und Körpererfahrung erweitern
6.1.5 Sich körperlich ausdrücken, Bewegung gestalten
6.1.6 Etwas wagen und verantworten
6.2 Parkour und Bewegungsfelder
6.3 Parkour im Berufsschulsport
6.4 Unterrichtsinhalte
6.4.1 Didaktisch-methodischer Aufbau
6.5 Differenzierung
6.6 Sicherheitsaspekt
6.6.1 Parkour in der Halle
6.6.2 Parkour Draußen
6.7 Rolle der Lehrperson
6.8 Unterrichtsinhalte
6.9 Mediale Inszenierung von Parkour durch Schulklassen
6.10 Wettbewerbsgedanke und Bewertung

7 Erfahrungen aus der Praxis mit Parkour im Sportunterricht

8 Ausblick
8.1 Parkour im Allgemeinen
8.2 Ausblick Parkour im Schulsport

9 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis und Internetquellen

Hinweise:

1. Alle in dieser Ausarbeitung genannten Marken können durch Markenrecht und an­dere Schutznormen geschützt sein. Die Verwendung in dieser Ausarbeitung erfolgt rein informativ und deskriptiv. Sie berechtigt nicht zur Annahme, die Marke sei frei verwendbar.
2. Um die Lesbarkeit zu vereinfachen wird in manchen Fällen auf die zusätzliche Formulierung der weiblichen Form verzichtet. Ich möchten deshalb darauf hinwei­sen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form explizit als ge­schlechtsunabhängig verstanden werden soll.
3. So wie in der aktuellen Literatur üblich, werden die Begriffe „Le Parkour“ und „Parkour“ synonym verwendet

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2.1: Bildreihe Saut de précision (modifiziert aus Animation), Zugriff am 02.08.2011 http://www.mal.ch/context/?_a=show&_nid=7300

Abbildung 2.2: Bildreihe Saut de chat (modifiziert aus Animation), Zugriff am 02.08.2011unter http://parkour.wikia.com/wiki/Kong_Vault

Abbildung 2.3: Bildreihe Saut de bras (modifiziert aus Animation), Zugriff am 02.08.2011 unter http://parkour.wikia.com/wiki/Kong_Vault

Abbildung 2.4: Bildreihe Roulade (modifiziert aus Animation), Zugriff am 02.08.2011 unter http://www.mal.ch/context/?_a=show&_nid=7300

Abbildung 2.5: Bildreihe Franchissement (modifiziert aus Animation), Zugriff am 02.08.2011 unter unter http://parkour.wikia.com/wiki/underbar

Abbildung 2.6: Bildreihe Passement rapide (modifiziert aus Animation), Zugriff am 02.08.2011 unter http://www.mal.ch/context/?_a=show&_nid=7300

Abbildung 2.7: Bildreihe Tic-Tac (modifiziert aus Animation), Zugriff am 02.08.2011 unter http://castlepk.weebly.com/2/post/2007/11/the-tic-tac.html

Abbildung 2.8: Bildreihe Passe muraille (modifiziert aus Animation), Zugriff am 02.08.2011 http://www.mal.ch/context/?_a=show&_nid=7300

Abbildung 2.9: David Belle (Toolock, M., n.d.) Zugriff am 14.07.2011 unter http://www.celebri.at/filmography-nid-6536-profession-actor-name-david+belle.htm

Abbildung 2.10: Skulptur Dame-du-lac in Lisses von Székely (1923-2001), Zugriff am 22.06.2011 unter http://traceurzeno.blogspot.com/2008/05/dame-du-lac.html 17 erunningtv.com/wp-content/uploads/2010/10/Sebastien-Foucan.jpg

Abbildung 6.1: Übersicht über die pädagogische Perspektiven Kurzfassung (Hessi­sches Kultusministerium, 2005, S. 5)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 3.1: Parkour, Freerunning und Parcouring im Vergleich (Heinlin und Lange, 2010, S. 533)

Tabelle 4.1: Entwicklungsphasen von Trendsportarten (modifiziert nach Lamprecht, Murer & Stamm, 2003, S. 38)

Tabelle 5.1: Pädagogisches Potenzial der Wagniserziehung (Neumann & Katzer, 2011, S. 13)

Tabelle 6.1: Überblick über mögliche Unterrichtsinhalte (vgl. Rochhausen, 2009, S. 26ff)

1 Einleitung

Können Sportlehrerinnen und Sportlehrer die neue Trendsportart „Le Parkour“ päd­agogisch sinnvoll nutzen, um ihre Schülerinnen und Schüler (SuS) nicht nur für den Sportunterricht zu motivieren, sondern außerdem auf diese Art und Weise geforderte Lerninhalte und Lernziele zu vermitteln beziehungsweise zu erreichen? Als ich den Schülern, die ich im Rahmen meines Lehrauftrages im Bereich Metalltechnik unter­richte, vom Thema dieser Masterthesis erzählte, war deren Begeisterung sehr groß und viele wünschten sich, diese Bewegungsart einmal im Sportunterricht ausprobie­ren zu können. Und das, obwohl „Le Parkour“ oder einfach nur „Parkour“ Elemente des unter SuS nicht gerade beliebten Gerätturnens beinhaltet (vgl. Lindemann, 2009, S. 7).

Diese Ausarbeitung ist ein theoretisch orientierter Überblick, der anhand der vorhan­denen Literatur und Medien über Inhalte und Möglichkeiten für die Anwendung von Parkour im mehrperspektivischen Schulsport informiert. Was ist Parkour, was sind die Inhalte und was macht seine Faszination aus? Und warum sollten Sportlehrerin­nen und -lehrer das Risiko eingehen, mit ihren SuS diese augenscheinlich gefährliche Art der Fortbewegung im Sportunterricht zu behandeln? Zunächst soll geklärt wer­den, welche Art von Sport Parkour darstellt. Es wird auf Inhalte, Historie und „Philo­sophie“ von Parkour eingegangen, sowie auf Ableger und Variationen. Da Parkour besonders unter jungen Menschen recht bekannt ist, lies die mediale Inszenierung und Kommerzialisierung von Parkour nicht lange auf sich warten. Diese sollen hier dargestellt wird, um zu zeigen, wie der eigentliche Sinn von Parkour falsch darge­stellt wird und wie dieser einer Vermarktung von Parkour im Wege steht.

Gerade durch das große Interesse an Parkour und die Faszination, die von dieser Be­wegungsform ausgeht, bietet Parkour Sportlehrerinnen und Sportlehrern eine ausge­zeichnete Möglichkeit, interessanten Sportunterricht anzubieten, der die SuS moti­viert. Im Zusammenhang von Parkour und Schulsport fallen oft die Schlagworte „Wagnis“, „Risiko“ und „Abenteuer“, für die hier Definitionen erfolgen.

Welche Gründe lassen sich dafür finden, dass sich Menschen und besonders Jugend­liche in gefährliche Situationen begeben? Diese Frage soll aus dem Blickwinkel der Soziologie beantwortet werden, um anschließend über den Trend- und Risikosport zum Begriff des Wagnissports zu kommen. Orientiert an den Aussagen von Neu­mann und Katzer (2011) werden pädagogisches Potential und Ziele der Wagniserzie- hung vorgestellt. Nach der Nennung der Forderungen an den Schulsport wird der Frage nachgegangen, wie im hessischen Lehrplan für das Fach Sport die mehrper­spektivische Auslegung nach Kurz beschrieben wird, und ob sich Parkour in die ein­zelnen Perspektiven, sowie in die Bewegungsfelder integrieren lässt.

Im Anschluss werden mögliche Unterrichtsinhalte und Differenzierungsmöglichkei­ten dargestellt, die in der Praxis angewendet werden können. Wie auch bei anderen Sportarten ist die Rolle der Lehrperson sehr wichtig. Unter anderem ist sie für die Si­cherheit der SuS verantwortlich. Der Sicherheitsaspekt hält vermutlich viele Sport­lehrerinnen und Sportlehrer, ähnlich wie beim Gerätturnen, davon ab, Parkour in ih­rem Sportunterricht anzubieten. Doch ist Parkour wirklich gefährlicher als andere Schulsportarten? Da hierzu noch keine Studien vorliegen, sollen stattdessen Untersu­chungen bemüht werden, die die Verletzungsraten beim Gerätturnen und anderen Schulsportarten vergleichen, beziehungsweise die Einschätzung von SuS und Lehre­rinnen und Lehrern, zu deren Unfallrisiko. Es wird ein Ausblick über die weitere Entwicklung des Trends „Parkour“ gewagt, der mit einer Zusammenfassung und ei­nem persönlichen Fazit endet.

Da sich eine eindeutige Abgrenzung zwischen Parkour, als möglichst effizienter Hin­dernisüberwindung, und Freerunning, mit einem Schwerpunkt auf akrobatischen Ele­menten, schwierig gestaltet, findet man bei vielen Jugendlichen bei der Ausübung und auch in Praxisbeispielen von Fachzeitschriften eine Mischung aus beiden Bewe­gungsformen (vgl. Schmidt-Sinns, Scholl & Pach, 2010, S. 15). Anmerken möchte ich daher, dass die von mir getroffenen Aussagen in großem Umfang auch auf Free- running übertragbar sind. Dies ist vom Leser jedoch im individuellen Fall auf Zutref­fen und Richtigkeit hin zu überprüfen.

2 Le Parkour

Krick (2008) beschreibt Le Parkour sehr treffend als „eine Mischung aus Sport und Bewegungskunst, eine Kombination aus Körperbeherrschung und Geist, eine Verbin­dung von Ästhetik, Balance, Dynamik, Effizienz und Präzision“ (S. 44). Es ist eine Methode, um sich ohne Hilfsmittel auf sportliche und ausdauernde Art und Weise im urbanen Raum losgelöst von festgelegten Routen fortzubewegen und seine Umwelt so neu zu entdecken (vgl. Heinlin, 2008, S. 25).

Zu Beginn dieses Kapitels soll geklärt werden, wie und wo diese interessante Art der Fortbewegung entstanden ist, was deren Inhalte sind und welche Philosophie Parkour vermittelt. In englischsprachiger Literatur und Reportagen findet man häufig, dass Freerunning nur die englische Bezeichnung von Parkour sei. So schreibt Atkinson (2009) zum Beispiel: „This type of running is free running, or what is known global­ly as Parkour“ (S. 169). Auch im englischsprachigen Beitrag „London Files“ des Westdeutschen Rundfunks (2009) wird erwähnt, dass Parkour im Englischen manch­mal Freerunning genannt wird, was aber nicht korrekt ist. Und da es wie bei vielen anderen „Trendsportarten“ auch bei Parkour verschiedene Ableger und Weiterent­wicklungen gibt, wie zum Beispiel eben Freerunning (manchmal auch Free Running geschrieben), sollen diese hier kurz dargestellt werden. Parkour hat mit Hilfe der me­dialen Inszenierung weltweite Verbreitung erlangt und sich zu einem Teil der Ju­gendkultur entwickelt. Wie nicht anders zu erwarten, ließ eine Kommerzialisierung von Parkour auf Grund der möglichen spektakulären Darstellungsmöglichkeiten und dem Interesse bei relevanten Käuferschichten nicht lange auf sich warten.

2.1 Bewegungsziel

Parkour hat in den letzten Jahren eine extreme Bekanntheitssteigerung erfahren und schon viele Fernsehsender zeigten Berichte über diese spektakuläre Art der Fortbe­wegung. Um jedoch genauer informiert zu sein über Inhalte und Techniken, werden hier grundlegende Parkour-Techniken aufgeführt, die mit Hilfe von Differenzierun­gen, für die sich Parkour in der Halle besonders eignet, für jeden SuS erlernbar sein sollten. Jemand, der Parkour ausübt, wird als „Traceur“ bezeichnet (franz. „der den Weg ebnet“). Die weibliche Bezeichnung lautet „Traceuse“. Die inszenierte Lauf­strecke über Mauern, Zäune, Geländer und andere Hindernisse, die ein Traceur zu­rücklegt, wird als „Run“ bezeichnet. Ziel dieses „Runs“ ist es, „den Zusammenhang zwischen dem Ziel der Gesamtbewegung eines ganzen Run und deren einzelner Ele­mente in Erfahrung zu bringen und für den einzelnen Traceur als gelingende Bewe­gungshandlung bzw. -erlebnis spürbar werden zu lassen“ (Heinlin & Lange, 2010, S. 530f). Erfahrene Traceure berichten bei gelungenen Runs in Anlehnung an Csíks- zentmihályi (2010) von einem „Flow“-Erlebnis, das sich einstellen kann, wenn Handlungen, Tätigkeiten oder Bewegungen intuitiv in Schnelligkeit oder Perfektion ablaufen und das Subjekt in seinem Handeln aufgeht. Es kommt zu einer empfunde­nen Verschmelzung von Subjekt und Handlung (vgl. Heinlin & Lange, 2010, S. 531).

2.2 Grundlegende Bewegungsformen

In diesem Abschnitt werden einige grundlegende Bewegungsformen von Parkour dargestellt, die sich für die Durchführung von Parkour im Schulsport eignen. Da­durch, dass sich eine Differenzierung auf die verschiedenen Fähigkeiten der SuS leicht realisieren lässt, sollten die SuS in die Lage gebracht werden, diese Elemente zu erlernen. In der Literatur findet man Bezeichnungen in französischer, deutscher oder englischer Sprache.

- Euquilibre - Balancieren - Balance

Das Balancieren auf Mauern, Geländern oder ähnlichen Gegenständen ist eine wichtige Grundfertigkeit, um interessante Punkte erreichen zu können, oder dient als Verbindung zwischen einzelnen Überwindungen und Sprüngen (vgl. Rom & Schichor, 2010, S. 19). Das Erlangen oder Wiedererlangen des Gleich­gewichts ist von großer Bedeutung für die Durchführung von Parkour und findet sich in fast jedem Element wieder. Es muss als unverzichtbare Basisfähigkeit von Anfang an trainiert werden (vgl. Schmidt-Sinns et. al., 2010, S. 123).

- Saut de précision - Präzisionssprung - Precision Jump

Der Präzisionssprung ist eines der grundlegendsten Elemente im Parkour und lässt sich leicht erlernen. Ziel ist es, einen vor dem Absprung anvisierten Punkt genau zu erreichen und möglichst auf dem Fußballen zu landen, was von beson­derer Bedeutung ist, wenn zum Beispiel auf einem Geländer gelandet wird (vgl. Rom & Schichor, 2010, S. 19). Der Schwung wird durch das Beugen der Knie abgefangen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Bildreihe Saut de précision (modifiziert aus Animation)1

- Saut de chat - Katzensprung - Kong Vault

Durch den Katzensprung wird ein Hindernis mittels Durchhocken der Beine bei aufgesetzten Handflächen überwunden. Im Anschluss erfolgt ein starker Ab­druck der Hände, um ein Aufrichten des Oberkörpers zu erreichen (vgl. Rom & Schichor, 2010, S. 19). Vergleichbar ist dieses Element mit einer Sprunghocke im Gerätturnen. Bei Parkour erfolgt der Absprung vor dem Hindernis aus dem Anlauf heraus jedoch meist mit einem Bein (vgl. Witfeld et al., 2010, S. 144).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.2: Bildreihe Saut de chat (modifiziert aus Animation)2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.3: Bildreihe Saut de bras (modifiziert aus Animation)3

- Roulade - Parkour-Rolle - Parkour Roll

Eine Rolle wird angewendet, um die Energie, die bei einem hohen oder weiten Sprung entsteht, von den Füßen auf eine größere Körperfläche zu verteilen (vgl. Schmidt-Sinns, 2008, S. 1) und in eine Bewegung in Laufrichtung zu wandeln. Ähnlich einer Rolle beim Aikido oder Judo wird nicht, wie bei einer Rolle beim Gerätturnen, über die Wirbelsäule abgerollt, sondern von der Schulter diagonal über den Rücken zur Hüfte (vgl. Rom & Schichor, 2010, S. 19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.4: Bildreihe Roulade (modifiziert aus Animation)4

- Franchissement - Durchzug - Underbar

Wie bei einem Unterschwung am Reck wird mit den Füßen voran zwischen zwei parallelen Stangen, zum Beispiel an einem Geländer, durch gesprungen, wobei man mit den Händen die obere Stange greift (vgl. Rom & Schichor, 2010, S. 19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.5: Franchissement (modifiziert aus Animation)5

- Passement rapide - Fechterflanke - Speed Vault

Aus dem Anlauf, der frontal, diagonal oder kurvenförmig erfolgen kann, wird von einem Bein abgesprungen und das angehockte Schwungbein bei gleichzeiti­gem Abstützen eines Armes seitlich über das Hindernis geführt, um für den Wei­terlauf entweder auf dem Schwungbein oder auf dem Sprungbein zu landen, das dazu während des Sprungs schnell unter dem Schwungbein durchgezogen wird (vgl. Schmidt-Sinns et al., 2010, S. 154).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.6: Bildreihe Passement rapide (modifiziert aus Animation)6

- Tic-Tac - Wandlauf

Aus dem Lauf heraus wird mindestens ein Schritte gegen eine Wand oder ein an­deres Hindernis gemacht, um dadurch ein anderes Hindernis ohne Berührung zu überspringen (vgl. Rom & Schichor, 2010, S. 19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.7: Bildreihe Tic-Tac (modifiziert aus Animation)7

- Passe muraille - Mauerüberwinder - Wall Run

Diese Technik wird angewendet, um ein hohes Hindernis möglichst schnell zu er­klimmen. Diese komplexe Verbindung aus Laufen, Springen, Hängen und Stützen erfordert einen schnellkräftigen Abdruck von der Wand nach oben und ausreichend Kraft in den Armen, Schultern und Oberkörper, um sich in den Stütz zu drücken (vgl. Witfeld et al., 2010, S. 179).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.8: Bildreihe Passe muraille (modifiziert aus Animation)8

2.3 David Belle und die Entstehung von „Le Parkour“

Während vielen Sportarten oder Bewegungsformen weder eine Entstehungszeit noch eindeutig konkrete Personen oder „Erfinder“ zugeordnet werden oder zugeordnet werden können, so wird die Entstehung von Parkour eindeutig einer Person zuge­schrieben. Der Franzose David Belle wird als der Begründer von Parkour bezeichnet, egal ob in der Fachliteratur oder im Internet. Da­vid Belle wurde am 29. April 1973 in Fécamp geboren. Ende der 1980er Jahre zog er mit seiner Familie nach Lisses, einem Vorort von Paris, wo die räumliche Umgebung mit ihrer Hochhaus­und Plattenbauarchitektur Belles Bewegungs­drang zunächst behinderte. Er begann Techniken der „Méthode Naturelle“ (siehe Kap. 2.3.1), die er von seinem Vater erlernt hatte, auf die vorhan­denen urbanen Gegebenheiten zu transformieren (vgl. Hitzler & Niederbacher, 2010, S. 109). In zahlreichen Interviews, die in dieser Ausarbei­tung angegeben werden, verweist er darauf, wie sehr ihn sein Vater, der im Jahr 1999 starb (vgl. Wilkinson, 2007, S. 1), beeindruckte und prägte.

Belle selbst sieht sich nicht als Erfinder von Parkour, sondern viel mehr als Teil einer Gruppe von Freunden, die aus ihrem Bewegungsdrang heraus eine neue Bewegungs­form geschaffen haben9. Diese Gruppe nannte sich „Yamakasi“. Auch wenn dieser Ausdruck vielleicht japanisch anmutet, stammt er tatsächlich aus Lingála, einer Spra­che, die in den beiden Kongo-Staaten gesprochen wird und „stark im Geiste“ bedeu­tet (vgl. Wilkinson, 2007, S. 5). David Belle bezeichnet Parkour als Kunst, der er Leib und Seele gewidmet hat10.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.10: Skulptur Dame-du-lac in Lisses von Székely (1923-2001) 11, Zugriff am 22.06.2011 unter http://traceurzeno.blogspot.com/2008/05/dame-du-lac.html

Geprägt wurde David Belle wie bereits erwähnt von der Bewegungsform „Méthode Naturelle“ und vom eigenen Vater. Diesen beiden „Einflussfaktoren“ soll daher im Folgenden ein eigenes Unterkapitel gewidmet werden.

2.3.1 Méthode Naturelle

Auch wenn GutsMuths (1759 - 1839) und Jahn (1778 - 1852) schon lange vor ihm tätig waren und den Sport, das Turnen und die Sportpädagogik maßgeblich beein­flusst haben, so wird als historische und philosophische Grundlage für Parkour meist die „Méthode Naturelle“ des französischen Marineoffiziers Georges Hébert genannt (vgl. Witfeld et al., 2010, S. 19). Die „Méthode Naturelle“ oder nach ihrem Erfinder auch als „Hébertisme“ bezeichnet, entstand Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Trainingsphilosophie Héberts, der ein Verfechter von intensivem lebenslangem kör­perlichem Training war, das als Mittel zur Entwicklung persönlicher Tugenden diente. Er war besonders beeindruckt von der physischen Entwicklung und dem kör­perlichen Einklang indigener Menschen, denen er auf dem afrikanischen Kontinent begegnete. Im Jahr 1902 war Hébert in St. Pierre auf der Insel Martinique stationiert. Als die Gegend von einem Vulkanausbruch bedroht wurde, koordinierte Hébert die Evakuierung von etwa 700 Menschen eines lokalen Dorfes. Dieses Ereignis hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf ihn und bestätigte seine Ansicht, dass der Mensch athletische Stärke und Geschicklichkeit kombiniert mit Mut und Altruismus inne ha­ben müsse, um für die Gesellschaft nützlich sein zu können (vgl. Atkinson, 2009, S. 170). Zur Vervollkommnung physischer Fähigkeiten sah Héberts Trainingsidee na­türliche Bewegungsabläufe in der Natur vor. Die gewachsenen Hindernisse der Natur wurden im Lauf der Zeit durch eine Art Parcours mit künstlichen Hindernissen er­setzt, die durch Laufen, Klettern, Springen oder Balancieren bezwungen werden mussten. Héberts Trainingsform wurde vom französischen Militär übernommen und findet dort auch heute noch Anwendung. Während des Indochinakrieges nutzten französische Soldaten Héberts Prinzip, um ihre Fähigkeiten im Dschungelkampf zu verbessern (vgl. Atkinson, 2009, S.172).

2.3.2 Raymond Belle

Der Vater des „Parkour-Erfinders“ wurde 1939 in einem Teil Indochinas geboren, der im heutigen Vietnam liegt. Als Kind wurde er im vietnamesischen Hochland in einer Schule in Dalat zum Soldaten für die französische Armee ausgebildet. Als er etwa 12 Jahre alt war, begann er mit einigen Kameraden, effiziente Fluchttechniken zu trainieren, um seine Überlebenschancen während des Indochinakrieges zu verbes­sern. Später in Frankreich ermöglichten seine körperlichen Fähigkeiten es ihm, bei der Pariser Feuerwehr, der „Brigade de sapeurs-pompiers de Paris“, erfolgreich zu sein und mehrere Auszeichnungen zu erlangen (vgl. Belle, J. - F., 2006).

2.4 Philosophie

In der Literatur und auf vielen Internetseiten zum Thema „Parkour“ wird auf dessen „Philosophie“ eingegangen. Parkour wird oft als „L'art du déplacement“, also die „Kunst der Fortbewegung“, bezeichnet. Diese Bezeichnung wird aber auch häufig als gemeinsamer Oberbegriff für Parkour und Freerunning verwendet. Bei Parkour geht es um das Erkennen von Grenzen, die vom eigenen Körper und der Umwelt gesetzt werden, und deren Überwindung, ohne dabei anderen imponieren zu wollen. Die Überwindung von Hindernissen hängt von den eigenen psychischen und physischen Fähigkeiten ab. Es gilt in der Parkour-Szene als Konsens, dass das Entwickeln eines sicheren Gefühls für Leistungs- und Belastungsgrenzen des eigenen Körpers als es­sentiell für die Durchführung von Parkour anzusehen ist. Zugunsten der eigenen Si­cherheit soll sich Grenzen respektvoll und nur schrittweise genähert werden. Die

Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten wird als große Schwäche angesehen. Dem spielerischen und kreativen Umgang mit der Umwelt steht eine verantwor­tungsbewusste und sicherheitsorientierte Durchführung des Parkoursports gegenüber, bei dem die eigenen sportlichen Fähigkeiten immer wieder reflektiert werden. Erst so eröffnet sich dem Traceur die Möglichkeit, durch die Bewegung in natürlicher und urbaner Umgebung Freiheitsräume zu erweitern und zu erleben (vgl. Hitzler & Nie­derbacher, 2010, S. 111). Seine Umwelt behandelt ein Traceur mit Respekt und zer­stört sie nicht auf seinem Weg (vgl. Wolschendorf, 2010, S. 51). „Die natürlichen oder gebauten Räume, die für den Sport in Anspruch genommen werden, dürfen durch die Nutzung nicht verändert werden (Beschädigungen sind unter allen Umstän­den zu vermeiden)“ (Hitzler & Niederbacher, 2010, S. 111). Parkour kann ohne Hilfsmittel durchgeführt werden. Agiert wird nur mit dem eigenen Körper. In unserer „materialfixierten Sportwelt“ kann dieses Fokussieren auf das eigene „Ich“ ein wich­tiger geistiger Aspekt sein (vgl. Rom & Schichor, 2010, S. 18).

Die „Parkour-Philosophie“ erinnert von ihren Inhalten her stark an die asiatischer Kampfsportarten, die die Entwicklung des Geistes der des Körpers voranstellen. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, nicht das Besiegen eines Gegners, soll das höchste Ziel sein. Das Leben wird als Weg gesehen, der gegangen werden muss, um dieses Ziel zu erreichen. Und auch David Belle nennt in einem Interview12 Ähnlich­keiten zwischen Kampfkünsten und Parkour. Gekämpft wird allerdings nicht gegen einen Gegner, sondern gegen Hindernisse beziehungsweise das eigene Ego. Letzteres beschreibt Belle in einem anderen Interview13 mit den Worten: „It is you against you. It is you against yourself“. Diese Philosophie verleiht Parkour im Sinne von David Belle eine gewisse Seriosität und Glaubwürdigkeit. Es entsteht der Eindruck, dass der Mensch durch das Ausüben von Parkour zu einem besseren Menschen gereicht. Asiatische Kampfsportarten und deren Lebensphilosophien begeistern viele Men­schen. Möglicherweise erfüllen sie durch ihre Philosophien den Wunsch nach verlo­ren gegangenem Einklang von Körper und Geist sowie von Werten und Traditionen. Und vielleicht ist auch das große Interesse an Parkour neben den spektakulären Be­wegungen auch ein wenig dieser Philosophie geschuldet, die Parkour zu mehr als nur einer angesagten Bewegungsform macht.

Andere Sportarten, die ebenfalls wagnisorientiert sind, wie zum Beispiel Skateboar- den oder Wellenreiten, haben keine eigene Philosophie, sondern werden eher mit ei­nem gewissen Lifestyle verbunden.

In einem interessanten zweiteiligen Interview14,15, in dem Sébastien Foucan David Belle befragt, antwortet Belle auf die Frage, ob der Geist von Parkour, der zu Beginn der Bewegung geherrscht habe, verloren gegangen sei, dass es im Internet nur ganz selten Videos gebe, in denen man Leute sieht, die den Geist dieser ersten Jahre noch ausstrahlen und denen die Kamera egal sei. Es gebe Traceure, die nur auf Selbstdar­stellung aus seien und sich produzieren, die Bewegungen aber nicht beherrschten, worin Belle einen Grund für viele Unfälle sieht. Zu Beginn habe er geglaubt, er sehe nur schöne Bewegungen in den Videos, doch tatsächlich sehe er nur Verschwendung. Parkour soll seiner Meinung nach nicht in die Kategorie eines Freizeitsports, wie zum Beispiel Skateboarden, verfallen. Parkour sollte ambitionierter sein. Belle sagt aber auch, dass er, wenn er heute als Jugendlicher im Internet von Parkour erfahren würde, verloren wäre bei all den Strömungen und Meinungen, die dort zu finden sei­en.

Viele Traceure bezeichnen Parkour als ihren Lebensinhalt und lehnen Alkohol, Dro­gen und einen exzessiven Lebensstil ab, um vital genug und in der Lage zu sein, Par- kour sicher ausüben zu können (Atkinson, 2009, S. 184ff). Hätte David Belle eine andere Persönlichkeit, wäre eine solche Philosophie möglicherweise nie entstanden.

2.5 Entwicklung, Ableger und ähnliche Bewegungsformen

Im Lauf der Zeit haben sich aus Parkour andere Bewegungsformen entwickelt, was durch die informellen Eigenschaften und das Nichtvorhandensein von Regelwerk be­günstigt wird. Während Parkour auf einer Art Philosophie basiert (siehe Kapitel 2.3), ist dies bei den unten aufgeführten Entwicklungsformen überwiegend nicht der Fall. Ein oft bemängelter Nachteil der Verbreitung von Parkour ist der Verlust ursprüngli­cher Absichten der ersten Traceure. Dies ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen, welches auftritt, sobald eine Sportart, Musikrichtung oder ein sonstiger Aspekte ge­sellschaftlichen Zusammenlebens den Sprung vom „Underground“ zum „Main­stream“ schafft, der teilweise gar nicht gewollt ist. Die „Seele“ wird an den Kom­merz verkauft, die „Credibility“, also die Glaubwürdigkeit, geht verloren (Siehe auch Kapitel 2.7 „Mediale Inszenierung und Kommerzialisierung“). Die Aufspaltung in verschiedene Weiterentwicklungen kann allerdings auch als Vorteil für das „klassi­sche“ Parkour gesehen werden, indem eine Besinnung auf traditionelle Werte statt­findet (vgl. Hitzler & Niederbacher, 2010, S. 117). Eine eindeutige Abgrenzung zwi­schen Parkour und z.B. Freerunning ist schwierig, denn die effizienteste Art der Hin­dernisüberwindung (Parkour) kann durchaus auch kreativ und/oder auch akrobatisch (Freerunning) erfolgen. m Folgenden werden verschiedene, dem Parkour nahestehen­de Bewegungsformen beschrieben.

2.5.1 Freerunning

Eine Weiterentwicklung, die aber oft zusammen mit Parkour genannt wird, ist Free- running, als dessen Gründer Sébastien Foucan gilt. Er war ein Mitglied der Gruppe „Yamakasi“ und ist neben David Belle einer der Pioniere von Parkour. Freerunning stellt eine Parkour nicht unähnliche Disziplin dar, mit jedoch anderen Zielen. Im Gegensatz zu Parkour ist man nicht darauf bedacht, den effizientesten Weg von A nach B zu finden, sondern unter Einbau von akrobatischen Elemen­ten diesen Weg möglichst kreativ zurückzulegen (vgl.

Müller, Vollenweider & Baumberger, 2010, S. 6). „Im Freerunning sind die Bewe­gungsaktionen in den Lauf eingebundene, effektvolle, spektakuläre Bewegungs­kunststücke, die nicht wie im Parkour allein als Mittel zum Zweck der effizienten Überwindung im Wege stehender Hindernisse dienen“ (Schmidt-Sinns et al., 2010, S. 18). Sébastien Foucan (2010) betont in seinem Buch „Freerunning: Find Your Way“ zwar auch den geistigen Aspekt des Freerunning, dennoch findet, im Gegen­satz zu Parkour im eigentlichen Sinn, eine philosophische Betrachtungsweise durch die Mehrheit der Aktiven nicht statt. Selbstdarstellung und Akrobatik stehen im Vor­dergrund (vgl. Heinlin & Lange, 2010, S. 531). Die Freude an der Bewegung an sich spielt wohl eine sehr große Rolle und man würde dem Großteil der Freerunner si­cherlich Unrecht tun, wenn man bloßen Selbstdarstellungsdrang als Hauptausübungs­grund unterstellen würde. Wie zahlreiche Events mit großen Sponsoren in dieser Sportart jedoch zeigen, spielt die Selbstdarstellung besonders im professionellen Be­reich eine große Rolle. Freerunning kann ebenfalls im Schulsport angeboten werden,

Basiselemente sind jedoch schwerer zu erlernen, als im Parkour und bedürfen größe­rer Vorkenntnissen, zum Beispiel aus dem Bereich Gerätturnen.

2.5.2 Parcouring

Parcouring kann man als Wettkampfvariante von Parkour betrachten. Für diese auf den Wettstreit ausgelegte Sportart wurde ein Name gesucht, den man als Lautmalerei verwenden kann, und einem Außenstehenden schon durch den Namen eine Vorstel­lung des Inhaltes ermöglicht. Der im Deutschen schon lang verwendete Begriff „Par­cours“ sei vielen Deutschen ein Begriff und stehe im Duden. Komplikationen mit der existierenden Sportart „Parkour" seien übersehen worden16. Dass man diese Kompli­kation „übersehen“ hat, muss bezweifelt werden. Vielmehr hat man einen Konflikt sicherlich nicht gescheut, möglicherweise sogar bewusst in Kauf genommen. Parkour ist eine momentan sehr populäre Trendsportart, die man schwerlich ignorieren kann, deren ureigene Philosophie ohne Wettkampfgedanken aber einer kommerziellen Ver­marktung im Wege steht. Jeder kann es überall ohne großen materiellen Aufwand praktizieren. Um Parkour für Werbekunden noch attraktiver zu machen, musste es „verwettkampflicht“ werden. Das Fehlen von moralisch-philosophischen Grundsät­zen beim Parcouring wird hier deutlich. Stattdessen steht der Wettkampfgedanke an erster Stelle. Man unterscheidet beim Parcouring zwischen „Speed Contest“ und „Style Contest“. Der „Speed Contest“ ist eine Art Parkour auf Zeit. Der „Style Con­test“ ist Freerunning unter den Augen einer Jury17. Die Ausführungen werden unter den Aspekten „Flow“, „Show“, „Kreativität“ und „Schwierigkeit“ bewertet (vgl. Schmidt-Sinns et al., 2010, S. 14). Im Jahr 2007 wurden in München die ersten „Par­couring World Championships“ ausgetragen (Witfeld, Gerling & Pach, 2010, S. 28). Beim Parcouring haben die Veranstaltungen einen hohen „Event“-Charakter, was laut Aussage eines Teilnehmers bei der Parcouring-WM 2008 in Hamburg stärker im Vordergrund gestanden habe, als der Wettbewerbsgedanke und der Wille Erster zu werden (Menke, 2008). Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, trotz Vorhanden­seins zahlreicher Sponsoren und Medienvertreter, wäre dies sehr bemerkenswert. An­dererseits könnte es eine weitere Bestätigung dafür sein, dass wir in einer Spaßgesell­schaft leben, in der alles, so auch der Sport, eine riesige Party sein muss und es eher auf Selbstdarstellung als auf Sieg oder Niederlage ankommt (siehe auch Kapitel 2.7.2 „Kommerzialisierung“).

Die Kommerzialisierung und Medienwirksamkeit von Freerunning und Parcouring zeigen ein Bild, dass der Tradition von Parkour und den Werten vieler Traceure wi­derspricht (vgl. Heinlin & Lange, 2010, S. 532).

Da die Bewegungsformen Parkour, Freerunning und Parcouring oft synonym ver­wendet werden bzw. eine eindeutige Abgrenzung schwierig ist, verwendet Rochhau- sen (2009) den Oberbegriff „Parkoursport“, den auch Rom und Schichor (2010) nut­zen.

Als Überblick über die drei genannten Formen soll eine Tabelle nach Heinlin und Lange (2010) dienen, auch wenn ich nicht deren Ansicht bin, dass das Ziel von Free­running allein das Messen mit anderen ist. Meines Erachtens spielt wie bei Parkour auch der Aspekt der Körperbeherrschung eine gewichtige Rolle.

Tabelle 3.1: Parkour, Freerunning und Parcouring im Vergleich (Heinlin und Lange, 2010, S. 533)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.5.3 Trakour

Eine für Sportlehrerinnen und Sportlehrer interessante Form von Parkour ist „Trak­our“. Eigentlich müsste der Titel dieser Ausarbeitung sogar „Trakour im Schulsport“ lauten. Denn dieser Begriff bezeichnet nichts anderes als die Durchführung von Par­kour in einer Sporthalle, zum Beispiel im Rahmen des Schulsports18. Aber auch für das Training und die Vorbereitung von Parkour-Elementen vor der Anwendung unter freiem Himmel wird die Halle verwendet. Große Vorteile hierbei sind natürlich die Sicherungsmöglichkeiten durch Matten und die variablen Anpassungsmöglichkeiten der Sportgeräte im Gegensatz zu festen Hindernissen in der Natur. Eine andere Na­mensgebung für die annähernd gleiche Bewegungsform ist mit der Tatsache begrün- det, dass der Begriff „Parkour“ in Deutschland markenrechtlich geschützt ist (vgl. Rochhausen, 2009, S. 10 und siehe auch Kapitel 2.7.2 „Kommerzialisierung“). Viele Workshops von Turnverbänden und -vereinen laufen daher unter dem Namen „Trak- our“. Jörg Ide, Jugendbildungsreferent der Niedersächsischen Turnerjugend, die sich schon früh mit Parkour auseinander gesetzt hat, nennt als Vorteil zum Erlernen von Parkour bzw. Trakour, dass es grundlegende turnerische Elemente enthält, die jedem aus dem Sportunterricht bekannt sein sollten. Und da viele Jugendliche mit Gerättur­nen „miefige Turnhallen und langweilige Sportstunden, bei denen man vor jeder Übung ewig in der Reihe warten musste, assoziieren, soll Bewegung ins Spiel und das Ganze aufgepeppt werden“. Auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis verbessert sich seiner Ansicht nach. Die Jugendlichen sollen sich gegenseitig anspornen und von einander lernen (Sport-Thieme, 2008, S.4f).

2.5.4 Tricking

Eine weitere neue Bewegungsform, die man in die Nähe von Parkour beziehungs­weise eher in der Nähe von Freerunning ansiedelt, da hier der Schwerpunkt auf der akrobatische Ausführung von Bewegungselementen liegt, ist Tricking. Tricking ist eine Mischung aus Elementen des Capoeira, asiatischen Kampfsportarten, Elementen des Turnens, der Akrobatik und des Breakdance. Es fand seine Anfänge in den 1990 Jahren in den USA, als Kampfsportler bei Show-Wettkämpfen in ihre Darbietungen spektakuläre Elemente einbauten, um ihre Wertungen zu erhöhen. Tricking ist eine Aneinanderreihung von verschiedenen Elementen, wie zum Beispiel Tritten, Salti und Überschlagbewegungen19. Bei diesen Bewegungen ohne Haltungsvorschriften und Regeln, spielen Choreografie und Musik eine sehr wichtige Rolle. Für den Schulsport ist Tricking weniger geeignet als Parkour, kann aber auch integriert wer­den (vgl. Schmidt-Sinns et al., 2010, S. 15). Durch die relative Nähe der Bewegungs­formen bieten kommerzielle Anbieter von Parkour und Freerunning oft auch Tricking-Workshops an.

2.6 Die Aneignung urbaner Räume

Sport findet nicht mehr in seinen traditionellen, fest be- und umgrenzten Räumen statt, wie Turnhallen, Leichtathletikstadien oder dem Fußballplatz, sondern wird in vielen Trendsportarten durch die Grenzenlosigkeit der Natur und des städtischen Raumes ersetzt (vgl. Gugutzer, 2010, S. 9). Die kreativen und teilweise gefährlichen Bewegungsabläufe der Traceure sind eine Form der räumlichen Inbesitznahme. Als eine kollektiv entwickelte Kunstform lässt sie neue Gemeinsamkeiten entstehen (vgl. Guss, 2011, S. 73).

Schultheis (1996) führt an, dass es bereits in den 1930er Jahren in Nordengland eine Freizeitbeschäftigung gab, die dem modernen „Buildering“, also dem Klettern an Hochhäusern oder anderen urbanen Hindernissen, und Parkour ähnelte:

Urban working class climbers in Scotland and northern England have a sport sometimes called buildering, which consists of making ascents of man-made structures such as abandoned warehouses, highway overpasses, etc. The sport actually began at Oxford in the 1930s, when tipsy undergraduates began climb­ing clock towers and belfries by night; a guidebook was even published, of the best campus alpine routes. All of which goes to show that wilderness is where you find it. (S. 178)

Als komplette „Neuentwicklung“ kann man Parkour also auch aus diesem Grund zwar eigentlich nicht bezeichnen. Jedoch sind „Trendphänomene Bestandteil und kultureller Ausdruck der modernen, westlich geprägten Gesellschaften des 21. Jahr­hunderts. Sie bleiben weder regional noch lokal begrenzt, verbreiten sich stattdessen rasant und sind somit auch Ausdruck einer globalisierten Welt“ (Bauer, 2010, S. 71). Städte sind seit dem 19. Jahrhundert für die Mehrheit der Menschen weltweit der zentrale Lebensraum. Hier kommen sehr unterschiedliche Lebensstile und Lebens­einstellungen zusammen. Städte sind Kommunikations- und Integrationsräume, in denen täglich soziale und gesellschaftliche Gruppen aufeinander treffen und sich ge­genseitig beeinflussen. Gesellschaftliche Veränderungen werden in der Stadt am schnellsten deutlich und so entstehen hier ständig, durch gegenseitigen Einfluss und Strömungen von außen, neue Trends und Stile (vgl. Bauer, 2010, S. 71f).

Nun kann man sich die Frage stellen, warum Parkour ausgerechnet in Pariser Voror­ten entstanden ist. War nur die besondere Konstellation David Belles mit seinen Kenntnissen über die „Méthode Naturelle“ und den anderen Mitgliedern der Yama- kasis ausschlaggebend, oder hätte Parkour auch in jeder anderen Großstadt entstehen können? Guss (2011) jedenfalls macht Widersprüche in der französischen Städtepoli­tik, die den Bewohnern ein Gefühl der Enge und der Schwäche bescherte, für die Entwicklung und das Aufblühen von Parkour in den Pariser Vororten verantwortlich (S. 74).

Eine Form der Fortbewegung, die sich früher als Parkour entwickelte, ist das Skate- boarden. Nachdem Skateboarder zunächst abschüssige Straßen und leere Pools nutz­ten, entdeckten sie das skaten auf der Straße als Möglichkeit zur Entdeckung des ur­banen Raumes. Skater sind in urbaner Umgebung unterwegs und nutzen Treppen und deren Geländer, Bänke und andere Hindernisse, ähnlich wie Traceure bei Parkour. Im Lauf der Jahre ist es von oft ungewünschter Nutzung öffentlichen Raumes zu öf­fentlich finanzierten Skateparks gekommen. Bei beiden Sportarten gibt es In- door-Hallen, die urbane Hindernisse nachbilden. Es kommt also in formellen Spor­träumen zu einer Nachbildung urbaner Räume, die eigentlich gar nicht zur sportli­chen Nutzung gedacht waren. Vom Skateboard einmal abgesehen, sind die Unter­schiede zu Parkour meiner Meinung nach gar nicht so groß, aber dennoch vorhanden. Ein Vergleich der beiden „Szenen“ wäre interessant und würde wohl aufzeigen, dass der Aspekt der Körperästhetik bei Traceuren einen größeren Stellenwert hat, als bei Skateboardern. Während der Körper beim Skaten Mittel zum Zweck ist, um das „Brett“ richtig zu beherrschen, ist bei Parkour der Körper das „Sportwerkzeug“. Aus dem regelmäßigen Training resultiert zudem eine gewisse Körperformung und da viele Traceure auf diese sichtbare Ästhetisierung ihres Körpers stolz sind, trainieren viele von ihnen mit freiem Oberkörper und nutzen die Öffentlichkeit als Bühne zur Selbstdarstellung ihres Körpers (vgl. Gugutzer, 2010, S. 10). Hingegen spielt der Li­festyle beim Skateboarden eine viel wichtigere Rolle als bei Parkour. Skateboard-Be­kleidung ist heute ein Bestandteil jugendlicher Alltagsmode, während eine spezielle Parkour-Bekleidung nicht notwendig ist und sich bislang auch nicht herausgebildet hat.

Bei Parkour kommt es zur „sinnlichen Wiederaneignung des urbanen Raumes“ (Gu- gutzer, 2010, S. 10). Dadurch, dass Traceure einen anderen Blick auf den urbanen Raum haben, nutzen sie diesen Raum in einer ihm nicht zugedachten Art und Weise. Dies kann nach Rom und Schichor (2010) sogar so weit gehen, dass es zu einer Nut­zung der Umwelt kommt, die dem eigentlichen Sinn diametral entgegen steht. Die Aufgabe einer Mauer besteht nun einmal darin, Bereiche von einander zu trennen und nicht darin, überwunden zu werden (S. 18). Mitglieder von ParkourOne aus Ber­lin sprechen in einem Interview20 der Deutschen Welle ebenfalls davon, dass sie die Stadt ganz anders wahrnehmen und eine Stunde lang an einer Bordsteinkante trainie­ren können. Bereiche, die sie früher als „hässlich“ bezeichneten, empfinden sie nun durch das Auge eines Traceurs als „schön“. Traceure bewegen sich in urbaner Umge­bung nicht so, wie es Wege, Schilder, Treppen usw. vorgeben, sondern befreien sich aus dieser strukturierten und organisierten Welt und damit auch sich selbst. Der Wer­bespot „Rush Hour“ des britischen Senders „BBC one“21 aus dem Jahr 2002 spiegelt diese Situation wider. In diesem begibt sich David Belle nach getaner Arbeit nicht wie die anderen „grauen Mäuse“ auf vorgegebenen Wegen, Straßen und an roten Ampeln und im Stau wartend nach Hause, sondern macht einen unbehinderten und flüssigen „Run“ über Dächer und andere Hindernisse, um rechtzeitig zu Hause auf seinem Fernsehsessel Platz zu finden, um eine Sendung auf „BBC one“ zu genießen . Der Spot trug erheblich zur Steigerung des Bekanntheitsgrades von Parkour und Da­vid Belle bei. Der Spot und die mediale Inszenierung von Parkour wird von Ladewig (2009) ausführlich beschrieben (siehe auch Unterkapitel 6.6.2 „Parkour Draußen“, in dem es darum geht, im Schulsport Parkour nicht nur in der Halle sondern auch in der freien Natur oder urbaner Umgebung durchzuführen).

2.7 Le Parkour als jugendkulturelles Trendphänomen

Trendsportarten werden meist von Jugendlichen und jungen Menschen ausgeübt. Dies ist im Fall von Parkour nicht anders, denn auch wenn die Altersspanne der Akti­ven in der Parkour-Szene von Hitzler & Niederbacher (2010) mit 10 bis 40 Jahren angeben wird, so stellt ihren Angaben zur Folge die Altersgruppe der 15- bis 25-Jäh­rigen den größten Anteil der Traceure. Wie auch in anderen urbanen Sportarten, bei denen ein erhöhtes Verletzungsrisiko besteht, ist der Frauenanteil sehr gering. Als Gründe hierfür werden zudem die relativ „neue Szene“ und die bei oberflächlicher Betrachtungsweise eher angesprochenen männlich orientierten Verhaltensweisen ge­nannt.

[...]


1 http://www.mal.ch/context/?_a=show&_nid=7300 (Zugriff am 02.08.2011)

2 http://parkour.wikia.com/wiki/Kong_Vault (Zugriff am 02.08.2011) - Saut de bras - Armsprung - Cat leap Beim Armsprung springt man gegen ein Hindernis, zum Beispiel eine Wand, und berührt dieses zuerst mit den Füßen, damit der Aufprall abgefedert wird, um sich dann sofort an der Oberkante des Hindernisses festzuhalten und hoch zu zie­hen (vgl. Rom & Schichor, 2010, S. 19).

3 http://parkour.wikia.com/wiki/Cat_leap (Zugriff am 02.08.2011)

4 http://www.mal.ch/context/?_a=show&_nid=7300 (Zugriff am 02.08.2011)

5 http://parkour.wikia.com/wiki/Underbar (Zugriff am 02.08.2011)

6 http://www.mal.ch/context/?_a=show&_nid=7300 (Zugriff am 02.08.2011)

7 http://castlepk.weebly.com/2/post/2007/11/the-tic-tac.html (Zugriff am 02.08.2011)

8 http://www.mal.ch/context/?_a=show&_nid=7300 (Zugriff am 02.08.2011)

9 http://www.youtube.com/watch?v=5JwAH2DW3q8

10 http://www.youtube.com/watch?v=Tv6Xj8tiDIQ

11 Diese Skulptur ist oft in alten Videos von David Belle zu sehen. Sie entwickelte sich zur „Wall­fahrtsstätte“ für Traceure aus der ganzen Welt.

12 http://www.youtube.com/watch?v=orjt7BhvfMw (Zugriff am 20.02.2011)

13 http://www.youtube.com/watch?v=Tv6Xj8tiDIQ (Zugriff am 20.02.2011)

14 http://www.youtube.com/watch?v=5JwAH2DW3q8&feature=relmfu (Zugriff am 20.02.2011)

15 http://www.youtube.com/watch?v=uZIDB0t0eKg&feature=relmfu (Zugriff am 05.05.2011)

16 http://www.parcouring.com/deutsch/parcouring/ueber-parcouring/about-parcouring.html (Zugriff am 10.04.2011)

17 http://www.parcouring.com/deutsch/parcouring/parcouring-competitions/parcouring- competitions.html (Zugriff am 10.04.2011)

18 http://www.youtube.com/watch?v=e6AAxkwhybo&NR=1 (Zugriff am 03.02.2011)

19 http://www.youtube.com/watch?v=2PAMY5QX-I4&NR=1 (Zugriff am 18.07.2011)

20 http://www.youtube.com/watch?v=keTLH9kcO0g&feature=related (Zugriff am 21.03.2011)

21 http://www.youtube.com/watch?v=SAMAr8y-Vtw (Zugriff am 18.03.2011)

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Abenteuer, Risiko oder Wagnis? "Le Parkour" im Schulsport
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
99
Katalognummer
V229775
ISBN (eBook)
9783668204638
ISBN (Buch)
9783668204645
Dateigröße
1434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parkour, Freerunning, Schulsport, Pädagogik, Trendsport, Wagnis, Abenteuer, Risiko, Belle, Sport, Unterricht, Differenzierung, TU Darmstadt, Thesis, Trakour, Berufsschule, Schule, Master, Masterarbeit
Arbeit zitieren
Master of Education Arno Petri (Autor), 2011, Abenteuer, Risiko oder Wagnis? "Le Parkour" im Schulsport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229775

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